Wie werde ich wieder Demokrat?

Die USA von Kanada aus gesehen Das »Amerikanische« im Niedergang

Diesen Beitrag über das US-Imperium neuen Stils schreibe ich nicht umgeben von nervenden amerikanischen Neo-Patrioten, sondern, 500 Kilometer weiter nördlich, in der kanadischen Metropole Montréal, die im Februar und März die größten Demonstrationen gegen Bushs Kriegskurs auf nordamerikanischem Boden erlebte. Fans von Donald Rumsfeld habe ich hier noch nicht angetroffen. Es lässt sich an diesem Ort deshalb sicher weniger aufgeregt als in den USA - und vielleicht auch in Europa - über den Zustand des US-amerikanischen Imperiums und Emmanuel Todds Prophezeiung von dessen bevorstehender »Dekomposition« (*) nachdenken. Eine knappe Autostunde von der Grenze entfernt, im Sendebereich amerikanischer Medien und versehen sowohl mit US-Zeitungen als auch mit grenzüberschreitenden Kontakten, registriert und spürt man deutlicher als in Europa, was sich in den benachbarten USA zusammenbraut.

Ein neutraler Beobachtungsstandort - eine Art »erkenntnistheoretische Schweiz« - wie man das früher in philosophischen Debatten nannte, ist Kanada deswegen noch lange nicht. Formal ein souveränes, mit den USA und Mexiko vertraglich durch das Freihandelsabkommen NAFTA verbundenes Land, ist Kanada infolge seiner erdrückenden ökonomischen Abhängigkeit von der US-Konjunktur de facto eine Art Satellitenstaat, dem dieser Status gerade in Zeiten der Spannung wie nach dem Angriff auf den Irak nicht gerade leise in Erinnerung gerufen wird. Sichtlich empört - einem Parteiemissär Leonid Breshnews während des »Prager Frühlings« nicht unähnlich - erschien Ende März 2003 US-Botschafter Paul Cellucci in den kanadischen Medien und versuchte mit starken Worten - jedoch vergeblich -, die in Sachen Kriegskurs unbotmäßige kanadische Regierung zur Ordnung zu rufen.

Viele Kanadier verabscheuen solche Gesten, haben aber keine andere Wahl, als sich resigniert in die Erkenntnis der Abhängigkeit vom Nachbarn im Süden zu fügen. Als sich während des Kalten Krieges die Regierung in Ottawa dem Plan der USA widersetzte, auf kanadischem Territorium Militärbasen einzurichten, erhielt sie als Antwort die Drohung mit einem ruinösen Handelskrieg. Die Basen wurden gebaut - und nun, nach ihrer Schließung, kann Kanada mit hohen Kosten vergifteten Boden entseuchen.

Agent Orange in Kanadas Wäldern

Aus dem Vietnamkrieg durfte Kanada sich seinerzeit zwar heraushalten, Premier Lester Pearson durfte gar die US-Kriegführung kritisieren, dem Ansinnen des Pentagon, das Entlaubungsgift Agent Orange an kanadischen Wäldern zu testen, da den Militärs die eigene Flora zu schade war, durfte er sich jedoch nicht widersetzen. Pearsons gleichfalls Amerika kritischer Nachfolger Pierre Trudeau wurde Anfang der achtziger Jahre diskret gezwungen, eigenes Territorium als Testgelände für Cruise Missiles zur Verfügung zu stellen. Unvergessen ist hier auch der glücklicherweise folgenlose Einschlag einer US- Nuklearbombe, die über der Provinz Québec aus einem Bomber gefallen war.

Anti-Amerikanismus - habe ich inzwischen den Eindruck gewonnen - ist in Kanada etwas so Selbstverständliches, dass er gar nicht extra hochgehalten werden muss. Der kanadische Anti-Amerikanismus ist jedoch überwiegend politisch begründet, es fehlt ihm der arrogant kulturkritische Beigeschmack, der europäische Amerika-Feindschaft häufig unangenehm durchdringt. American way of life ist hier kein Anathema, denn er prägt auch in meiner hiesigen Umgebung die Sitten, wenn diese Lebensweise auch niemals so benannt würde.

Premier Jean Chrétien handelte durchaus in Übereinstimmung mit der vorherrschenden Meinung, als er im März entschied, auf die UNO zu setzen und Kanada aus Bushs Invasions-Koalition herauszuhalten. Dafür wird er jetzt vom Weißen Haus symbolisch abgestraft: George W. Bush ließ einen für Anfang Mai in Ottawa geplanten Staatsbesuch beleidigt absagen.

Derzeit von Kanada aus auf die USA zu schauen, scheint mir den Vorteil zu bieten, dass eher Kontinuitäten in den Blick geraten als überraschende Brüche. Die Abneigung gegen internationale Institutionen und Abmachungen zum Beispiel ist nicht erst mit der Bush-Regierung aufgekommen. In seinem Buch Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert weist der kanadische Historiker Michael R. Marrus nach, dass die US-Regierung den Völkerbund, eine Zeit nach dem Vertrag von Lausanne 1923, langsam fallen ließ. Lange bevor Hitler und Mussolini ihn zerstören konnten. Zur gleichen Zeit endete mit der Schließung von Ellis Island, dem jahrzehntelang weit geöffneten Tor zur Neuen Welt, die liberale US-Einwanderungspolitik.

Als beruhigend kann ich den Nachweis von Kontinuitäten allerdings keinesfalls empfinden, weil in jüngster Zeit offenbar inneramerikanische Veränderungen hinzu kommen, die Berechenbarkeiten über den Haufen werfen, denen die Annahme längerfristiger Kontinuitäten zugrunde liegt. In dieser Hinsicht scheint mir auch Emmanuel Todd richtig zu liegen, wenn er in seinem Essay die Auffassung vertritt, dass die USA dabei sind, ihre demokratischen Charakteristika zu verlieren. Dass sie das, wie Todd meint, im Kontrast zur übrigen Welt tun, die immer demokratischer werde - das allerdings halte ich für ein frommes Märchen.

Demokratie, so wie die US-Besatzungsmacht sie uns deutschen post-nazistischen Kindern seinerzeit lehrte, meinte gerade das Gegenteil dessen, was die USA heute der Welt vorführen. Im Kino wurden damals vor dem Spielfilm kurze im US-Auftrag hergestellte Lehrfilme gezeigt, die vor allem Jugendlichen unter dem Reihentitel Wie werde ich Demokrat? beibringen sollten, dass man Konflikte durch Aushandeln löst, nicht durch Führerbefehle.

Heute, kommt es mir vor, wären nicht wenige der regierenden Amerikaner von Condoleezza Rice über Paul Wolfowitz bis George W. Bush Kandidaten für einen Intensivkurs unter der Überschrift Wie werde ich wieder Demokrat? Aber auch vielen der gewöhnlichen US-Bürger, die mit überwältigender Mehrheit dem Zuschlagen ihres Landes im Irak hingerissen Beifall klatschten, könnte für meinen Geschmack eine Auffrischung ihrer demokratischen Erziehung gut tun.

Kowalski statt Smith

Für mich unterscheiden sich die USA des Jahres 2003 in ihrer inneren Verfassung in der Tat immens von den USA des Jahres 1975, die ich bei meinem ersten USA-Aufenthalt als Gastdozent kennen lernte, und zwar nicht allein infolge der heutigen Herrschaft des Bush-Clans. Damals, Mitte der Siebziger, kurz nach dem Rückzug aus Vietnam und dem Rücktritt Nixons, schienen mir zahlreiche Amerikaner von demokratischem Stolz und von der nachvollziehbaren Befriedigung erfüllt, durch Proteste und Kritik die Rückkehr ihres Landes zum Geist der Gründerväter Benjamin Franklin und Thomas Jefferson erzwungen zu haben. In dieser Zeit begann auch die affirmative action genannte Politik zu greifen, die Schwarzen und anderen Minoritäten unter allgemeiner Zustimmung einen Startvorsprung zu geben versuchte.

Mit alledem ist es heute gründlich vorbei. Todd scheint mir in seinem Buch wiederum etwas Nachvollziehbares zu treffen, wenn er von der Entwertung des universalistischen Apriori spricht, das in den USA jahrzehntelang in Geltung war und sowohl die affirmative action als auch die Bürgerrechtsbewegung in Schwung gebracht hatte.

Drang nach Unterscheidung setzt sich innerhalb der US-Gesellschaft immer stärker durch gegenüber dem Bewusstsein der Gleichheit. Im Unterschied zu Immigranten früherer Epochen brennen heutige Neuankömmlinge nicht mehr unbedingt darauf, in der Masse von »Amerikanern« schlechthin aufzugehen: Sie wollen etwas von ihrer Herkunft behalten, das sie von anderen unterscheidet, präsentieren sich vielfach als Bindestrich-Amerikaner. Amerikaner polnischer Herkunft, deren Vorfahren sich von »Kowalski« in »Smith« umbenannten, lassen sich vermehrt in »Kowalski« zurücktaufen. Ich kenne immigrierte Amerikaner, die jetzt sogar die Koffer packen, weil sie die Bush-USA nicht länger ertragen wollen.

Besteht zwischen derartigen sozio-kulturellen Verschiebungen innerhalb der USA und der sichtlich entfesselten, im Angriff auf den quasi wehrlosen Irak gipfelnden US-Militärpolitik ein Zusammenhang? Ich weiß es nicht. Ich habe lediglich den Eindruck, dass in den USA demokratische Kontrollmechanismen versagen, dass die Transmission zwischen der in manchen Zeitungen nach wie vor artikulierten argumentierenden Kritik und der Gesellschaft schwer gestört ist.

Emmanuel Todd hat eine Theorie. Er meint, dass die USA vom Komplex der Nutzlosigkeit heimgesucht sind. Jahrzehntelang während der süßen Zeit des Kalten Krieges daran gewöhnt, von Europa und Japan als militärische Schutzmacht umworben und gebraucht zu werden, können sich die USA seit den neunziger Jahren, sagt Todd, nicht mehr der Einsicht verschließen, dass sie international zu nicht viel mehr nütze sind, als einerseits - auf Pump - überschüssige Konsumgüterproduktionen anderer Industrie-Nationen abzunehmen und andererseits, dank Dollarkurs, anlagesuchendes ausländisches Kapital aufzusaugen. In der Angst vor drohender Überflüssigkeit liegt für Todd der Schlüssel zur Erklärung der jüngsten irritierenden Windungen und Wendungen der Außenpolitik Washingtons.

Mag sein oder mag auch nicht sein. Solchen politisierenden Spekulationen gegenüber fühle ich mich immer ein wenig hilflos, vor allem dann, wenn sie - wie es bei Todd häufig der Fall ist - mit anderen politikasternden Spekulationen vom Typ Huntington oder Fukuyama in Wettbewerb treten wollen. Ich komme mir da wie ein Ungläubiger vor, der in einem Religionskrieg Partei ergreifen soll. Einiges anfangen kann ich hingegen mit Todds Argument, demzufolge die USA - für zahlreiche Erdenbewohner freilich tödlich ernste - Operettenkriege wie jenen gegen den Irak anzetteln, weil sie der Welt vorführen wollen, dass sie auf einem bestimmten Gebiet noch bombensicher handlungs- und exportfähig sind: dem militärischen.

Als »sowjetische Atomspione« wurden während der hysterischen McCarthy-Zeit Ethel und Julius Rosenberg, ein linkes jüdisches Ehepaar, verurteilt und 1953 hingerichtet. Berufsmäßige Antikommunisten in den USA wie in Europa waren von soviel amerikanischer Tatkraft damals schwer beeindruckt. Heute wissen wir von früheren sowjetischen Geheimdienstchefs, dass Julius Rosenberg sowjetischen Kontaktpersonen nichts von Bedeutung übermittelt hatte und seine Frau überhaupt nicht eingeweiht war - die Hinrichtung der Rosenbergs hat somit als Justizmord zu gelten. Jean-Paul Sartre hatte damals durchaus den richtigen Instinkt, als er angesichts dieser Barbarei ausrief: »Eines Tages vielleicht werden euch alle, die guten Willens sind, von eurer Angst heilen: Wir wünschen es, denn wir haben euch geliebt. Bis dahin dürft ihr euch wundern, wenn wir von einem Ende Europas bis zum anderen rufen: Achtung, Amerika hat die Tollwut. Kappen wir alle Bande, die uns mit ihm verknüpfen, sonst werden wir unsererseits gebissen.«

Keine Macht der Welt

Wie von Tollwut befallen scheinen auch heute wieder die USA der Bush und Rumsfeld. Von den Amerika bedrohenden irakischen Massenvernichtungswaffen, die als Kriegsgrund genannt wurden, fehlt ebenso jede Spur wie von Beweisen des Verrats der Rosenbergs. Die Präsenz des pseudochristlichen Fanatikers John Ashcroft als Justizminister in der Regierung sowie anderer lunatics of the far right (Spinner der extremen Rechten à la Wolfowitz), wie Colin Powell einmal richtig erkannte, als er noch nicht durch seinen Ministerposten geistig korrumpiert war, lässt eher an eine Patientengruppe als an ein handlungsfähiges Kabinett denken. Doch Vorsicht: Der Irrsinn, den dieser Klüngel für den Irak und anderes Terrain ausheckt, hat durchaus Methode.

Noch zur Clinton-Zeit, 1998, nannte der kluge Intellektuelle Tom Plate in den Los Angeles Times die USA eine »muskelstrotzende ausgerastete Supermacht, ausgestattet anstelle des Hirns mit wenig mehr als Cruise Missiles«. Die Invasion des Irak, die - wie der alte deutsche Emigrant Eric Koch bei einer Debatte in Montréal gerade unter Beifall sagte - entsprechend der alliierten Nürnberger Rechtsprechung von 1946 als verbrecherischer Angriffskrieg sanktioniert werden müsste, hat uns gerade vorgeführt, dass vorerst keine Macht der Welt und erst recht keine internationale Rechtsordnung eine wild entschlossene US-Regierung daran hindern können, ihre kalkuliert paranoiden Phantasmen militärisch auszuagieren.

Politisierende armchair generals, wie man in Nordamerika Schreibtischstrategen à la Emmanuel Todd nennt, mögen nun Szenarien entwerfen, in denen man eine aufgerüstete und hochmobile europäisch-russisch-chinesische Streitmacht den entfesselten USA in den Arm fallen sieht. Mir fehlt das Talent zu solcher Strategic-Fiction-Prosa. Mir bleibt deshalb nichts anderes übrig, als zum Schluss diese Mahnung des während der Nazizeit in die USA emigrierten Philosophen Max Horkheimer wiederzugeben: »Dass etwas Macht gewinnt, ist kein Grund, es zu verehren.«

(*) Bezieht sich auf Todds Après l´Empire. Essai sur la décomposition du système américain. Originaltitel des Ende 2002 bei Gallimard erschienenen Buchs.

00:00 16.05.2003

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