Wie wär’s mit Gogol, Herr Adorf?

Buchmarkt Bald schließt das erste Buchkaufhaus Deutschlands, Hugendubel am Münchner Marienplatz. Ein ehemaliger Lehrling erzählt die Legende

Ich hatte von der bevorstehenden Schließung der Hugendubel-Filiale am Münchner Marienplatz in der Zeitung gelesen. Nach ein paar Anrufen hatte ich Gewissheit. Die Buchhandlung würde aufgrund einer Mietpreiserhöhung und sinkender Absätze in anderthalb Jahren ausziehen, im Frühjahr 2016 ist Schluss. Eigentlich war das so unvorstellbar, dachte ich, wie der Untergang der Investmentbank Lehman Brothers oder das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Am alten Platz wird ein Telekomgeschäft eröffnen.

Von 1985 bis 1988 war ich Buchhändlerlehrling bei Hugendubel. Wir nannten das Geschäft mit den vier Etagen immer nur „der Marienplatz“. Ich packte Tausende von Büchern aus Aluminiumcontainern und ordnete sie auf Büchertischen oder stellte sie ins Regal. Am späten Nachmittag schob ich einen dieser Container mit den Tageseinnahmen durch die Fußgängerzone in die Filiale der Hypovereinsbank. Damals nahm die Hugendubel-Kasse nur Bargeld, und der Container war bis zum Rand voll mit D-Mark, nur abgedeckt mit einer Filzdecke. Ich schlitzte Hunderte von Cellophanhüllen mit einem gekonnten Fingernagelschnitt auf, damit die Kunden einen Blick ins verschweißte Buch werfen konnten.

Ich bediente Konstantin Wecker, Dieter Hildebrandt, Mario Adorf und einmal, glaube ich, Patti Smith. Ich radierte die Fingerabdrücke derselben von den Seiten. Ich lernte Zettel’s Traum und Freuds Traumdeutung kennen. Begriffe wie Ramsch, Remittende und Partie wurden Teil meines Vokabulars. Als Helmut Dietl zur Signierstunde kam und nicht genug Leute aufkreuzten, ließ der findige Filialleiter mich und andere Auszubildende unsere Jacken holen und als Kunden verkleidet antreten. Ich rauchte zahllose Zigaretten in dem leicht überheizten Aufenthaltsraum mit den Ikea-Möbeln und dem Kaffeeautomaten und dem zu süßen Kaffee.

Ich erinnere mich gut an die Bestseller meiner Lehrzeit. In der Wirtschaft waren es Kostolanys Börsenratgeber. Im Taschenbuch waren es die Briefe in die chinesische Vergangenheit und das Bürgerliche Gesetzbuch von dtv. In der Zeitgeschichte gab es beinahe jedes Jahr einen neuen Scholl-Latour. Die München-Bildbände aus dem Bruckmann-Verlag liefen glänzend. In der Kunstabteilung lagen Bände der Blauer-Reiter-Gruppe auf dem Stapel.

Wenn die Villa Stuck einige Andy Warhols aus der Gunter-Sachs-Sammlung ausstellte, kauften die Münchner den Bildband genauso gern wie den Schmuckband über die Fabergé-Eier, die im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen waren. Im ganzen Geschäft stand nicht ein Computer. Wir wälzten massive Kataloge. Wir atmeten den Duft von Büchern. Um elf Uhr hörten wir das Glockenspiel vom Rathaus. Um Viertel nach sechs ertönte Beethovens Neunte Symphonie aus unseren Lautsprechern. Sie erinnerte die Kunden daran, dass morgen auch ein Tag war, für den Fall dass sie sich nicht entscheiden konnten.

Die sanfte Frau Waber

Das Herz des Marienplatzes war die Warengruppe 10, die Belletristik. Hier reihten sich Anthologien und Gedichte an Bestseller. Wer den damals gern gemachten Vorwurf des anonymen Buchkaufhauses anbrachte, wurde in der Belletristik eines Besseren belehrt. Hier konnte man Feinsinniges und Seltenes entdecken. Die Manesse Weltliteratur stand fast immer vollständig im Regal. Wer Nikolai Gogol oder Tschingis Aitmatow suchte, konnte zwischen Leder- und Leinenbindung wählen, beides vorrätig. Zwei der Buchhändler im ersten Stock waren promovierte Germanisten und empfahlen Paul Celan und Sándor Petöfi. Siegfried Unseld kam persönlich vorbei und schaute, welche seiner Suhrkamp-Titel im Regal standen. Der Name der Rose, Der Medicus und Herbstmilch waren die Bestseller jener Tage.

Geleitet wurde die Belletristik von Frau Waber, einer vornehmen, tadellos gekleideten und sanftmütigen Dame. Mit der leisen Stimme der Vernunft verkaufte sie Bücher wie niemand sonst. Alles an ihr war so sorgfältig wie ihr toupiertes Haar. Sie schien jedes jemals erschienene Buch aus dem Gedächtnis zu kennen. Sie rauchte lange, dünne Damenzigaretten, aber nur zwei am Tag. Sie stellte sich schützend vor ihre Untergebenen. Als der Geschäftsführer, der Herr Lux, sich einmal an meinen langen Haaren stieß, sagte sie: „Warum, sie sehen gewaschen aus, oder nicht?“

Einmal nahm mich Frau Waber zur Seite. Das hätte sie ruhig öfter tun sollen. Ich wusste am Anfang meiner Lehre kaum was, offenbarte aber meine Ignoranz, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich entlarvte mich bei meinen Kollegen als des Französischen nicht mächtig, weil ich Victor Hugos Nachnamen wie den Vornamen von Hugo Egon Balder aussprach. Als mir ein Kunde sagte, er sei Autodidakt, war ich kurz davor zu fragen, wo er das studiert hatte. Frau Waber musste sicher mehr als einmal schlucken. Sie empfahl mir einige Bücher, und ich entdeckte Bruce Chatwin, Thomas Bernhard, Yann Queffélec und Italo Svevo.

Als sie mich das zweite Mal zur Seite nahm und tadelte, sagte sie: „Hören Sie, die Nichtleser machen unseren Erfolg. Bestseller werden von Nichtlesern gemacht.“ Sie spielte damit auf das Notizbuch an, das wir Lehrlinge unter der Theke aufbewahrten und in dem wir zu unserem boshaften Vergnügen die schrägsten Versprecher der Kunden aufschrieben, gemäß dem alten Spruch, dass wir denjenigen ignorant nennen, der heute nicht weiß, was wir gestern nicht wussten.

Als ich meine Ausbildung antrat, wurden im deutschen Buchhandel jährlich 2.312 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Die Bundesrepublik war damals noch um ein gutes Drittel kleiner, die DDR noch am Leben. 2012 gab es in ganz Deutschland noch 1.505 als Buchhändler Auszubildende, und im vergangenen Jahr waren es nochmals ein paar Hundert Menschen weniger, die eine Buchhändlerlehre machten, 1.278 genau. Wie die Tischler, Fräser, Dreher, Setzer oder Sattler sterben die Buchhändler aus. Als Wachsfigur könnte ein Buchhändler bald neben Thermometer, Taschenlampe und Metronom ins „Museum der dank des Smartphones verloren gegangenen Gegenstände und Momente“ einziehen (wie symbolträchtig, dass der Marienplatz von einem Telefongeschäft ersetzt wird).

Der Gesichtsausdruck wäre sympathisch, aber melancholisch. Ein bisschen blass sähe die Wachsfigur aus, einmal natürlich, weil sie aus Wachs wäre, aber auch wegen der langen Öffnungszeiten, unathletisch weil zerebral. In jeder Hand hielte sie ein Buch, sagen wir links Böll, rechts Hesse, denn die waren beide Buchhändler gewesen. Und wäre die Wachsfigur eine Frau, trüge sie eine leicht extravagante Brille wie Frau Waber.

Nein, so extravagant sah Heiner Hugendubel nicht aus. Eigentlich sah der Chef des Marienplatzes, den er zusammen mit den viel kleineren sieben Münchner Filialen aus der Zentrale in der Nymphenburger Straße regierte, wie ein Patrizier aus. Meistens trug er einen königsblauen Anzug und polierte schwarze Halbschuhe. Er fuhr einen Porsche 911. Im Urlaub stieg er mit Reinhold Messner auf die Gipfel.

Heiner Hugendubel ist seit ein paar Jahren tot. Er war immer freundlich. Er lächelte wirklich jedes Mal, wenn ich ihn sah. Und bei meinem Vorstellungsgespräch stellte er Gott sei Dank keine einzige Frage, sondern erzählte mit glänzenden Augen von der Zukunft des Buchhandels. Ein besser ausgeklügeltes Warenwirtschaftssystem mit Barcodes stellte er sich vor, mit dessen Hilfe man das verkaufte Buch automatisch nachbestellen könnte, ein Café, das es damals noch nirgendwo gab, ein vergrößertes, eigenes Lager, Niederlassungen bis nach Hamburg hinauf. Der Siegeszug des Buchs schien unaufhaltsam. Genauso war es schließlich gekommen.

Als ich Jahre später längst als Autor in New York lebte, rief mich einmal seine Sekretärin an und fragte, ob ich für Herrn Hugendubel einen Besuch bei dem Chef der US-Buchhandelskette Barnes & Noble einfädeln könnte. Barnes & Noble war der unangefochtene Weltbuchriese mit über 500 Filialen in den USA und einem Warenwirtschaftssystem, das dem der deutschen Kette ganz sicher haushoch überlegen war. Amazon war damals in erster Linie noch ein Fluss und in zweiter Linie ein Start-up, das sich weigerte, nach den etablierten Regeln zu spielen. Jeff Bezos sah klein und machtlos aus. Als die Branche dann sein dröhnendes Lachen wahrnahm, war es zu spät.

Und die Kassiererin?

Heiner Hugendubel und ich saßen ein paar Wochen später in dem New Yorker Eckbüro von Steve Riggio auf der Fifth Avenue. Steve Riggio war mit seinem Bruder Len Riggio Besitzer und Geschäftsführer von Barnes & Noble. Ein bisschen gelangweilt erzählte Riggio von einem neuen Haus, das er in Long Island baute. Außer einem Microsoft for Dummies auf seinem Schreibtisch lag oder stand kein einziges Buch in dem Büro. Heiner Hugendubel schaute etwas traurig drein, und ich musste an Frau Wabers Satz denken, dass Bestseller eben von Nichtlesern gemacht werden.

Nichtleser sind aber auch untreu, denn sie gehen mit der Mode, und Bücher sind aus der Mode gekommen. 20 Jahre später schließt Hugendubel Filiale um Filiale, gerade kam die Meldung, dass nach dem Marienplatz in München nun auch die Filiale in der Königstraße in Stuttgart zumacht. Die große Filiale an der Tauentzienstraße in Berlin ist seit 2012 auch weg, an Ort und Stelle residiert nun eine US-Modekette. Hugendubel hat mit Weltbild kooperiert. Weltbild ist ins Schlittern geraten.

Auch Barnes & Noble baut rasant ab. Die Riggios haben in letzter Sekunde große Teile von Barnes & Noble abgestoßen.

Statt Beratung gibt es nun die raffinierten Algorithmen von Amazon. Aber noch einmal halt. Ungefähr tausendmal habe ich am Marienplatz enervierte Kunden Valentins Buchbinder Wanninger zitieren hören, weil sie ein bestimmtes Buch nicht finden konnten und von Etage zu Etage geschickt wurden. Die übergreifende Qualifikation des Buchhändlers war kein Garant für guten Geschmack. Manche von uns hatten nämlich gar keinen Geschmack oder wussten nicht einmal, wo ein bestimmtes Buch in dem riesigen Laden stand. Was uns allerdings verband, war eine gemeinsame Liebe zum Buch. Diese Liebe war ansteckend, und im Grunde war das alles, dessen es an Beratung bedurfte.

Am Ende eine Anekdote: Eine der Kassiererinnen am Marienplatz, 20 Jahre älter als ich, hatte ein Auge auf mich geworfen. Am Abend fand ich manchmal in den Taschen meines Mantels kleine Geschenke von ihr. Einmal war es eine lederne Geldbörse, ein andermal ein Füller. Sie hinterließ auch Briefe, die zwar keine Literatur waren, dafür aber eindeutig.

Einmal lud sich mich zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Ich nahm an und erlebte etwas, das ich noch nie erlebt hatte. Und ich hätte schwören können, dass mich der Hausdetektiv vom Marienplatz danach anders ansah. Kein Wunder, er hatte ja seine Augen überall. Mit einer Pfeife im Mund hätte er ausgesehen wie Sherlock Holmes. Und die Kassiererin? Ich habe sie nie wieder gesehen. Aber vielleicht erzählt sie unsere Geschichte, so wie ich sie auch gern erzähle. Denn um nichts anderes geht es als um Geschichten. Und ist das kein Trost?

Michael Saur wurde 1967 in München geboren und machte von 1985 bis 1988 eine Buchhändlerlehre bei Hugendubel. Heute lebt er als Schriftsteller in New York

06:00 10.12.2014
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