Wie weiblich ist der Blütenstempel?

Feminismus und Naturwissenschaft Die US-amerikanische Professorin Londa Schiebinger setzt auf Karriere, freut sich, wenn ihr Sohn das Nähen lernt und schaut dem Herrn Linné auf die Finger

Alles spricht über die Pisa-Studie. Zu Recht. Das Bildungsniveau der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern erschreckend niedrig. Gleichzeitig ist die Zahl der Hausfrauen in Deutschland höher als in anderen europäischen Ländern. Besteht da ein Zusammenhang? Kann es sein, dass Kinder gut in der Schule sind, gerade weil ihre Mütter arbeiten? Könnte die Pisa-Studie also auch Hinweise für eine neue Frauenpolitik geben?

Der Lebensweg Londa Schiebingers, die eine Edwin Sparks Professur (die höchste in der Hierarchie) an der Pennsylvanian University hat, ist beispielhaft für eine emanzipierte Frau in den USA. Sie hat es geschafft, einen Lehrstuhl zu bekommen und ohne Kinderpause zwei Kinder aufzuziehen. Das Besondere an ihr ist außerdem, dass sie über genau dieses Problem forscht: Wie wurden Frauen aus den (Natur-)Wissenschaften herausgehalten, und wie sahen die männlichen Naturwissenschaftler Frauen.

Sie sei zu schön, um ihr Leben in Bibliotheken zu verbringen, und müsste daher nicht studieren. Solche Sätze bekam Londa Schiebinger, deren Großvater aus Deutschland in die USA emigrierte, in ihrer Jugend zu hören. Das beeindruckte sie wenig. Sie studierte zunächst englische Literatur. Nach ihrem Hochschulabschluss und einem Aufenthalt in Deutschland entschied sie, wieder zur Universität zu gehen, und zwar dieses Mal an die Harvard University in Boston. Dort studierte sie europäische Geschichte. Ihre Dissertation wollte sie über einen deutschen Philosophen schreiben, aber nach drei Jahren Recherche und einem weiteren Forschungsaufenthalt in Deutschland gab sie diese Arbeit auf und promovierte stattdessen über Frauen zu Beginn der wissenschaftlichen Revolution. Diese Arbeit, The Mind Has No Sex?, wurde ihr erstes Buch und erschien vier Jahre später in Deutschland unter dem Titel Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft (Klett-Cotta 1993).

Ob der Geist ein Geschlecht hätte, darauf konnten sich die Wissenschaftler zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert nicht einigen. Im 17. Jahrhundert schrieben sie, dass Frauenhirne zu kalt und zu schwach seien, um die Strenge des Gedankens auszuhalten. Im 18. Jahrhundert nahmen sie an, dass die Schädelhöhe von Frauen zu klein sei, um leistungsfähige Gehirnmasse zu enthalten. Im 19. Jahrhundert kamen die Eierstöcke ins Spiel. Sie würden verkümmern, wenn Frauen zu sehr denken. Und im 20. Jahrhundert wurde theoretisiert, ob die rechte Gehirnhälfte von Frauen anders wäre und sie deswegen nicht fähig seien, räumlich zu denken. Londa Schiebinger vermutet, dass Männer Angst vor der Unterwanderung durch Frauen haben und fragt sich in ihrem ersten Buch, wie es um so eine Wissenschaft wohl bestellt ist.

Die Arbeit an dem Buch bestärkte Schiebinger und sie beschloss, in diesem Bereich weiter zu forschen. Aber zunächst konstruierten sie und ihr Lebenspartner Robert Proctor ihren gemeinsamen Lebensweg. Sie erhielten beide eine Post-Doktoranden-Stelle an der Stanford Universität und ein paar Jahre später gingen sie an die Penn State University nach Pennsylvania. Beide haben inzwischen einen ProfessorInnentitel. Schiebingers Lehrstuhl ist am Institut für Geschichte angesiedelt, wo sie zur Geschichte der Naturwissenschaften mit Schwerpunkt 18. Jahrhundert lehrt und forscht.

Londa Schiebinger wollte nie Kinder. Aber ihr Lebensgefährte überzeugte sie, und so bekam sie mit 36 Jahren ihr erstes, mit 39 Jahren ihr zweites Kind. "Professorin sein und Kinder haben ist sehr schwer. Ich war fünf Jahre lang erschöpft", sagt sie und erzählt von den Schwierigkeiten, den Alltag zu planen oder auf Dienstreisen Milchpumpen zu organisieren. Sie und ihr Partner teilten sich die Haus- und Kinderarbeit, und da sie beide gute Posten und genug Geld hatten, leisteten sie sich einen Babysitter, der von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags die Kinder hütete. "Übrigens haben wir unseren Kindern unterschiedliche Nachnamen gegeben, eins heißt Schiebinger, eins heißt Proctor, was zu unendlichem Durcheinander führte."

Zur Zeit sei aktive Vaterschaft in den USA Mode, erzählt Schiebinger skeptisch. "Immer mehr Frauen erwarten von ihren Partnern, dass sie die Hälfte der Arbeit übernehmen, und immer öfter tun sie das auch." Sie und hr Partner bringen den Söhnen Haushaltsdinge und Kochen bei. "Mein ältester Sohn näht sehr gerne. Nähen und Holzarbeit wird in den USA nun Jungen und Mädchen in den Schulen gleichermaßen beigebracht."

Trotz der anstrengenden ersten Lebensjahren ihrer Kinder arbeitete Londa Schiebinger unentwegt weiter. Sie veröffentlichte 1993 ihr zweites Buch Nature`s Body. Die deutsche Ausgabe heißt Am Busen der Natur. Erkenntnis und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft und erschien 1995. In diesem Buch konzentriert Schiebinger sich auf die Biologie und richtet einen feministischen Blick auf die Botanik, genauer auf das Phänomen der Sexualisierung des Pflanzenreichs, das Carl von Linné, der 1753 die Klassifizierungsmerkmale für das Pflanzenreich geordnet und das ganze System der Pflanzen für die Nachwelt in ein System gebracht hat, vorangetrieben hatte. Zur gleichen Zeit begann paradoxerweise auch eine Verwissenschaftlichung der Botanik. Sehr viele Pflanzen versammeln in ihren Blüten zwei Geschlechter in einem. Doch entgegen dieser Offensichtlichkeit wurde der Stempel einer Blüte als weiblich definiert. Er sähe ja auch so aus wie eine Vagina, behauptete Linné. Die Pollen an den Staubfäden seien das Pendant zu den männlichen Spermien. Nach der Einteilung durch Linné gab es bei Pflanzen nicht nur sexualisierte Fortpflanzungsmerkmale, sondern es standen auch noch die männlichen Kennzeichen einer Pflanze im Ordnungssystem der Pflanzen höher als die weiblichen. Dass viele Pflanzen zweigeschlechtlich sind, wurde von Linné und seinen Zeitgenossen "übersehen". Zwitter gibt es überall in der lebendigen Welt. Warum wird aber diese Fortpflanzungsform nicht als eigenes Geschlecht bezeichnet? Warum muss in weiblich und männlich eingeteilt werden? Da in der Natur immer nach zwei Geschlechtern gesucht wird, werden diese auch gefunden, sagt Schiebinger und bemerkt, dass die Pflanzen nicht die einzigen Organismen waren, die deplatzierte Anthropomorphismen (Vermenschlichungen) über sich ergehen lassen mussten.

Von 1999 bis 2000 lebte Londa Schiebinger in Berlin. Ermöglicht wurde ihr das durch ein Stipendium, den Alexander von Humboldt Forschungspreis im Bereich Geschichte. Sie ist die erste Frau, die diesen Preis bekam. So arbeitete sie ein Jahr am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Sie und ihre Familie genossen dieses Jahr in Deutschland. Bedenklich fand sie aber die schlechte Situation der Frauen im akademischen Betrieb. In dieser Zeit erschien auch ihr drittes Buch, das in den USA 1999 herausgekommen war, auf Deutsch. Der Verlag betitelte es mit Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die Wissenschaft?, was dem Originaltitel Has Feminism Changed Science? nicht ganz entspricht. Londa Schiebinger ist überzeugt, dass die Antwort auf diese Frage "ja" heißt. Sie hat ein weites Feminismus-Verständnis und ist überzeugt, dass auch Männer feministisch forschen können. Forschung hänge eben nicht von "Weiblichkeit" oder "Männlichkeit" ab.

In ihrem dritten Buch untersucht Schiebinger Forschungsansätze in der Medizin, Biologie, Physik und Primatologie. Dieses Buch ist die logische Fortsetzung ihrer beiden vorherigen. Nur ist es noch detailreicher, noch umfassender und schließt die heutige Situation von Frauen im Bereich Technik und Naturwissenschaft ein. Die Naturwissenschaften, so Schiebingers These, haben bis heute ein kulturell bestimmtes Geschlecht. Dieses sei nicht einmal versteckt, viele Wissenschaftler haben bis ins 20. Jahrhundert hinein explizit gefordert, dass (Natur-)Wissenschaft von der Teilnahme, vom Ethos und von den Inhalten her männlich sein sollte. " Das sei bis heute an Sprachregelungen, am Umgangsstil, an den Kleidungsgewohnheiten und den Hierarchien abzulesen. Ein einfaches Beispiel: Frauen, die in den Naturwissenschaften arbeiten, kleiden sich möglichst neutral oder gar männlich. Umfragen ergaben, dass sie Desinteresse an persönlicher Attraktivität und an Mode zeigen. Sie werden direkt oder indirekt dazu aufgefordert, jeden Anflug von Weiblichkeit zu verstecken. Und wenn sie dann äußerlich zum Mann werden, ist das Urteil der Kollegen darüber ambivalent. Die Reaktion reicht von Übersehen-Werden bis zu Abfälligkeiten wie "Mannweib". Da hatte Emmy Noether, berühmte deutsche Mathematikerin, noch Glück. Sie wurde "der Noether" genannt. Das war das höchste Lob. Sie wurde zum Ehren-Mann.

Im nächsten Jahr will Schiebinger mit ihrer Familie für ein Semester nach Paris gehen, wo sie helfen soll, "Gender Science Studies" einzuführen. Sie beneidet Europa um Gleichstellungsgesetze, die es in den USA immer noch nicht gebe. "Ich habe gehört, dass die Deutschen bis zum Jahr 2005 den Anteil von Frauen auf ProfessorInnenstellen auf 20 Prozent erhöhen wollen. Ich hoffe, dass sie es für den Anfang schaffen, die Zahl von aktuell sechs auf zehn Prozent zu erhöhen." Als eine sehr eigenwillige Strategie, Frauen in den Naturwissenschaften zu fördern, nennt Schiebinger das sogenannte "partner-hiring". Es gebe in den Naturwissenschaften etliche "kreative Paare", sagt sie und führt Marie und Pierre Curie als bekanntestes Beispiel an. "Normalerweise heiraten Frauen in der Wissenschaft nicht ›runter‹, sondern ›hoch‹. Das heißt, sie wählen Männer, die ihnen ebenbürtig oder überlegen sind. Wohingegen Wissenschaftler immer noch gerne eine Sekretärin, Ärzte Krankenschwestern heiraten. Wenn Wissenschaftlerinnen in diesen ›kreativen Partnerschaften‹ leben, handelt es sich damit um ein ›dual carreeer couple‹, ein ›Doppeltes-Karriere-Paar‹. Die Universitäten haben damit begonnen, PartnerInnen einzustellen, wenn sie die Frau oder den Mann dieses Karriere-Doppels einstellen wollen. Manchmal haben sie Glück und bekommen gleich zwei exzellente Leute. Das funktioniert auch für lesbische und schwule Wissenschaftspaare, wenn beide exzellent sind." Londa Schiebinger weiß, wovon sie bei solchen "Doppelkarrieren" spricht.

Auch ein weiteres Buch ist in Arbeit. Die Wissenschaftshistorikerin erforscht jetzt die Auswirkungen der Geschlechterverhältnisse im Europa des 18. Jahrhunderts auf die naturkundlichen Entdeckungsreisen. Die Rezeption von Pflanzen mit abtreibender Wirkung aus Ländern der südlichen Halbkugel sind hierfür beispielhaft. Die Reisenden brachten diese Pflanzen von ihren Forschungsreisen mit. Die Naturforscher Maria Sybilla Merian und Hans Sloane beispielsweise beschrieben Pflanzen, die eventuell zu nützlichen Abtreibungsmitteln für europäische Frauen hätten werden können, doch sind die Informationen über diese Klasse von Pflanzen nicht nach Europa transferiert worden. Die Gewächse wurden zwar in die botanischen Gärten Europas gepflanzt, doch das geschah einzig wegen ihres hübschen Aussehens.

00:00 05.07.2002

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