Willkommen im Vulvina-Club

Selbstbewusstsein Das weibliche Geschlecht wird oft als Loch beschrieben, als Leerstelle, die gefüllt werden müsse. Warum es so wichtig ist, neue Worte und Bilder dafür zu finden

Was ist der Ursprung der Welt? Für Gustave Courbet war das die Vulva, zeigt doch sein gleichnamiges Ölbild aus dem Jahr 1866 genau diese: Eine hellhäutige Frau, die nackten Schenkel gespreizt, präsentiert ihr haariges Geschlecht. Das Bild hat viele zu Adaptionen ermuntert; Marcel Duchamps Installation Etant donnés, in der eine nackte Frauenskulptur durch ein Loch in einer Holzwand zu sehen ist; oder Annie Sprinkles Performance Public Cervix Announcement, bei der sie dem Publikum Einblick in ihren Muttermund über ein Spekulum live präsentiert.

Die Schwedin Liv Strömquist reiht sich mit ihrem Comic Kunskapens frukt, der den deutschen Titel Der Ursprung der Welt trägt, in die künstlerischen Darstellungen des weiblichen Unterleibs ein. Die 39-Jährige hat schon einige kritische Graphic Novels veröffentlicht, etwa über die Vorstellung von romantischer Liebe.

Porno und Hexenprozesse

Sehr unterhaltsam ist direkt das erste Kapitel, eine Shitlist der „Männer, die sich zu sehr dafür interessieren, was als ‚das weibliche Geschlechtsorgan‘ bezeichnet wird“. Frauenfeindliche Kirchenmänner wie Augustinus und die „Typen aus den Hexenprozessen“ hat Strömquist gezeichnet, dazu Dr. John Kellogg. Der erfand die Cornflakes – und versuchte gleichzeitig, Frauen davon abzuhalten, ihr Geschlecht anzufassen. Sein heißester Tipp gegen die Masturbation, die angeblich Gebärmutterkrebs, Epilepsie, Wahnsinn und allgemeine mentale oder physische Instabilität verursachte: Reine Karbolsäure auf die Klitoris – die ätzt garantiert jede Lust weg.

Auf dem Cover sitzt Liv Strömquist ganz in Schwarz auf einer Holzbank, neben sich eine Maschinenpistole, die Hände vor dem Unterleib zum Dreieck geformt: Keine Merkel-Raute, das ist das Vulva-Handzeichen. Bei allem Witz hat die Autorin eine Mission: den Frauen-Unterleib endlich positiv sichtbar zu machen. Ohne Porno-Appeal oder Werbung für Monatshygiene.

Strömquist prangert auch vermeintliche Fakten aus dem Hier und Jetzt an, etwa aus einem schwedischen Aufklärungsbuch für Kinder: „Der Mann hat ein Schwänzchen zwischen den Beinen. Die Frau hat einen Busch. Darin ist ein Loch, das ins Innere führt.“ Was so beginnt, kann nur damit enden, dass das Schwänzchen genau in das Loch passt. Eine klare Weltanschauung, wunderbar binär – mit fatalen Konsequenzen: „Die Frau hat also ein geringes Selbstwertgefühl, da sie kein Geschlecht hat, sie ist durchlöchert und sehnt sich nach einem Penis, der ihr Loch stopft und diesen Mangel behebt“, fasst Strömquist voller Abscheu zusammen und gibt noch Jean-Paul Sartre eins auf die Philosophenmütze, der auch vom „Durchlöchertsein der Frau“ sprach. Für ein Umdenken bräuchte es neue Worte – statt „Du mit deiner Wunde, ich mit meinem Speer“ könnte man nach Strömquist sagen: „Ich mit meinem Birkenstamm, du mit deinem Hahnenkamm“.

Dass die Vulva stets als Loch, als Leerstelle, als Fehlen von etwas beschrieben wird, bestätigt die Düsseldorfer Journalistin Mithu M. Sanyal in ihrer Kulturgeschichte Vulva. So wird oft von der Vagina geredet, wenn eigentlich die Vulva gemeint ist. Vulva ist der korrekte Begriff für die äußeren Genitalien, Vagina meint nur die Passage zum Muttermund. Hier lohnt es sich, Latein zu können, erklärt Sanyal. Vagina bedeutet Scheide, das Wort wählten Ärzte im 17. Jahrhundert, um zu beschreiben, „wo der Mann sein Schwert hineinsteckt“: „Dass da noch mehr ist, wird mit diesem Begriff absichtlich verschwiegen.“

Wofür wir keine Sprache haben, dafür haben wir kein Konzept, kritisiert auch die US-amerikanische Psychoanalytikerin Harriet Lerner. Sie erregte sich schon Ende der 1990er über die „psychische Genitalverstümmelung“ des immens erfolgreichen New Yorker Theaterstücks Die Vagina-Monologe, das aus transkribierten Äußerungen von Frauen über ihre Genitalien besteht. Denn auch hier, auf ach so emanzipatorischem Boden, wurde der falsche Begriff genannt. Lerner gründete in den 1980ern einen „Vulva-Club“, erfahren wir in Sanyals Kulturgeschichte: „Mit der einzigen Zugangsvoraussetzung, dass man das Wort ‚Vulva‘ richtig verwendet, wenn man Vulva meint.“ Nebenbei bemerkt: Wer sagt eigentlich „Hoden“, wenn er „Penis“ meint?

Dass die Vulva nicht sichtbar, nicht aussprechbar, nicht zeigbar ist, das war nicht immer so, sagt Sanyal. „Noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war in vielen Balkanstaaten das Zeigen der Vulva eine der machtvollsten Gesten: Einfach mal die Röcke heben, wenn’s ein Problem gibt.“ Eine heute unvorstellbare Geste, ein solches Rocklupfen, es sei denn, man befindet sich in einem Pornokanal im Netz.

Man ahnt es schon: Der Paradigmenwechsel kam mit dem Christentum. Hier gibt es den einen Gott, einen weiteren neben ihm darf niemand haben. Und so wird keine weibliche Gottheit mehr gebraucht, die die Welt erschaffen, geboren hat: Keine Baubo, die durch die Organe zwischen ihren Beinen spricht, keine Demeter, deren Name übersetzt „Mutter des Delta“ bedeutet. Alle Eigenschaften der weiblichen Schöpfergöttin wurden auf den männlichen Schöpfergott übertragen; man sprach von der nährenden Brust Christi, durch die Taufe werden die Menschen neu geboren.

Haare zeigen

Dieser Paradigmenwechsel wirkt bis heute: Im Museum etwa empfinden wir nackte männliche Skulpturen mit marmornem Geschlecht als völlig normal. Frauen mit gespreizten Beinen gibt es nur in der Sonderausstellung. Dagegen wehren sich Aktivistinnen, Künstlerinnen und Publizistinnen seit langem. Die Geschichten von Frauen in den 1970ern und 80ern, die ihre Unterleibe gemeinsam mit Handspiegeln erforschten, handeln genau davon: der Wiederentdeckung der Vulva, entgegen allen patriarchalen Vorstellungen.

Die weibliche Sexualität wird derzeit vielerorts ins Rampenlicht geholt: Die Musikerinnen der britischen Punkband Skinny Girl Diet zeigten sich kürzlich auf ihrem Plattencover mit Blut im Schritt. In Spanien gingen Frauen 2013 mit einer riesigen Vulva auf die Straße, um gegen ein drohendes Abtreibungsverbot zu kämpfen; Ähnliches taten Aktivistinnen 2016 in Polen. Frauen verkleideten sich Anfang dieses Jahres auf den Women’s Marches als haarige Vulven und skandierten „Viva la Vulva“, um sich gegen Sexismus zu wehren.

Die Sichtbarkeit der Vulva ist längst nicht so privat, wie viele meinen, findet auch Liv Strömquist. „Das hat mit Freiheit und Gleichheit zu tun“, schreibt sie. „Sexualität ist immens wichtig – und wenn diese als etwas Schmutziges, Beschämendes gesehen wird, das versteckt gehört, erzeugt das ein immenses Gefühl von Unterdrückung.“

Mithu Sanyal sagt, dass sich seit der Erstauflage ihrer Kulturgeschichte 2009 einiges getan hat. Nicht nur, dass viele heute den Unterschied zwischen Vulva und Vagina kennen. Sanyal freut sich auch über das neue Wort „Vulvina“ der Sexualpädagogin Ella Berlin, das die Gesamtheit des weiblichen Geschlechts ausdrücken soll.

Gustave Courbets Der Ursprung der Welt war übrigens lange im Besitz des Psychoanalytikers Jacques Lacan. Lacan, der in Berufung auf Sigmund Freud das weibliche Genital für nicht-existent erklärte, fürchtete das Abbild dieser doch sehr existent wirkenden Vulva wohl: Eine eigens von seinem Schwager André Masson hergestellte Vorrichtung verbarg das Bild für ihn hinter einer surrealistischen Landschaft, die den Linien des nackten Frauenkörpers folgte.

Info

Der Ursprung der Welt Liv Strömquist Avant 2017, 140 S., 19,95 €

Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts Mithu M. Sanyal 2. aktualis. Aufl., Wagenbach 2017, 256 S., 14,90 €

06:00 14.06.2017

Kommentare 11