Wie schön ist noch erlaubt?

Alltag Im Künstlerhaus Wiepersdorf werden aus Dachkammer-Artisten Schlossbewohner auf Zeit. Bericht über einen paradiesischen Zustand ganz eigener Art

Schloss Wiepersdorf ist ein sogenanntes Künstlerhaus: Bis zu 24 Künstler gleichzeitig kommen dort für drei bis fünf Monate unter. Sie erhalten ein Taschengeld und gutes Essen und brauchen sich um nichts zu kümmern als um ihre Arbeit. Wie funktioniert so ein Laden, was bietet er, und was kommt dabei heraus?

Er bietet zunächst Annehmlichkeit. helle, beheizte Räume statt Dachkammern, Kellern und Abbruchbuden. Zumindest kurzfristig ein regelmäßiges Einkommen (1.450 Mark plus 750 Mark in Form von Vollpension). Und noch etwas ist ungewöhnlich: Die Schönheit des Ortes. Aus Billigmietern werden auf einmal Schloßbewohner.

Schloß Wiepersdorf, im 19. Jahrhundert Landsitz des Dichters Achim von Arnim und seiner Frau Bettina und von 1948-1990 Erholungsheim für DDR-Schriftsteller, ist ein schmuckes weißes Schlösschen mit einer Freiterrasse, die in einen gepflegten barockisierten Park hinabführt. Auf der anderen Seite der Straße stehen die 40 Häuser des Ortes Wiepersdorf, ansonsten ist ringsum flaches Land: weite Kiefernwälder, Felder, eine Wasserheide. Wildschweine wühlen, Füchse schnüren, Störche klappern, Lerchen schrillen. In der Dämmerung schwirren Fledermäuse umher. Außerdem gibt es einen Schwan namens Erich und einen Kuckuck mit Sprachfehler ("Kuckuck-kuck!"). Wiepersdorf ist ein Idyll, und der Park um das Schloss ein Gedicht.


Ungewohnt ist auch das Angebot an Geselligkeit: Jeden Tag trifft man mindestens zu den Mahlzeiten Kollegen. Jeden Mittwoch Abend stellt ein komponierender, bildender oder schreibender Künstler sein Werk vor, und man staunt, was hier unablässig produziert wird. Ein einarmiger finnischer Bildhauer schweißt aus Stahl einen motorbetriebenen mannshohen Strauch mit Muschelfrüchten, deren Hälften lärmend aufeinander fallen. Diese Skulptur hat den Titel "Applaus". Der Künstler trägt Ohrenschützer, wenn er sie vorführt, und lächelt dabei. - Eine zierliche asiatische Künstlerin bastelt Raketen aus Pappe, Plastik oder Holz. Die Raketen sind bis zu einem Meter hoch und schlank, an die hundert stehen auf Tischen und Boden in ihrem Atelier, eine grazile Raketenschule. Gelegentlich wird eine Rakete in die Luft geschossen. Wenn sie verloren geht, ist die Künstlerin betrübt. - Ein Lyriker, 60 Jahre alt und preisgekrönt, schreibt seit Jahrzehnten Gedichte für 55 Leser und steht nun vor einem Alter in Armut. Er verdankt dem Stipendium einen weiteren Gedichtband und das Bewusstsein, die einzige nicht-korrupte Literaturform der Lyrik noch ein paar Meter weitergeführt zu haben. Maler malen gegenstandslose Bilder, Farben auf Leinwand, und natürlich werden bei Tisch ästhetische Diskussionen geführt: Wie schön ist noch erlaubt? Wo endet Kunst, beginnt Hochstapelei?

Maler 1: Mein Leben lang wollte ich ein großes Format in Gelb malen Eimerweise gelbe Farbe hab ich verpinselt, nichts gelang. Und jetzt, auf einmal. Nach einer Marokko-Reise!

Maler 2 (zu Autor 1): Gelb kann man nur mit Grau paaren. Dann aber leuchtet es wie keine andere Farbe. Ein gelbes Rapsfeld mit blauem Himmel ist einfach bunt, aber eins vor grauem Himmel, das ist die Offenbarung. Gelb ist eine Diva! (Pause) Aber pass auf, die sind alle so.


Künstler aus den neuen Bundesländern dürfen sich selbst bewerben, andere werden eingeladen. Immer gibt es eine aparte Mischung zwischen Ost und West. Und anscheinend kein Gefälle, keinen atmosphärischen Unterschied. Natürlich unterscheiden sich die Ost- und die Westgeschichten, doch werden sie von keiner Seite klassifiziert, sondern von beiden bestaunt.

Maler 3 zum Beispiel hielt sich im November 89 zufällig in Italien auf. Warum? Seine amerikanische Freundin, die Bildhauerin war, träumte wie jeder Bildhauer davon, einmal in Italien zu bildhauern, natürlich mit Marmor aus Carrara. Sie fand eine Stelle als Hausmeisterin in einer abgelegenen toskanischen Villa, und dann lebte das Paar dort für den ganzen Winter, besorgte Haus und Garten, bildhauerte mit Carrara-Marmor und malte. Nur alle zwei Wochen fuhren sie in die nächste Kleinstadt, um einzukaufen und dem Besitzer Bericht zu erstatten. Eines Tages wurden sie mit ekstatischen Rufen empfangen: "I tedeschi, i tedeschi! Sono FELICI!" Der Besitzer tanzte um sie herum, und sie wunderten sich; weil sie nicht wussten, weshalb die Deutschen glücklich sein sollten. "Il muro!" schrie er. "Il muro ha caduto!!!" - (Die Mauer ist gefallen!)

Maler 4 hat die Wende von der anderen Seite der Mauer aus erlebt. Sofort nach Grenzöffnung fuhr er mit seiner Mutter nach Westberlin, wo die Familie illegal ein Haus besaß, das von einem West-Strohmann verwaltet wurde. Da der Strohmann nicht pünktlich war und sie keinen Schlüssel hatten, setzten sie sich in eine Kneipe im Erdgeschoss, um zu warten, und da ihr Westgeld nicht mehr für eine Mahlzeit reichte, teilten sie sich ein Glas Mineralwasser. Schließlich fragte der Wirt, wer sie seien, und dann rief er (es war offensichtlich eine Ruf-Zeit): "Ach, wollen Sie mir das Haus nicht verkaufen?"


Die meisten Stipendiaten sind zwischen 40 und 50 Jahre alt; manche älter. Sie schinden sich seit vielen Jahren für ihr eigenwilliges Handwerk, wissen, wie schwer es ist, und haben sich an geringen Lohn gewöhnt. Man kennt seine Grenzen. Distanzlosigkeit gegenüber der eigenen Arbeit kann man sich nicht leisten. Auch deshalb herrscht hier eine professionelle, angenehm zurückhaltende Atmosphäre. Man verausgabt sich in seiner Arbeit und ist friedfertig. Nur gelegentlich meldet sich das Gefühl, außerhalb der Gesellschaft zu stehen.

Maler 1: Leider wird unsere Arbeit nur von einer Minderheit verstanden. Es ist ein Privileg, von etwas zu leben, das eigentlich keiner braucht.

Künstlerin 2: Wieso? Wir selbst sind das Privileg! Die Gesellschaft hat Glück, dass es uns gibt! Wir retten die Gesellschaft aus ihrer Banalität!

Maler 1: Will sie denn gerettet werden?

Künstlerin 2: Wir retten sie im eigenen Auftrag! Auf unseren eigenen Knochen!

Diese Kollegin ist eine wunderbare Komponistin. Komponisten sind die Ärmsten der Armen, sie haben die längste und härteste Ausbildung und können nicht damit rechnen, dass ihr Beruf sie jemals ernährt. Künstlerin 2 jobbt, wenn sie kein Stipendium hat, an der Kasse eines HL-Markts. Und dort geschah es eines Tages, dass ihr auf der anderen Seite des Laufbands als Kunde der Komponist Wolfgang Rihm gegenüberstand: der berühmte Rihm, einer der ganz wenigen Komponisten, die es geschafft haben, ein großer Mann mit gebieterischer Stirn und Löwenmähne, einer vom Habitus eines Beethoven; und während unsere Kollegin in rasender Eile Lebensmittel über das piepsende Strichcode-Fenster zog, flüsterte sie ihm zu: Übrigens - (piep!) Herr Rihm - (piep, piep!) Ich bin auch (piep) Komponistin!


Marktwert ist keine Voraussetzung für eine Einladung, und das ist gut so. Denn: Erfolg bedeutet in der Künstlerpraxis nicht mehr oder weniger Geld/Ehre/Ruhm, sondern alles oder nichts. Die Aufmerksamkeit der Kunden ist begrenzt. Wen der überfütterte Markt zur Kenntnis nimmt, der spielt mit, die anderen fallen durchs Raster. Die Künstler behelfen sich mit Philosophie - man nimmt es hin, das Spielzeug einer inkompetenten und opportunistischen Szene zu sein, so lang man selber weiterspielen darf - und mit Melancholie.

Autor 1 (liest in der FAZ einen Nachruf auf den Aktionskünstler N, der vorgestern mit 59 Jahren einem Herzinfarkt erlegen ist. Zu Autorin 3): N! Mit ihm zusammen habe ich einmal ein Projekt gemacht. War ein Erfolg. Mein letzter übrigens. 1995. Armer N. Er hatte immer Angst vor dem Tod. Ein Hypochonder - bekam Panikanfälle, nahm Psychopharmaka ... Das mit der Religion habe ich ihm nie so recht abgenommen. Jedenfalls hat sie ihm wenig genützt. (Pause)

Vielleicht hatte er noch allerhand vor? Warum bin ich nicht gestorben statt seiner? (liest den Artikel zu Ende. Längere Pause.)

Soso, N ist jetzt also auch tot. Wir waren nie befreundet, aber wahrscheinlich sollte ich einen Brief an seine Frau schreiben, die Steffi. (Pause)

War ´ne interessante Frau, die Steffi. Hatte jahrelang ´ne Affäre mit einem Dirigenten, und alle wussten es, nur N nicht. Einmal habe ich mich lange mit ihm unterhalten, nachts in der Küche, und er quälte sich offensichtlich; die ganze Zeit überlegte ich, ob ich´s ihm sagen soll. Aber dann habe ich´s doch nicht gesagt, denn schließlich waren wir nicht befreundet.


Zum Ehrenkodex gehört, dass man einander nicht mit eigenen Werken belästigt, es sei denn, man ist ausdrücklich gefragt worden. Stellen Sie sich vor: Zehn Autoren sitzen in ihren Kammern und müllen die Welt mit Literatur voll. Wenn einer mit einem Manuskript anrückte, bekämen die anderen einen Ausschlag. Ausnahmen gibt es. Aber selten.

Nachmittag. Autorin 3 schreibt, auf einer Parkbank sitzend.

Autor 1 (tritt dazu): Macht mich ganz krank, dass ihr immer arbeitet.

Autorin 3: Bloß ´n Brief.

Autor 1 (beruhigt): Ach so. (Pause)

Autorin 3: Was ist das?

Autor 1 (versteckt ein Blatt hinter seinem Rücken): Ach, nichts... Hab ich heut nachmittag... Nichts Besonderes. (reicht ihr das Blatt)

Autorin 3 (liest ein 17-zeiliges Gedicht, das folgendermaßen endet): "Es gibt / keine / Erlösung. Die Zeit / zerschlägt / deinen Traum." (gerührt, tiefsinnig): Stimmt. Erlösung gibt es nicht.

Autor 1: Höchstens zeitweise. (stürzt sich auf sie)

Zwei Touristen stehen plötzlich im Gelände.

Tourist 1: Sagen Sie bitte, ist das hier das Künstlerhaus?

Autorin 3: Ja.

Tourist 1: Gibt´s da kein Museum?

Autorin 3: Doch. Am Wochenende.

Tourist 1: Was gibt´s denn hier sonst zu besichtigen?

Autor 1 (konsterniert): Uns.


Eine Art fröhliches Kinderferienlager? Natürlich nicht nur. Mancher Stipendiat bemängelt den Internatscharakter, die kleinen Zimmer, die festen Mahl-Zeiten. Mancher fühlt sich im Trubel einsam. Alle denkbaren Dämonen finden sich auch in Wiepersdorf. Eine Künstlerin hörte Stimmen und lief nachts bellend durch den Park. Ein Autor schrieb bittere Beschwerdebriefe an seinen lauten Zimmernachbarn. Es gibt erotische Verwirrungen mit Glück, Frustration und Eifersucht; schlimmstenfalls führt das zu Familiendramen und Scheidungen, dann wird das Provisorium plötzlich schicksalhaft. Letztlich ist es wie im normalen Leben.

Aber nur letztlich. Vorübergehend gibt es den Wiepersdorfer Zauber. Eine anregende Auszeit. Eine Betreuung und Wertschätzung, die man im normalen Leben selten bekommt. Das Privileg unbehinderter künstlerischer Arbeit, so fragwürdig, überflüssig, verblüffend und zwiespältig sie sein mag: das Leben in eine Ästhetik verwandeln, die seine Essenz enthält.

Zwei Uhr nachts. Rosa Salon. Wein.

Autor 4: Es ist immer das gleiche: Ich nehme ein Papier, werfe ein paar Sätze darauf, variiere. Leben sie, führen sie mich weiter. Leben sie nicht, was dann? (krümmt sich vor Magenschmerzen) Ich errege die Triebfeder, das ist alles.

Autor 5: Ich habe schon seit Tagen nichts ...

Autor 1: Meine Synapsen schnappen nicht mehr richtig.

Autor 5: Hat nicht Goethe mal gesagt, er sei in seinem ganzen Leben nur zwei Minuten glücklich gewesen?

Maler 1: Dichtung und Wahrheit?

Maler 2: Gespräche mit Eckermann?

Autor 1: Nie glücklich? Obwohl er die Poesie kommandierte?

Autor 5: Und ihr? Auf wieviel Minuten kämt ihr? (Schweigen. Alle fangen an zu rechnen.)

Wiepersdorf ist das Paradies.

Epilog:

(Drei Tage später, sie sitzen immer noch da)

Autor 1: Was ist überhaupt Glück?

Petra Morsbach ist Schriftstellerin und war 2001 als Stipendiatin in Wiepersdorf. Das Programm regelmäßiger Lesungen und Ausstellungen des Künstlerhauses startet wieder ab März 2002. Programminformationen unter 033746-699-0 oder

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00:00 11.01.2002

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