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Die Massen nehmen sich ihr Produkt "Der Herr der Ringe" hat das vielleicht größte Fan-Phänomen der letzten 50 Jahre ausgelöst

Wann genau ist man ein Herr der Ringe-Fan geworden? Wenn man die Filme in der "Extended Version" gesehen und sich durch das komplette Zusatzmaterial der Special-Edition-DVDs gearbeitet hat? Wenn man für die lange Herr der Ringe-Nacht ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Haldir lives! I don´t care what Peter Jackson says" bereit hält? Wenn man beglückt feststellt, dass die Haare endlich lang genug sind, um elbische "warrior braids" zu flechten? Wenn man weiß, dass die Elben sich in Sindarin, Silvan und ... Genug, so genau wollen Sie es gar nicht wissen. Oder hängen Sie selbst am Haken?

Wundern müsste es nicht: Schließlich hat der Stoff, dem Sie verfallen sind, das vermutlich größte Fan-Phänomen der letzten 50 Jahre ausgelöst. Was das Kino angeht, ist Peter Jacksons Filmtrilogie im Begriff, jene erfolgreichen Mehrteiler - inzwischen kaufmännisch Franchises genannt - abzulösen, die in den letzten 30 Jahren dauerhaft ein Publikum binden konnten: Star Wars und Star Trek/ Raumschiff Enterprise haben im Vergleich mit dem Herrn der Ringe deutlich an Appeal verloren. Und auch nachdem Die Rückkehr des Königs über die Leinwände der Welt geflackert ist, wird die Manie kaum abebben. Denn 2004 feiert die Geschichte vom Ringkrieg in Mittelerde ihr 50. Jubiläum.

Guilty Pleasures: LotR - das Buch

Für die Erstgeborenen unter den Fans hat das Ganze also nicht erst mit den neuen Filmen angefangen. Tolkiens Roman The Lord of the Rings, kurz und fannish: LotR, war 1954 und ´55 als - reichlich ausgeufertes - Sequel des erfolgreichen Kinderbuchs The Hobbit veröffentlicht worden. Der internationale Triumphzug der seinerzeit eher isoliert auf dem Markt stehenden Fantasy-Erzählung begann allerdings mit Verzögerung. So hatte sich Der Herr der Ringe in den USA über ein Jahrzehnt langsam, aber stetig verkauft, studiert und diskutiert vor allem von der Science-Fiction-Gemeinde. Mit der Veröffentlichung zweier amerikanischer Taschenbuchausgaben - eine davon illegal - machte LotR 1965 Verlagsgeschichte: In nur zehn Monaten gingen 250.000 Exemplare über den Ladentisch. "Plötzlich scheint alle Welt ein sehr langes und sehr merkwürdiges Buch mit dem Titel Der Herr der Ringe zu lesen", schrieb der amerikanische Genre-Autor und Tolkien-Verehrer Lin Carter 1969. "In den Ladenstraßen von Greenwich Village können Sie Buttons kaufen, die verkünden Frodo lebt! oder aufmunternde Worte tragen wie Go Go Gandalf."

In Deutschland gab Klett-Cotta dem Werk einen unverwechselbaren giftgrünen Anstrich, und auch hier ließen sich die Zeichen eines Kults - Sticker inklusive - beobachten. Es war die große Zeit des Aromatees, der Räucherstäbchen und Schaffellmäntel. Norbert Elias, Claude Lévi-Strauss und Esoteriker wie Carlos Castaneda begannen, Marx und die Kritische Theorie aus den Studenten-WGs zu verdrängen; man schrieb sich ein für Vor- und Frühgeschichte, Ethnologie oder Volkskunde, fühlte sich, inmitten der Industriegesellschaft, den Naturvölkern und der "lebendigen Erde" verbunden, entdeckte, dass in jeder Frau eine Hexe steckt und Jute Plastik vorzuziehen sei.

Bei Tolkien gab es davon eine Menge... nun, nicht Jute, aber garantiert schadstofffreie, handgefertigte Materialien. Späthippies und neues grün-alternatives Milieu konnten sich mühelos wiederfinden in der Opposition von Natur und Technik, die eines der wesentlichen Strukturmomente von Tolkiens Roman bildet: Auf der seinen Seite die ländliche Idylle der Hobbits und die sanfte Zivilisation der Elben von Lothlórien, die mit ihrem Wald verschmelzen und Handwerk im Stil der arts and crafts des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts betreiben - auf der anderen Seite die gefällten Bäume und verbrannte Erde, die die zur Arbeit und zum Krieg gezüchteten Massen von Saurons und Sarumans Orks "produzieren".

Dabei hat Tolkien auch nach dem Niedergang der Öko-, Alternativ- und Esoterikbewegungen der Siebziger seinen Appeal nie verloren, der Herr der Ringe sich als erstaunlich krisenresistent erwiesen: Die Fans waren in den folgenden Jahrzehnten immer da draußen. 1997 kam Tolkien in England erneut in die Debatte, weil LotR in mehreren Umfragen zum größten Buch des zwanzigsten Jahrhunderts gekürt worden war, vor Titeln wie 1984, Der Herr der Fliegen oder Der Fänger im Roggen. Die literarische Szene, die Tolkien immer wegen seines ästhetischen und politischen Anti-Modernismus gehasst hatte, empörte sich. Die Debatte spiegelte emblematisch den Konflikt zwischen professionellen Rezipienten und modernem Massenpublikum wider.

Aber vielleicht ist bei einem Buch wie diesem die Frage nach der ästhetischen Qualität gar nicht so interessant wie die nach dem kulturellen Handeln seiner Leser. Der Herr der Ringe funktioniert im wahrsten Sinne wie eine "folk tale": Gespeist aus volkstümlichen Quellen und einer vorbürgerlichen Überlieferung, die das Konzept des Originalkunstwerks noch nicht kannte, mündet LotR schließlich wieder in den Strom populärer Zeichen zurück - es ist eine Erzählung, die geradezu danach verlangt, vom Publikum in Besitz genommen zu werden.

Für mich gehörte die Liebe zu Tolkiens Büchern allerdings bald in die Rubrik guilty pleasures. Erst fielen mir die mindestens dubiosen ideologischen Tendenzen der Erzählungen auf: die Blut-und-Boden-Rhetorik, das Spießertum der Hobbits, die Vorstellung von einem Kampf, den die noblen, aufrechten "Herrenrassen" des Nordens und Westens gegen einen Haufen triebgesteuerter, intelligenzfreier Barbaren aus dem Süden und Osten - Stalins Truppen? die Völker der Dritten Welt? das Proletariat? - auszufechten haben. Dann begann mir das Exaltierte in Tolkiens Stil auf die Nerven zu gehen: die Elbengesänge, die Fürwahrs und Wehe-Rufe, die Pedanterie, die in dieser akribisch ausgemalten und mit Fußnoten versehenen Parallelwelt herrschte. Erst Peter Jacksons Filme haben mich wieder damit versöhnt - sie und die neu hinzugekommenen Fans, die zwar gelegentlich noch immer eine Neigung zum Archivarischen und Kultistischen haben, insgesamt aber doch auf erfrischend unbefangene Weise mit dem Stoff umgehen.

Nur Stämme überleben: Das Fandom

Natürlich verdanken sich viele Elemente von Jacksons Verfilmung dem Versuch, einer Anhängerschaft Reverenz zu erweisen, die so groß ist, dass man sie schlechterdings nicht mehr überblicken kann - schließlich gibt es sogar auf den Philippinen eine "Tolkien-Gesellschaft". Die manchmal geradezu erschlagende naturalistische Tendenz der Inszenierung, die Energie, die auf die Details der Ausstattung verwendet wurde, die Verpflichtung von Tolkien-Illustratoren und Sprachspezialisten annoncieren die Werktreue des Unternehmens. So dass selbst die "Puristen", die mit den "Revisionisten" einen passionierten Streit um literarische Details führen, zugestehen, es sei immer noch besser gewesen, die Adaption Jackson anzuvertrauen statt "einem wie Chris Columbus", dem Regisseur der ersten beiden Harry Potter-Filme.

Aber wenn man sich einmal durchs Internet bewegt, auf der Suche nach Fansites, wird schnell klar, dass die Filme ihre eigenen Anhänger gewonnen haben. Fans fühlen sich inzwischen oft genötigt, ihre Arbeiten in bookverse oder movieverse zu unterteilen - also solche, die am Buch und solche, die am Film orientiert sind. Das Eingeständnis, man sei beim Lesen der Vorlage leider nicht über den ersten Band hinaus gekommen, findet sich immer wieder, und eine ganze Reihe von Liebhabern - oder eher Liebhaberinnen - ist, wie der Autor einer Empfehlungsliste bei Amazon beklagt, vermutlich wirklich "nur wegen Orlando Bloom hier".

Tatsächlich speist sich das moderne LotR-Fandom aus sehr unterschiedlichen Strömen: Es gibt die philologisch orientierte Fraktion, die sich mit der Etymologie und Grammatik von Tolkiens Kunstsprachen beschäftigt, die Liebhaber von Fantasy im Allgemeinen, die Rollenspieler, die spirituell Orientierten. Die Filme haben darüber hinaus die Peter-Jackson-Anhänger auf ihrer Seite, und sie ziehen die sogenannten Mediafans an: aktive, längst akademisch erfasste Rezipienten, die populäre Produkte der Unterhaltungsindustrie nicht nur diskutierend begleiten, sondern vor allem bearbeiten und nach ihren eigenen Bedürfnissen ummodeln.

Für diese Fans sind Tolkiens Schriften und Jacksons Filme durchaus nicht sakrosankt; vielmehr bewegt sich ihre Haltung zwischen einem Respekt vor dem, was ihre Phantasie so wirkungsvoll anspricht, und einer Form von praktischer Kritik, die - besonders in der Fan-Fiction, den selbst geschriebenen Geschichten um die geliebten Charaktere - bis zur spielerischen Dekonstruktion des Originalmaterials gehen kann.

Die angelsächsische Kulturwissenschaft hat, beeinflusst von Michel de Certeaus Studie über Die Kunst des Handelns, die Szene der Mediafans mit etnographischen Methoden erforscht und rehabilitiert: Was früher als milde Form des Irrsinns galt, lässt sich inzwischen als eine eigenwillige, kreative und intelligente Form privater Kulturaneignung deuten.

Der aktive Fan geht davon aus, dass Produkte, die in hohem Grade arbeitsteilig und mit der Intention geschaffen werden, "die Massen zu ergreifen", schließlich auch von den Massen in Besitz genommen werden können - oder wenigstens zu nicht kommerziellen Zwecken geborgt. "Die Figuren gehören Tolkien Estates und Peter Jackson. Ich leihe sie nur aus, lasse sie ein wenig spielen, mache sie sauber und stelle sie wieder zurück" - so oder ähnlich heißt es in den oft sehr phantasievollen Disclaimers, die Fan-Autoren ihren Werken voranstellen, um sich vor Copyright-Klagen zu schützen. Die Studios, Produzenten und Urheberrechtsinhaber im Allgemeinen tolerieren die Szene inzwischen, und das Team um Peter Jackson fütterte sie sogar regelrecht mit Informationen an, denn sie bildet den Boden, auf dem Kultphänomene erst so richtig gedeihen.

Was uns zu Fans macht

Dass es sich beim Aufstieg des Fantasy-Genres im Allgemeinen und dem Erfolg von Tolkien-Stoffen im Besonderen um eine Form von Eskapismus handelt, ist die gängigste These professioneller Interpreten: Die Leser flüchteten sich demnach in eine Welt, die mit ihrem Alltag nichts zu tun hat, und deren Appeal sich darauf gründet, dass sie vornehmlich auf "zeitlosen", archaischen oder allgemeingültigen Vorstellungskomplexen und Erzählmustern beruht.

Der englische Philologe Tom Shippey hat sich die Mühe gemacht, nach dem zu fragen, was den ganz spezifischen historischen Gehalt von Tolkiens Werken ausmacht. Ihre Anziehungskraft ist Shippey zufolge zum einen in der Tatsache begründet, dass sie - ähnlich wie die dystopischen phantastischen Romane von Zeitgenossen Tolkiens wie George Orwell, Kurt Vonnegut oder William Golding - auf die Kriegserfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts reagieren: In der Vorstellung vom "ewigen" Kampf zwischen Gut und Böse, vom Rückfall in die Barbarei als einer Drohung, die über der menschlichen Spezies schlechthin liegt, spiegeln sich die Furcht und Verunsicherung angesichts sehr konkreter Katastrophen - alle genannten Autoren waren selbst Kombattanten. Typisch für Tolkien, den katholischen Konvertiten, der privat deutlich rechtslastige Überzeugungen offenbarte und auch schon mal Partei für die spanischen Francisten ergriff, ist indes auch, dass er auf diese Angst reagiert, indem er ein System traditioneller Werte wiederbelebt - Loyalität, Demut, Tapferkeit und Altruismus. Lässt man sich auf diese basics ein - und in der Fankultur, vor allem bei den Liebhabern der Hobbits - spielen sie durchaus eine Rolle -, dann darf man sich in einem Universum zuhause fühlen, das unter anderen ideologischen Aspekten tatsächlich niemanden ausschließt.

Jenseits der problematischen, unmittelbar politischen Konnotation zeigen die Bücher nämlich auch eine pointiert integrative Haltung. Shippey belegt en detail, wie Tolkiens Arbeiten verschiedene Einflüsse, Katholizismus, fernöstliche Spiritualität und "heidnisches" Denken, verschmelzen, ohne einen dominant erscheinen zu lassen: Die christliche Schöpfungsgeschichte versöhnt sich hier mit der Götterwelt der Edda und der Idee der Seelenwanderung. Diese eigentümliche Melange erklärt nicht nur Tolkiens weltweite Wirkung, sondern sie steht in einer gewissen modellhaften Vorläuferschaft zu typischen Fan-Texten wie Star Wars und Star Trek, dessen Motto infinite diversity in infinite combinations - unendliche Vielfalt in unendlicher Kombination - über den Web-Dörfern der Mediafans leuchtet.

Der Guerillero wird König: LotR - der Film

Peter Jacksons Leinwandadaption ist es zwar nicht gelungen, das Ideologische der Tolkien-Texte abzuschütteln, aber es wird doch klar, dass vom Buch zum Film ein massiver Modernisierungsschub stattgefunden hat. Am offensichtlichsten sind in diesem Zusammenhang die Aufwertung der weiblichen Figuren und der Verzicht auf die Stammesgeschichten. Die Elemente dagegen, die schon die "counterculture" der Sechziger für Tolkien einnahmen, arbeitet Jackson drastischer heraus. Den "ökologischen" Subplot des Buchs etwa akzentuiert die Regie sparsam, aber effizient in den perfekt exekutierten Kamerafahrten durch Sarumans unterirdische Waffen- und Söldnerfabrik. War der Schatten, der über Mittelerde liegt, für Tolkien der, den die Industriestadt Birmingham in seiner Jugend über die lieblichen West Midlands warf, so lässt sich heute in den Filmbildern verwüsteter Landstriche, der Totensümpfe, des aschfarbenen Mordor, mühelos eine Katastrophe globalen Ausmaßes erahnen.

Was die Idee vom absolut Bösen, vom "Zivilisationsbruch" betrifft, so hat es einen ehemaligen Splatter-Regisseur und Hollywood-Maverick gebraucht, um dem manchmal etwas raunenden Ton, in dem Tolkien die dunkle Seite beschreibt, visuell Nachdruck zu verleihen. Das Thema Krieg wird trotz des exotischen Settings immer wieder handgreiflich und deutlich an einen zeitgenössischen Kontext angebunden. Wenn in den Schlusssequenzen des zweiten Teils der Ringreiter auf seinem Drachen die bereits in Ruinen liegende Stadt Osgiliath angreift, wo Frodo und Sam verzweifelt zwischen Trümmern Deckung suchen, hat das etwas von einem Bombenangriff.

Jacksons Gespür für zeitgenössische Allusionen und Anknüpfungspunkte zeigt sich schließlich im Design des "Bösen" insgesamt. Die Kino-Trilogie pflegt einen ausgesprochenen "gothic look" mit Korrespondenzen zur gruftigen Atmosphäre anderer populärer Genrefilme: von den Moria-Minen, wo Massen von Orks wie schnellwuchernde Pilze eine stilisierte Architektur überwuchern, zu den "Wächtern", den wimmelnden, krakenhaften Maschinenwesen, die bereits im ersten Matrix-Film die Erde kontrollierten, ist es nur ein kleiner Schritt.

In eine ähnliche Richtung gehen auch die Besetzungsentscheidungen, die für den Fan-Appeal der Filme sicherlich keine untergeordnete Rolle spielen. Dass Hollywoods A-Riege abwesend ist, mag Budget-Gründe haben oder Zufall sein - Sean Connery, heißt es, habe den Gandalf-Part abgelehnt, weil er nicht so viel Zeit in Neuseeland verbringen wollte -, ist aber ein ausgesprochener Glücksfall. Denn in Jacksons Ensemble mischen sich auf abenteuerlichste Weise Charakterdarstellungen, popkulturelle Hipness und eine Ahnung von Schrägheit: Mit Ian McKellen, der mühelos von einem homoerotischen Drama wie Gods and Monsters zu den X-Men wechselt, Sean Bean und Cate Blanchett versammeln sich Schauspieler vor der Kamera, die eher dem Independent-Sektor zugerechnet werden und eine Neigung zum Risiko haben. In Hugo Weavings Elbenlord Elrond schwingt unweigerlich die Erinnerung an den Agenten Smith aus Matrix mit, während man von Liv Tylers Arwen irgendwie Kosmetik-Tipps erhofft: Sie sind 2.700 Jahre alt - was tun Sie gegen Falten? Mit Orlando Bloom, der den idealschönen Elben Legolas spielt, hat das neuseeländische Team schließlich einen Schatz gehoben: Der bis dato unbekannte Engländer, Hollywoods neuer Favorit, wenn es darum geht, Parts in teuren Kostümspektakeln zu besetzen, ist der seltene Fall eines Stars, der nicht von der Industrie oder Presse, sondern vom Publikum berufen wurde.

Überall ist Auenland: Der Fan als Entdecker

Jacksons Schauspieler bringen Images und Details in die Adaption ein, die quer zu der durchschaubaren, holzschnittartigen Charakterisierungstechnik der Bücher liegen. So wirkt Viggo Mortensens Aragorn, der im dritten Teil des Romans etwas enervierend Statuarisches annimmt, im Film zu Zeiten wie ein Guerillero mit dem Appeal eines Rockstars: wirre Haare, dreckige Fingernägel, Silberschmuck und wehender Mantel. Die Elben decken die andere Flanke des Spektrums zeitgenössischer Männlichkeitsbilder. Gepflegt, geschmückt, in erlesene Stoffe gekleidet, stets frisch shampooniert, aber taktisch und kämpferisch allemal auf der Höhe, leisten sie für das Tolkien-Universum ungefähr das, was David Beckham für den Fußball getan hat.

Was der Film aus dem Stoff heraus treibt, ist der Glanz seiner preziösen Oberfläche. Jacksons Inszenierung ist verliebt in die Textur der Dinge. In den Faltenfall eines Gewands, das matte Schimmern eines Helms, das Zittern der Federn an einem Pfeil, das Licht im Goldenen Wald, die gekurvten Architekturen von Bruchtal, das wie ein elbisches Davos in den Bergen liegt. Aber auch: der Schlamm, aus dem sich die Uruk-hai winden, die verstopften Poren in Gandalfs Gesicht, die fauligen Zähne der Orks, die knotigen Finger des digitalen Gollum. Die merkwürdige, doch überlegte Kombination von fortgeschrittenster Computertechnik und der mit mittelalterlichen Methoden, von Hand hergestellten Ausstattungsdetails verleihen dem Film auf allen Ebenen etwas verführerisch gut Gearbeitetes, Luxuriöses: ein Haute-Couture-Modell, neben dem sich etwa die letzten beiden Star Wars-Folgen von George Lucas nachgerade unterproduziert ausnehmen.

Den Ton der Evidenz schließlich, den Tolkien durch beständige Verweise auf Legenden und Figuren erreicht, die im Buch gar nicht auftauchen, das, was uns glauben macht, dass die Welt von LotR über die Grenzen des Wahrgenommenen hinausreicht, dass sie irgendwo existiert, auch wenn wir gerade mit etwas anderem beschäftigt sind - diesen Ton erreicht Jackson durch die Art seiner Inszenierung, vor allem die Einstellungen, die sein ausführender Produzent als "crazy shots" bezeichnet hat. Wenn die Kamera von Sarumans Turm in die Tiefen seiner Fabrikanlagen hinabtaucht, ein Ork-Heer umkreist oder über der Brücke von Khazad-dum ins Delirieren gerät, nehmen selbst die manipuliertesten, künstlichsten Sets den Charakter von Landschaften an, in denen man sich tatsächlich bewegen kann - und in denen es möglicherweise etwas zu entdecken gibt, das weder Film noch Buch je gezeigt haben.

Gekürzte Fassung eines Beitrags, der demnächst in Ursula Vossen (Hrsg.): Von Neuseeland nach Mittelerde: Die Welt des Peter Jackson im Schüren-Verlag 2004 erscheint.


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00:00 19.12.2003

Ausgabe 38/2020

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