Willkommen in der nullten Welt

USA Es war einmal das reichste Land der Welt: Wie lebt es sich heute in den Vereinigten Staaten? Unsere Autor:innen gehen auf eine Reise von Florida nach Kalifornien – und müssen bald an Russland denken
Willkommen in der nullten Welt
Freiheit war einst das große Versprechen. Heute blickt die Welt anders auf die USA

Foto: Chris Maggio/East

Vielleicht sollte der erste Eindruck nicht überbewertet werden. Miami International Airport: unendliche Flure, komplexe Gänge, allerorts Rolltreppen. Als wir endlich ins Freie gelangen, ist es schon dunkel. Wir wollen den Bus nehmen, Fahrscheine müssen vorab erworben werden, der Fahrscheinautomat funktioniert nicht. Der Bus kommt. Wir steigen ein, erklären der Busfahrerin unsere Lage. Sie ist jung, schwarz, gerädert. Ihre Maske hängt sonst wo, mehr Kinnwindel als Mundschutz, ihre künstlichen lila Wimpern ein verzweifelter Hilfeschrei. Genervt winkt sie uns mit ihrem Fuck-my-life-Gesicht durch. Irgendwie haben wir uns Miami lässiger erhofft.

Oft werden alle Staaten der Erde nach politischen oder wirtschaftlichen Kriterien in erste, zweite und dritte Welt eingeteilt. Immer ist die erste Welt dabei die gute, demokratische, reiche. Immer wird sie von den USA angeführt. Wir wollen sie uns anschauen, diese Staaten, wollen sieben Wochen lang ein Land vermessen, das so nah und dann wieder unendlich fern scheint – ein eigener Planet.

Ein Jahr ist es her, dass Donald Trump als Präsident abgewählt worden ist und ein von ihm aufgeheizter Mob das Kapitol in Washington gestürmt hat. Trotzdem zählen viele hier mittlerweile andersherum: Schon in drei Jahren kommt er wieder! Schwer macht es ihm seine Konkurrenz ja nicht. Joe Biden wirkt schwach, seine große sozialpolitische Reformagenda ist zu einem mittelmäßigen Infrastrukturpaket zusammengeschrumpft, die kommenden Midterms könnten sein politisches Ende bedeuten. Was ein innerer Aufbruch werden sollte, gleicht von außen fortwährender Agonie. Vielleicht ändert ein tiefer Blick ins Land hinein ja unsere Sichtweise.

Uns interessiert vor allem das weite Zwischenland, all jene Staaten, die sich nach jeder Wahl auf den Bildschirmen der Welt rot färben, als warteten sie nur darauf, die blauen Küstenketten zu sprengen und alleine weiterzumachen. Von Florida aus wollen wir durch den republikanischen Süden fahren, durch Alabama, Louisiana, Texas und Arizona bis zum demokratischen Mekka Kalifornien.

Auf dem Highway begegnet uns bald die Zerrissenheit des Landes – in Reifenstücken. Überall liegen sie herum, kleine schwarze Fetzen und unförmige Gummifladen, als würde ein riesiges Reifentier vor uns herlaufen und sich unentwegt häuten. Im Autoradio läuft das Früher-war-alles-besser-Programm. Wir hören so oft Don’t stop believin, dass wir bald bereit sind, wirklich an unsere Journey zu glauben. „Some will win, some will lose, some were born to sing the blues ...“

Wir erreichen die Stadt Mobile in Alabama. Und sind perplex: Menschen rauchen in einer Bar. Es ist das erste Mal, dass wir so etwas auf unserer Reise erleben, und weil wir ahnen, dass es auch das letzte Mal sein wird, rauchen wir gleich kräftig mit. „Ja, die wollen alles verbieten“, sagt eine Frau um die fünfzig, die neben uns an der Theke sitzt und sich als Nancy vorstellt. „Aber wir in Alabama lassen uns das nicht gefallen.“ Hinter ihr hängen die Stars & Stripes. Nancy zieht genüsslich an ihrer Zigarette, wirft ihrem Terrier, der neben ihr auf dem Tresen passiv raucht und so buddhistisch dreinblickt, als wäre er eine Yogamatte, einen Blick zu. „Ich liebe mein Land, aber die Regierung ist nicht dafür da, Menschen zu sagen, was sie tun sollen.“ Nancy pafft gleich noch eine. Widerstandszigaretten schmecken besser als normale.

Wie Deutschland im Jahr 1995

Nancy redet mal mit der Barfrau und mal mit uns, es geht um Eigenverantwortung und Selbstbestimmung. „Jeder sollte zu Hause machen, was er will! Ich gehe ja auch nicht zu meinen Nachbarn und erkläre ihnen, wie sie zu leben haben“, sagt Nancy bestimmt. Aber ist eine Bar nicht ein öffentlicher Ort? „Für euch vielleicht!“, sagt sie. „Für mich ist das hier wie mein Zuhause!“ Nancy lacht auf, die Barfrau prostet ihr zu. In Europa würden die Menschen erwarten, dass sie erklärt bekommen, was sie zu tun hätten, „aber wir hier machen das eben anders“. Nancy erzählt dann, dass sie ja auch lange „over there“ gelebt habe. Als wir wissen wollen, wo denn genau in Europa, stellt sich „da drüben“ aber als Pennsylvania heraus. „An der Ostküste glauben sie, allen ihren Lebensstil aufzwingen zu können. Sie sind arrogant.“

Umgestürzte Bäume, Müllhaufen, Autoreifen – unsere Fahrt nach New Orleans gerät apokalyptisch. Wenige Wochen ist es her, dass Ida in Louisiana gewütet hat, der Hurrikan traf dabei auch viele Stadtviertel, die ohnehin arm dran sind. Dann, in der berühmten Bourbon Street im French Quarter von New Orleans, explodiert das Leben. Trommeltänzer, Drogenverkäufer, Drinks in Neongelb. Seelenfänger, Zeugen Jehovas, Prediger, die Karten verteilen: „Read the back to find out the truth.“ An jeder Kreuzung ein Irrer, ein Kreuzungsirrer. Zum Jazz grölen sie hier mit.

New Orleans nennt sich Nola und säuft, als würde es nicht nur seinen Namen vergessen wollen. Schlangenbeschwörerinnen, die auf Segways herumfahren, ein Bus, aus dem Joints für zwanzig Dollar verkauft werden, ein junger Typ, der um Geld Schach gegen vermeintliche Opfer spielt und dann das Geld nicht rüberreicht, wenn er verliert – dafür aber ein verpacktes knallgelbes Shirt mit der Aufschrift: Nola don’t cry.

Als wir weiterfahren, gilt es wieder täglich nach einem Supermarkt zu suchen, in dem nicht alles doppelt und dreifach in Plastik verpackt ist, in dem nicht zwanzig von zwanzig Sandwiches mit Fleisch belegt sind. Maske tragen nur wenige Menschen. Radwege gibt es gar keine. Dafür extra breite Parkplätze für die extra großen Pick-ups. Das Land des ewigen Fortschritts, zumindest seine Mitte, wird vor unseren Augen immer mehr zu einer Art Deutschland à la 1995, nur mit deutlich weniger Schnaps und Liedern. Vielleicht hat uns New Orleans deshalb so überwältigt. Dort wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Aber offenbar auch nur dort.

In einem Städtchen namens Humble, unweit von Houston, steigt in einem Gemeindezentrum eine Gunshow. Über den Parkplatz schlendern Menschen zu ihren Autos, die Shotguns locker über ihre Schulter gelegt. Drinnen werden etwa „home defense shotguns“ angeboten, Schnellfeuergewehre für 1.000 Dollar und Pistolen schon für 249. Irgendwelche Auflagen? „Überhaupt nicht“, sagt ein Verkäufer. Eine Meldeadresse im Bundesstaat reiche. Und wer keine hat? „Dann geht es zumindest legal nicht“, sagt er und schmunzelt.

Einige Stände weiter verkauft ein „Heisenberg“ in schwarzem Pork-Pie-Hut Munition. Auch sein Sohn: optisch ein kleiner Heisenberg. So nennt sich der Protagonist aus der Kultserie Breaking Bad, dieser großen amerikanischen Erzählung der Gegenwart, in der ein Chemielehrer zum Drogenboss aufsteigt. Selbst eine Gunshow in Texas bietet so ein vertrautes Element an, verankert in einem verzweigten popkulturellen Periodensystem. Im Gemeindezentrum nebenan wird derweil eine Babyshower-Party gefeiert.

Als wir durch Texas fahren, die Landschaft immer weiter und jedes Auto groß und größer wird, entfliehen die Vereinigten Staaten endgültig unserem europäischen Bezugskosmos. Zu überwältigend ist die Weite, zu absurd zerfleddert wirkt dieses Land, in dem die Menschen nicht gemeinsam existieren, sondern nur paradoxerweise nebeneinander. Gunshow und Babyparty.

Es gibt noch ein Land, in dem die Familie als einziger gesellschaftlicher Bezugswert fungiert, über dem lange nichts mehr kommt und irgendwann Hymne und Flagge, als verbliebene Insignien eines Zusammenhalts, der schon lange nicht mehr existiert. Es ist ebenfalls ein Staat voller staatsferner Patrioten. Im persönlichen Umgang sind sie oft herzlich und in ihren politischen Ansichten reaktionär, weil ihr Blick nur zurück geht, nie nach vorne. Wenn das Land vor unserer Frontscheibe mit einem anderen verglichen werden sollte, dann mit Russland.

New York mitten in der Wüste

Als wir uns Mexiko nähern, wird der ganze politische Irrsinn der vergangenen Jahre sichtbar. In Del Rio wächst eine Mauer, viele Meter Metall, davor ein kleiner Zaun, dahinter Niemandsland, da fehlen uns Reisenden aus Berlin nur noch die Scharfschützen für ein historisch verbrieftes Schreckensszenario. Vor wenigen Wochen haben hier mehr als zehntausend Geflüchtete unter einer Brücke gehaust, heute patrouilliert dort der Grenzschutz. Nur eine halbe Tagesreise weiter bildet einzig der Rio Grande die Grenze, unbewacht. Immer noch sterben an dieser Grenze Menschen, abgeschreckt von hohen Zäunen, angelockt von seichten Wassern, zermürbt von einer empathiefreien Ordnung.

Und dann kommen wir nach langer Fahrt durch die Wüste an einen beinahe märchenhaften Ort: Marfa.

Wir begegnen Cowboys mit Songs auf den Lippen und Ladenbesitzerinnen mit Vintage-Klamotten im Westernstyle, stolpern in Vernissagen rein, wo die Drinks so kostenlos sind, dass sie abzulehnen eine Sünde wäre in diesem sündhaft teuren Land. Wir sind beseelt von einem Ort, der scheinbar angetreten ist, zu beweisen, dass es keine Kluft geben muss zwischen Stadt und Land, dass immer noch utopisches Potenzial schlummert, welches nur gehoben werden müsste.

Abends bei einem Konzert setzt sich ein junger Mann mit kahlgeschorenem Schädel zu uns. Er heißt Luis und ist kein Künstler, sondern ein Soldat auf Familienurlaub. Luis trinkt Whiskey, erklärt, dass er seine Tante besuche, die mit ihm aus Guatemala hier eingewandert sei und ihn aufgezogen habe. Sie lebe hier in ihrem eigenen Haus. „Es ist verrückt, was mit diesem Ort passiert ist“, sagt er und es bleibt unklar, was er von dieser Entwicklung hält. „Früher war hier einfach nur Wüste, dann kamen die ganzen Leute aus New York.“

Während der Cowboy auf der Bühne immer dunkler singt, bleibt Luis’ Ton unverändert, als sei alles Schicksal, was hier und sonst wo passiert. Um seinen Hals hängt ein glänzendes Kreuz. Würde seine Tante nicht immerhin von den steigenden Preisen für die Grundstücke profitieren? „Nur wenn sie verkaufen würde. Aber wo soll sie dann hin?“ Luis erzählt, dass er und seine Tante es früher schwer gehabt hätten, als Migranten, so mitten in der Einöde. „Da dachte ich immer, ich will hier weg. Aber heute fühlt es sich schon fast heimisch an. Es ist nicht mein Zuhause, aber ich habe kein anderes.“

Am folgenden Tag schauen wir das große Kunstding hier an, die Chinati Foundation, ein Museum gegründet vom Minimalisten Donald Judd. Er hat vor Jahrzehnten Marfa als Kunststadt auf die Landkarte gehoben. Sein Lebenswerk liegt am Ortsrand, beheimatet in ehemaligen Militärbaracken, umgeben von steppiger Unzugänglichkeit, karg bis kräftig, hier ist die Landschaft der Star. In einer der Baracken lesen wir eine Inschrift auf Deutsch: „Den Kopf benutzen ist besser als ihn verlieren.“ Eine Mitarbeiterin erklärt uns, dass in dieser Baracke im Zweiten Weltkrieg deutsche Kriegsgefangene einsaßen, die in Nordafrika in Gefangenschaft geraten und gemäß damaligen Statuten unter vergleichbaren klimatischen Bedingungen eingeknastet worden waren.

Auch Judds namenloses Hauptwerk erinnert an eines in Deutschland: 100 riesige Quader aus Aluminium, von außen alle gleich, innen Verstrebungen, Unterteilungen, doppelte Böden. Wie beim Berliner Holocaust-Mahnmal will dieses Kunstwerk etwas sagen, für das keine Worte existieren. Vielleicht ist die Wüste dafür der bessere Ort.

Wir fahren weiter: 300 Meilen entfernt kann man irdischen Orten gänzlich entfliehen. Von Richard Bransons Weltraumhafen in New Mexiko aus sollen reiche Touristen ins All fliegen, Klimawandel hin, Nachhaltigkeit her. Die nächste größere Ortschaft heißt Truth or Consequences, also Wahrheit oder Pflicht, benannt nach einer gleichnamigen Radioshow der Nachkriegszeit. Mit freundlichen Übernahmen scheint diese Stadt weiter wenig Probleme zu haben – die örtliche Touristeninformation obliegt dem Spaceport.

Kilometerweit urbane Slums

Im Inneren empfängt ein gemütlicher Bartträger. „Es ist ein atemberaubendes Gefühl, über der Erde zu schweben!“, sagt er und schwebt förmlich durch einen weitläufigen Saal voller Infotafeln und Plastikraketen. Die Infotafeln sind vergilbt und voller rückwärtsgewandter Zukunftsfreude. Was so ein Gefühl kostet? „Früher waren es 250.000 Dollar, aktuell 400.000.“ Dafür sei aber auch die Vorbereitung besser geworden, das gesamte Rumdumpaket, 15 Minuten Weltall gebe es für das Geld. Der Mann macht mit seiner Begeisterung klar, dass ohnehin nur Kleingeister nach dem Preis fragen würden. „Bald wird jeder Mensch ins All fliegen können!“ Ob er selbst hin darf? Er stutzt kurz. „Leider nein.“

Wir fahren weiter ins Death Valley, besorgen uns eine Matratze, schlafen im Auto, betrachten die Sterne. Tagsüber wirken spitze Felskeile wie eine Ausladung, bitte auf keinen Fall einzutreten. Die von Menschen bewohnten Siedlungen werden so rar, dass sie wie jene Selbstversorger-Dörfer wirken, in die laut vieler linker wie rechter Dystopisten die westlichen Gesellschaften irgendwann alle zerfallen werden.

Als wir das Tal des Todes wieder verlassen, liegt das pralle Leben vor uns: Kalifornien. So hatten wir es uns vorgestellt. Die Realität sieht anders aus. Wir stehen im Dauerstau von Los Angeles und zahlen für alles, was wir uns schon vorher nicht leisten konnten, noch mal richtig drauf. Sind die Menschen in Texas zwar erzkonservativ, aber umgänglich und interessiert, so legen sie in Kalifornien die aus Europa bekannte Ungeduld an den Tag. Hier ist time wieder money. Zumindest auf emotionaler Ebene scheint plötzlich klar, warum die Konservativen ihre rückwärtsgewandte Welt erhalten wollen. Sie ist klimaschädlich, chauvinistisch. Sie mag die großen Probleme ausblenden. Aber sie erinnert sich zumindest an eine alte Form des Miteinanders, für das die Gegenwart sonst nichts mehr übrig zu haben scheint.

Wir fahren nun durch diese Gegenwart, über Straßen, die sich durch verbrannte Wälder schlängeln. Fast die Hälfte der schlimmsten Waldbrände seit Beginn der Wetteraufzeichnungen haben sich hier in den vergangenen zwei Jahren ereignet, alleine in diesem Zeitraum sind 36 Menschen gestorben. Aber noch mehr als die Folgen des Klimawandels trifft einen in Kalifornien die soziale Krise.

Kilometerlang fahren wir durch urbane Slums, Zelte stehen entlang rissiger Stadtstraßen, in denen Menschen betteln, dealen, leben. In manchen der Viertel brüllt an beinahe jeder Kreuzung jemand herum und natürlich wäre es eigentlich egal, ob er jung ist oder alt, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß. Aber nachdem wir im ganzen Land Kreuzungsirre gesehen haben, ist es doch nicht mehr egal, denn neun von zehn von ihnen sind Schwarze.

Im Stadtpark des schicken Küstenortes Santa Cruz wirkt das Zeltlager am frühen Morgen noch verschlafen, aus einer mobilen Musikbox schallt Many Men vom Rapper 50 Cent. Beinahe taugt das hier zu einem Zeltplatz auf einem Festival, nur dass die Band hier nie gespielt hat.

Googles letzte Warnung

Aus einem schiefen Zelt kommt eine Frau, reckt sich und erklärt ungefragt, dass der weitere Weg durch den Park entlang des Flusses eigentlich „pretty nice“ sei, sie würde ihn empfehlen. Sie hat leicht verfilzte, blonde Haare, ist um die 40, heißt Kat und stammt aus Michigan, aber dort sei es im Winter im Zelt viel zu kalt. Sie blickt nach vorne, wo lautes Gegacker die Ruhe stört. An einem Baum füttern zwei Männer ihre Hühner. Ein Greis hinkt an Kat vorbei, grüßt sie mit „Hola!“, sie hebt ihre Hand zum Gruß, das Zeltlager erwacht.

Es wäre in diesem Moment gar möglich, all das zu romantisieren, als wilde, widerspenstige Existenz, aber Kat erklärt: „Natürlich will ich hier nicht leben. Aber ich wollte auch nicht mehr in einem Restaurant arbeiten. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Sie habe irgendwann ihren Job verloren, sei dann mit ihrem Freund quer durchs Land gereist, bis sie kein Geld mehr gehabt habe und in Santa Cruz hängen geblieben sei. Der Freund sei mittlerweile weg, „aber ich habe jetzt hier meine Familie“, sagt sie und schmunzelt. Einige Meter weiter kippt sich der Greis, den sie vorher gegrüßt hat, Wasser aus einer dreckigen Plastikflasche über Hände und Gesicht.

Kat ist es noch wichtig, zu erklären, dass sie niemandem die Schuld für ihre Situation gebe. „Ich bin dafür verantwortlich, dass ich hier gelandet bin.“ Sie sagt es hart, wie ein abschließendes Urteil. Und fügt müde hinzu: „That’s it.“

Wir entfernen uns vom Pazifik, fahren durch das Silicon Valley, sehen die Ausfahrt zum Googleplex. Hier residiert der Konzern, dessen Gründer ein meterhohes Duplikat von Stan in den Innenhof ihres Hauptquartiers platziert haben – einen T-Rex, der Mitarbeitende daran erinnern soll, fortschrittlich zu bleiben, weil es Google sonst ergehen wird wie den Dinosauriern. Wir schlendern durch die Straßen um die Firmenzentrale, wohl wegen der Pandemie liegt eine gespenstische Stille über und in allem, noch verstärkt durch die altmodischen Zweckbauten, die mehr nach einer Universität der Nachkriegszeit in einer deutschen Industriestadt denn nach Zukunft aussehen. Die Architekten haben sich offenbar nicht von Stan erschrecken lassen.

Wie Geister huschen die wenigen Menschen ins Gebäude, einzig ein Transportroboter scheint keine Eile zu haben. Etwa einen Meter hoch, erinnert optisch an einen selbstfahrenden Segway mit Tragekorb. So fährt er einfach am Straßenrand dahin, geladen hat er gerade nichts. Nik kann nicht an sich halten und springt vor ihm auf die Straße. Der Roboter bremst scharf.

Wir wollten sie sehen, diese „erste Welt“, die Google-Welt. Nun fuhren wir durch ein postdemokratisches Land, eine Gesellschaft ohne Gemeinschaft, die nicht in liberale und konservative Staaten zerfällt, sondern in einzelne Stämme, Dörfer, Zeltlager, in Familien als letzte verbliebene Keimzellen des Zusammenhalts. Die Vereinigten Staaten entwachsen den alten Maßstäben in eine seltsame Richtung. Sie überwinden all das, was zu verteidigen sie einst angetreten sind, und damit überwinden sie auch sich selbst – als nullte Welt.

In San Francisco wollen wir noch unsere Matratze sowie Kleidung verschenken, die sich über sieben Wochen und etwa 10.000 Kilometer angesammelt hat. Natürlich ist das nur ein Tropfen in den Ozean, aber bei so viel Armut um uns herum wollen wir die Sachen auch nicht wegwerfen.

Ganze Straßenzüge der Innenstadt sind in San Francisco ein einziges Zeltlager, nach Anbruch der Nacht werden sie zu einem unwirtlichen Ort. An der noch belebten Polk Street halten wir an einer Querstraße, die in einer dunklen Sackgasse endet. Wir geben Tüten mit Pullovern und Hosen zwei Frauen, die gemeinsam auf einer dreckigen Decke sitzen.

Ein alter schwarzer Mann mit schiefer Mütze kommt zu uns gewankt, er kriegt die Matratze. Nach wenigen Augenblicken kommt er zurück, sagt, dass wir die Matratze den beiden Frauen geben sollen, schließlich hätten wir zuerst mit denen gesprochen. Offenbar gibt es in diesem Obdachlosenlager ein Regelsystem, nach dem die ersten, die fragen, alles kriegen, the winner takes it all.

Unsicher steht der Mann vor uns. Er solle sie doch behalten, bedeuten wir ihm. Er nickt.

Im Rückspiegel sehen wir noch, wie der Alte mit der Matratze weggeht. Ob er wirklich abhaut, weil er die Slumregeln verletzt hat, wissen wir nicht. Aber er geht allein.

Nik Afanasjew und Eva Kienholz sind freie Autor:innen. Von September bis November 2021 reisten sie mit dem Auto durch die USA

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06:00 15.01.2022

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