Wildnis und Moderne

Kulturtheorie Unseren Begriff von der Natur zu verändern und zu erweitern, ist Anliegen vieler neuer Bücher. Am Weitesten geht dabei der amerikanische Dichter Gary Snyder

Jemand, der bei seinen Streifzügen durch Schrift- und Bildwelten auf ausgreifende Naturschilderungen stößt, weiß zumeist, wie diese zu nehmen sind: als ästhetische Formen, hinter denen Rousseau oder ein ähnlicher Geist steht, als romantisches oder gar gefährlich reaktionäres „Zurück zur Natur“ also, das im Namen von Wissenschaft und Moderne zurückgewiesen gehört. Dieses ästhetische Verhalten verdankt sich dem Umstand, dass unser Bewusstsein seit Längerem schon in einer Welt „nach der Natur“ siedelt.

Im letzten Herbst erschienenen jedoch einige gewichtige Publikationen, die Zweifel an besagtem Bewusstseinsstand wecken. Ob nun der Ethnologe Phillippe Descola, der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr (nicht zu verwechseln mit dem Kulturhistoriker gleichen Namens) oder der Philosoph Michael Hampe – sie alle stellen die reinliche Grenzziehung zwischen Kultur und Natur aus unterschiedlichen Perspektiven infrage. Eben dies ist auch ein zentrales Thema der Schrift Lektionen der Wildnis, die aber kein Mann vom Fach, sondern ein Dichter verfasst hat: der Amerikaner Gary Snyder. Geboren 1930, Freund Alan Ginsbergs und Jack Kerouacs, zählt er zu jenen Autoren, die einst als Beatniks die nordamerikanische Literaturszene aufwühlten. In den frühen 1960ern gründete Snyder zusammen mit seinen Vertrauten Lew Welch und Philip Whalen eine um die Idee der Landschafts- und Naturschilderung kreisende Dichtervereinigung. Der Höhepunkt dieser bewegten Jahre, teilte er einmal einem Interviewer mit, war, dass „unsere gemeinsamen Lesungen breiten Anklang fanden, wir somit das Klischee widerlegen konnten, Lyrik sei lediglich etwas für kleine, spezialisierte Kreise“.

Kulturgeschichte der Wildnis

Die Lyrik nimmt für Snyder den obersten Rang in der Hierarchie der Künste ein, weil sie höchst artifiziell und gleichzeitig sehr zugänglich ist. Diese Haltung wirkt sich auch in dem Buch Lektionen der Wildnis aus. Snyders Essays, in denen scheinbar auseinanderliegende Dinge miteinander vernetzt und die von plötzlichen Tonarten- und Perspektivenwechseln bestimmt sind, wohnt die anregende Kraft der besten Gedichte inne. Überdies brütet, friert oder weht es förmlich in diesen Texten, da der Amerikaner sich immer wieder hingebungsvoll in Beschreibungen von Flussläufen, Hügelketten, Wäldern und anderen Landschaften ergeht, wobei es ihm gelingt, feinste Nuancen etwa an der Gestalt eines einzelnen Blattes oder Steins derart einzufangen, dass die Einmaligkeit noch der kleinsten und allerkleinsten Kleinigkeit unserer Welt aufscheint.

Solch eine Kunst der Landschaftswahrnehmung steht in Deutschland leider nur noch bei wenigen in hohem Ansehen. So etwa macht der Historiker Karl Schlögel sich dafür stark, wieder an die Forschermethode Walter Benjamins anzuknüpfen, der in den 1920ern nach Moskau gereist war, um diese Hauptstadt einer Revolution zu Fuß zu erkunden und zu studieren. Wer sich wie Benjamin als Fußreisender und Augenmensch mit Orten vertraut macht, meint Schlögel, dem enthüllt sich, warum in der Geschichte sich etwas so und nicht anders abgespielt habe. Die Welt, heißt das auch, kann nicht mit wissenschaftlichen Begriffen beschrieben werden, die flirrend vielfältige, die Sinne einbeziehende Sprache der Dichtung reicht da weiter.

Natürlich verfolgt auch Snyder in seinem Buch Fragen nach der geistesgeschichtlichen Entstehung der Kultur-Natur-Unterscheidung. Wichtiger ist ihm freilich etwas anderes. Im Laufe seines langen Lebens hat er zahlreiche Reisen unternommen, und er gelangte dabei bis an die äußersten Grenzen der bekannten Welt. Alle Ergebnisse der Nachforschungen, die er dabei gemacht hat, versammelt er hier, um einen fürwahr außergewöhnlichen Stoff darzubieten: eine Kulturgeschichte der Wildnis. Unter Wildnis versteht der Dichter jene Welt, welche viele Jahrtausende von Menschen besiedelt und mitgestaltet, aber eben noch nicht beherrscht wurde. Diese unsere Vorfahren dachten nicht in unserem heutigen Sinne, aber: Sie erkannten in Tieren und Pflanzen „Geist“, Intelligenz, und sie empfanden sich selbst diesem alles umfassenden Geist zugehörig. Infolgedessen würdigten sie Tiere und Pflanzen nicht zu bloßen Objekten herab, über die nach Belieben verfügt werden kann. Bei Snyder ist „Wildnis“ ein universaler Begriff für etwas, das verloren zu gehen droht: eine hinreichende Sensibilität im Umgang mit der Natur, die uns umgibt wie mit jener, die wir selber sind.

Schön und gut, wird mancher Leser denken, aber sind die Ausführungen dieses Dichters nicht von einem noch immer allzu verbreiteten antitechnischen und antimodernen Affekt bestimmt? Um sich einer Antwort auf diese Frage anzunähern, empfiehlt es sich, einen Blick in Jenseits von Natur und Kultur zu werfen, das soeben ins Deutsche übersetzte Grundlagenwerk von Phillippe Descola, eines Ethnologen und Schülers von Claude Lévi-Strauss. Eine von Descolas Schlussfolgerungen lautet nämlich: Wie die frühen menschlichen Kulturen das Leben mit der natürlichen Umwelt organisierten. war zwar anders als in der Moderne, jedoch in gar keiner Weise primitiver. Wo Descola sich aber strikt an Sachaussagen hält, da agiert Snyder als kritischer Geist. Erst recht gegenüber dem wesentlich von Descartes und Newton herrührenden neuzeitlichen Naturwissenschaftsdenken, dem die so folgenschwere wie zweifelhafte Abtrennung alles Geistigen von der Natur ebenso zu verdanken ist wie Visionen von technischer Allmacht, welche für ungeheuerliche über die Erde gekommene Verheerungen eine Mitverantwortung tragen. Übrigens künden all diese Verheerungen laut Snyder von etwas, was dem, der darüber nachdenkt, den festen Boden unter den Füßen wegzieht: einem dem Menschenwesen innewohnenden, sich auch in vermeintlich rationalen Zeiten auswirkenden Trieb zur Selbstdestruktion.

Seine Haltung bringt Snyder immer wieder in Gegensatz zur kapitalistischen Wirtschaftsform. Nichts ist erschreckender für ihn als die von seinem eigenen Land, den USA, hervorgebrachte „mobile society“, wo das Berufsleben verlangt, dass man unaufhörlich über die Oberfläche der Erde umherziehe und die Menschen „nicht intellektuell, nicht in ihrer Vorstellung und nicht im ethischen Sinne“ eine Beziehung zu einem bestimmten Ort mehr eingehen. Und so gilt Snyders großer Traum einer Rückbesinnung auf die Region, aufs Ländliche. Vorbild hierfür ist die seit alters bekannte Organisationsform der „Allmende“. So wird Land genannt, das, in gemeinschaftlichem Besitz sich befindend, von ortsansässigen Bürgern nach lokalen ökologischen Bedingungen und Erfordernissen bewirtschaftet wird. Solche in jeglichen Ländern noch existierenden Allmendegebiete werden jedoch seit vielen Jahrzehnten konsequent privatisiert, was sie allüberall in ein Jammertal verwandelt: Börsenorientierte Unternehmen oder Einzelpersonen, die den Eigennutz über alles stellen, machen sich so darüber her, dass es zur irreversiblen Verödung von Ressourcen kommt. „Die Herausforderung“, schreibt Snyder, „besteht darin, die gesamte in die Opferrolle geratene Welt gemeinschaftlich genutzter Ressourcen im Sinne einer Allmende zu verstehen. Wir brauchen ein weltweit geltendes ,natürliches Abkommen‘ mit den Weltmeeren, der Luft, den Vögeln am Himmel.“

Dinge zusammendenken

Vielen von Snyders Befunden kann man beipflichten, wohl aber wirft die Stoßrichtung seiner Argumente Fragen auf. Beispielsweise danach, in welcher Gesellschaft auch nur der Hauch eines Ansatzes dafür erkennbar ist, dass eine Veränderung oder gar Umkehrung der längst die entlegensten Winkel der Erde erfassenden ökonomischen Dynamik als wünschenswertes Ziel erachtet wird. Oder: Muss man nicht eigentlich dankbar für die Entwicklung großstädtischer Kultur sein, weil sie zahlreichen Individuen auch heute noch Möglichkeiten zum Entkommen vor dumpfem Provinzialismus und zu größerer Entfaltung gibt? Solche Fragen stellt Snyders Text viele, und man könnte den Verdacht schöpfen, seine Vision vom besseren Leben sei ein Anachronismus aus einer unwiederbringlich dahingegangenen Epoche.

Wie berechtigt der Verdacht ist, soll hier nicht geklärt, nur eines herausgestellt werden. In einem Essay des großen österreichischen Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal steht zu lesen: „Was ist Kultur? Zu wissen, was einen angeht, und zu wissen, was einen zu wissen angeht.“ Auf den ersten Blick frappierend einfach, spricht Hofmannsthals Aphorismus von etwas Schwierigem, nämlich davon, dass ein kultivierter Bürger derjenige sei, der den Zusammenhang seiner Zeit mit der allgemeinen Geistesentwicklung verstanden hat. Aber wer kann schon von sich sagen, er überblicke die Beziehung zwischen unserer Geistesgeschichte und der Natur? Eben dazu verhilft Lektionen der Wildnis. Indem der Schriftsteller Gary Snyder, wie einer der ausgestorbenen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts, mehrere Spezialgebiete in sich vereint, schafft er es, Dinge zusammenzudenken, welche ansonsten heillos zersplittert und ohne Synthese blieben.

Mit anderen Worten: Des andrängenden Themas „Natur“ nimmt er sich jenseits aller romantischen Projektion, aber auch jenseits der in den Akademien gepflegten, den Blick arg verengenden Spezialisierung an. Snyder packt das Thema an der Wurzel, fragt, ob die Verwüstung außen ihre Entsprechung innen hat, in der geistigen Tradition und Disposition des Abendlandes. Das macht sein Lektionen der Wildnis zu einem aufklärerischen Buch, einem Lesebuch auch und gerade für Städtebewohner.

Gary SnyderLektionen der Wildnis Matthes & Seitz 2011, 263 S., 26,90

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13:40 01.02.2012

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