Manfred Deix' Jugend: Ein Avatar namens Rotzbub

Kino Marcus H. Rosenmüllers Animationsfilm „Willkommen in Siegheilkirchen“ holt den Karikaturisten Manfred Deix in voller lieblicher Abscheulichkeit auf die Erde zurück

Vor ein paar Wochen hat Jan Böhmermann in seinem Podcast Fest & Flauschig erzählt, laut Satzung sei es in seiner Firma nicht gestattet, sich über Äußerlichkeiten anderer lustig zu machen, die jene nicht in weniger als zehn Minuten verändern könnten. Was würde wohl Manfred Deix dazu sagen?

Schon klar, der eine Satiriker regelt ein Arbeitsklima und der andere hat die Betonung körperlicher Merkmale wie Gewicht, Statur, Knollennasen und Hautunreinheiten zum künstlerischen Stilmittel seiner Karikaturen erhoben – trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen: die mitunter drastischen Bilderwelten des 2016 verstorbenen Österreichers Deix, die über Jahrzehnte auch regelmäßig Stern, Spiegel und Titanic zierten, scheinen im Jahr 2022 ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein.

Entsprechend stößt die Vermarktung des Animationsfilms Willkommen in Siegheilkirchen, gestaltet nach Deix’ ureigenem Strich, gerade an Grenzen. Der Verleih wollte Info-Screens in Bahnhöfen mit Filmmotiven bespielen, aber gleich die erste Firma lehnte ab, wegen vermeintlicher „pornografischer Inhalte“. Und wer jetzt auf deutschen Seiten einschlägiger Social-Media-Plattformen nach dem Film sucht, wird feststellen, dass das „-iegheil-“ im Titel mit Holzbrettern vernagelt wurde. Andernfalls, so heißt es, wären die Seiten gesperrt worden. „Wir sind doch nicht mehr in den 50ern!“, macht eine zuständige PR-Mitarbeiterin ihrem Ärger am Telefon Luft.

Frühe Nackertzeichnungen

Apropos 50er Jahre. Manfred Deix war damals ein Kind. 1949 in St. Pölten geboren, wuchs er im niederösterreichischen Böheimkirchen auf, wo seine Eltern eine Gaststätte führten. Bereits im Alter von sechs Jahren soll der Junge Geld mit dem Verkauf von „Nackertzeichnungen“ verdient haben. Welche Wellen das in einer 5.000-Seelen-Gemeinde schlug, die traditionell katholisch und oft immer noch unverhohlen nationalsozialistisch geprägt war, davon erzählt Willkommen in Siegheilkirchen.

Der erste abendfüllende österreichische Animationsfilm war noch in persönlicher Zusammenarbeit mit Manfred Deix geplant worden. Für die Regie wurde schließlich eine Doppelspitze engagiert: Animationsexperte Santiago López Jover und Marcus H. Rosenmüller, der seit seinem spektakulär erfolgreichen Debüt Wer früher stirbt ist länger tot von 2006 mit schönster Regelmäßigkeit liebevolle, latent anarchistische Coming-Of-Age-Filme mit einer Mischung aus Heimatfilmambiente und authentischer lokaler Verwurzelung raushaut.

In Willkommen in Siegheilkirchen heißt der strubbelköpfige Manfred-Deix-Avatar nun Rotzbub. Auch seine Eltern betreiben ein Wirtshaus, auch seine ersten Zeichnungen, inspiriert von einer sehr drallen Metzgergehilfin, gehen unter den männlichen Dorfbewohnern weg wie warmer Apfelkuchen. Da Rotzbub selbst und seine Klassenkameraden bereits auf der Schwelle zur Pubertät stehen, ist seine Geschichte nun weniger die eines Wunderkindes. Vielmehr steht im Fokus, womit sich auch Nichtkünstler:innen identifizieren können: die Entzauberung der Eltern, die erste große Liebe, die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt.

Rotzbubs Vater, wie der von Manfred Deix selbst, hat im Krieg „einen Arm in Russland gelassen“ – und mit ihm aber auch jeden Lebensmut, der über das Allernotwendigste hinausgeht. Wenn die gar nicht mal so alten Nazis in der Gaststube ihre Sprüche klopfen, kommt vom Wirt nur ein mattes: Lass sie reden, wovon sollen wir sonst leben?

Eingebetteter Medieninhalt

Das Leben lockt Rotzbub eher in Gestalt des kessen Roma-Mädchens Mariolina – die am Stammtisch freilich nicht als Roma betitelt wird. Zum heimeligen Ort wählt er die neue Bar des gutmütigen Poldi. Hier steht auch eine Jukebox, voll mit allem, was nicht Blasmusikmarsch heißt. Es war eben nicht alles schlecht, damals, Ende der 50er, Anfang der 60er.

Es liegt an einem speziellen Überbleibsel aus den zwei Jahrzehnten davor, dass die Geschichte wieder an Fahrt aufnimmt. Onkel Neidhardt, ein studierter Kunstmaler, soll ein, nun ja, etwas überholtes großformatiges Wandgemälde am Rathaus, inklusive Hakenkreuz, endlich der neuen Zeit anpassen. Rotzbub, sein Neffe, wird ihm als Assistent zugeteilt. Zwar soll er nur als helfende Hand die Farben anrühren, aber mit jeder Umdrehung im Eimer sieht man, wie in ihm der rebellische Geist wächst. Und damit auch der Drang, seinem stumpfen, heuchlerischen, bigotten Dorf endlich einmal nachdrücklich den Spiegel vorzuhalten ...

All dies ist eben im visuellen Stil von Manfred Deix gehalten. Die meisten der Figuren wurden sogar direkt aus seinen Karikaturen heraus „gecastet“, wie Regisseur Marcus H. Rosenmüller betont. Ähnlich wie bei Deix’ großem Vorbild, dem Cartoonisten Robert Crumb, werde man hier mit „Abscheulichkeiten in einem lieblichen Umfeld konfrontiert“.

Das bedeutet, dass vor allem den Nazis, dem schlagwütigen Pfarrer, den notgeilen Wichsern und den gemütlichen Mitläufern ihr Sein ins buchstäblich engstirnige Gesicht gezeichnet ist. Man popelt, geifert und spritzt vor sich hin. Lediglich die Metzgergehilfin bekommt gegen Ende mit ein paar Dialogsätzen doch noch schärfere Konturen als sie, im Wortsinn, ohnehin schon hat. Hier wird dann auch in Rosenmüllers Worten das „Liebevolle und die Zärtlichkeit sichtbar“, die im „Derben von Manfred Deix immer mitschwingt“.

So pointiert und mitreißend Willkommen in Siegheilkirchen an den meisten Stellen auch gelungen ist, es braucht doch eine ganze Filmlänge, um jene Vielschichtigkeit abzubilden, die bei den deixschen Originalen schon in einer einzigen genialen, grotesken Momentaufnahme steckt. Und so stellt sich am Ende vielleicht weniger die Frage, ob wir in unserem Umgang mit Worten und Körperlichkeit wieder in die Bigotterie der 50er Jahre zurückfallen, wenn wir Deix-Darstellungen bedenklich oder zumindest nicht social-media-geeignet finden, sondern wie viel Kompetenz im Dechiffrieren mehrdeutiger Botschaften wir uns zukünftig zutrauen.

Willkommen in Siegheilkirchen Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover Deutschland 2021, 86 Minuten

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