Wie weiter?

Linke Wird das sogenannte Superwahljahr die große Offensive der Linken bringen oder wird sie sich vorher selbst zerfleischen? Sechs Ansichten zur Lage der Linkspartei

Zur Unzeit

Seit Schröder und Hartz machte die Linke vernünftige Vorschläge zur Linderung der Arbeitslosigkeit, vor allem Konjunkturprogramme. Da die Große Koalition sie ablehnte, stiegen die Umfragewerte dieser Oppositionspartei zeitweilig auf bis zu 15 Prozent. Mit dem Ausbruch der Krise tat die Regierung einiges von dem, was die Linkspartei vorher schon verlangt hatte. Es sah so aus, als tue die Koalition im richtigen Moment das, was die sozialistische Opposition zur angeblichen Unzeit für angemessen gehalten hatte. Lafontaine und seine Genossen übertrafen Steinbrück und Steinmeier im Wesentlichen nur noch quantitativ – Tonnen-Keynesianismus. Falls sie auch qualitativ etwas anderes wollen, können sie es derzeit kaum sichtbar machen.

Vor einiger Zeit sah es so aus, als werde das sogenannte Superwahljahr 2009 die große Offensive der Linken bringen. Jetzt werden einige Fraktionen übrig bleiben, die über das Fehlen eines lebendigen Parteilebens allenfalls hinwegtäuschen können. Mit der beflügelnden Machtoption – Regierungsbeteiligung! – ist es vorerst vorbei. Das könnte auch sein Gutes haben. Es blieben vier Jahre, um die Möglichkeit von Opposition neu auszuloten.

Georg Fülberth

Ergraut

Als die SED sich 1989/90 nicht auflöste, sondern unter anderem Namen und mit geändertem Programm weitermachte, war ich ganz froh – wo sollten die Älteren auch bleiben, die zu Zehntausenden den Mitgliederbestand ausmachten und so „erzogen“ worden waren, dass allein eine „Partei neuen Typus“ ihre Interessen vertreten könne …

Nun sind 20 Jahre vergangen. Was man heute auf Wahlkampfveranstaltungen der Linken sieht, hat beinahe rührende Ausmaße angenommen: Ergraute Damen und Herren in der untrüglichen Rentnerkleidung machen den Großteil des Publikums aus. Eine Partei der Grauen, denen man Mitsprache und Mittun tunlichst nicht ­absprechen darf! Aber sie klatschen den Leuten vor ihnen zu, während hinter ­ihnen der Egomane Lafontaine seine ­Vasallen strammstehen, und andere untergehen lässt. Ich habe das Gefühl, dass die ­Alten das gar nicht so genau wissen wollen beim Klatschen. Oder? Das Gegenteil sollte mich freuen. Jedenfalls ergehen sich die Mittelalten intern in Sektenkämpfen, und Sektempfänge können das Bild einer dynamischen Partei auch nicht vermitteln. 70 Prozent der Mitglieder sind älter als 60. Dazu sollte sich die Linkspartei ­bekennen und dem eigenen Aussterben mit fröhlicher Gelassenheit ins Auge ­sehen. Dann wäre sie stärker.

Kathrin Schmidt

Über Kreuz

Irgendetwas macht die Linkspartei falsch. Ich weiß nicht genau was, aber manchmal hilft ja schon eine Problemanzeige. Also: Es gibt da diese Website wahl-o-mat.de. Darauf kann jeder seine Meinung zu politischen Fragen mit den Wahlprogrammen der Parteien vergleichen. Das Seltsame: Fast allen meinen Freunden empfiehlt diese Seite, die Linke zu wählen. Dennoch hat fast keiner von ihnen – die meisten immerhin um die 30 – bisher ein Kreuz bei dieser Partei gemacht. Sie konnten sich nicht dazu durchringen.

Dazu muss man wissen: Diese Freunde sind keine Konservativen, die vor roten Socken Angst haben. Einer zieht manchmal sogar deshalb welche an, weil François Mitterand sie einmal demonstrativ bei einem Besuch von Helmut Kohl trug. Es sind auch keine Hedonisten, die Ideale wenig wichtig nähmen. Viele von ihnen haben sich schon mal mit dem Staat oder einem Konzern angelegt – und das nicht zu ihrem Vorteil. Okay, die meisten sind Westler. Das könnte ein Grund sein für Vorbehalte gegenüber einer Partei, die im Laufe ihrer Geschichte schon so einige ­Namen hatte. Aber diese Vermutung streiten meine Freunde ab. Einer sagte mal, es liege eher am Personal: „Das Programm lese ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Steffen Kraft

Bestes Stück

Die Linkspartei wirkt politisch zu zahm, oft spießig, zerfleischt sich ständig selbst und leidet durch das verfrühte Schlucken der Wahlalternative an peinlichen Verdauungsstörungen. Als besonders schwieriger Zugang hat sich Oskar Lafontaine erwiesen – aus meiner Sicht aber ihr bestes Stück. Einigen, denen die Zusammenarbeit mit der SPD in den Landesparlamenten genügt, ist der Parteichef zu links. Wegen dieses offenkundigen Dilemmas gilt die Linke vielen potentiellen Linkswählern als zu rechts. Und der SPD, die bislang mit ihr auf Bundesebene nicht koalieren wollte, weil sie sie als SED-Nachfolgepartei ansah, stellt nun manchmal in Aussicht, dies doch zu erwägen, sobald die Linkspartei nicht mehr von ihrem eigenen ehemaligen Kanzlerkandidaten geführt werde.

Konnte früher dem Sozialismus dies und jenes am schlechten Weltzustand angelastet werden, so ist es jetzt unmöglich, ihm die Schuld an der Systemkrise zuzuschreiben. Aber was after the crisis kommen soll, kann auch die Linkspartei nicht recht erklären. Vor allem weil sie kulturell nicht aktiv ist, gibt sie kein attraktives Bild ihrer und unser aller Zukunft ab.
Doch es gibt ein unerschlossenes Wählerpotenzial: die Nichtwähler. Erst wenn die Linke sich dazu durchringt, diese anzusprechen, wird sie auch Zugewinne unter den Wählern aus der verunsicherten Mitte gewinnen.

Sabine Kebir

Im Regen

Berlin hängt noch voller abgewählter Wahlplakate. Darauf weiß die SPD, was wählt, wer die andern wählt. Finanzhaie würden FDP wählen, heiße Luft wählte die Linke. Ein paar Meter weiter fordert diese Linke dann: Millionäre zur Kasse! Man will den Verlierern von der SPD ja nur ungern recht geben. Aber das ist wirklich viel heiße Luft. Das war nicht ­immer so.

Als 1990 16 Millionen Deutsche gehalten waren, ins freiheitlich-demokratische Elysium einzutreten und Abbitte zu tun für Geburt am falschen Ort und unter den falschen Leuten, Kommunisten zum Beispiel, war an der PDS sympathisch: Sie legte sich in Unterwerfungsgeste nicht gleich selbst mit dem Rücken auf die Matte. Sie war der Meinung, dass Biografien nicht auf den Abfallhaufen gehören. Und dass nach dem Epochensturz der Regen nun erst recht von oben nach unten fällt. Sie kümmerte sich um alles: um die neuen Kriege der alten Eroberer auf dem Balkan und im Orient, und das Eierlaufen beim Stadtteilfest in Leipzig-Ost, um die Pensionen der Tschekisten und ihr Schulungsheim in ­Elgersburg. Libidoschübe suchten sie heim, wenn das Wort Grundgesetz fiel.

Nun jedoch, seit der PDS als Linkspartei gesamtdeutsche Erweckung widerfuhr, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr zu viele Flügel wachsen. Hier und da schießt Hoffnung ins Kraut, der Regen könnte auch von unten nach oben fallen und das von innerer Fehde – nicht umstürzlerischem Eifer – erhitzte Antlitz kühlen. Das wäre schade. Dann würde ­zutreffen, was der Partei immer vorgeworfen wird: Sie stellt utopische Forderungen, die unerfüllbar sind.

Lutz Herden

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18:38 17.06.2009

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