Wie zeigen, dass Auschwitz stattgefunden hat?

IM KINO James Molls "Die letzten Tage" ist der erste Kino-Dokumentarfilm der von Steven Spielberg gegründeten Survivors of the Shoa Visual History Foundation

Im Jahre 1999 wurde The last days mit einem "Oscar" in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" prämiiert. Hergestellt mit Hilfe von Steven Spielbergs Shoah-Foundation und unter der Regie des US-Amerikaners James Moll, erzählt das ambitionierte Werk die bewegende Geschichte sechs geretteter ungarischer Juden: Bill Basch, Alice Lok Cahana, Renée Firestone, Dario Gabbai, Tom Lantos und Irene Zisblatt - sie alle kehren für den Film zu den Orten ihrer Kindheit zurück, stehen fassungslos ehemaligen Nachbarn gegenüber und begeben sich zu den Stätten der Verbrechen, um den Schrecken noch einmal zu durchleben. Orte, die sie seit über 50 Jahren nicht mehr gesehen haben: die Elternhäuser, die Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager. Dabei berichten die heute in den USA lebenden Shoah-Opfer und drei ihrer Befreier in ergreifender Weise, was sie damals in Auschwitz und anderswo erlebt haben.

Während die alliierten Truppen ihre Landung in der Normandie vorbereiten, beschleunigt die SS im Frühjahr 1944 ihren Vernichtungskreuzzug gegen die europäischen Juden. Am Morgen des 15. Mai rollen die ersten Deportationszüge aus allen Teilen Ungarns nach Auschwitz. Innerhalb von nur sechs Wochen wird die Hälfte der ungarischen Juden ermordet. 437.000 Kinder, Frauen und Männer laut Buchführung des NS-Staates.

Am Schicksal seiner Protagonisten exemplarisch den Verlauf der Shoah zu dokumentieren, ist die Absicht von Die letzten Tage. Doch der Film gehört nicht zu den bedeutenden Dokumentationen über die Judenvernichtung. Im Gegenteil, James Moll und sein executiveproducer Spielberg betreiben konsequent die cineastische Banalisierung der Shoah. Die Dokumentation führt den Zuschauer sanft durch den Massenmord. Hier folgt Hollywood wieder einmal überwältigungsästhetischen Konzepten, um sich so auf vereinfachende und weniger verstörende Weise geschichtlicher Ereignisse zu bemächtigen. Dazu gehört auch der pausenlos dahinrieselnde Soundtrack von Hans Zimmer. Wie bei den großen Mainstream-Produktionen Hollywoods hat man dem Szenario des Grauens einen dröhnenden Klangteppich unterlegt. Als ob die Geschichten der Überlebenden nicht ausreichen, um die Zuschauer zu berühren. Als würde der Film seinen eigenen Bildern nicht trauen.

Dabei sollen kleine Alltagsgeschichten der Überlebenden den nationalsozialistischen Terror "verlebendigen", anschaulich machen. Oft handeln diese Episoden von Gegenständen als letztem Hoffnungsträger: dem geliebten Badeanzug oder den Edelsteinen der Familie, die vor den Häschern der SS versteckt wurden. Tatsächlich sind es diese Erlebnisse der Geretteten, die beklommen machen. Wir hören ihre Stimmen, folgen ihren Bewegungen und sehen die Tränen vor der Kamera.

Doch der Film verschweigt die Namen seiner Protagonisten fast bis zum Ende. Eine Dramaturgie mit fatalen Wirkungen, denn die Grenze zwischen Täter und Opfer verschwimmt, bis beide kahl und kalt nebeneinander stehen. Etwa wenn der ehemalige KZ-Arzt Hans Münch auf der Leinwand erscheint. Ohne Angabe seines Namens und seiner Funktion äußert sich Münch auf schockierende Weise zur Verbrennung der Ermordeten in Auschwitz: "Wenn Fett gebrannt hat, hat die Grube funktioniert."

Die letzten Tage respektiert nicht wirklich die Erinnerungen der sechs Überlebenden als individuelle Zeugnisse. Statt dessen werden die Interviews in kleinste Fragmente zerschnitten, um sie dann in einen übergeordneten Deutungszusammenhang einzufügen. Zwar verzichtet der Film auf einen Off-Kommentar. Die Aufgabe der Ordnung übernimmt die Montage: Die Shoah erscheint als zielgerichteter, zwangsläufiger Prozess. Ihrer Planung und Durchführung wird damit eine Rationalität zugesprochen, die sie zu Anfang keineswegs besaß. Schließlich kulminiert der Film in der Inszenierung eines versöhnlichen Endes. Berichte einzelner Veteranen der US-Armee über die Befreiung der Lager werden derart verklärend so montiert, dass sie wie eine patriotische Heilsgeschichte der Vereinigten Staaten auf Verfolgung und Mord erscheinen. Analog zu Spielbergs Kriegsfilm Saving Private Ryan. Das widerspricht nicht nur den historischen Fakten. Diese Instrumentalisierung ist auch deshalb zurückzuweisen, weil Trauer und Betroffenheit gerade nicht zu erzieherischen Zwecken mit Happy End missbraucht werden dürfen. Wer Opfer wurde, bleibt Opfer, schreibt der Auschwitz-Überlebende und Essayist Jean Améry. Dagegen funktionalisiert die unbedachte Umsetzung von Trauerarbeit in unmittelbare Lehren für die Gegenwart die Opfer erneut und enteignet die Überlebenden ihrer Zeugnisse.

Zudem bleiben in Die letzten Tage wichtige Fragen unbeantwortet: Warum wurden die Gaskammern in Auschwitz nicht von den USA bombardiert? Oder die Eisenbahnlinie zwischen Ungarn und Polen? Die Alliierten kontrollierten längst den Luftraum über Europa und verfügten auch logistisch über Möglichkeiten, gezielt Angriffe zu unternehmen. Bombardierungen hätten die Transporte nach Auschwitz stoppen können. Das US-War-Department sträubte sich gegen militärische Einsätze aus einem einzigen Grund, man wollte nicht, wie es inoffiziell hieß, in den Verdacht geraten, dieser Krieg würde "um der Juden willen" geführt. Und wer war verantwortlich dafür, dass der Bericht zweier jungen Slowaken, denen es gelang, einen Monat vor Beginn der ungarischen Tragödie, aus Auschwitz zu fliehen, nicht veröffentlicht wurde? Danach besaßen vor allem die katholische und die protestantische Kirche, Miklos Horthy als Regent des ungarischen Königreiches und selbst die jüdischen Organisationen Informationen von den Deportationsabsichten des NS-Regimes. Schließlich bleibt auch zu fragen, ob diese sechs ungarischen Juden nicht deshalb ausgewählt wurden, weil ihre Biographien der Versöhnungsdramaturgie eines Happy End entgegenkommen. Wie etwa der Lebenslauf von Tom Lantos, der es nach Kriegsende in den Vereinigten Staaten zum erfolg- und einflussreichen republikanischen Abgeordneten brachte.

Die letzten Tage fällt hinter das zurück, was die Filmgeschichte bisher hervorgebracht hat: In den fünfziger Jahren noch war die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime für den Dokumentarfilm mehr oder weniger tabu. Das änderte sich erst in den sechziger und siebziger Jahren, vor allem 1956 mit Nachtund Nebel von Alain Resnais. In diesem Zeitraum entwickelte sich der sogenannte Kompilations- oder Umwertungsfilm. Die Filmemacher bedienten sich dabei historischer Filmaufnahmen der Nationalsozialisten, etwa der Wochenschauen, einzelner Filmsequenzen aus Leni Riefenstahls Triumph des Willens oder dem antisemitischen Machwerk Derewige Jude, montierten diese neu, kombinierten sie mit selbstgedrehten Passagen und unterlegten den Dokumentationen kommentierende Off-Texte und Musik. Das Problem dieser Filme war, dass die historischen Versatzstücke lediglich die geschönte, propagandistische Selbstdarstellung des Nationalsozialismus im politischen Alltag enthielten. Deshalb versuchte man, in der Montage ein Gegenbild zum offiziellen Selbstbild der Diktatur zu entwerfen. So wie man es mit Agenten macht, die umgedreht werden: Das NS-Regime sollte in all seiner Gewalttätigkeit und verbrecherischen Zielsetzung sichtbar gemacht werden. Dabei begnügten sich die Filmemacher weitgehend mit vorgefundenem Material. Die Befragung von überlebenden Opfern, Zuschauern und Tätern der NS-Zeit wurde erst Anfang der siebziger Jahre als Methode entdeckt. Sie gehört in eine Reihe von Bemühungen, Zeitgeschichte durch die Wiedergabe subjektiv erlebter Ereignisse darzustellen. Man muss hier auf Claude Lanzmann und sein 1986 fertiggestelltes epochales Werk Shoah verweisen. Wenn darin die überlebenden Opfer von der Vergangenheit erzählen, dann ermöglicht dies dem Zuschauer die Ahnung von etwas Abwesendem, der Judenvernichtung. Die Vorstellung selbst ist die Anwesenheit einer Abwesenheit, die außerhalb des raumzeitlichen Kontinuums der gegenwärtigen Einbildung liegt. Diese organisiert Lanzmann über die Aussparung.

Dagegen fehlt im Film von James Moll keines der bekannten Bilder des Grauens: weder die Rampe in Auschwitz, die Gaskammern, die Latrinen noch die Originaldokumente von Erschießungen und vollgestopften Leichengruben oder den ausgehungerten Überlebenden bei der Befreiung. Die Montage dieser Bilder bleibt jedoch ohne Imagination, ohne Kraft. Die Millionen europäischer Juden, die ermordet wurden oder nach ihrer Rettung sich das Leben nahmen, haben in The last days keinen Platz. Für sie findet James Moll keine eigene Bildsprache.

Das Buch zum Film: Die letzten Tage. Basierend auf dem Film von James Moll. Herausgeber: Steven Spielberg und Survivors of the Shoah Visual History Foundation, vgs-Verlag Köln 1999, 240 Seiten, gebunden, zahlreiche farbige Abbildungen, DM 49,90.

00:00 10.03.2000

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