Wie zarter Staub

Vom langen Leben der Toten Eindrücke auf einem Symposium zu Heiner Müllers Verhältnis zur Nation

Zwölf Stunden sollte es dauern: Im Berliner Jüdischen Museum veranstalteten die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Internationale Heiner-Müller-Gesellschaft am 9. November ein Symposium in memoriam Heiner Müller, dem "bedeutendsten Dramatiker des Unbewussten", so der Philosoph und Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. Die Müller-Gemeinde kam zusammen, um Müllers Germania 1-3 zu diskutieren. "Undenkbar ist es./Es hat Germania/Begraben einer der entkam. Die Haut/Und Fluss und Stadt und Berg/Zweimal mit Staub bestreut/Und wie sichs ziemt gefeiert./Es ist kein Grabmal/Nur zarter Staub.", so der Schriftsteller und Regisseur B. K. Tragelehn.

Auf den ersten Blick hatte man es mit einer verbindlichen, gut vorbereiteten Hommage an den Dichter und Dramatiker zu tun: Am Vormittag die Vorstellung eines Kriegsmodells als Playstation Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan (Klaus Theweleit) und Erfahrungen zu Germania lesen. Von Nachmittag bis abends dann: Germania inszenieren, eine Gesprächsrunde mit dem Franzosen Jean Jourdheuil und den Regisseuren Frank-Patrick Steckel und B.K. Tragelehn. DUNKEL GENOSSEN IST DER WELTRAUM SEHR DUNKEL, so ein Zitat aus dem in eckigen Klammern gesetzten Schluss von Germania 3.

Die Regisseure tauschten sich über ihre Erfahrungen mit Inszenierungen der Germania-Trilogie aus. Rosa Luxemburg durchwandere als Hure, Mutter und verblichene Nation das deutsche Totenreich. Des Weiteren das Nibelungenepos und Stalingrad im Untergang verknüpft. Eine negative, fratzenhafte, beschämende Nation. Müller imaginiere den Totentanz auf dem rostigen, mechanischen Körper der deutschen Nationalgroteske. Aber "diese Stücke sind doch wie Heimatfilme", erwägte Regisseur Steckel, - die sich selbst zu Grabe tragen, weil die Nation immerfort beerdigt werden müsse. Freilich nur, um die Toten immer wieder auferstehen zu lassen. Und das trotz des tiefen Dunkels, das entweder Lichtjahre oder millimeterweit vom Menschlichen und Allzumenschlichen entfernt ist.

Der Blick könne dennoch "durch den Türspalt vom ungeheuren Licht, der Wärme der Sprache" (Tragelehn) durchflutet werden. Müller kehrt hier als Dichter zurück und lässt in der Differenz von Beschreibbarem und Unbeschreibbarem, Kommunikablem und Nicht-Kommunikablem neues Leben aufkommen: Allerdings "im Totenreich Deutschland", womit der vorzügliche Vortrag des Theaterwissenschaftlers Günther Heeg Das Theater der Auferstehung einsetzte. Die Figur des "doppelten Kessels", Stalingrad und Germania, habe das kollektive Gedächtnis zersetzt, gemeinschaftliche Verbindlichkeiten zerfasert, Wort und Tat in ungeheure Zwiespältigkeiten aufreißen lassen, die Deutschland, die verspätete Nation, tief unterwandern. Was bleibt? "Das Fleisch der Instrumente/Welt ohne Hammer und Nagel/Unerhört" wie in Müllers Bruchstück für Luigi Nono.

Übermalungen historischer Formationen, Gesteinsproben gleich, die sich mit generationalen Rissen überdecken, seien in Müllers Werk gleichsam thema probandum und modus operandi, gebrochene Allegorien, die jeden Perspektivenwechsel ad absurdum führen. 1914/1918/1933: Stationen von Wahn und Blut. 1945/1949: Erzwungene, verdrängte Versöhnung. Müller gehe hier hindurch, durch vergessene, zuweilen entweihte Katakomben. Vom warmen zum kalten Krieg. Der Dichter als Störenfried zwischen Diesseits und Jenseits. Man muss schon die Toten aus ihrer Verstummung befreien, um sich selbst befreien zu können. Was ist dieses Deutschland noch, diese Nation, die sich zerstört, um sich zu sehen? Was sind diese neurotisch bis psychotisch überhöhten nationalen Wolkenkratzer, diese unter der Erde herumwühlenden Maulwürfe, die oben und unten zu inkommensurablen Reichen gerinnen lassen? "Deutschlands Untergang höre nimmer auf!" Benjamin rief bereits 1923 eine künftige deutsche Geschichte auf den Plan. Aus der Vergangenheit die Utopie konstruieren - das ist kein neues Thema. Nation als nekrophiler Begriff, Bewegung und Aufruhr in die Gräber bringen, auch sich vergessend, um den Toten Leben einzuhauchen - das sei Müllers Programm.

Doch das Drama ist nicht gleich Totenkult. Nikolaus Müller-Schölls Vortrag Biopolitik und Potenzialität. Zu Heiner Müllers Poetik der Zäsur ("In Auschwitz/die Nagelspur/ Mann über Frau/Über Kind") war auf der Suche nach der gemeinsamen deutschen Spaltung und deren poetischen Entzweiungen, der Blutspur auf dem Weg, die Auschwitz paradigmatisch kennzeichnet, dieses Kafka-Auschwitz, das vorhergesagte, das Generationen das menschliche Antlitz nehmen wollte. Der Sprengstoff des Konzentrationslagers sei auch Müllers Beobachtungsmodell der technokratisch totalitären Gesellschaft und der rational niedergewalzten Subjektivität im verhängnisvollen XX. Jahrhundert. Er bleibe in Anlehnung an Derrida, Foucault, Horkheimer und Adorno Aufklärungs- und Zivilisationskritiker.

Klaus Heinrichs und Peter Kammerers Die Nation beerdigen ..." (das Bild entstand aus einem Gespräch zwischen dem Dramatiker und dem Philosophen) bildete schließlich den Höhepunkt des Symposiums. Die Nation werde bei Müller zu einem blutsaugerischen, vampiristischen Konstrukt, das seine Ambivalenzen zwischen Obsession und Naivität charakterisiere. Im Bild der permanenten Zerstückelung im Kessel, im Leiden an Deutschland, eröffne sich dialektisch das Prinzip Hoffnung, eine Art Nekrophilie als Liebe zur Zukunft. Darum Müllers verzweifelte Suche nach der Beerdigung der Nation.

Den Toten als "Untoten" ihren Platz im Leben zu geben, das sei für Müller Kultur und Sinnbild der Aufhebung des Nationalen, die in dem Augenblick einsetzt, in dem die Gattung - seit der europäischen Aufklärung und der Französischen Revolution - über dem Nationalem triumphiert. Nicht die Toten schlechthin, auch nicht die Lebenden, die die Toten vergessen haben, sondern die Untoten seien Gegenstand von Heiner Müllers Dramatik.

"Die Nation wird erwandert", bemerkte Heinrich pointiert vor einem aufmerksamen Publikum, das wie in einer Totenmesse mäuschenstill der Rede des Universalgelehrten folgte. Des Dichters Ambivalenzen deutete Heinrich als Zeichen von Realitätsgewinn, nicht von Verlust, der menschenverachtende Eindeutigkeit in sich berge. Dieser Realitätsgewinn freilich bilde hier das Privileg einer Opfergemeinschaft, zu der Müller gehöre. Müller, der Deutsche, stehe in Lebensambivalenzen, nicht in der Vernichtungsspirale des Entweder-Oder. Entweder-Oder: Diese Frage stand für die deutsche Nation in letzter Konsequenz, als die Menschen in Deutsche und Untermenschen geteilt wurden. Der Müller der Ambivalenzen ist "nur" der Kriegsverlierer, der sich aufmacht, das Nationale zu erwandern, es zu unterwühlen. Auschwitz dagegen kennt keine Ambivalenzen, sondern nur die nackte, nichtige Eindeutigkeit. Das Nichts. Die schlechte Unendlichkeit, in der die Personalpronomina verschwinden. An diesem Punkt setze der Dichter ein. Und betreibe Todesbeschwörung. Die Nation, zumal die deutsche, solle auch jenseits Europas verschwinden, damit die Gattung lebe. Der Dichter des Unbewussten, der surreal die Untoten verfremdet und tanzen lässt, war marxistisch genug, als Gattungssubjekt, das Nationen und Staaten aufheben könnte, ein noch zu definierendes Proletariat aus dem Reich der Toten auferstehen zu lassen. Heinrich setzte "die Verklammerung von Raum und Zeit postneolitisch neu zu definieren" dagegen - und zwar gegen die Todesangst. Eine sanfte Revolte: So könnte die Religion der Uniformität (der Kapitalismus) von der Religion der Individualisten (Kommunismus) überwunden werden - hin zu einer konkreten Utopie der ungezwungen vergesellschafteten Menschheit. Müller verkehre die Bilder, um sie zu korrigieren.

Zum Schluss ("... der Zukunft zugewandt ...") diskutierten der Soziologe Dirk Baecker, der sich selbst als PDS-Minderheit definierende Gregor Gysi, der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl und der Verleger K. D. Wolff unter der verzweifelten Moderation von Lothar Müller. Gysi empfahl der Linken, "ihr Verhältnis zur Nation zu normalisieren." Heiner Müller war da bald verschwunden, vergessen, wie in den neunziger Jahren, in denen "die deutsche Nation" in Erweckungshäusern und Fußballstadien zu ideologischer Normalität zu werden drohte.

Müller ist nun der Untote, dem man sehr viel verdankt. Und er kommt nochmals daher wie zarter Staub.

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00:00 15.11.2002

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