Wie sie leuchtet

Fusion Auf berückende Weise gleicht Gesine Schwan dem Dalai Lama

Eine Lichtgestalt der Linken nannte kürzlich jemand Gesine Schwan. Das ist sie. Vor über zehn Jahren, da war sie noch Dekanin am Institut für Politikwissenschaften in Berlin, stieg sie zu uns ins links-autonom studentische Café hinab, das im Souterrain lag - an den Wänden schwarz-rote Bemalungen: ein Schwarzmaskierter mit Pflasterstein, ein Spruch von der Revolution, die sich rasselnd aus ihren Ketten erhebt, und es roch nach kaltem Rauch und moderndem Kaffeesatz. Mittendrin Schwan im gelben Kostüm, passenden gelben Pumps, hochhackig, das Haar zum lodernd wasserstoffblonden Lockenturm aufgestreckt. Eine Erscheinung. Alles guckte. Sie erklärte, dass man in so einem Raum keine Vision für eine neue Gesellschaft entwickeln könne. Wir sollten mal lüften, die Wände streichen, aufhören, uns im Keller der Gesellschaft zu verkriechen, auf Antikurs. Dabei lachte sie souverän ihr Schwanlächeln, das ja die eigentliche message transportiert: freundlich sein.

Wir waren nicht freundlich, sondern grundsätzlich skeptisch, vor allem hochgelegten gelben Erscheinungen gegenüber, die vorschlugen, Blumenvasen aufzustellen. Nichtsdestotrotz blieb sie in sehr lebhafter Erinnerung, und viele, die damals dabei waren, finden Schwan heute gut. Weshalb? Zum einen gilt sie als politisch geläutert - von der konservativ linken Kalten Kriegerin zur Globalisierungskritikerin. Aber das ist nicht alles. Gesine Schwan wirkt: Sie transportiert eine grundsätzlichere Botschaft. Wer sich nicht gern an Gedrucktes hält, kann sie in ihrer Körpersprache lesen. Wer Thesen und Argumente liebt, für den hat sie ein Buch schreiben lassen, in dem Schwan sich selbst und ihren Blick auf die Welt erklärt: Allein ist nicht genug. In ihm benennt sie die Probleme des Hier und Heute - die Globalisierung, das Spektakel der Medien, die Politikverdrossenheit (man mag fortwährend zustimmend nicken, weil alles stimmt), argumentiert und erläutert derzeit virulente Politiktheorie (von government und governance, alles richtig und gut gesagt), und dann, völlig unerwartet, dreht sie eine Schwanenpirouette und wechselt vom wenig originellen, aber durchweg rationalen Ausloten politischer Handlungsspielräume unvermittelt die Ebene: "Alle politischen ›Hebel‹ helfen freilich nichts, wenn ... Zuversicht und Vertrauensfähigkeit fehlt ... ." Am Ende lautet die Botschaft ungefähr so: Es gibt Probleme, politische Hebel und den Geist der Sozialdemokratie - aber die Welt aus den Angeln heben können wir nur, wenn wir das Gute wollen, an das Gute glauben, wenn wir uns öffnen, lächeln und freundlich sind.

Die Schwan-Pirouette funktioniert - und zwar wegen des Überraschungseffekts. Schwan, gelehrt, habilitiert, philosophisch gebildet. Und dann mit Wucht diese Herzensbotschaft. Man glaubt Gesine Schwan. Einen besonderen Reiz - wenn auch einen ambivalenten - übt sie auf Linke aus. Ist die linke Haltung zur Welt als Herrschaftskritik vom Zweifel durchdrungen, predigt Schwan Zuversicht! Definiert sich die Linke durch marxistische Ratio, bietet Schwan Freude und Sinnlichkeit. Ist die Linke durch Abgrenzung bestimmt - zur Macht und zu Oppositionellen mit falschen Konzepten, zerfleischt sie sich in Separatismen, lächelt Schwan ein: Jeder ist dabei. Und welches dunkel gekleidete Kellerkind sehnt sich nicht danach, einfach mal freundlich zu sein?

Das wirklich Bemerkenswerte an Schwan aber ist, dass sie höchst gegensätzliche Teile der Gesellschaft erreicht. Für jeden hat sie etwas im Gepäck. Für Intellektuelle ihre universitäre Laufbahn, Bildung und Mehrsprachigkeit, für Bildungsferne das Herz auf dem rechten Fleck, für die Linken den politischen Schwenk zur Globalisierungskritik, für die linke Mitte ihr unerschütterliches Bekenntnis zum Markt (und wer genauer liest, findet recht ungebrochen - beruhigend für diese Klientel - die alte antikommunistische Grundtendenz), für Gläubige ihr Fundament im Glauben - sogar aus dem Lager der Konservativen flogen ihr so einige Herzen zu. Sie spricht die Sprache der Traditionalisten so gut wie die der Modernisierer. Und wer nichts von all dem verstehen will, dem signalisiert sie - entwaffnende Offenheit. In Körpersprache. Das Lachen, das erst aus den Augen blitzt und sich dann über das ganze Gesicht ausbreitet. Es sagt: Ich bin gut, du bist gut, wir beide bringen Glück in die Welt.

Das Phänomen Schwan ist in manchem mit dem des Dalai Lama vergleichbar. Beiläufig wurde das Schwan-Lächeln schon mit dem Dalai-Lama-Lächeln in einem Atemzug genannt - das bietet sich an, weil beide notorisch lächeln. Aber auch Formulierungen, die das Auftreten beider beschreiben, sind nahezu austauschbar. Schwan "strahle" oder "leuchte" ihr Gegenüber an, schreibt die Journalistin Susanne Gaschke im Vorwort zu Allein ist nicht genug, auf dass ihr Gegenüber zurückleuchte und sich seinerseits öffne.

Viele wollten mit ihr sprechen und gingen hinterher fröhlich, beschwingt von dannen.

Natürlich ist die Romanistin, Philosophin und Politikwissenschaftlerin kein Religionsoberhaupt, sie denkt keineswegs archaisch, und selbst in ihrem Glauben zeigt sie sich aufgeklärt (man glaubt, weil man es will). Nichtsdestotrotz verweist der Vergleich zwischen Schwan und dem Dalai Lama auf mehr als eine Äußerlichkeit. Beide gewinnen spontane Zustimmung durch universale Botschaften, denen kaum jemand widersprechen wollte oder denen sich kaum jemand entziehen kann. Das Lächeln ist nur die basalste von allen.

Fordert Schwan "eine Kultur der Einfühlung und Empathie", nennt der Buddhistenfüher es "Mitgefühl". Propagiert Schwan "ein fundamentales Gefühl von gleicher Würde und Gleichberechtigung", heißt es beim Dalai Lama "ein Gefühl universeller Verantwortung unter allen Menschen, ohne Ansehen von Hautfarbe oder Geschlecht". Wünscht sich der Dalai Lama "positive Menschen", möchte Schwan "eine Gesellschaft, in der man sich freundlich begegnet".

Für Schwan, die stets und bei allem Hoffnung predigt, ist der größte Feind die Depression, die von Deutschland Besitz ergriffen habe - die weit hinausreiche über "den Kern, der von Krankheit und Arbeitslosigkeit betroffen ist." Zwar besteht das Übel in der Arbeitslosigkeit, die materielle Ursachen hat. Doch weil wir durch Angst gelähmt seien, gilt Schwans Kampf zunächst diesem Gefühl. "Sinnlosigkeit kann durch Öffnung und Hinwendung zu anderen Menschen überwunden werden", empfiehlt sie. (Der Dalai Lama erteilt korrespondierend den Rat: "Gegen innerliche Leere und Sinnlosigkeit hilft Zuneigung und Mitgefühl.") Und weil ohne das richtige "Bewusstsein" politische Waffen stumpf sind, kämpft sie auch für dies. Wenn das Bewusstsein dann erst die Akteure der Wirtschaft erfasst haben würde, würden auch diese bald für ein gutes, gerechteres Leben eintreten. So entsteht ein Perpetuum Mobile des Lächelns. Und sollte man doch meinen, dass Schwan das handfeste Geschäft der Politik näher sei als der Esoterikkurs Verändere die Welt, indem du ein glücklicher Teil von ihr bist, schrammt sie hier verdächtig an ein im Kern apolitisches Konzept.

Schwan ist nicht der Dalai Lama. Der Dalai Lama ist nicht Gesine Schwan. Schwan möchte eine bessere, der Dalai Lama hingegen weniger Unruhe in der Welt. Der Dalai Lama lacht meckernd, in sich hinein, Schwan lacht fröhlich aus sich heraus. Dennoch - es zeigen sich weitere Gemeinsamkeiten:

Sowohl Schwans Weltsicht als auch die des Dalai Lama sind Fusion-Konzepte. Mischt der Dalai Lama tibetischen Buddhismus mit sämtlichen Werten aller Weltreligionen und einer guten Portion gesundem Menschenverstand, verschmelzen bei Schwan Sozialdemokratie mit ein wenig Bergpredigt und einer Prise esoterischen think-positiv. Der Vorzug an Fusion ist: Die Botschaft strahlt weiter, sie wird für einen größeren Teil der Welt verstehbar und relevant. Der Nachteil: Sie wird so universell, dass sie nichts bestimmtes mehr sagt. Sobald der Kontext fehlt, schwindet die Verbindlichkeit. Am Ende bleibt ein Wohlgefühl.

Das Publikum einer Fusion-Lehre gerät infolge des geweiteten Radius so heterogen, dass nur der Künder der universellen Wahrheit die geistige Entfernung überwinden kann. Ohne ihn ist man sich so fremd, dass man sich weder verständigen noch gemeinsam handeln kann. Beim Dalai Lama besteht dieses Publikum aus Turnschuh-Teenagern und Menschen in Gesundheitsschuhen, Dauerwellendamen, Weltverbesserern und Hobbybuddhisten aus aller Welt. Die nichts teilen - von ihrer Begeisterung für einen tibetischen Religionsführer abgesehen - von denen aber auch niemand konkrete Aktivitäten erwarten würde. Schwans Anhänger entstammen tief gespaltenen politischen Kulturen eines Landes, in dem sich die Koordinaten ändern. Die sich dringend zusammenraufen müssten, denen zurzeit jedoch nicht mal ein einfaches Gespräch gelingt, geschweige denn politisches Handeln. Im Gegensatz zu den Jüngern des Dalai Lama erwartet man das von ihnen. Denn hier geht es nicht um Weltbuddhismus, sondern um Demokratie. Und vielleicht sollte vor einer neuen Einigkeit erstmal ein ehrlicher Streit beginnen.

Und was tut Schwan? Auf dem SPD-Zukunftskonvent in Nürnberg strahlt sie wie damals im Fachschaftscafé, nur diesmal in rot, und lobt Beck für sein duldsames Lächeln. Schwan schwebt. Und leuchtet. Das führt dazu, dass manche sie Lichtgestalt der Linken nennen. Aber ändern tut das vorerst nichts.

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00:00 06.06.2008

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