Wie Santa Claus

Transaktion Vor 65 Jahren begann das US-Projekt Marshallplan mit der Rede eines frisch gebackenen Ehrendoktors. Niemand ahnte, wie sehr diese Finanzhilfen Europa spalten würden

Der Marshallplan gilt als gelungenes Beispiel von Wirtschaftshilfen, wie sie einst in Not geratenen Ländern zuteil wurden. Besonders die Großzügigkeit des Initiators, des US-Generals und späteren Außenministers George Catlett Marshall, stieß stets auf viel Lob. 1967, als sich das European Recovery Program (ERP) zum 20. Mal jährte, sprach der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) von „einer der größten politischen Leistungen dieses Jahrhunderts“. Bundespräsident Roman Herzog nannte 1997, zum 50. Jahrestag des Plans, die Finanzhilfen der USA die „am besten angelegten 14 Milliarden Dollar der jüngeren Geschichte“. Kein Wunder, dass derzeit bei der Debatte um das von der Finanzkrise schwer gezeichnete Griechenland die Idee kursiert, dem Land mit einem Marshallplan unter die Arme zu greifen. Dabei wird dem Projekt von George Marshall eine Perfektion unterstellt, die ihm keineswegs eigen war. Was bis heute hofiert wird, ist eher der Mythos einer einmaligen Transaktion als deren konkrete Ausgestaltung. Um so mehr sollte man sich der Entstehungsgeschichte erinnern.

Gemeinhin gilt der 5. Juni 1947 als Geburtsstunde des Marshallplans. An jenem Tag verlieh die Havard-Universität in Cambridge (Massachusetts) zwei aus amerikanischer Sicht verdienten Weltkriegsveteranen die Ehrendoktor-Würde: Robert Oppenheimer, dem „Vater der Atombombe“, und George C. Marshall, während des Krieges als Generalstabschef der US-Armee „Organisator des Sieges“, wie es offiziell hieß, und nunmehr Berater von Dean Acheson im Außenministerium. Kurz vor der Zeremonie informierte Marshall die Universität, dass er bei seinen Dankesworten auf ein Vorhaben eingehen wolle, das gerade erst Wirtschaftsberater im State Department ausgearbeitet hätten. Es handle sich um ein Angebot zu Hilfsleistungen für Europa.

Bescheidener Applaus

Unter den 7.000 Zuhörern im Havard Yard befand sich am 5. Juni 1947 auch der prominente New Yorker Kolumnist und Leitartikler Joseph Alsop, der in seinen Memoiren über den Auftritt schrieb: „Ich habe General Marshall aus nächster Nähe zugehört und muss gestehen, der Text der Rede war vage und die Präsentation bar jeglicher Dramatik. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was er ausdrücken wollte. Meines Wissens maß auch sonst keiner der am Nachmittag des 5. Juni 1947 im Havard Yard Anwesenden der Rede besonderen Wert zu – zumindest leitete ich das aus dem höflichen, aber bescheidenen Applaus ab.“

Anders reagierten die Regierungen in London und Paris. Sie begrüßten das Hilfsangebot, störten sich aber an einigen vagen Formulierungen bei Marshall. So hatte der General von „Europa“ gesprochen, jedoch nicht klar erkennen lassen, was er darunter verstand. Marshall musste nachjustieren und am 12. Juni 1947 auf einer Pressekonferenz klarstellen, das es keinesfalls nur um Staaten im Herzen des europäischen Kontinents gehe, dass er vielmehr in seinen Vorschlag „Großbritannien und die Sowjetunion einbeziehe“. Er verstehe unter Europa „alle Gebiete, die westlich von Asien liegen“.

Ein US-Hilfsprojekt, dessen Wirkungsradius von der Themse bis zum Ural reiche, müsse verhindert werden, waren sich Ernest Bevin und Georges Bidault, der britische und französische Außenminister, sofort einig. Sie wiesen Marshall auf die am 12. März 1947 verkündete Truman-Doktrin hin, in der amerikanische Hilfe „für die in ihrer Freiheit bedrohten freien Völker“ versprochen worden war. Dennoch hielt es die Diplomatie in London und Paris zunächst für geboten, am 14. Juni in Moskau anzufragen, ob die sowjetische Regierung zu einem Meinungsaustausch über den Marshallplan bereit wäre. Wie nicht anders zu erwarten, war Moskau an Hilfe für seine im Krieg schwer zerstörte Wirtschaft äußerst interessiert. Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der am 27. Juni zu Geheimverhandlungen mit seinen westlichen Kollegen in Paris eintraf, musste freilich bald erkennen, dass die mit der US-Offerte verschränkten Bedingungen – etwa die Öffnung sämtlicher volkswirtschaftlicher Dossiers und der Verzicht auf eine autonome Außenwirtschaftspolitik – für die UdSSR unannehmbar waren und die osteuropäischen Länder ihrer Dominanz entzogen hätten. So gab Molotow am 2. Juli 1947 eine Erklärung ab: Die britischen und französischen Positionen bezweckten „nicht die Vereinheitlichung der Bemühungen der europäischen Länder für den wirtschaftlichen Aufbau nach dem Kriege“, sondern würden „zur wirtschaftlichen und politischen Spaltung Europas“ führen. Molotow ließ damit die Pariser Konferenz vorzeitig scheitern. Bis zum 10. Juli erteilten auch die unter sowjetischem Einfluss stehenden osteuropäischen Staaten dem European Recovery Program eine Absage.

Daraufhin luden Frankreich und Großbritannien die übrigen westeuropäischen Staaten (mit Ausnahme Franco-Spaniens, der drei deutschen Westzonen und des Freistaates Triest) zu Verhandlungen in Paris über den Marshallplan ein, die am 22. September 1947 damit endeten, dass alle Teilnehmer den Konditionen des Vorhabens zustimmten. Ein halbes Jahr später, am 3. April 1948, unterzeichnete Präsident Harry S. Truman ein entsprechendes Abkommen. Am 16. April wurde das ERP-Programm von 16 Staaten sowie den Befehlshabern der drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands angenommen – die Hilfsgelder konnten nun fließen.

Vorbehalte in den USA

Die Verzögerung von einem halben Jahr war nicht etwa deshalb zustande gekommen, weil doch noch ein Konsens mit den Regierungen Osteuropas gesucht wurde. Vielmehr regte sich in den USA selbst teils vehementer Widerstand gegen ein amerikanisch-westeuropäisches Hilfsabkommen. Angesichts des 14- Milliarden-Dollar-Transfers (bezogen auf den damaligen Wert der US-Währung waren das etwa 75 Milliarden Euro) regten sich Proteste der amerikanischen Steuerzahler, die nicht bereit waren, für die Völker jenseits des Atlantiks „den Santa Claus zu spielen“. Mancher Kongressabgeordnete schlug sich auf ihre Seite. George Marshall blieb nichts weiter übrig, als zwischen September 1947 und April 1948 durch das ganze Land zu reisen, um für das European Recovery Program zu werben. Unterstützt wurde er vom State Department und einer Reihe rasch gebildeter und mit prominenten Persönlichkeiten besetzter Bürgerkomitees. Wiederholt erschienen er und seine Mitarbeiter vor den wichtigsten Kongressausschüssen. Sie mussten nicht nur erklären, dass die kriegs­zerstörten europäischen Industrien und die In­frastruktur eine mehrjährige Infusion von ­US-Geldern nötig hätten. Es galt auch, darauf hinzuweisen, dass ein verelendendes Nachkriegs-Westeuropa der US-Ökonomie als Absatzmarkt verloren gehen und die Gefahr einer Exportkrise heraufbeschwören würde.

Ungeachtet der unermüdlichen Publicity-Kampagne stand noch im März 1948 nur knapp die Hälfte der Amerikaner dem Marshallplan positiv gegenüber. Die notwendige Mehrheit im US-Kongress konnte schließlich nur mit dem Argument gewonnen werden, dass ohne Marshallplan-Hilfe ganz Europa in die Hände der Kommunisten fallen würde.

Nachdem die parlamentarischen Hürden genommen waren und der amerikanische Präsident unterschrieben hatte, waren noch beträchtliche organisatorische Hindernisse zu überwinden, ehe die Hilfslieferungen vor Ort eintreffen konnten. „Noch im September 1948 waren weit mehr als die Hälfte der geplanten Marshallplan-Einfuhren im Stadium der bürokratischen Vorbereitung“, schreibt der Historiker Werner Abelshauser in seiner Deutschen Wirtschaftsgeschichte. Doch Ende 1948 setzten die Hilfen in Form von Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren, die für den Zeitraum 1948 bis 1952 vereinbart waren, dann wirklich ein. Will man heute den Plan zum Vorbild für ein Hilfsprogramm für Not leidende Euro-Staaten erheben, wäre sicher ein weniger holpriger Start hilfreich.

Jörg Roesler ist Geschichtsprofessor und schrieb hier zuletzt über den Maastricht-Vertrag

09:52 05.06.2012
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