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Aktualisierung Laura Mulvey ist feministische Filmtheoretikerin der ersten Stunde. Ein Dialog über Gestern und Heute zu ihrem 75. Geburtstag

England im Sommer nach dem Brexit-Votum. „Ein Albtraum“, sagt Laura Mulvey, nicht nur weil die tief greifenden Folgen für den Bildungsbereich, für internationale Kollaborationen, Forschungsgelder oder Austauschprogramme für Studierende noch gar nicht abzuschätzen seien. Mulvey, die dieser Tage ihren 75. Geburtstag feiert, ist Professorin für Film- und Medienwissenschaft am Birkbeck College der University of London. Außerdem ist sie wahrscheinlich die einzige feministische Filmtheoretikerin, deren Name in einem Songtext auftaucht (in Still England von Viv Albertine, die nach dem Ende ihrer Band The Slits selbst bei Mulvey studierte). Vor allem hat Laura Mulvey mit Visual Pleasure and Narrative Cinema (Visuelle Lust und narratives Kino) vor 41 Jahren einen kurzen Essay verfasst, der lange Wirkung entfaltete und heute als ein Schlüsseltext gilt. Gerade ist er im Gender & Medien-Reader von Kathrin Peters und Andrea Seier in neuer deutscher Übersetzung wiederveröffentlicht worden.

Im Zuge der Frauenbewegung hatte sich Mulvey in den frühen 70er Jahren einem Lesekreis angeschlossen, der sich Werke von Friedrich Engels, Claude Lévi-Strauss oder Sigmund Freud vornahm. Als Ergebnis dieser Lektüren unterzog sie ihr „geliebtes Hollywoodkino“ einer kritischen Betrachtung. 1975 veröffentlichte das renommierte britische Magazin Screen das Resultat dieser Auseinandersetzung, den besagten Artikel. Die Autorin argumentierte darin unter Bezugnahme auf die Freud’sche Psychoanalyse, dass Frauen im klassischen Erzählkino auf der Leinwand in ein männlich formatiertes Blickregime eingespannt werden („die Frau als Bild, der Mann als Träger des Blicks“). Eine eigenständige Zuschauerinnenposition und visual pleasure, visuelle Lust, blieben ihnen auch vor der Leinwand verwehrt. Nur in Avantgardepraktiken würden sich Möglichkeiten eröffnen, dieses Verhältnis auszuhebeln. (Mulvey und ihr Partner Peter Wollen führten dies wenig später mit eigenen Essayfilmen wie Riddles of the Sphinx aus.) Diese These ging mitten in den Kern des Kinos. Die sich daraus ergebenden Fragestellungen (und produktiven Einwände) prägten die sich etablierende Filmwissenschaft und die feministische Filmtheorie als eine ihrer zentralen Positionen.

Digital, demokratisch

Mulveys Forschungsinteresse, das immer wieder um den (symbolischen) Besitz des Bildes, um Fetischisierung und die Lust daran kreist, hat sich seither auch in Bezug auf den technologischen Wandel des Mediums entwickelt: In Death 24x a Second etwa fand sie 2006 in digitalen Möglichkeiten des Zugriffs auf Filme das Versprechen einer „neuen Cinephilie“, eines „nachdenklichen Zuschauers“, der Bilder anhalten, wiederholt abspielen, besitzen, aber eben auch analytisch durchdringen kann. Wie sieht sie diese Einschätzung heute? „Jemand von meiner Generation kann sich leicht intellektuell verunsichert und persönlich entfremdet fühlen angesichts der Explosion von Kommunikationskanälen im Netz oder der Ansammlung von Screens und Plattformen. Aber es sind Dinge entstanden, die meine Idee einer neuen Cinephilie weiter beflügeln. Ich denke an die videographic essays: Leute, die Filme lieben oder ein wissenschaftliches Interesse haben, machen Analysen, indem sie diese Werke zitieren, Bilder und Sequenzen neu ordnen, wiederholen, Audio- oder Textkommentare hinzufügen können. Es ist sehr faszinierend, was da etwa bei (in)Transition. Journal of Videographic Film and Moving Image Studies erscheint. Mit der Etablierung der Filmwissenschaft ist ja auch eine gewisse Trennung vom ,Machen‘ einhergegangen, die wird nun wieder etwas zurückgenommen.“

Mulvey ist nicht nur in dieser Hinsicht eine neugierige Denkerin geblieben, sie mag auch in die Klage übers Ende des (analogen) Kinos nicht einstimmen: „Zelluloid überlebt ja, aber eben in sehr spezifischen Zusammenhängen. Es ist kein Massenmedium mehr. Ich begrüße in jedem Fall, wie die digitale Technik – noch viel grundlegender als einst 16 Millimeter – den Zugang zum Filmemachen demokratisiert hat. Gerade Frauen können heute viel spontaner und billiger ihre eigenen Filme machen als je zuvor – und das machen sie auch!“

Schon 1972 war sie an der Erstellung einer Frauenfilmreihe fürs Filmfestival Edinburgh beteiligt. Damals hätten sie und ihre Mitstreiterinnen einfach eine Woche Programm gefüllt mit allen Filmen von Regisseurinnen, die ihnen bekannt und die erhältlich waren. Und sie seien, erzählt Mulvey heute gern, selbstverständlich davon ausgegangen, dass bis zur Jahrtausendwende die Hälfte der Filme von Frauen gemacht würden.

Weil das bekanntermaßen nicht eingetreten ist, gibt es immer noch genug zu tun. Am Birkbeck College, Mulveys langjähriger Wirkungsstätte, ist derzeit ein breit angelegtes Forschungsprojekt zum weiblichen Filmschaffen im Gange. Es soll nicht nur die entsprechende Produktion, sondern auch Verleih, kritische Rezeption, Einspielergebnisse oder Publikumsresonanz berücksichtigen. Den Anstoß dazu gab die im Vorjahr am Londoner Institute of Contemporary Arts (ICA) gestartete Retrospektive Onwards and Outwards. Diese versammelte Arbeiten von Andrea Arnold, Sally Potter, Lynne Ramsay, Joanna Hogg und anderen britischen Regisseurinnen aus den letzten 50 Jahren, das begleitende Symposion hat Laura Mulvey mitkonzipiert: „Wie man bei der Schau sehr gut sehen konnte, gibt es in Großbritannien eine kleine Gruppe Regisseurinnen, die in den vergangenen Jahrzehnten hochinteressante Arbeiten gemacht haben. Viele sind mit Fördergeldern entstanden, denn Frauen haben eindeutig bessere Chancen, Filme zu machen, wenn sie sich um staatliche Förderungen bewerben können. Im Umkehrschluss sagt das auch etwas über die Diskriminierung von Frauen in der Filmindustrie aus. Das ist ein weiterhin anhaltender Kampf. In Schweden gibt es im Fördersystem inzwischen eine Quote, die auf 50 Prozent Frauenanteil abzielt – es ist traurig, aber das scheint nach wie vor die verlässlichste Antidiskriminierungsmaßnahme zu sein. Es gibt jetzt Druck aufs British Film Institute, die britische Förderinstitution, sich in diese Richtung zu bewegen.“

Konstruktiv, alternativ

Das scheint darauf hinzudeuten, dass es im Moment wieder mehr um aktivistische und empirische Zugänge zum Filmschaffen von Frauen geht und weniger um die Frage nach der Darstellung von Frauen in den Filmen von Männern. „Sie könnten recht haben, schließlich ist auch die Frage: Wie lange will man weiter Kritik üben – oder will man stattdessen nicht lieber an konstruktiven Alternativen arbeiten? Ich weiß jedenfalls nicht, wie wir uns ein neues Kino vorstellen sollten ohne eine ausreichend große Zahl an Filmen von Frauen.“

Info

Gender & Medien-Reader Kathrin Peters, Andrea Seier (Hg.) Diaphanes 2016, 600 S., 29,95 €

06:00 15.08.2016
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