Wie uns Frankreich abhanden kam

40. TODESTAG AM 11.FEBRUAR 'So sitze ich denn zwischen allen Stühlen': Victor Klemperers Tagebücher von 1945-1990

Der Höhepunkt des Klemperer-Jahres 1999 dürfte am 27. November erreicht worden sein, als in einem Beitrag zum ZDF-Länderspiegel über das Weihnachtsfest auf dem Dresdner Strietzelmarkt verkündet wurde, es sei so schön, dass es scheine, Victor Klemperer müsse "gleich um die Ecke kommen." Womit hat der Mann das nur verdient?

Doch die Unfähigkeit zu adäquatem Umgang mit Klemperer findet sich nicht nur auf der Ebene populärer Rezeption wie der soap-opera, die die ARD unter seinem Namen ausgestrahlt hat. Dass "die öffentliche und internationale Aufmerksamkeit" "eher" Klemperers Tagebüchern "als seinen literarhistorischen Arbeiten gilt", wie Peter Demetz in der FAZ vom 12. August 1999 anmerkt, ist jedenfalls ein doppelter Euphemismus. Denn würden die Tagebücher unvoreingenommen aufgearbeitet, würde evident, dass sie auch Werkstattberichte des Literaturhistorikers sind. Davon aber erfährt der Leser aus den Besprechungen nichts, denn für den Wissenschaftler Klemperer interessiert man sich im vereinten Deutschland nicht nur "weniger", wie Demetz suggeriert, sondern man denunziert ihn, wie man ihn vor den Nazis, unter den Nazis und nach 1945 in Deutschland-West denunziert hatte. So dekretiert Hans-Martin Gauger, Professor für romanische Sprachwissenschaft, in der FAZ vom 24. August 1999, dass Klemperer auf Grund seiner Tagebücher zwar "ohne Zweifel ein beträchtlicher Schriftsteller", "als Romanist" aber "nicht sonderlich bedeutend" gewesen sei, ja, nicht einmal zur "zweiten Reihe" gehört habe, infolgedessen auch kein "Großer" seines Faches, sondern "das Gegenteil", also ein ganz Kleiner gewesen sei: "was man doch einmal sagen muss". Stimmte, dass Klemperer nur ein ganz Kleiner aus der "zweiten Reihe" gewesen sei, wäre absolut nicht einzusehen, warum sich die westdeutsche Romanistik mit ihm hätte beschäftigen sollen. Aber Gaugers gleichzeitiges, enthusiastisches Lob von LTI beweist, dass er die Unwahrheit sagt.

Es müssen also andere Gründe sein, die bewirkten, dass man Klemperer als Romanisten nicht zur Kenntnis nahm und nimmt. Als ich 1972 in Das Argument die erste Bilanzierung der Romanistik unter den Nazis vorlegte und dabei - unter anderem im Rückgriff auf LTI - Klemperer positiv von Mitmachern wie Eduard Wechssler, Mitläufern wie Hugo Friedrich und Opportunisten wie dem Mussolini-Anhänger Ernst Robert Curtius abgrenzte, brach jedenfalls ein Empörungssturm in der westdeutschen Romanistik los, der in Rufen nach Psychiater und Amtsenthebung, aber auch in offener Denunziation Klemperers seine Höhepunkte fand: 1980 erschien in Bonn ein ganzes Buch für Curtius und gegen Klemperer und mich unter dem Titel Ernst Robert Curtius und die deutsche Romanistik der zwanziger Jahre.

Das kann bei genauerem Nachdenken freilich nur den überraschen, der vergessen hat, dass Deutschland seit 1806 in einem von Anfang an rassistisch-antisemitisch eingefärbten, antiaufklärerisch-antirepublikanischen "Erbfeind"-Taumel gelebt hat, der in den Haßorgien gegen den - wie Hitler in Mein Kampf im Chor mit Tausenden anderen sagte - jüdischen "Mulattenstaat" Frankreich beziehungsweise den Versailler Vertrag seinen hysterisch-kollektiven Höhepunkt erreichen sollte. Die Romanistik aber war nicht nur die Wissenschaft von Frankreich in jenem Deutschland, das sich selbst - in wechselnder Gestalt - sukzessive immer intensiver über die Negation des französischen "Erbfeindes" und seiner Kultur determinierte, sondern diese Wissenschaft war - als romanistische Begleitmusik zum "deutschen Sonderweg" - im Geist der Fichteschen Reden an die Deutsche Nation um 1830 von Friedrich Diez an der Bonner Universität - als Kriegsmaschine gegen die französische Kultursuprematie entworfen worden. Der Hass auf Frankreich loderte in den Rängen der deutschen Romanisten, und die vereinzelten Stimmen liberalerer Forscher meist und fast ausschließlich jüdischer Herkunft wie Erich Auerbach und Leo Spitzer blieben absolut marginal.

Für die Romanistik hatte das Versäumnis der Aufarbeitung ihrer Fachgeschichte die Konsequenz, dass von denen, die nach 1945 einfach weitermachten, bis heute das Diezesche Konzept nicht hinterfragt wurde, sondern institutionell weiter geschleppt wird, ja, nach dem Fall der Mauer sogar in der ehemaligen DDR rekonstruiert wurde, woraus sich erklärt, dass so gut wie kein Dialog zwischen deutschen Romanisten und französischen Literatur- und Kulturwissenschaftlern stattfindet, da diese mit dem Romanistik-Konzept nichts anfangen können. Noch verhängnisvoller: mit der Verdrängung der antirepublikanisch-antifranzösischen Vergangenheit und dem Abhandekommen des "Erbfeindes" sowie dem Ersatz der einstigen Hass-Faszination durch banalisiertes Mit- und Nebeneinander hat die Romanistik ihre einstige politische Bedeutung verloren Das hat sie so sehr ins Abseits getrieben, dass das Fach selbst heute vor seinem Exitus steht, ohne dass erkenntlich wäre, was an seine Stelle treten könne, und dass zum anderen die Rezensenten der Tagebücher Klemperers nichts mit seiner Tätigkeit als Romanist anfangen können, was von jenem Verlust an geschichtlichem Wissen hinsichtlich des deutsch-französischen Verhältnisses und damit des "deutschen Sonderwegs" zeugt, der beide Nationen in eine neue Form der Entfremdung geführt hat.

Victor Klemperer war nicht nur der assimilierte Jude, der zwar als Wissenschaftler unerheblich, aber als unermüdlicher Tagebuchschreiber der genaue Beobachter des täglichen Lebens (speziell in der Nazi-Zeit), das jüdische Nazi-Opfer, das physische und psychische Torturen zu ertragen hatte, das in Todesangst lebte, das gedemütigt wurde, das dies alles mutig und unermüdlich aufschrieb, oder der auf die gesellschaftliche Anerkennung seiner Frau eifersüchtige Ehemann, der Ehrgeizling, ja, Opportunist und Feigling und mit alledem ein einzigartiger Zeitzeuge, den die Rezensenten je nachdem sympathisch oder unsympathisch finden und der (laut Hermann Rudolph im Tagesspiegel vom 24. März 1999) "die Teilnahme an einem anderen Leben" ermöglicht hat und "eines der großen Selbsterforschungs-Abenteuer der Literatur" eingegangen ist, das mit seinem letzten Teil nach Auskunft von Elisabeth Bauschmid nicht als Zeitzeugnis, sondern nur als "das Drama eines in seinem Sein tief verletzten und darum zerstörerisch ehrgeizigen Menschen" gelesen werden darf, von anderen - wie Volker Ullrich in der ZEIT vom 25. März - hingegen für ein so wichtiges geschichtliches Zeugnis gehalten wird, dass man "künftig über die Frühgeschichte der DDR nicht mehr urteilen" könne, "ohne Klemperers Tagebücher zu kennen."

So gut wie ganz ausgeblendet bleibt aus der Flut von Besprechungen der eigentliche Lebensinhalt dieses Individuums. Nur ganz selten räumen die Rezensenten dem umstrittenen Individuum das Recht auf seine eigene, komplexe und völlig normale Widersprüchlichkeit ein, stimmen dafür aber in einem Punkt überein: in der Ahnungslosigkeit hinsichtlich seiner politisch-sozialen Funktion als Romanist, die Klemperers Leben bestimmt. Über diese gehen sie mit Floskel hinweg, die vom "großen" bis zum bedeutungslosen "kleinen Romanisten" reichen, von dem aber niemand etwas gelesen hat.

Das ist umso verhängnisvoller, als dadurch unkenntlich wird, dass Victor Klemperer jenes mögliche andere Deutschland repräsentierte, das von den frankophoben Vertretern des "deutschen Sonderwegs" in die Opposition, in die Emigration und am Ende in die physische Ausrottung getrieben wurde und das grundsätzlich frankophil war. Victor Klemperer, der sich bereits als Jugendlicher mit den Voltaire-Studien von David Friedrich Strauß und Hermann Hettners kulturgeschichtlich argumentierender Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert auseinandergesetzt hat, ist ein Vertreter jenes frankophil-aufklärerischen, vielfach jüdischen Bürgertums, das seit 1806 immer agressiver in die politische Opposition und wenig später in die Emigration gejagt wurde und das mit den heutigen Kategorien von "links" und "rechts" nicht richtig erfaßt werden kann, weil die Bejahung der Aufklärung und der Ideale von 1789 auch - wie bei Börne - in der Bejahung der verfaßten Monarchie möglich war.

Nicht, dass der Kriegsfreiwillige Klemperer nicht auch bisweilen hurrapatriotische Töne von sich gegeben hätte. Die das damals - wie Heinrich Mann - nicht taten, waren an den Fingern eines Hand abzulesen und stießen auf den Hass der Mehrheit. Aber er tat es selten und es änderte an seinem grundsätzlichem Glauben an das friderizianisch-voltairianische Preußen und an seinem frankophil-konservativen Bekenntnis zur Aufklärung so wenig wie an seiner Ablehnung des Diezeschen Romanistikkonzeptes, und 1920, unmittelbar nach seiner Ernennung zum Professor an der TH Dresden, plädiert er auf dem Deutschen Philologentag für eine Neubegründung der Romanistik, die in Umkehrung der bisherigen Argumente vom Erkenntnisinteresse an der Gegenwart bestimmt sein müßte. Dass dies von der Mehrheit der Fachgenossen abgelehnt wird, hindert Klemperer nicht, das gigantische Vorhaben selbst in die Hand zu nehmen und mit der Redaktion einer Geschichte der modernen französischen Literatur zu beginnen, die die neuesten Werke berücksichtigen sollte und an einem kulturgeschichtlichen Konzept anküpfte, das von Montesquieu und Hettner bestimmt war.

Unbeschadet der Frage nach der philologischen Validität seiner Texte liegt in diesem monumentalen Versuch der Neubegründung der Romanistik Klemperers einzigartige Bedeutung für diese Wissenschaft: er ist in ihrer (nun) hundertundsiebzigjährigen Geschichte der Einzige, der aus dem frankophil-aufklärerischen Geist des Jungen Deutschland und damit aus der Opposition zum "deutschen Sonderweg" die Wissenschaft im Sinn einer kulturellen Schulung eines Staatsbürger-Bewusstseins, das auf Erkenntnis und Akzeptierung des kulturell Anderen (über die zeitgenössische Literatur) und auf Verständigung mit dem französischen Nachbarn orientiert ist, erneuern wollte.

Statt wenigstens nach dem Erscheinen der Memoiren und Tagebücher seit 1989 über die ideengeschichtliche Bedeutung seiner erst in der DDR 1954 und 1966 erschienenen, absolut einzigartigen Geschichte der französischen Literatur der Aufklärung nachzudenken, ergeht sich eine ebenso süffisante wie geschichtsblinde Kritik in philologischen Beanstandungen und hält Klemperer allen Ernstes vor, Horckheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung aus dem Jahr 1947 nicht berücksichtigt zu haben, eine Kritik, der - nähme man sie ernst - die gesamte französische Aufklärungsforschung zum Opfer fallen müßte, denn die hat durchaus nicht auf Adorno gewartet. Schlimmer aber: noch heute diffamieren Fachwissenschaftler Klemperer. So behauptete die Wuppertaler Romanistin Paola Traverso in der Zeit vom 28. November 1997, Klemperer, der sich 1914 mit einer Arbeit über Montesquieu habilitiert hatte, hätte erst unter dem Nazi-Terror die französische Aufklärung entdeckt, und sie warf dem Gegner des (seit 1806 üblich gewordenen "Erbfeind"-Klischees Klemperer vor, er sei "in der Weimarer Republik" am Zustandekommen des "Bilds" vom "Erbfeind" Frankreich beteiligt gewesen und habe - obwohl "im Ton (...) eher versöhnlich" - mit seinen völkerpsychologischen Studien "Wasser auf die Mühlen des Nationalsozialismus gegossen." Dass Feuilleton-Chefin Sigrid Löffler keine Richtigstellung zuließ und Die Zeit selbst die empörten Leserbriefe von Hadwig und Peter Klemperer nicht abdruckte, rundet das Bild ab.

Das alles ist Realität heute in dem Deutschland, das doch angeblich den "Sonderweg" beendet hat, und dies alles muss man mitbedenken, wenn man das Tagebuch von 1945 bis 1960 beurteilen will, von dem Ullrich, dessen unmotiviertes Rezensions-Ende - "Mögen seine Studien etwa über die französische Aufklärung wichtig und bis heute unterschätzt sein... weiterleben wird Victor Klemperer vor allem als Schreiber seiner Tagebücher." - nur als Ausdruck schlechten Gewissens beziehungsweise Relativierung der Traverso-Affäre verständlich wird, in der Zeit vom 25. März 1999 Antwort erhoffte auf die brennende Frage, "warum der Chronist des NS-Grauens in der DDR ausharren, ja es hier zu einigen Ehren bringen konnte." Die Antwort sei in dürren Worten gegeben: weil Klemperer bis 1933 in Dresden Professor gewesen war, weil er dort ein Haus hatte, weil er gar nicht gewusst hätte, wohin er sonst in dem ausgebrannten Deutschland hätte gehen sollen, weil dort in der Nähe seine Manuskripte versteckt waren, weil man ihn in der SBZ bereits Ende 1945 wieder in sein Amt eingesetzt hat, weil in Deutschland-West alle alten Nazis im Amt geblieben waren, weil man ihn dort sowenig wollte wie die anderen verjagten jüdischen Kollegen, weil man ihn in Fortsetzung der antisemitisch-antifranzösischen Tradition, der er bereits die Diffamierung in der Weimarer Zeit zu danken hatte, im Westen weiter diffamierte und weil sich an diesem Zustand auch nichts ändern sollte. Bis zu seinem Tod. Und über diesen hinaus bis heute.

Deswegen hat man nach der Veröffentlichung der Memoiren und Tagebücher seit 1989 den bequemen Weg der Aufsplitterung seiner Persönlichkeit gewählt, womit nicht nur die heikle Frage nach seiner geschichtlichen Position in der Romanistikgeschichte eskamottiert, sondern bei Bedarf das Opfer wieder zum Täter gemacht werden konnte, was schon damit beginnt, dass man die scheinheilige Frage stellt, wie Klemperer denn in der SBZ beziehungsweise der DDR bleiben konnte und wie - um Gottes Willen - er dort nach Amt, Würden und gesellschaftlichen Aufgaben hat streben können. Bei dieser Fragestellung gerät notwendigerweise das eigentlich Dramatische seiner Tätigkeit in der DDR aus dem Blick, das daraus resultiert, dass sich das weitgehend nicht entnazifizierte Westdeutschland mit dem konservativ-antisozialistischen, gleichwohl aber republikanischen Frankreich aussöhnte, dem Klemperer in vielen Dingen näherstand als dem sozialistisch-kommunistischen, und das erklärt antifaschistische Ostdeutschland, in das nicht nur Klemperer (aus München), sondern eine breite Phalanx von Großen der deutschen Kultur (aus der Emigration) zurückgekommen war, sich mit dem sozialistisch-kommunistischen Frankreich verbündet hatte. Dass dieses Bündnis weitgehend auf dem Papier stand beziehungsweise rhetorischer Natur war, wissen wir und wurde von Klemperer nach und nach ebenso registriert wie die Tatsache, dass die kulturelle Orientierung in Richtung Sowjetunion erfolgte, was auch Konsequenzen für die Romanistik in der SBZ hatte: sie wurde mit anderen Vorzeichen nach und nach politisch so irrelevant wie in Deutschland-West.

Das galt auch für die jungdeutsch-aufklärerische Position des Romanisten Klemperer, mit dem auch dieses realsozialistische Deutschland - zu seinem Unglück - nichts anzufangen wusste, was Klemperer früh zu spüren bekam, wie sein Tagebuch zeigt. Da denunziert ihn 1949 Stephan Hermlin bei der Neuauflage seiner Modernen französischen Lyrik von 1870 bis zur Gegenwart als bourgeoisen Ignoranten, ohne dass Klemperer antworten darf, was alle möglichen Figuren im Verlags- und Zensurbetrieb, die seine Schriften "gefährlich" finden oder bezweifeln, ob sie in den "realen Humanismus" passen, veranlasste, ihm in seine Texte hineinzupfuschen oder deren Erscheinen zu verhindern, was zunächst die Neuauflage seiner Modernen französischen Prosa von 1923, dann aber auch die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts trifft. Da wird sein Auerbach-Aufsatz unterdrückt und sein LTI verstümmelt, da sabotieren Huchel und Becher einen Maupassant-Artikel für Sinn und Form, da wird er als Antimarxist angegriffen, da wird seine Französische Epik "gereinigt" und seine Französische Lyrik "castriert", usw.: "Vielleicht ist es gut", schreibt Klemperer, "dass ich mich jetzt mit aller Publikation zurückhalte. Bis der Wahnsinnscurs unserer Censur u. Kulturpolitik überwunden ist."

Klemperer wird sich nicht zurückhalten. Im Gegenteil: er schmuggelt liberales Gedankengut ein, wo immer er kann. Hier einen Aufsatz gegen die Lingua Quartii Imperii, LQI, die Sprache der kommunistischen Apparatschiks, das "Kaderwelsch", hier ein Plädoyer für den Zugang zu allen französischen Zeitungen wie Le Monde oder für die "bürgerlichen" französischen Schriftsteller, und wenn sich Klemperer umgekehrt auch in Werke linker französischer Autoren wie Barbusse, Aragon und Eluard einarbeitet, bleibt sein kulturpolitisches, am Jungen Deutschland und am Vormärz bzw. Spielhagen geschultes Credo doch von allem Anfang an von dem sowjetischen Modell untangiert. Ja, er lehnt nicht nur die Theoreme des "sozialistischen Realismus" ab, sondern er unterminiert sie auch auf seine Schwejksche Art: "ich muß immerfort wiederholen: Lukács, das concentrierte Gegengift aesthetischer Betrachtung, aber eben nur Gegengift; wieso die ungemeine Ungerechtigkeit gegen Gutzkow, Spielhagen, Zola? Man betet da stur Engels-Marx nach. Und welche Enge, dass der Dichter nur seine eigene Klasse zu schildern vermag! Überhaupt steht hier Klasse wie bei den Nazis Art steht. Das gehört in meine LQI u. darf nicht gesagt werden."

Die Tagebücher zeigen nicht nur so unmissverständliche Äußerungen, sie belegen auch dass der Konflikt zwischen Klemperer und Werner Krauss ein Mißverständnis war. Während Klemperer versuchte, seine frankophile jungdeutsche Aufklärungsposition in Pulikationen, akademischer Tätigkeit und kulturpolitischem und politischem Engagement wenigstes rudimentär in der Schul- und Hochschulpolitik, im Kulturbund und in der Volkskammer einzubringen, weil er meinte, dies könne zur Liberalisierung einer gutintentionierten, aber dogmatisch-verfehlten antifaschistischen Staatspolitik beitragen, glaubte Krauss, in der Rückbesinnung auf die französischen Quellen des historischen Materialismus einen philosophischen Beitrag zur Überwindung dogmatischer Reduktionismen zu leisten. Was sie beide zunächst nicht merkten, war, dass ihnen - durch die Fixierung auf die Sowjetunion, in der Fehlinterpretation der nationalen Geschichte Deutschlands und speziell der antinapoleonischen Freiheitskriege und in der Missachtung der frankophilen Vergangenheit der (sozialdemokratischen) deutschen Arbeiterbewegung in der DDR - Frankreich abhanden gekommen war. Ganz anders zwar als in Westdeutschland, wo das deutsch-französische Verhältnis in die Banalisierung des Miteinanders mündete, aber doch nicht minder verhängnisvoll.

Zu dieser Zeit war Krauss in Leipzig mit seinen Schülern bereits in politische Schwierigkeiten geraten: Winfried Schröder wurde 1958 ins Gefängnis geworfen, Manfred Naumann als Universitätsprofessor abgesetzt. Werner Krauss flüchtete sich an die Akademie der Wissenschaften, wo er Aufklärungsforschung betrieb, und Victor Klemperer - so beweist es das Tagebuch - hatte alle Hoffnung preisgegeben außer der, dass die DDR vielleicht doch moralisch ein wenig besser sei als die BRD. Was beide nicht ahnten, war, dass sich das deutsch-französische Verhältnis, das sie aus unterschiedlicher weltanschaulicher Perspektive verbessern wollten, in einem wiedervereinten Deutschland zum geschichtsindifferenten Nebeneinander entwickelten sollte, dem auch ihre Wissenschaft, die - bereits in Deutschland-Ost und West ins Abseits geratene - Romanistik zum Opfer fiel.

Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945-1959, Aufbau-Verlag, Berlin 1999, 862, 960 S., 98.- DM

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Ausgabe 41/2021

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