Wilde Gerüchte

Zeitgeschichte 50 Jahre nach ihrem Tod machen sich viele Autoren wieder auf die Suche nach der wahren Marilyn. Ob die Monroe sich selbst das Leben nahm, bleibt weiter ein Rätsel
Wilde Gerüchte
In Hollywood nicht immer gefragt – Marilyn Monroe 1961

Foto: Getty Images

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto ein Bett mit zerwühlten Decken, zwei offene Türen, auf dem Teppichboden eine Tasche – die Atmosphäre eines billigen Motels. Doch zu sehen ist Marilyn Monroes Schlafzimmer. Hier in ihrem Wohnhaus in Los Angeles verstarb die Schauspielerin und Sängerin, die von Fans verehrte „platinblonde Sexgöttin“, in der Nacht zum 5. August 1962. Mit der Hand am Telefonhörer, wie es heißt. Zum Wählen sei sie nicht mehr gekommen. Was aber nicht hundertprozentig stimmen muss. Es halten sich wilde Gerüchte. Die offiziellen Angaben zur Todesursache – Suizid mit Beruhigungsmitteln oder eine versehentliche Überdosis – sind fragwürdig. Bei den Gerüchten taucht zwangsläufig der Name Kennedy auf. Eine Verschwörungsgeschichte auf höchster Ebene.

Marilyn Monroe, geboren unter dem Namen Norma Jeane Mortenson, war erst 36 Jahre alt. Mit der Karriere sah es freilich im Sommer 1962 nicht eben gut aus. Hollywood hatte wenig Platz für „ältere“ Frauen. Monroe war nicht weit entfernt vom Makel des Nicht-mehr-jung-Seins. Dreharbeiten mit ihr gestalteten sich schwierig: Sie war offenbar alkohol- und medikamentenabhängig. Aber daran denkt man heute lieber nicht. Der Mythos Monroe lebt.

Ihr weißer Faltenrock, den sie 1955 für Das verflixte siebte Jahr trug (in der legendären Szene stand sie mit hochgewehtem Rock auf dem Gitter eines Lüftungsschachtes der New Yorker U-Bahn), wurde 2011 für 4,6 Millionen Dollar versteigert. Ein Röntgenbild ihres Brustkorbs brachte 45.000 Dollar. Die Werbefirma American Brands Group hat jüngst die Rechte zu Monroes Image gekauft. Die Schauspielerin werde weltweit als Inbegriff von Schönheit und Glamour gesehen, glaubt ABG-Chef Jamie Salter. In den vergangenen 20 Jahren sei das Label Monroe bei 1.975 Marketingaktionen verwendet worden. PR-Material von ABG verkündet, Monroe habe den Begriff „sexy“ für „Generationen von Männern und Frauen definiert“.

Entdeckt wird sie im Sommer 1945 – als Arbeiterin in einer Rüstungsfabrik. Ein Armeefotograf schießt Bilder von Girls, die Soldaten an der Pazifik-Front auf angenehmere Gedanken bringen sollen, auch von der damals noch brünetten Norma Jeane. Chef des Projekts ist ein Hauptmann namens Ronald Reagan. Es folgen Model-Aufträge, kleine Filmrollen, bis aus Norma schließlich Marilyn wird.

Immer nur die Blonde

In den fünfziger Jahren gilt Monroe als die Personifizierung dessen, was sich „der amerikanische Mann wünscht“: Eine großartig aussehende Frau, die keine Ansprüche stellt. Ihre Filmrollen sind entsprechend, obwohl Monroe zunehmend über die simplifizierende Darstellung klagt: Immer als die Blonde ohne viel Verstand. Unter anderem in Blondinen bevorzugt, Manche mögen’s heiß und Let’s Make Love. 1953 erscheint Monroe nackt in der ersten Ausgabe des Playboy, dem sogenannten Gentleman’s Magazin über „alles, was Männern Spaß macht“. So ist ihre Rolle gedacht. Bei allem Lamentieren – Monroe weiß es einzusetzen, um ihre Karriere voranzubringen.

Es sind eben die Fünfziger. Monroes unverbrämter Sexappeal hat etwas faszinierend Anderes. Im Fernsehen schlafen Ehepaare noch in getrennten Betten. Kontrovers wird selbst die Storyline im Sitcom-Hit I Love Lucy mit Lucille Ball und Desi Arnaz aufgenommen. 1953 wird Lucy „sichtbar“ schwanger, gerade erst ist in den USA der Report des Sexualforschers Alfred Charles Kinsey Das sexuelle Verhalten der Frau erschienen, der einräumt, dass auch Frauen sexuelle Wesen sind. Im öffentlichen Diskurs eine „revolutionäre“ Einsicht.

Heute häufen sich die Bücher über Monroe. Autoren machen sich auf die Suche nach der wirklichen Marilyn. Berichtet wird von zahlreichen Affären und gescheiterten Beziehungen, von Einsamkeit und Suizid-Versuchen, ihrer Abhängigkeit von Drogen, Beratern, Psychologen und Psychiatern. Es gab endlose Therapien, zahlreiche Hospitalaufenthalte, Abtreibungen und eine Zwangseinweisung in eine Nervenklinik Anfang 1961.

Norma Jeane war bettelarm aufgewachsen, sie hatte ihre Kindheit in Pflegefamilien und im Waisenhaus verbracht. Mit 16 heiratete sie einen um fünf Jahre älteren Mann, als ihre Pflegemutter umzog und angeblich eine erneute Einweisung ins Waisenhaus drohte. Im Buch Marilyn von Gloria Steinem, der Gründerin des feministischen Magazins Ms., werden Monroes Eindrücke über Hollywood-Partys zitiert: „Als ich sah, wie sie mit Hundert- und sogar Tausend-Dollar-Banknoten um sich warfen, fühlte ich Bitterkeit im Herzen.“ Sie habe an die Menschen gedacht, mit denen sie aufgewachsen sei. „Zehn Dollar hätten sie glücklich gemacht, hundert ihr ganzes Leben verändert. ... Ich erinnerte mich an all die Geräusche und Gerüche der Armut, die Angst in den Augen der Menschen, wenn sie ihre Jobs verloren haben.“

Robert zum Schlussmachen vorgeschickt

Das Genie und die Göttin heißt ein Buch über Monroe. Es geht dem Autor Jeffrey Meyers um ihre Ehe mit dem Schriftsteller Arthur Miller, berühmt durch seine Sezierung des amerikanischen Traums in Tod eines Handlungreisenden (1949). Miller und Monroe begegneten sich 1951 in Hollywood. 1956 wurde geheiratet. Das FBI passte auf: Der linkslastige Miller ging J. Edgar Hoover spätestens seit The Crucible (Hexenjagd) aus dem Jahr 1952 auf die Nerven, eine bittere Kritik an der in den USA laufenden Jagd auf vermeintliche und tatsächliche Kommunisten. Ein FBI-Dossier von damals, aufgedeckt von Associated Press (AP), erhob den Vorwurf, Monroe sei „ins Umfeld der Kommunistischen Partei geraten“. Im Frühjahr 1957 saß sie an der Seite von Miller, als der vom „Kongresskomitee zur Untersuchung unamerikanischer Angelegenheiten“ vorgeladen war. Miller nannte keine Namen und bekam wegen Aussageverweigerung eine Geldstrafe. Das Urteil wurde später aufgehoben. Damals wurde spekuliert, die Präsenz seiner berühmten Ehefrau habe ihn vor Schlimmerem bewahrt. Und Monroe habe mit ihrem Loyalitätsbeweis einen Karriereknick riskiert. Die Ehe wurde 1960 geschieden.

Im November 1961 lernte sie John F. Kennedy, den Präsidenten der USA, kennen. Dazu kam es im kalifornischen Santa Monica in der Villa von Kennedys Schwager Peter Lawford, der die Kennedys mit Frauen „versorgt“ haben soll. Kennedys Affären waren bei vielen Prominenten aus Politik und Medien wohlbekannt, aber nicht öffentlich. Marilyn Monroe mag sich etwas erhofft haben von der Beziehung, Kennedy dagegen, so wird spekuliert, hatte nur Lust auf Sex. Um „Schluss zu machen“, habe er seinen jüngeren Bruder Robert, den damaligen US-Justizminister, zu Monroe geschickt, der die Nachricht überbringen sollte. Robert, nach außen hin ein guter Katholik mit Frau und vielen Kindern, soll sich dabei in die Monroe verliebt haben, heißt es. Er sei noch am Nachmittag des 4. August 1962, also Stunden vor ihrem Tod, bei ihr gewesen.

Es gibt Theorien, in denen gemutmaßt wird, die mächtige Familie Kennedy habe Monroe aus dem Weg schaffen wollen. Möglicherweise habe sie auspacken wollen über ihre Affäre mit den Brüdern. Doch die Beweislage für eine solche Verschwörung ist denkbar dünn. Irgendwie will die von Hollywood verwöhnte Öffentlichkeit einfach nicht glauben, dass sich die schöne Marilyn das Leben genommen hat. Und dass ihr vermeintlich glamouröses Leben gar keines war.

Was zu Recht Verdacht erweckt, sind allerdings die Ermittlungen nach dem vermeintlichen Suizid. Die Polizei wurde um vier Uhr morgens gerufen, mehrere Stunden nach Monroes Tod. Zugegen war auch Monroes Psychiater. Die Beamten stellten fest, dass die Hausangestellte bereits das Schlafzimmer gereinigt hatte. Und mitten in der Nacht lief die Waschmaschine. Der Gerichtsmediziner ordnete an, „Magen und Mageninhalt toxikologisch testen zu lassen“. Doch bevor der Test stattfinden konnte, wurden „Magen und Mageninhalt“ vernichtet.

Konrad Ege schrieb hier zuletzt über ein Urteil des Obersten US-Gerichts von 1972

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09:00 28.07.2012

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