Wildwest ohne Romantik

Oscarfavorit Mit nur drei Filmen, alle über radikale Außenseiter, hat Chloé Zhao sich als Regisseurin der Gegenwart etabliert
Wildwest ohne Romantik
Mehrfach Oscar-nominiert: „Nomadland“ mit Frances McDormand taucht tief in die Welt der Rastlosen ein

Foto: Searchlight Pictures(The Walt Disney Company Germany GmbH

Man kann wohl sagen, dass es gerade gut läuft für Chloé Zhao: Ihr Film Nomadland feierte im vergangenen Jahr gleichzeitig bei den Filmfestspielen von Venedig und auf dem Filmfestival in Toronto Premiere und anschließend regnete es Preise. Auf dem Lido gab es den Goldenen Löwen, in Kanada den People’s Choice Award, den großen Publikumspreis. Bei der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung schließlich gewann Zhaos Roadmovie über das nomadisierende Arbeitspräkariat in den USA die Auszeichnungen für den besten Film und die beste Regie. Mit sechs Nominierungen, darunter als bester Film, für das adaptierte Drehbuch, für die Kamera (Joshua James Richards) und Frances McDormand als bester Hauptdarstellerin, geht Nomadland als einer der ganz großen Oscarfavoriten ins Rennen. Und nebenbei könnte Zhao, wenn am 25. April coronabedingt verspätet die Goldstatuetten verliehen werden, noch Geschichte schreiben als erste Asiatin, die einen Regie-Oscar bekommt.

Zwischen Doku und Fiktion

In Nomadland, ihrem dritten Spielfilm, erzählt Zhao nach der Reportage-Vorlage Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century der Journalistin Jessica Bruder von einer Frau, die in ihrem Van lebt und sich mit Saisonjobs in verschiedenen Bundesstaaten über Wasser hält. Es ist eine uramerikanische, mythologisch aufgeladene Geschichte von einem Leben „on the road“ und zugleich eine brandaktuelle. Zahlreiche dieser modernen Nomaden schieben sich, wohnungs- und arbeitslos geworden infolge der Entwicklungen der letzten Jahre, auf ihren vier Rädern quer über den Kontinent.

Fern heißt die von McDormand mit verschmitzter Nüchternheit gespielte Frau in Nomadland, die den Tod ihres Mannes nie überwunden hat und ihr Leben in dem fahrbaren Mikrokosmos niemals wieder gegen die vier Wände eines Hauses eintauschen würde. Sie ist der Anker in diesem Film, der auf Zhaos ureigene Art im Dazwischen lebt: zwischen Dokumentarfilm und Fiktion.

Diese beiden Welten berühren sich in ihren Filmen immer wieder und reiben produktiv aneinander. Umgeben sind Frances McDormand und ein ebenfalls fantastisch spielender David Strathairn als sympathischer Avancen machender Neo-Cowboy von Laien, die sich selbst spielen. Mehr als sechs Monate lang haben Zhao und ihr kleines Team in South Dakota, Kalifornien, Nebraska, Nevada und Arizona gedreht und durften tief in die Welt der Rastlosen eintauchen.

Dass Zhao solche intimen Einblicke gewährt wurden, spricht für ihre Sensibilität. Sie weiß zuzuhören und den Menschen Bilder voller Würde und Respekt zu schenken. Nomadland ist weder plumpe Kapitalismuskritik noch schnödes Sozialdrama, sondern Film gewordene Menschlichkeit. Der Film (dessen geplanter Kinostart am 8. April aufgrund der pandemischen Zuspitzung erneut verschoben werden musste) fügt sich fließend ein in das idiosynkratische Werk der 1982 in Peking geborenen Regisseurin, die ein Internat in England besuchte, Politikwissenschaften in Massachusetts und schließlich Filmproduktion in New York studierte.

In ihrem erster Langfilm Songs My Brothers Taught Me porträtiert Zhao das „Rez Life“, wie es mehrfach im Film heißt, das Leben der Lakota im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota. Im Zentrum stehen Johnny (John Reddy) und seine kleine Schwester Jashaun (Jashaun St. John), die bei der Mutter leben und in einem destruktiven Umfeld groß werden: Viele der Ureinwohner sind alkohol- und drogenkrank, der Vater, der 25 Kinder mit 9 Frauen hatte, ist bei einem Hausbrand umgekommen und der ältere Bruder sitzt im Gefängnis.

Draußen vorm Kino

Es scheint keinen Ausweg zu geben, auch Johnny verkauft Alkohol, um die Familie über die Runden zu bringen. Hoffnung verbindet er mit seiner Freundin, mit der er nach Los Angeles gehen will. Dass ausgerechnet die Stadt der Engel einen Neuanfang verspricht, passt, geht es bei Zhao doch schon im semifiktionalen Ansatz um das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion, oder besser noch: von harter Realität und Traum. In Nomadland sieht man Fern einmal vor einem Kino stehen, in dem ein neuer Avengers-Film läuft.

Songs My Brothers Taught Me lebt von der unglaublichen Nähe zu den Menschen – vier Jahre soll die Regisseurin in dem Reservat der Ureinwohner verbracht haben. Die Kamera von Joshua James Richards, Zhaos Lebenspartner, holt die Menschen nah ran, fängt mit empathischen Bildern die Gesichter der Laiendarsteller ein und findet emotionale Entsprechungen in der Natur. Zhaos Filme leben von dieser Dialektik zwischen Mensch und Natur. Die Horizonte, Berge und weiten Prärien erzählen eigene Geschichten in ihrem Kino, das sich dem poetischen Realismus verschrieben hat, ohne dabei zu romantisieren.

Zhaos The Rider ist auf eine Art das Sequel zu Songs My Brothers Taught Me. Während der Dreharbeiten zum Debüt stieß Zhao auf ihren Hauptdarsteller Brady Jandreau, der sich, wie viele weitere Freunde und Bekannte aus seinem Umkreis, in The Rider mehr oder weniger selbst spielt. Zhao erzählt von Brady, dem gefeierten Star der Rodeoszene, der aufgrund eines beinahe tödlichen Sturzes den Sattel an den Nagel hängen soll. Was passiert, wenn der eigentliche Lebensinhalt plötzlich nicht mehr gelebt werden kann?

Jandreau trägt diesen Film über das Mannsein im American Heartland von heute. Mit nuanciertem Spiel macht er die innere Leere und Zerrissenheit seines Film-Ichs glaubhaft. The Rider ist eine liebevolle Hommage und zugleich ein leiser Abgesang auf einen ganz persönlichen Wilden Westen. Und wiederum ein Film, der Natur und kapitalistische Welt gegeneinanderstellt. Wenn Brady in einem Supermarkt Regale einräumt, könnte das Fremdkörpergefühl kaum größer sein: der Naturbursche, dessen Gesichtsausdruck fast durchweg von Trauer zeugt, gezwungenermaßen in einem Konsumtempel, in der leibhaftigen Antithese seines geliebten „alten“ Lebens.

Es ist erstaunlich, wie Zhao den männlich dominierten Western in die Jetztzeit holt und mit ihrem dokumentarisch-empathischen Stil entmystifiziert. Ihre Filme strotzen vor Gegenwärtigkeit, ohne plump politisch zu werden; sie reflektieren an den gesellschaftlichen Rändern die ökonomischen und sozialen Bruchstellen des heutigen Amerika und zelebrieren dabei dennoch die Faszination an dem Land der unbegrenzten Freiheiten und Möglichkeiten. Auch hier bleibt Zhao im Dazwischen.

Man darf gespannt sein auf alles Kommende, auch darauf, was Chloé Zhao aus dem Superheldengenre macht: Ende des Jahres soll in den USA nämlich mit The Eternals ein neuer Spielfilm innerhalb des Marvel Cinematic Universe in die Kinos kommen, für den Zhao auf dem Regiestuhl saß.

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06:00 23.04.2021

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