Wie sich der kleine Moritz die Politik vorstellt, so ist sie

Balkanmafia Norbert Mappes-Niediek auf den Spuren des organisierten Verbrechens

Die Ermordung von Zoran Djindjic hat dem jüngsten Buch des - auch im Freitag publizierenden - Österreich- und Osteuropakorrespondenten Norbert Mappes-Niediek eine unerwartete Aktualität verliehen. Sein Titel lautet schlicht Balkan-Mafia, und wer sensibilisiert ist gegen geläufige Vorurteile, wäre wohl vor dem Mord an dem serbischen Ministerpräsidenten zusammengezuckt, zumal wenn der Untertitel gleich eine Behauptung und eine These enthält, die brisanter kaum sein könnten: Staaten in der Hand des Verbrechens - Eine Gefahr für Europa.

Aber die Rede von einer »Balkan-Mafia« oder auch einer »Russen-Mafia« ist leider nicht bloß Ausfluss einer lebhaften Phantasie. Der Zusammenbruch der autoritären Ordnungen in Ost- und Südosteuropa hat ein Vakuum hinterlassen, in dem es möglich wurde, innerhalb kürzester Zeit und innerhalb einer insgesamt armen Gesellschaft sehr reich zu werden. Freilich ging das in der Regel nur unter Anwendung krimineller und halbkrimineller Methoden. Damit reproduzieren diese Gesellschaften, was im Westen im Zuge der ursprünglichen Akkumulation ein bis zwei Jahrhunderte zuvor stattfand. Dass der Kapitalismus eine kriminelle Basis hat, dass große Vermögen und die damit verbundene politische Macht im Allgemeinen nicht durch fleißige Arbeit angehäuft werden konnten, ist bekannt, wird aber aus Gründen der Legitimation verdrängt oder durch eigenwillige Definitionen von Recht und Unrecht verschleiert. Das Unbehagen, das einen bei den genannten Mafia-Komposita befällt, hängt mit dem rassistischen oder fremdenfeindlichen Unterton zusammen, den ihnen manche verleihen, die sie dämonisierend gebrauchen. Norbert Mappes-Niediek ist über solch einen Verdacht erhaben, und der Verlag von Christoph Links, in dem seine Bücher erscheinen, ist es auch.

Mappes-Niediek vereint zwei Tugenden in sich: er hat gewissenhaft recherchiert, und er stellt die Ergebnisse und Zusammenhänge in einer lebendigen Sprache dar. Sein Buch ist spannend, ohne deshalb auf Seriosität zu verzichten. Manchmal gerät die im Grunde leserfreundliche Bildhaftigkeit ein wenig schief. Im Western lachen in der letzten Einstellung nicht der Sheriff und der Gangster gemeinsam in die Kamera, dieses Privileg genießt, wie es das Genre - und über Jahre hinweg der Production Code Hollywoods - verlangt, der Sheriff allein.

Mappes-Niediek zerstört so manche romantische Illusion, die im Westen aus politischem Opportunismus oder schlicht aus Unkenntnis geweckt wurde. Unumwunden dekuvriert er nationale Befreiungsbewegungen als kriminelle Organisationen. Und was Wolfgang Pohrt schon vor einiger Zeit überzeugend nachgewiesen hat, gilt am Balkan der Nach-Tito-Ära im besonderen Maße: Politiker und Verbrecher sind kaum zu unterscheiden. Manche Verflechtungen von individuellen Interessen und Machenschaften mit der »großen Politik«, die Mappes-Niediek nachweist, sind derart verblüffend und ungeheuerlich, dass Shakespeares Königsdramen verglichen damit wie Lehrbücher politologischer Gemeinplätze wirken. Aber der Autor macht plausibel, welche historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen es dafür gibt, dass sich organisierte Kriminalität unmittelbar in staatliche Politik transformieren lässt.

Der Westen hatte seinen Anteil an diesen Voraussetzungen. Mappes-Niediek zitiert den oppositionellen serbischen Politiker und Ökonomen Dragoslav Avramovic, der die Wirkung der Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien mit der Prohibition in den USA verglich. Drei Abschnitte des Buchs sind dem Zigarettenschmuggel gewidmet, der, wie es den Anschein hat, beim Attentat auf den in diesem Kontext auch genannten Djindjic eine wesentliche Rolle spielte. Hier wird eine Dimension deutlich, die sich durch das ganze Buch zieht: Vom monumentalen Verbrechen zum lächerlichen Detail, von der politischen Tragödie nationalen und internationalen Ausmaßes zu deren Persiflage ist es oft nur ein Schritt. Der Politkrimi, den Mappes-Niediek erzählt, - in amerikanischen Buchläden gibt es stets eine Abteilung True Crimes - ist zugleich eine Komödie. Wie sich der kleine Moritz die Politik vorstellt, so ist sie auch. Jedenfalls auf dem Balkan.

Mappes-Niediek beschreibt einzelne Figuren und Aktionen minutiös und entgeht so pauschalisierenden Abstraktionen. Er thematisiert auch spezifische Unterschiede zwischen den Balkanländern, die weniger mit Nationalcharakter, was immer das auch sein mag, als mit historischen Entwicklungen zu tun haben. Osama Bin-Laden tritt da als Nebenfigur auf, durch seine Kontakte nach Albanien.

Frei von Hysterie, aber auch ohne Rücksichtnahme auf mögliche falsche Schlussfolgerungen, beschäftigt sich Mappes-Niediek mit dem Wirken von insbesondere albanischen Banden in Westeuropa. Auf manchen Gebieten haben sie, wenn man den schwer überprüfbaren Zahlen trauen darf, die Majorität. Ergibt sich daraus eine »Gefahr für Europa«? Wer zur Ängstlichkeit neigt, mag das nun, da niemand mehr die radioaktive Belastung von Pilzen mehr misst und die Nachlässigkeit beim Anlegen von Gummis zunimmt, so sehen. Ein Problem ist es allemal.

Mappes-Niediek setzt auf die EU. Von einer baldigen Aufnahme der Balkanstaaten in die Union verspricht er sich zwar kein Patentrezept, aber doch den Beginn eines Weges zum Kampf gegen den »zivilisatorischen Abstieg und die Kriminalisierung des Südostens«. Die Formulierung enthält eine schöne Zweideutigkeit. Sie meint, wovon das ganze Buch handelt: dass die Balkanstaaten von kriminellen Strukturen verseucht sind. Aber »Kriminalisierung« heißt auch, dass jemand zu Unrecht in das schiefe Licht der Unrechtmäßigkeit gerückt wird. Wenn man genauer hinsieht, wenn jemand so engagiert nachspürt, wie es Mappes-Niediek am Balkan getan hat - ließe sich nicht eine EU-Mafia benennen, die vielleicht zivilisierter, will sagen: raffinierter operiert als die Balkan-Mafia, die aber allzu großes Vertrauen auf Europa relativiert? Den Staaten macht nicht nur der Zigarettenschmuggel zu schaffen. »Mafia« definiert Mappes-Niediek unter anderem als »state capture«, als »die Macht, die Bildung der fundamentalen Spielregeln (Gesetze, Vorschriften, Erlässe) zu beeinflussen«. Diese Macht haben auch in der EU die gewählten Regierungen nur bedingt. Aber wer wird gleich von »kriminellen Organisationen« sprechen ...

Norbert Mappes-Niediek: Balkan-Mafia. Staaten in der Hand des Verbrechens - Eine Gefahr für Europa. Ch. Links, Berlin 2003, 192 S., 14,90 EUR

00:00 25.04.2003

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