Wie von Max Ernst gemalt

Literatur In China Mievilles „Die letzten Tage von Neu-Paris“ geht es surrealistisch zu. Mievilles furiose Fantasy-Prosa ist auch interessant für Kunstkenner
Wie von Max Ernst gemalt
Paris, entrückt

Foto: Ludovic Marin/AFP/Getty Images

Parallelwelt-Geschichten mit deutschen Nazis, die siegreich 1945 überstehen, haben seit Jahren Konjunktur. Ob das daran liegt, dass die Kulturindustrie angesichts des globalen Rechtsrucks schon mal gerne faschistische Gespenster an die Wand malt, sei dahingestellt. Neben der Philip K. Dick-Adaption The man in the high castle, jahrelang das Science-Fiction-Serien-Aushängeschild von Amazon, das von einer alternativen Zeitlinie erzählt, in der Nazis und Japaner die USA besetzen, setzte auch die BBC 2017 mit der Miniserie SS-GB, ebenfalls eine Literaturverfilmung, den Sieg der Nazis über Großbritannien in Szene. Mit einer außergewöhnlichen, von deutschen Faschisten bevölkerten Parallelwelt, in der Surrealisten gegen die Nazis kämpfen, wartet China Mieville in dem für seine Verhältnisse recht schmalen, novellenartigen Roman Die letzten Tage von Neu-Paris auf. Wobei es dieses Buch in sich hat, auch sprachlich, denn Mieville lässt das eine oder andere surrealistische Kunstwerk im Kampf gegen den Faschismus auftreten. Vor einigen Wochen erhielt Andreas Fliedner für seine deutsche Übersetzung den Kurd-Laßwitz-Preis. Auf gut zweihundert rasant spannenden, mit wuchtigen und phantastischen Bildern vollgestopften Seiten entwirft der trotzkistische Fantasy-Bestseller-Autor aus London, der nebenher auch Mitherausgeber der linksradikalen Theoriezeitschrift Historical Materialism ist, ein unglaubliches Szenario antifaschistischer Kämpfe in einem von Krieg und Besatzung zerstörten Paris im Jahr 1950.

Der im Zentrum der Erzählung stehende junge Surrealist und Partisan Thibaut, der mit seinen Genossen, allesamt surrealistische Künstler, den Karabiner geschultert durch die verwüstete Großstadtlandschaft streift, muss sich aber im täglichen Überlebenskampf nicht nur mit Nazis, abtrünnigen Vichy-Franzosen und reaktionären Nationalisten auseinandersetzen. Ganze Horden phantastischer, aus surrealistischen Kunstwerken entsprungener Geschöpfe und jede Menge bösartiger, teuflischer Wesen aus den Tiefen des Höllenschlunds bevölkern das von der Außenwelt hermetisch abgeriegelte Neu-Paris. Ursprung dieser phantastischen Fauna und Flora surrealistischer Kreaturen und angsteinflößender Dämonen war die Detonation einer sogenannten S-Bombe einige Jahre zuvor. „S“ steht für Surrealismus. Nun schießen die flugzeugfressenden Riesenpflanzen aus Max Ernst-Gemälden in den Himmel und holen die deutschen Naziflieger herunter. Menschliche Hände, die aus Schneckenhäusern herauswachsen, krabbeln über den Boden der Stadt, genauso wie sie in einer Fotocollage von der französischen Künstlerin und Picasso-Geliebten Dora Maar entworfen wurden. Auch der legendäre Roboter-Elefant „Celebes“ von Max Ernst läuft durch das in Schutt und Asche liegende Neu-Paris und Leonora Carringtons Zentaurin aus Frau und Fahrrad rast vorbei an Barrikaden und durch Nazi-Sperrfeuer, die die Arrondissements voneinander trennen. Der junge Widerstandskämpfer Thibaut, der von seinen Genossen erst auf Theoriefestigkeit und künstlerisches Verständnis in Sachen Surrealismus geprüft wird, bevor er zur revolutionären Partisanengruppe stoßen darf, trifft inmitten dieses magischen Chaos auf die amerikanische Spionin Sam, die als Kunstfotografin getarnt durch diese absonderliche Zone läuft und die bizarren Momente und Ereignisse in Neu-Paris einfangen will, um sie der Nachwelt zu überliefern.

Die letzten Tage von Neu-Paris ist ein waschechter China Mieville-Roman, bis zum Anschlag voll popkultureller Querverweise und historischer Anspielungen. Immer wieder geht es um die Frage, wie revolutionär der Kampf gegen die Faschisten geführt werden soll. Wobei die surrealistischen Partisanen die Systemfrage nicht nur kapitalismuskritisch stellen, sondern gleich das ganze Konzept der Wirklichkeit über den Haufen werfen. In einem zweiten Erzählstrang, der 1941 in Marseille angesiedelt ist, treten zahlreiche historische Figuren auf, wie der Amerikaner Varian Fry, der von Marseille aus vielen Menschen bei der Flucht vor den Nazis half. Aber André Breton und andere Surrealisten bevölkern diesen Roman. Dramaturgisch ist der Text großartig durchkonzipiert, wenngleich sich China Mieville mitunter in den Beschreibungen wild gewordener surrealistischer Kunstwerke verliert. Das lässt sich durchaus als Ausdruck einer Begeisterung des Autors für sein Sujet verstehen. Der eine oder andere Kunstkenner dürfte sich dabei auch sicher mitreißen lassen.

Die regelmäßig auftauchenden Referenzen auf Okkultismus, der sich bei Surrealisten großer Beliebtheit erfreute, finden sich auch in anderen Büchern Mievilles, der seine Science-Fiction-Fantasy-Prosa stets mit Zauberei, Magie und allerhand düsterem Höllen-Personal bevölkert. Er selbst bezeichnet seine eigene Literatur als „Weird Fiction“ und will sich damit von J.R.R. Tolkien abgrenzen, dessen mit religiösen Motiven durchsetztes Werk er für reaktionär hält und den er auch schon als „Zyste am Arsch der Fantasy-Literatur“ bezeichnete. China Mieville will, wie auch einige andere britische Fantasy-Autoren, das Genre aus der reaktionären Ecke, in die es auch literaturwissenschaftlich (etwa vom Science-Fiction-Theorie-Papst Darko Suvin) immer wieder gestellt wurde, herausholen. Mit „Die letzten Tage von Neu-Paris“ gelingt ihm das überzeugend, denn die historisch-phantastische Erzählung kann auch im aktuellen politischen Kontext gelesen werden, was sich Mieville wünscht. „Etwas vom Wesen der Manifestationen von Neu-Paris zu begreifen, die Quellen und die Kraft von Kunst und den Prozess der Manifestation besser zu verstehen, könnte uns vielleicht helfen, in den Zeiten, die auf uns zukommen.“, schreibt er im Nachwort des Buches, das übrigens ein Glossar bietet, um sich auch ohne Expertenwissen mit den der Fiktion zugrunde liegenden surrealistischen Quellen beschäftigen zu können. Welche Zeiten da genau auf uns zukommen und ob damit der eingangs erwähnte aktuelle globale Rechtsruck gemeint ist, lässt China Mieville offen. Er setzt aber schon einmal den widerständigen, revolutionären, künstlerisch kompetenten Antifaschisten genial in Szene.

Die letzten Tage von Neu-Paris China Mieville Golkonda-Verlag, 280 S., 18 €

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