Wieviel Zuviel ist noch wenig genug?

Wasser VIII Qualität aus der Mineralwasserflasche? Das ästhetische Konzept von Reinheit erfüllt sich erst im Wasserkreislauf

Die Wasser-Serie der vergangenen Monate, die Anja Garms, Linda Tidwell und Jens Müller-Bauseneik verantworteten, ist auf viel Leserinteresse gestoßen. Deshalb möchten wir das Thema weiter verfolgen und in lockerer Folge fortsetzen. In dieser Nummer beschäftigt sich Hermann H. Dieter mit der ästhetischen Qualität des Trinkwassers und ihrer Bewertung.

Der weltweite Konsum in Flaschen abgepackten Wassers ist auch in Europa weiter auf dem Höhenflug, wie kürzlich das Earth Policy Institute (Institut für Erdpolitik) meldete. Kein Wunder, möchte man meinen, sehen sich viele Menschen angesichts der Arzneimittelfunde an unterschiedlichen Stellen des Wasserkreislaufs doch vor die Frage gestellt, ob ihr tägliches Trinkwasser überhaupt noch genießbar sei. Ist es nicht eklig, sich morgens mit Wasser die Zähne zu putzen, das Spuren der Pillen des Nachbars enthält, die er zur Senkung seines Blutfettgehaltes eingenommen und danach auf natürliche Weise entsorgt hat? Muss ich unbedingt Spuren eines Röntgenkontrastmittels aus dem Abwasser des Kreiskrankenhauses von nebenan in mich aufnehmen - selbst wenn sie gesundheitlich unbedenklich sind?

Zentral bereitgestelltes Trinkwasser ist ein qualitativ hochwertiges, gesetzlich streng kontrolliertes Lebensmittel und Medium persönlicher und häuslicher Hygiene. In Form von Roh- und Abwasser ist es aber auch Teil der natürlichen aquatischen Umwelt. Sowohl in technischer als auch in natürlicher, in persönlicher wie gesellschaftlicher Hinsicht ist in ihm die am intensivsten positiv (oder auch negativ) empfundene oder erlebte Vorstellung von "Wasser" verkörpert.

Belastungsminimierung oder Null-Toleranz?

So fühlt sich jeder und jede irgendwie zuständig für die Qualität seines und ihres Trinkwassers. Und das ist auch gut so. Die Wahrnehmung und kritische Bewertung des Trinkwassers folgt im Umfeld des häuslichen Wasserhahns aber nicht nur abstrakt-regulatorischen, sondern auch wesentlich sinnlicheren, ästhetischen Kriterien wie Farbe, Geruch, Geschmack, Trübung oder Reinheit. Doch schon das regulatorische Kriterium "Reinheit" ist wesentlich anspruchsvoller als nur gesundheitlich begründbar.

Eine Möglichkeit, bestimmte Stoffe in Lebensmitteln unterhalb gesundheitlich begründbarer Konzentrationen zu bewerten, ergibt sich daraus, dass unter Umständen schon ihr bloßes Vorhandensein im Trinkwasser Ekel erregt. Gehören dazu auch Arzneimittelspuren? Vergleichsmaßstab zur Feststellung ekelerregender Eigenschaften ist die allgemeine Auffassung, der zufolge Trinkwasser appetitlich zu sein hat und zum Genuss anregen soll. Doch welcher Kontaminationsgrad eines Trinkwassers, selbst weit unterhalb gesundheitlich begründbarer Konzentrationen, wäre denn gegebenenfalls nicht mehr verkehrs- respektive verzehrfähig?

Die Antwort darauf ist offenbar nicht wissenschaftlich, sondern nur gesellschaftlich auszuhandeln. Die Kriterien hierfür stammen aus den Bereichen der Analytik, der Wasserwirtschaft und der sozialen Steuerbarkeit des individuellen Hygieneverhaltens. Solange der Verbraucher gesundheitlich nicht gefährdet ist, kann er das "Ekelargument" nicht ausschließlich geltend machen. Er muss sich bereichsübergreifenden Kompromissen zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren unerwünschten Belastungen öffnen. Unvermeidbare Belastungen erscheinen dann möglicherweise plötzlich akzeptabel.

Wäre denn die ästhetisch motivierte Forderung nach absoluter "Null-Toleranz" wirklich eine Alternative? Muss unsere Erwartung an die Reinheit von Trinkwasser wirklich immer intoleranter werden und sich dadurch zur Gefangenen der chemischen Analytik machen? Spätestens, wenn absolute "Reinheit" mit dem wasserwirtschaftlich sinnvollen Kreislaufprinzip in Konflikt geriete, würde sie sich ad absurdum führen.

Nehmen wir als Beispiel die häusliche Toilette. Um sich der "Null-Toleranz" technisch anzunähern, wäre die großflächige Einführung von Trenn- oder Vakuumtoiletten notwendig. In dicht besiedelten Gebieten ist diese Technik sozialhygienisch allerdings illusionär. Sie ist an das persönlich verinnerlichte Sozialverhalten ebenso geknüpft wie an die soziale Organisation und Kontrolle, deren Befolgung erfahrungsgemäß nicht zuverlässig zu trauen ist; es sei denn, man würde Wunder der Selbstdisziplinierung erwarten und das "Trennungsgebot", unabhängig von sozialen Schichten, Bevölkerungsdichten und Bildungsgraden, durchsetzen können.

Wasser als Aquazeutikum - ein Ausweg?

Angesichts der "hedonistischen Disposition" industrialisierter Gesellschaften, als deren Folge "moralische Richtlinien relativ geworden sind", so Hannelore Schlaffer in ihrer Essaysammlung Schönheit. Über Sitten und Unsitten unserer Zeit, erscheinen sozial derart schöne, in diesem Falle sozialethisch akzeptable Verhaltensweisen gerade auf der individuellen Toilette unwahrscheinlicher denn je. Ersatzweise zieht man dem zentral bereitgestellten und einwandfreien, grundsätzlich jedoch kontaminierbaren Trinkwasser das aus Flaschen gezogene, ästhetisch angeblich vollkommene und fremdstofffreie Mineralwasser aus den Tiefen von Mutter Natur vor.

Einer sozialpsychologischen Studie zufolge (Independent vom 17. 1. 2005) gilt Wasser in persönlichen Mitnahmepackungen geradezu als natürliches Gegengift und Hort der Reinheit gegen die chemischen und technischen Zumutungen der modernen Welt. Wassergefüllte Plastikflaschen sind deshalb mittlerweile so allgegenwärtig wie Handys. Beide stehen, so die Studie, für den trügerischen Glauben an die individuelle Beherrschbarkeit des modernen Lebens. Der letzte Modeschrei verlangt gar, das abgepackte Wasser zu einer Art bewusstseinserweiterndem Aquazeutikum aufzupeppen (vgl. Abb. 1). Wer darauf baut, ist bereit, für kaum einen Liter fast jeden Preis aufzuwenden. Die preisgünstige und ökologisch stimmige (Bewusstseins)steigerung von "Trink was" zu "Trinkwasser" gerät darüber aus dem Bewusstsein.

In diesen Zusammenhang gehört auch eine ebenso (fehl)schlüssige wie provokante Werbeanzeige, die bereits Mitte der achtziger Jahre lanciert wurde (Abb. 2). Angesichts eines unverfälschten Gebirgssees stellt sich die Vorstellung von absoluter Reinheit und Schönheit ein und manipuliert zum Kauf eines WC-Reinigers. Im engen Rund der Toilettenschüssel steigt eine Reinheit und Schönheit auf, wie sie eben nur kristallklaren Gebirgsseen zu eigen ist.

Trink was - Trinkwasser ...

Wir wissen heute, dass dieser enge Rund-Blick beschränkt ist. Individuelle Bedenken um Hygiene und Ästhetik der privaten Umwelt werden nicht mehr bedenkenlos in die Umwelt entsorgt, sondern in der Kläranlage geklärt. Hierfür gibt es längst fortgeschrittene Techniken, die allerdings von der Zahlungsbereitschaft der Konsumenten abhängen und nicht immer der "Null-Toleranz" genügen können. Der Drang zum Konsum ultra-reiner "Privatwässer" hält wohl auch deshalb ungebremst an. Die Steigerung von "Trink was" zum zentral bereitgestellten "Trinkwasser" ist seit Jahren in der Defensive. Einmalige Wasserressourcen werden privatisiert, auf Flaschen gezogen und weltweit zu horrenden Preisen angeboten. Die an Ort und Stelle Bedürftigsten können sie nicht einmal bezahlen. Der Transport der Kostbarkeit über zum Teil immense Entfernungen verschlingt Energie, und Einwegflaschen lassen die Müllhalden wachsen.

Demgegenüber ist die zentrale Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser fast schon praktizierte Sozialethik. Jedenfalls ist sie "nachhaltig" und rundum "gesellschaftsfähig". Im Vergleich zur zentralen Trinkwasserversorgung sind weder die alte, gesellschaftlich sorglose Verschmutzungstoleranz, noch die neue, hedonistisch-besorgte und puristisch überzogene Intoleranz sozialethisch oder ökologisch belastbar. Wasserwirtschaftlich sind beide Haltungen sogar blödsinnig, weil sie dem Kreislaufprinzip widersprechen.

Denn die weltweit nutzbare Süßwassermenge ist zwar endlich, regional aber unendlich oft verwendbar. Die mehrfache Nutzbarkeit von Wasser entspricht auch unserer alltäglichen Erfahrung. Doch selbst aktuelle Statusberichte, beispielsweise der Welt-Wasser-Bericht von 2003 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder der Wasserforschungsbericht der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vom selben Jahr, würdigen das Kreislaufprinzip nur am Rande. Dabei ist grundsätzlich längst akzeptiert, dass die Schwemmkanalisation unerwünschte Stoffe und Krankheitserreger zwar sehr effektiv aus Gebieten mit hoher Siedlungsdichte abtransportiert, jedoch so oft und intensiv wie möglich in Form regionaler Wasserkreisläufe betrieben werden sollte. In Amsterdam, Berlin und Zürich beispielsweise ist dies schon bewährte Praxis. Sichtbar schöne Nebenprodukte sind naturästhetisch wertvolle Feuchtbiotope und appetitliche Badegewässer.

... und die Ästhetik des Wasserkreislaufs

So fügt die technische Nutzung der natürlichen Gesetzmäßigkeiten die wirtschaftliche, ökologische und sozialethische Sicht auf das tägliche Wasser auf das Schönste zusammen. Abwasser wird zum wertvollen Wirtschaftsgut. Dies kommt langfristig sowohl der Reinheit des Trinkwassers als auch dem nachhaltigen Schutz der aquatischen Umwelt zugute: Das geklärte (Ab)Wasser ist innerhalb regionaler Kreisläufe zurückzuholen und immer wieder zu nutzen, statt nach und nach alle Berg- und sonstigen Seen leer laufen zu lassen, zu verschmutzen oder mit Nitrat und Phosphat zu überfüttern. Die unästhetischen Folgen dieses Prinzips Augias für die Gewässer und insgesamt für komplexe, naturästhetisch hochwertige Erscheinungen der aquatischen Umwelt zwingen weltweit zum Handeln. Nicht nur der in das WC stürzende Trinkwasser- respektive Gebirgssee, sondern die gesamte ihn umgebende und erst ermöglichende Naturkulisse benötigen unseren ästhetisch und sozialethisch motivierten Schutz. "Ein überzeugender Umgang mit der Umwelt muss und kann aus ästhetischen Quellen kommen. Das Bewahrenswerte muss durch seine Schönheit wahrgenommen werden", rät der Wissenschaftshistoriker und -theoretiker Ernst Peter Fischer.

Selbstverständlich verdienen alle (noch) nicht vollkommen vermeidbaren Verunreinigungen im Wasserkreislauf jedes analytische und ökologische Interesse. Je mehr gesucht und je weniger gefunden wird, desto besser. Gesundheitlich jedoch sind spätestens unterhalb von zehn Milliardstel Gramm pro Liter (zehn Nanogramm pro Liter), meist sogar schon unterhalb von 100 Nanogramm pro Liter, die trinkwassergängigen Verunreinigungen belanglos. Beide Werte können und müssten bei der Optimierung regionaler (Trink)Wasserkreisläufe unbedingt als Höchstwerte beachtet werden.

Das so skizzierte ganzheitliche, das heißt wasserwirtschaftlich-gesundheitlich-ästhetische Konzept setzt allerdings eine gewisse Kompromissbereitschaft hinsichtlich überzogener puristischer Erwartungen an die Reinheit des Lebensmittels "Trinkwasser" voraus. Ein individualistisch-hedonistischer Anspruch auf Ur-sprünglichkeit und absolute Reinheit des täglichen Trinkwassers hat in ihm keinen Platz.

Dr. Hermann H. Dieter ist Biochemiker/Toxikologe und Trinkwasserhygieniker und arbeitet als Direktor und Professor am Umweltbundesamt Dessau, Standort Berlin.


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00:00 03.03.2006

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