Matthias Becker
18.08.2010 | 14:30 7

Willkommen im Leben

Soziale Medien Erkenntnis 2.0: Nach der Euphorie hebt sich der Nebel - so verändern Soziale Medien die Intimsphäre, die Ökonomie und die Politik

Meine kleine Cousine liebt Klaviere. Sie liebt sie so sehr, dass meine ohnehin etwas wacklige Liebe zur Familie auf eine harte Probe gestellt wird. Am besten gefallen ihr die ganz tiefen Töne, die, die so schön laut und langanhaltend dröhnen, wenn sie mit dem Unterarm möglichst viele Tasten auf einmal herunterdrückt. Dann lauscht sie, wie sich der Lärm langsam verliert, lächelt und sagt: „Mensch, macht das Klavier Krach!“

Wenn es um die sozialen Auswirkungen von Technik geht, bewegen sich erstaunlich viele Menschen auf einer ähnlichen Erkenntnisebene: Das Klavier macht den Krach, das Auto den Unfall und die Pistole den Mord. Dabei verursacht in Wirklichkeit ja nicht das Klavier den Lärm, sondern die Cousine, ohne die das Instrument einfach wunderbar still bliebe.

Besonders wenn sich eine Technologie gerade erst verbreitet, überwältigt sie die Zeitgenossen regelmäßig so sehr, dass sie ihr die größten und extremsten Wirkungen zutrauen. Soziale Medien wie Facebook oder Twitter bildeten da keine Ausnahme. Internet-Netzwerke sollten angeblich staatliche Zensur unmöglich machen, die Demokratie beleben oder im Iran die Mullahs stürzen. Andererseits wird ihnen vorgeworfen, ihre Nutzer in bildungsfeindliche und kritikunfähige Konsumenten zu verwandeln, deren Aufmerksamkeitsspanne sich nur noch in Millisekunden angeben lässt. Aber die vielfältigen Folgen von Sozialen Medien sind nicht einfach in einer Großthese unterzubringen. Wie bei Klavieren kommt es darauf an, wer sie zu welchem Zweck benutzt.

Im Privatleben

Im Netz teilen manche Menschen der Welt sehr offen sehr private Dinge mit. Deshalb galt es unter den Kommentatoren lange als ausgemacht, dass – entsprechend der Logik vom lärmenden Klavier – die Sozialen Medien die Menschen zu Voyeuren und/oder Exhibitionisten machen. In Wirklichkeit haben zahlreiche Studien gezeigt, dass den meisten Nutzern ihre Privatsphäre keineswegs egal ist. Sie versprechen sich vielmehr etwas von der Veröffentlichung. Soll man beispielsweise seine sexuellen Vorlieben auf der Selbstdarstellungsplattform MySpace bekannt geben? Wahrscheinlich würde es die Chancen erhöhen, jemanden zu finden, der eben diese teilt. Aber was werden die Nachbarn denken? Oder die Eltern? Die Nutzer Sozialer Medien stehen vor schwierigen Abwägungen, die noch schwieriger dadurch werden, dass sich kaum abschätzen lässt, wie weit und wohin eine Information wandern wird.

Aber das sind Übergangsphänomene und Lernprozesse. Mit der Zeit wird eine Kultur entstehen, die das Bedürfnis nach Kommunikation mit dem nach Intimität versöhnt. Das gilt auch für die Umgangsformen im Netz. Soziale Medien sind da weder mit der Straße, noch einer Wohnung vergleichbar, sondern am ehesten mit einer Kneipe: Es ist unter Umständen in Ordnung, Fremde anzusprechen; man sollte sich dabei allerdings nicht allzu plump anstellen. Mit der Zeit werden sich in den Sozialen Netzwerken Verhaltensnormen durchsetzen. Das gilt auch für Fragen wie die, ob man seinen Partner nach der Trennung von seiner Freundesliste im Netz streichen soll oder nicht.

In der Wirtschaft

Wer sich bei Facebook anmeldet, dem wird seit kurzem versprochen: „Es ist kostenlos (und wird das für immer bleiben)!“ Das ist eine kluge Geschäftsentscheidung. Das Marktforschungsinstitut Lab42 teilte vergangene Woche mit, dass nur jeder zehnte Nutzer unter 25 Jahren bereit wäre, für Facebook zu bezahlen. Die renommierte „Annenberg School for Communication and Journalism “ stellte kürzlich dieselbe Frage über den Kurznachrichten-Dienst Twitter und fand heraus, dass keiner der Antwortenden bereit wäre, für die Mini-Meldungen Geld auszugeben.

Lange sah es so aus, als könne man im Netz auf Dauer als König behandelt werden, ohne jemals etwas zu kaufen. Aber auch dort gilt die düstere Weisheit, dass es so etwas wie ein kostenloses Mittagessen nicht gibt. Die Nutzer Sozialer Medien bekommen eine Dienstleistung geschenkt – aber die Kunden sind nicht sie, sondern die Werbefirmen. Denen verkauft Facebook Zugang zu genau umrissenen Zielgruppen. Wie das geht, erklärt das Unternehmen selbst so: Wer Brautkleider verkauft, kann seine Werbeanzeigen nicht nur ausschließlich an Frauen, sondern an Frauen zwischen 24 und 30 schicken, die verlobt sind. Solche Werbung verspricht „minimale Streuverluste bei maximaler Transparenz der Adressaten“, wie der Informatik-Berater Rainer Fischbach schreibt.

In Zukunft wird der Charakter der Netzwerke als Werbeträger stärker hervortreten, weil sie unter ökonomischem Druck stehen. Die Investoren, die ihnen Geld vorgestreckt haben, warten ungeduldig auf ihre Renditen. Andererseits wollen die Telekommunikationsunternehmen stärker an den Gewinnen beteiligt werden und sägen am Prinzip der „Netzneutralität“ (siehe S. 1). Es wird daher mehr Werbung geben, und sie wird aufdringlicher werden. Doch wenn dazu eine Alternative angeboten wird, bekommen die genervten Nutzer vielleicht, trotz des oben zitierten Versprechens, ja doch ein werbefreies Soziales Netzwerk – gegen einen kleinen Aufpreis?

In der Politik

Für Überwacher und Spitzel aller Couleur sind die Sozialen Medien ein Geschenk – weil sie ihnen Arbeit abnehmen. Das Daten-Abbild von Beziehungen kann von Maschinen ausgewertet, das Verhalten von mehr Menschen mit weniger Personal überwacht werden. Die Firma Siemens warb vor zwei Jahren damit, dass ihre „Intelligence Platform“ – eine Software für Ermittlungsbehörden – in der Lage sei, innerhalb einer Stunde „21.237.645 Telefonverbindungsdaten“ nach „verdächtigen Mustern“ zu durchsuchen. Solche Programme versprechen, nicht nur zur ermitteln, wer wen kennt, sondern auch die Strukturen sozialer Gruppen: Wer ist ein Rädelsführer, wer nur Mitläufer?

Allerdings sind Soziale Medien nicht nur eine Möglichkeit zur Kontrolle der Massen, sondern auch eine zur Selbstorganisation. Eine hübsche Geschichte dazu geschah vor wenigen Tagen in New York: Als der Flugbegleiter Steven Slater nach der Landung von einer Passagierin beschimpft wurde, teilte er über die Lautsprecheranlage mit, dass er nun genug habe, und verließ das Flugzeug über die Notrutsche (allerdings nicht ohne noch zwei Dosen Bier mitzunehmen). Am selben Tag wurde er verhaftet und muss sich nun vor Gericht wegen groben Unfugs und Landfriedensbruch verantworten.

Die Geschichte zeigt, wie sich heute Menschen aus aller Welt innerhalb kürzester Zeit ohne Partei, Gewerkschaft, Verein, Verband und Sponsor zu selbst bestimmten Zwecken in schlagkräftige Protestgruppen zusammentun können: Slater „kündigte“ am Montag. Am Mittwoch hatten knapp 200.000 Menschen auf seiner Facebook-Seite den „Gefällt mir“-Button geklickt. Sympathisanten richteten ein Spendenkonto für die Gerichtskosten ein und ließen „Free Steven Slater“-T-Shirts drucken.

Erreicht hatte sie Slaters Geschichte allerdings ganz traditionell über die Massenmedien. Dass Soziale Medien die Öffentlichkeit quasi von selbst demokratisieren werden, glaubt heute kaum jemand mehr. Und die etablierten Medien werden von den Netzwerken bestimmt nicht abgelöst werden. Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010, einer repräsentativen Telefonumfrage, sinkt das Interesse an Blogs, Twitter und ähnlichen Angeboten wieder. Aktiv im Netz sein, publizieren und kommentieren sei, so die Autoren, „weiterhin beschränkt auf eine kleine Gruppe von Aktiven“. Immerhin, durch die Sozialen Medien sind neue politische Aktionsformen möglich geworden. Wozu all diese Möglichkeiten genutzt werden – ist offen.

Von Matthias Becker ist kürzlich das Buch Datenschatten Auf dem Weg zur Überwachungsgesellschaft? erschienen (Heise Verlag 2010)

Kommentare (7)

mh 19.08.2010 | 15:43

wenn man über studien berichtet, sollte man nicht nur die pressemitteilungen gelesen haben ...

zwei bsp:

twitter ist dieses jahr mit 3% erstmals in der studie vertreten .. das interesse kann demnach kaum gesunken sein.

was bei fotoansammlungen und communitys weg ging, kam bei private netzwerke und communitys hinzu. da verschiebt sich einfach die nutzung .. logischerweise, denn heutzutage wird facebook statt flickr benutzt. facebook gilt als privates netzwerk, nicht als fotosammlung.

warum wikipedia in der interpretation als, web 2.0 angebot betrachtet wird, erschließt sich mir bspw. auch nicht. die meisten lesen da nur, dadurch verzerren sich aber die gesamtuserzahlen .. und dass die wiederum nur bedingt mit den vorjahren vergleichbar sind .. das steht in der studie selbst dann auch noch drin.

mfg
mh

mh 20.08.2010 | 15:35

nein, allein schon weil die vergleichbarkeit fehlt und was viel schlimmer ist, es keine definition des web 2.0 in diesem sinne gibt, den man in der studie vorfinden würde.

es stellt sich bspw. die frage, ob das drücken eines außerhalb von facebook dargestellten like-buttons bereits aktive teilhabe ist.

wikipedia hingegen ist ein sonderfall. das angebot ist größtenteils ausgebaut, es geht also nur noch um spezielle themengebiete die es zu beackern gilt und da muss die teilhabe extrem niedrig sein. draufclicken und lesen ist keine teilhabe.

die teilhabe zu bewerten macht mE auch nur dann sinn, wenn man die aktivität ranzieht. twitter erfordert bspw. einen wesentlich höheren aufwand .. facebook degeneriert den aufwand zur one-click-show.

d.h. die 3% bei twitter könnten soviel wert sein wie 10% bei facebook und generell die wesentlich interessantere zielgruppe mit weniger streuverlusten, wennman denn mal drinnen hängt.

das alles wird von der umfrage nicht behandelt. das einzige was ich da rauslesen könnte, wäre dass sich die aktivität verschiebt .. die angebote wachsen halt zusammen, wäre dann das fazit.

wichtig ist, dass generell mehr leute internet haben. wer also mehr teilhaben generiert, wächst stärker als der markt.

mfg
mh

ich ha

matthias-martin-becker 22.08.2010 | 21:03

mir scheint, da liegt ein mißverständnis vor: die online-studie behauptet zwar, dass die zahl der nutzer weniger schnell steigt als in den vergangenen jahren, dass aber das interesse SINKT, selbst inhalte herzustellen und zu publizieren - m.E. die einzig sinnvolle definition von "web 2.0". eine entsprechende statistik findet sich auf seite 360.

zitat: "Bei der letzten Erhebung 2009 deutete sich bereits ein Sättigungseffekt an. 13 Prozent aller Onliner zeigten sich damals sehr interessiert an den vielfältigen Chancen, sich selbst einzubringen. Das Potenzial hat sich binnen Jahresfrist fast halbiert. Nur
noch 7 Prozent der Onliner bekennen heute, sehr
interessiert an der Möglichkeit zu sein, aktiv etwas
beizutragen (vgl. Tabelle 2). Selbst unter Erweiterung
des potenziellen Web-2.0-Nutzerkreises um jene Onliner, die die Teilnahmemöglichkeit zumindest
„etwas interessant“ finden, zählen nur 22 Prozent
der Onliner zum erweiterten Potenzial. 2009 waren dies noch 31 Prozent, in 2008 gar 35 Prozent. Die Gruppe der Aktiven wird also kleiner, die Phase des Ausprobierens scheint beendet und für das Gros der Onliner ist Mitmachen im Mitmachnetz schlicht uninteressant."

www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online10/07-08-2010_Busemann.pdf

mh 24.08.2010 | 13:03

das missverständnis ist, dass die studie gar nicht behauptet, dass das interesse sinkt. denn trotz gesenkter verteilung ist die basis wesentlich höher als im vorjahr. bei 3-5% weniger anteil am gesamten kann die nutzung dennoch gestiegen sein. das aber wird nicht hinterfragt, sondern nur einschränkend angemerkt.

zum thema nutzung des internets empfehle ich den abschnitt "Schiefe Rechenmethode"

www.sueddeutsche.de/digital/zukunft-des-internet-totgesagte-leben-laenger-1.991536-2

mfg
mh