Wilde Wendungen

Thriller Eine männermordende Frau ist ja auch nur Opfer der Umstände, weiß Oyinkan Braithwaite
Wilde Wendungen
Diese Illustration stammt von ZEBU. Mehr Informationen über das Duo finden Sie im Kasten unten

Als Ayoola ihre Schwester Korede anruft, hat sie es wieder getan. Zum dritten Mal. Einen Liebhaber erstochen. Angeblich, weil er sie schlagen wollte. Für Korede ist man beim dritten Mal verständlicherweise Serienmörderin. Dennoch eilt sie, die im Krankenhaus bald Oberschwester werden soll, um alle Spuren zu beseitigen. Es ist halt die kleine Schwester. Verantwortungswillig, duldsam und umsichtig, Korede ist die perfekte Tatortreinigerin. Dass die beiden wegen der nachlässigen Ayoola, in ihrer verwöhnten Selbstbezogenheit „vollkommen blind gegenüber allen Bedürfnissen außer ihren eigenen“, dennoch Probleme mit der Polizei bekommen werden, kommt erst später – und hat, dank der Herren Polizisten, keine Folgen. Für uns ist das da bereits längst nur eine weitere, der sich steigernden, ständig neuen Wendungen. Dafür sorgt schon, dass Korede den Arzt Tade heimlich liebend verehrt, während sie dem im Koma liegenden Lehrer Muhtar ihr Herz über Ayoolas Taten ausschüttet und sich mit ihrem strikten Verantwortungsbewusstsein bei den Kolleginnen und dem Reinigungspersonal nicht eben beliebt macht. Ayoola hingegen, „wunderschön und perfekt“, statt sich an Koredes Gebot der Zurückhaltung zu halten, begnadete Verdrängerin, ist schon wieder fröhlich als Influencerin auf Youtube unterwegs, ebenso auf Snapchat, Instagram oder WhatsApp. Sowieso kann sie von den Männern einfach nicht lassen. Da besucht sie, wiewohl die es unbedingt verhindern wollte, Korede am Arbeitsplatz. Tade ist von ihr hin. Und zu allem Überfluss wacht nun auch noch Muhtar auf. Da kann es naturgemäß nicht beim dritten Toten bleiben.

Man könnte den Roman der Nigerianerin Oyinkan Braithwaite derart mit vergnügtem Sarkasmus einfach als Groteskthriller weglesen – würde die gewiefte Autorin nicht geschickt in die turbulenten Ereignisse um die beiden Schwestern nach und nach und immer mehr Alltag und Hintergründe einfließen lassen, die ebenso selbstverständlich daherzukommen scheinen wie Ayoolas Morde, aber sich tatsächlich zu einem komplexen Mosaik einer zwischen Umbruch und Stagnation, Traditionalismus und Globalmoderne auf der Stelle schlingernden Gesellschaft fügen. In kurzen Kapiteln mit Einwortüberschriften, in knappen Sätzen bringt sie so die Komplexität heutiger Gesellschaften plastisch hervor, die man sich lesend wiederum detektivisch aus vermeintlichen Beiläufigkeiten erschließt: Es ist eine wohlhabende Familie, mit Hausmädchen, ausgewählter Kunst und – freilich unbenutztem – Klavier. Die familiale Konstellation entfaltet sich allmählich – die Rolle des verstorbenen Vaters, dessen Selfmaderabiatheit gegenüber der Familie und sein fatales Kuschen vorm lüsternen Clanchief. Die gepflegt desorientierte Mutter.

Korruptheit, Desinteresse

Die große Schwester Korede, die sich als hässlich und unbegehrt wahrnimmt. Seit je hatte sie auf die verwöhnte, bezaubernde Jüngere aufzupassen. Schließlich das dunkle Trauma Ayoolas. Dazu der angebetete Arzt, der dann doch nur die Oberfläche, das feine Lärvchen sieht. Der Lehrer, der erklärt, dass wir dazu veranlagt sind, die Menschen, die wir lieben, zu schützen, uns loyal ihnen gegenüber zu verhalten. Was freilich nicht nur das Verhalten der Schwestern untereinander, sondern auch das Verhältnis zum Vater erklärte. Dazu Hierarchien allüberall, in der Klinik zumal. Korruptheit und Desinteresse der Polizei. Kurz, eine vielfach gespaltene Gesellschaft zwischen sozialer Improvisation und zwangsläufigem Eigennutz, zwischen endemischer Archaik und globalen Medien – und darin die verunsicherten, sich hinterrücks aber doch stur reproduzierenden Geschlechterrollen. Die aus alledem sich speisenden, so vielgestaltigen Leiden der Liebe ...

Weiter hinten, aber längst noch nicht am Ende der wilden Wendungen, weiß Korede: „Wie ich herausgefunden habe, bekommt man eine Sache am besten aus dem Kopf, indem man sich staffelweise Fernsehserien anschaut.“ Diesen Roman aus dem Kopf zu bekommen, bedarf es wohl einiger Serienstaffeln mehr.

Info

Meine Schwester, die Serienmörderin Oyinkan Braithwaite Yasemin Dinçer (Übers.), Blumenbar 2020, 239 S., 20 €

Langgliedrige Figuren

Foto: Lydia Hesse

Die Bilder dieser Ausgabe stammen vom Illustratoren-Duo ZEBU, das sich 2015 in Berlin gründete. Die beiden Künstler*innen sind gebürtige Berliner, sie lernten sich in der Graffiti- und Urban-Art-Szene kennen. Lynn Lehmann studierte an der Kunsthochschule Weißensee, Dennis Gärtner an der Universität der Künste. Mehr Info: www.z-e-b-u.com

06:00 09.03.2020

Ausgabe 13/2020

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