Überflutungen der Fidschi-Inseln: Wie zieht man ein ganzes Land um?

Klimawandel Auf den Fidschi-Inseln stehen bereits erste Dörfer unter Wasser, über 40 weiteren droht dieses Schicksal. Ihre Umsiedlung ist ein Kraftakt, vor dem in Zukunft viele Staaten stehen werden. Kate Lyons war auf den Inseln Vanua und Viti Levu
Das neugegründete Dorf Vunidogoloa
Das neugegründete Dorf Vunidogoloa

Foto: Walter Gerard

Die Klimamigration hat begonnen – zumindest im Pazifik. Und die Aufgabe ist gewaltig. Auf den Fidschi-Inseln werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren 42 Dörfer umsiedeln müssen, weil sie sonst unter Wasser stehen. Sechs Dörfer sind bereits umgezogen.

Fidschi liegt im Südpazifik, 1.800 Meilen östlich von Australien, hat mehr als 300 Inseln und eine Bevölkerung von knapp einer Million. Im Südwestpazifik steigen die Oberflächentemperaturen dreimal so schnell wie im globalen Durchschnitt. Schwere Wirbelstürme suchen die Region regelmäßig heim. Im Jahr 2016 traf der Zyklon Winston auf Fidschi, er tötete 44 Menschen und verursachte Schäden in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar, das entspricht einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts des Inselstaats. Seitdem trafen Fidschi sechs weitere Zyklone. Fünf der 15 Länder, die am stärksten durch wetterbedingte Ereignisse gefährdet sind, liegen im Pazifik. Fidschi liegt auf Platz 14.

Nun hat eine Arbeitsgruppe der Regierung den ersten tief greifenden Umsiedlungsplan vorgelegt: die „Standardarbeitsanweisungen für geplante Umsiedlungen“, SOP. Denn die Umsiedlung eines Dorfes ist eine komplexe Aufgabe. „Wir versuchen immer wieder, dies zu erklären“, sagte Satyendra Prasad, Fidschis Botschafter bei der UNO. „Es ist nicht damit getan, 30 oder 40 Häuser in einem Dorf abzureißen und sie weiter nach oben zu verlegen. Ich wünschte, es wäre so einfach.“ Schulen, Gesundheitszentren, Straßen, Strom, Wasser, Infrastruktur, die Dorfkirche: Sie alle müssen mit den Häusern umgesiedelt werden. „Und selbst wenn Sie das schaffen sollten, müssen Sie noch die Gräber der Menschen verlegen. Versuchen Sie das mal.“

Kein anderes Land sei in der Planung so weit wie Fidschi, sagt Erica Bower, die als Expertin für Umsiedlungen mit der UNO und der fidschianischen Regierung zusammenarbeitet. „Das sind Fragen, die sich viele Regierungen auf der ganzen Welt in den nächsten zehn, 20, 50 Jahren stellen werden.“ Wie also siedelt man ein Land um?

1. Die erste Umsiedlung: Eine (Teil-)Erfolgsgeschichte

Vunidogoloa heißt das erste Dorf, das in Fidschi umgesiedelt wurde: ein Dorf mit etwa 140 Einwohnern auf Vanua Levu, der zweitgrößten Insel des Landes. 2014, zum Zeitpunkt des großen Umzugs, war der heute 62-jährige Sailosi Ramatu Dorfvorsteher. Hier wurde er geboren, hier, so, dachte er, würde er sterben. Jetzt ist sein altes Dorf eine Geisterstadt. Etwa 20 verlassene Häuser stehen noch, der Wind pfeift durch die offenen Türen und die zerbrochenen Jalousien. Die Dächer sind eingestürzt, die Dielen fehlen, alles ist überwuchert. Was einst eine grüne Lichtung war, auf der man sich zum Essen und Trinken traf, ist heute ein Sumpf.

Der Umzug war die letzte Option. Das Dorf hatte sich angepasst, bis es sich nicht mehr anpassen konnte. Unten am Sandstrand des alten Dorfes zeigt mir Ramatu Betonblöcke, die aus dem Sand ragen: die Fundamente seines alten Hauses. Als das Wasser immer weiter vorrückte, hatte seine Familie das Haus erst nach hinten, dann wieder nach vorne verlegt. Er zeigt auf die Überreste einer Mauer, wenige Meter vor der Küste. Es war die zweite, die für das Dorf gebaut wurde, nachdem Wellen und Stürme die erste zerstört hatten. Auch sie war unbrauchbar geworden.

Besonders schmerzhaft war es, die Toten zurückzulassen. „Unsere Großeltern, unsere Eltern, wir ließen alles zurück. Als wir an diesem Tag umzogen, war es, als würden wir als Fremde in ein fremdes Land ziehen. Die Leute packten ihre Koffer, sie wurden auf einen Lastwagen verladen. Sie weinten, bevor sie ihr Haus verließen, denn das war das letzte Mal.“

Das verlassene – überschwemmte – Vunidogoloa

Foto: Walter Gerard

Das neue Vunidogoloa besteht aus 30 blassgrünen Häusern, verteilt über einen tiefgrünen Hügel. Im Haus von Sera Naidrua sind die Wände mit bunten Stoffbahnen ausgekleidet, durch die offenen Fenster und Türen weht eine kühle Brise. Naidrua, 74 Jahre alt, schenkt kalten Tee in Plastikbecher und erinnert sich daran, wie sie als Kind die Früchte des Dilo-Baums an der Küste des alten Dorfs pflückte, zum Murmelspielen. Aber, erzählt Naidrua, „wir hatten wegen der Wirbelstürme und der Überflutung des Dorfes durch die Wellen Angst um unser Leben. Hier fühlen wir uns sicherer“.

Für eine Umsiedlung braucht eine Gemeinde vor allem zwei Dinge: Land und Holz. Zumindest in dieser Hinsicht hatte Vunidogoloa Glück. Die Dorfbewohner besaßen bereits Land innerhalb der Clan-Grenze, und auch Wald, der Holz für die Häuser liefern konnte. Während die fidschianische Regierung einen großen Teil der Umsiedlung finanzierte und die Internationale Arbeitsorganisation einen Teil der Mittel für die Bezahlung der Bauarbeiter bereitstellte, steuerte das Dorf einen Großteil des Materials bei.

Dennoch wurden auch Fehler gemacht. „Einer der auffälligsten Punkte ist, dass man vergessen hat, Küchen einzubauen“, sagte Makereta Waqavonovono von Climate Tok, einer Organisation, die mit ländlichen Gemeinden Aufklärungsarbeit zur Klimakrise leistet. Der ursprüngliche Plan der Regierung sah eine Außenküche für jedes Haus vor, die in einer zweiten Bauphase errichtet werden sollte, was jedoch nie geschah. Schließlich bauten die Dorfbewohner ihre eigenen Küchen. Fehlten hier schlicht die Mittel? Makereta Waqavonovono erklärt es sich anders: „Es bedeutet, dass Frauen nicht beteiligt waren.“

Dafür verfügen die neuen Häuser über Klärgruben, Solarzellen und Toiletten mit Wasserspülung. Der Anbau von Lebensmitteln ist hier viel einfacher, da der Boden nicht sumpfig und versalzen ist. Der neue Standort Vunidogoloas liegt in der Nähe einer Straße, die eine bessere Anbindung an größere Städte ermöglicht, um medizinische Versorgung und Schulbildung zu erhalten. Aber das leichtere Reisen hat auch dazu geführt, dass Alkohol in dem zuvor trockenen Dorf Einzug hielt, was Simione Botu, der derzeitige Dorfvorsteher, als „kriminelles Verhalten“ bezeichnet. Außerdem liegt der neue Standort im Landesinneren, was den Fischfang erschwert. Viele Bewohner, so Naidrua, gehen zum Fischen noch zwei- oder dreimal pro Woche zum alten Dorf hinunter.

2. Ein Plan muss her

Wenn das Land „iTaukei“ ist, also in indigenem Besitz, geht der Antrag auf Umsiedlung an den Bezirksbeirat; ist das Land nicht in indigenem Besitz, geht der Antrag an das Ministerium für Wohnungsbau und kommunale Entwicklung; wenn die Gemeinde als erdbeben- oder erdrutschgefährdet eingestuft wird, sollte die Risikobewertung des Landes von der Abteilung für Bodenschätze durchgeführt werden; handelt es sich um das Risiko von Wirbelstürmen, wird dies vom Meteorologischen Amt der Fidschi-Inseln vorgenommen. Der komplexe nationale Umsiedlungsplan in Fidschi besteht aus zahlreichen Diagrammen, die die erforderlichen Schritte für eine Umsiedlung aufzeigen – je nach Ausgangslage. Dabei wird der SOP ständig angepasst, seine Verfasser bezeichnen ihn als „lebendes Dokument“.

„Außenstehende können leicht sagen, dass in jede Entscheidung eine Frau mit einbezogen werden sollte“, sagte Christine Fung von der GIZ. „Und dann läuft der Prozess, die Frauen sagen in den Sitzungen ‚Ja‘, aber wenn man genauer nachhakt, ist das manchmal nicht wirklich die Stimme der Frauen: Kulturell bedingt überlassen die meisten Frauen den Männern das Wort.“ Man habe dann versucht, Frauen gezielt und separat zu einer möglichen Umsiedlung zu konsultieren. Nun müssen nicht nur 90 Prozent aller Dorfbewohner, sondern auch 90 Prozent der Frauen, 90 Prozent der Männer, 90 Prozent der Älteren, 90 Prozent der Jüngeren, 90 Prozent der LGBTQ-Bewohner und 90 Prozent der Menschen mit Behinderung ihre Zustimmung geben, bevor Gespräche mit der Regierung über eine Umsiedlung beginnen können. Bisher hing die Entscheidung darüber, ob ein Dorf für eine Umsiedlung infrage kam – und der letztendliche Erfolg einer Umsiedlung – in hohem Maße vom Einfluss der Dorfvorsteher ab.

Aber selbst wenn sich alle inklusive der Behörden einig sind, dass eine Umsiedlung unumgänglich ist, braucht es noch Geld – und Land.

3. Ein Dorf in der Schwebe: Umzugsbereit – aber wohin?

Für die Einwohner von Nabavatu war das Problem das Land. Bis zum letzten Jahr hatte dort niemand eine Umsiedlung in Betracht gezogen. Das Dorf, das auf einem Hügel auf der Insel Vanua Levu mit Blick auf den mächtigen Dreketi-Fluss liegt, hatte den schleichenden Anstieg des Meeresspiegels und die allmähliche Vergiftung des Bodens noch nicht erlebt. Dann, im Januar 2021, wurde es vom Zyklon Ana getroffen. „Es war mein erster Zyklon“, sagt Eseroma Lava, 66, der stellvertretende Dorfvorsteher. „Ich hatte an diesem Tag wirklich Angst.“

Achtzehn Monate nach dem Wirbelsturm war das alte Dorf immer noch ein Schauplatz der Zerstörung. Das Gemeindehaus war völlig kaputt, die Decke eingestürzt, die Kirche mit tiefen Rissen vom Fundament bis zum Dach. Die Vermessungsingenieure der Regierung erklärten den Boden für zu instabil. Die Bewohner mussten das Dorf verlassen, für immer.

Die fast 400 Menschen leben seit über einem Jahr in Katastrophenzelten auf dem Gelände einer Kirche. Kleine Solarbatterien sorgen für Strom – solange die Sonne scheint. Um nach Einbruch der Dunkelheit weiter zu lesen oder Schularbeiten zu erledigen, nutzen die Kinder die Taschenlampen ihrer Telefone, sofern sie welche haben. Die Wasserversorgung ist lückenhaft, und es gibt nicht genügend Toiletten. „Alle 38 Zelte hier benutzen die Kirchentoilette – drei für die Frauen, drei für die Männer“, sagt Lava seufzend.

Sailosi Ramatu steht dort, wo Vunidogoloa früher mal war

Foto: Walter Gerard

Die Sonne geht unter, und Lavas Tochter Laisana Bilosiliva badet ihr Kind in der Betonspüle der behelfsmäßigen Küche vor ihrem Zelt, in dem sieben Erwachsene und sechs Kinder leben. Die Privatsphäre ist ein Problem, aber die größte Herausforderung sei die Hitze, so Bilosiliva. Tagsüber ist es in den Zelten zu heiß für die Kinder, deshalb verbringt sie einen Großteil des Tages mit ihrer Tochter draußen im Schatten eines Mangobaums. Nachts ist es in den Zelten jedoch eiskalt.

Dass Nabavatu umgesiedelt werden muss, bestritt niemand. Das Problem war, dass es innerhalb seiner Clangrenzen kein geeignetes Land gab. Doch nach anderthalb Jahre erzielten das Dorf und die Regierung eine Einigung über ein fünf Hektar großes staatliches Grundstück in der Nähe. „Nabavatu-Umsiedlung, gesponsert von der fidschianischen Regierung in Absprache mit dem Nabavatu Trust. Ein Projekt zum Klimawandel“, steht auf einem Schild.

Das Land ist nun sicher. Doch die Abholzung für die neuen Häuser hat noch nicht begonnen. Und sie wird etwa 18 Monate dauern.

4. Die „Tukuraki-Erfahrung“: Wie es schiefgehen kann

Die Frage nach Land stellt sich für jedes der 42 Dörfer auf der Liste der dringlichen Umsiedlung. Indigenes Land kann in Fidschi weder gekauft noch verkauft werden, aber ein Clan kann mit einem anderen eine Vereinbarung treffen, die ihm erlaubt, ein Stück Land für ein neues Dorf zu nutzen. „Es wird kein Geld erwartet“, sagt eine am Umsiedlungsprozess Beteiligte, die anonym bleiben möchte. „In unserer Kultur ist das nicht etwas, das wir – das wäre ...“ Sie beginnt über die Absurdität zu lachen. „Man gibt es einer Familie oder einem Dorf, damit sie es bewohnen, weil sie in Not sind. Es wird sogar als Ansporn gesehen, dass man das tut, um die Beziehungen zu den benachbarten Clans zu stärken.“

Aber das Fehlen einer finanziellen Vereinbarung kann die Dinge manchmal komplizierter machen. 2017 wurde Tukuraki, ein Dorf im Hochland der Hauptinsel Viti Levu, nach einer Reihe von Katastrophen auf das Land eines benachbarten Clans umgesiedelt. Fünf Jahre zuvor erlebte Tukuraki einen Erdrutsch, eine Familie kam dabei ums Leben. Später im selben Jahr traf der Zyklon Evan das Dorf, beschädigte die provisorischen Häuser, zerstörte die Infrastruktur und vernichtete die Ernte. Im Februar 2016 dann kam Zyklon Winston, der schlimmste in der Geschichte Fidschis. Die Dorfbewohner mussten in Höhlen Zuflucht suchen – ein neues Dorf wurde aufgebaut.

Doch es kam zu Konflikten zwischen den umgesiedelten Bewohnern von Tukuraki und Mitgliedern des Clans, auf dessen Land sie nun leben. Letztere waren unzufrieden, als sie feststellten, dass die Häuser, die für das neue Dorf gebaut worden waren – mit Küchen, Toiletten und Bädern –, besser waren als die ihren und dass ein Fischteich, ein Geflügelstall und Bienenstöcke gebaut worden waren, damit die neuen Einwohner ein Einkommen erzielen konnten.

Die „Tukuraki-Erfahrung“ hat zu einem neuen Passus im nationalen Umsiedlungsplan geführt: Die Entwicklung der Gastgemeinde muss mitberücksichtigt werden, wenn eine neue Gemeinde diese Entwicklung erhält.

5. Und wer bezahlt’s?

Ist die Landfrage geklärt, bleibt die der Finanzierung. Der Prozess ist teuer, und weder die fidschianische Regierung noch die umzusiedelnden Dörfer haben das Geld, um die Rechnung zu bezahlen. Das BIP der Fidschi-Inseln lag 2021 bei 4,59 Milliarden Dollar, ein Rückgang von fast 20 Prozent gegenüber 2019, nachdem Covid die Tourismusindustrie über Nacht zum Erliegen gebracht hatte.

Die internationalen Gelder reichen nicht aus. „Wenn man sich die Höhe der Mittel ansieht, die für die Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung gestellt werden“, so Aiyaz Sayed-Khaiyum, Minister für Klimawandel auf den Fidschi-Inseln, „dann ist die Zuweisung für den Pazifik nur ein Bruchteil eines Bruchteils davon“.

2019 richtete Fidschi den weltweit ersten Treuhandfonds für Umsiedlung ein. Die Anschubfinanzierung stammt aus der staatlichen Klimaanpassungsabgabe, aus Tourismus-Steuern sowie aus Steuern auf hohe Einkommen über 117.000 US-Dollar. Im Februar 2020 spendete Neuseeland als erster internationaler Partner direkt in den Treuhandfonds und steuerte 1,25 Mio. US-Dollar bei. Das Geld im Staatstopf reicht jedoch längst nicht für die Umsiedlung aller betroffenen Gemeinden.

6. Gehen oder bleiben?

Wenn ein Dorf umgesiedelt werden soll, kommen also Berater, Vermessungsingenieure, Regierungsbeamte, Geldgeber – und es kommen: Theologen. „Die Menschen im Pazifik sind immer noch zutiefst spirituell und tief mit dem Land verbunden“, sagt Netani Rika von der Pazifischen Kirchenkonferenz (PCC), die Kirchen verschiedener christlicher Konfessionen im gesamten Pazifik verbindet. „Es ist das Land, das Gott euren Vorvätern gegeben hat und das eure Vorväter euch gegeben haben, und wenn ihr jetzt wegzieht, ist das fast ein Zeichen, dass ihr euch eurer Verantwortung entzieht. Manchmal reicht es aus, wenn der Priester, der Pfarrer oder der Pastor sagt: Seht her, ob ihr nun hier seid oder oben auf dem Berg, Gott ist immer noch bei euch. Gott ist überall. Gott war von Anfang an bei dir und wird dich auch auf dieser Reise begleiten. Fühlt euch frei, zu gehen.“

Für viele Pazifikbewohner sind die Grabstätten nach wie vor das größte Hindernis bei der Umsiedlung. Dorfbewohner stehen vor der Wahl, entweder die Gebeine ihrer Vorfahren zurückzulassen oder sie zu exhumieren und an den neuen Ort zu bringen. Beide Entscheidungen sind zutiefst traumatisch.

In einer winzigen Siedlung mit einem halben Dutzend Häusern namens Togoru steht der Friedhof bereits unter Wasser. Bei Flut schwimmen Fische um die Grabsteine der Vorfahren von Lavenia McGoon, aber die 70-Jährige will bleiben. Als ich zu Besuch komme, hat McGoon Besuch aus Australien. Ein Boot voller Kinder bricht gerade zu einem Ausflug auf, ein Kleinkind schläft in einer Hängematte zwischen Palmen. „Es ist herrlich, das werden Sie merken. Es ist so schön, so friedlich“, sagte sie. „Ich lebe hier mit meinen Enkelkindern. Mein Mann ist 2013 verstorben. Mir geht es gut, ich bin glücklich. Wenn ich Fisch essen will, stelle ich mich einfach hierhin, werfe meine Angel aus und fange meinen Fisch. Wir verkaufen Kokosnüsse und andere Dinge, und das ist genug.“

Die Szene ist idyllisch – bis man zum Ufer kommt, etwa 30 Meter von der Stelle entfernt, an der die Straße am Eingang der Siedlung endet. Hier führt McGoon einen verzweifelten Eine-Frau-Krieg gegen das Meer. Sie hat den Strand mit alten, mit Steinen gefüllten Autoreifen bestückt, damit die Wellen bei Flut nicht mit solcher Wucht auf das Land prallen.

Lavenia McGoon in Togoru – eine Siedlung, die ins Meer rutscht

Foto: Leon Lord

Togoru verliert jedes Jahr 1,5 Meter an Land. Aber in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022, so McGoon, habe man bereits fünf Meter verloren. Nicht nur wegen der Erderwärmung. Auch die Aufstauung eines nahe gelegenen Flusses für den Reisanbau in der Region habe eine Rolle gespielt. „Wenn man gegen die Natur vorgeht, wird genau das passieren. Und wenn der Ozean erst einmal wütend wird, war’s das.“

Togoru ist nicht für eine Verlegung vorgesehen – es steht nicht auf der Liste der 42 Orte. Die Regierung hat die Gemeinde wiederholt auf die Möglichkeit einer Umsiedlung angesprochen, aber die Bewohner haben betont, dass sie nicht umziehen wollen.

Die Regierung hat McGoon einen weiteren Schutzwall versprochen, nachdem der erste von den Wellen zerstört worden war. Sie will bleiben, bis sie stirbt. „Ich bin zu alt, um noch einmal von vorne anzufangen.“ Wenn sie nicht mehr da ist, sieht sie keine Zukunft für Togoru. „Ich sage meinen Enkeln: Versucht, es besser zu machen. Geht zur Schule, erreicht eure Ziele, arbeitet, verdient Geld und haut ab nach Übersee, das ist alles. Denn, wissen Sie, wir sehen schon, was wirklich los ist.“

Kate Lyons berichtet als Redakteurin des Guardian in Australien über den Pazifikraum

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Übersetzung: Christine Käppeler

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