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Cineasten unter sich Die wiedereröffnete Cinémathèque Française will das Filmerbe gegen die Anfechtungen der Zeit und der Kulturpolitik bewahren

Der Ertrag einer cinéphilen Spurensuche ist zumeist entmutigend. Die Alchimie des Kinos, das rätselhafte Zusammenspiel von Perspektive, Brennweite und Fantasie, verliert ihre Wirkung in dem Augenblick, wenn die Scheinwerfer erlöschen. Zuverlässig verwandeln sich die realen Schauplätze zurück in ihre alltägliche Nüchternheit, das Geheimnis ihrer filmischen Präsenz geben sie fortan nicht mehr preis. Wie steht es erst um die Aura der Orte, an denen die Filmgeschichte aufbewahrt wird?

Sieben Monate, nachdem die Cinémathèque Française ihre Tore im Palais de Chaillot geschlossen hat, ist am alten Eingang in der Avenue Albert de Mun kaum ein Anzeichen ihrer einstigen (oder zukünftigen) Nutzung zu entdecken. Die zwei herabführenden Treppen sind mit verwelktem Laub, zerschlissenen Einkaufstüten und zerknüllten Eisbechern übersät; einem Uneingeweihten käme es nie in den Sinn, dass die Stufen einmal die Passage zu einer mythischen Stätte waren. Nur noch ein Plakat erinnert an die Glanzzeiten, als dies ein Wallfahrtsort für Filmemacher und -liebhaber aus aller Welt gewesen ist. Es zeigt Henri Langlois, den Gründer der Cinémathèque, der einige Filmbüchsen davonträgt und so der Vergänglichkeit entreißt. Ein Ausdruck von diebischer Genugtuung liegt auf seinen Gesichtszügen, der davon kündet, wie viel Chuzpe und Gerissenheit es braucht, um das Filmerbe gegen die Anfechtungen der Zeit und die Gleichgültigkeit der Kulturpolitiker zu verteidigen.

Längst sind die Treppenstufen selbst zu einem Filmschauplatz und damit zu einem Teil der Filmgeschichte geworden: Der Vorspann von François Truffauts Geraubte Küsse sowie die Anfangsszenen von Bernardo Bertoluccis Die Träumer legen Zeugnis ab vom Klima jener Monate im Frühjahr 1968, in denen die Cinéphilie plötzlich militant werden musste, weil der damalige Kulturminister André Malraux Langlois absetzen wollte.

Die Nostalgie ist in diesem Fall indes auf der Leinwand besser aufgehoben. Denn im linken Seitenflügel des Palais de Chaillot hatte Langlois´ Reich über mehr als 40 Jahre eine eher prekäre Heimstatt gefunden. Es bedurfte schon des erhebenden Ausblicks auf den Eiffelturm, um einen nach dem Besuch einer Vorstellung dafür zu entschädigen, dass der berühmteste Kinosaal der Welt von ausnehmender Hässlichkeit war. Die letzten beiden Jahrzehnte wurden dann auch von der Suche nach einem endgültigen Zuhause bestimmt. Langlois hatte sich stets ein Kinomuseum erträumt, in das man nicht nur kommt, um einen Film zu sehen und gleich danach wieder zu gehen. Man sollte dem Kino vielmehr den ganzen Tag widmen können. Zwischendurch könnte man in einer Bibliothek Hintergründe oder Kritiken nachlesen, eine Ausstellung mit Apparaten, Kostümen und Requisiten könnte die Faszination des Gegenständlichen einholen. Für das leibliche Wohl sollte selbstverständlich auch gesorgt sein.

Vollmundig hatte 1984 der damalige Kulturminister Jack Lang den Umzug in einen Palast des Kinos versprochen. Zunächst war das wenige hundert Meter entfernte Palais de Tokyo vorgesehen. Die weltweit einflussreichste Kinemathek fand sich indes stets am Katzentisch der politischen Entscheidungen wieder (was sich auch aus ihrem Status als privater, vom Staat aber zu rund 80 Prozent geförderten Institution erklärt), der notorisch häufige Wechsel französischer Kulturminister verschleppte das Problem zusätzlich. 1998 wurde das einige Jahre zuvor von Frank Gehry entworfene und nach zwei Jahren aus Geldmangel wieder geschlossene American Center im 12. Arrondissement ins Spiel gebracht. Eigentlich sollte es schon zur Jahrtausendwende bezogen werden. Nach der Abwahl des umstrittenen Dominique Paini, der ihr als Leiter in den neunziger Jahren einen Gutteil ihrer früheren Ausstrahlung zurückerstattet hatte, wurde die Cinémathèque durch Macht- und Richtungskämpfe geschwächt. Erst im September 2003 revidierten Verwaltungsrat und Generalversammlung ihre Statuten, wählten mit dem Produzenten Claude Berri, dem letzten Patriarchen des französischen Kinos, einen einflussreichen Präsidenten und ernannten mit Serge Toubiana, dem ehemaligen Chefredakteur der Cahiers du cinéma, einen konsensfähigen Direktor.

Als Ende September endlich die Eröffnung der Maison du cinéma in der Rue de Bercy im Pariser Osten gefeiert werden konnte, herrschte in der französischen Presse eher Erleichterung als überschwängliche Begeisterung. Präsident Chirac und sein Premier de Villepin sagten in letzter Minute ab und hielten so die Tradition staatlicher Indifferenz aufrecht. Der aktuelle Kulturminister Renaud Donnadieu übernahm die Schirmherrschaft mit der Diskretion eines Zaungastes. In dem Haus, das Martin Scorsese in seiner Laudatio zu ihrer zukünftigen, spirituellen Heimat erklärte, durften die Cineasten unter sich bleiben.

Gehrys anmutig zweckentfremdeter Bau hat gegenüber dem Palais de Chaillot und dem Palais de Tokyo den Vorzug, dass ihm jede einschüchternde Monumentalität fehlt. Er besitzt gar eine figürliche Affinität zum Kino. Die Asymmetrie der schiefwinklig auseinander strebenden Elemente erinnert an expressionistische Stummfilmdekors. Seine Janusköpfigkeit lässt sich als Gleichnis lesen, dass Cinéphilie stets auch eine Gegenkultur zur bürgerlichen ist: Die Straßenseite fügt sich, wenn auch nicht nahtlos, ins Ensemble der Fassaden, während sich auf der Rückseite die Phantasie exzentrisch entfalten darf. Der französische Architekt Dominique Brard hat das Interieur in ein vertracktes Spielfeld der Ebenen verwandelt, voller Brüche, Irrwege und Verbindungen. Insgeheim respektiert die Architektur die eigenbrötlerische Natur des Cinéphilen: Es ist leicht, sich hier aus dem Weg zu gehen. Dabei ist dies Labyrinth ein heller, lichter Ort. Der Kalkstein aus Saint Maximin, den Gehry gewählt hat, reflektiert das Licht auf eindrucksvolle Weise. Brard nutzt ihn als Leinwand: Bilder, Zitate und Wegweiser sind auf Böden und Wände projiziert. Französischer Hochmut hat diktiert, dass sie einsprachig gehalten sind.

Der angrenzende Parc de Bercy beschert dem Haus zusätzliche Verweilqualtitäten; ein Restaurant soll im Januar eröffnet werden. Und in der eingegliederten Filmbibliothek "BIFI", einem international hochgeschätzten Dokumentationszentrum, kann sich Langlois´ Utopie zumindest tagsüber erfüllen. Scorseses Diktum, die Kinemathek sei als Idee so machtvoll, dass sie sich an jedem Platz behaupten könnte, klang am Eröffnungsabend ungewollt zweideutig. Gehrys Bau ist kein Ort, an dem sich ein fremder Geist widerstandlos einnisten könnte. Es wird Zeit brauchen, bis die Cínémathèque ihn erobert hat. Das Publikum wird die Vorführqualität der Kinos am Standard der beiden Multiplexe messen, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegen. In vier Kinosälen mit Kapazitäten zwischen 80 und 415 Plätzen - der kleinste verfügt über einen Schneideraum und bleibt der pädagogischen Nutzung vorbehalten - verdoppelt sich die Anzahl der wöchentlichen Vorstellungen von 25 auf 50. So lassen sich Kontexte schaffen und ausweiten, Montage- und Assoziationseffekte von Altem und Neuem, von Vertrautem und Unbekanntem sind möglich.

Seit einigen Jahren ist der Cinémathèque jedoch durch die thematischen Filmzyklen und Werkschauen im Forum des Images und vor allem im Centre Pompidou eine ernste Konkurrenz zugewachsen, die ein schärferes Profil erfordern wird. Das Programm der nächsten Monate - Jean Renoir, Douglas Sirk, David Cronenberg, Michael Caine - setzt auf verlässliche cinéphile Gefühlswerte.

In der Branche und auch im Verwaltungsrat regen sich Zweifel, ob Toubiana tatsächlich das Vermittlungstalent besitzt, um die Pflege der Filmgeschichte auch für nachwachsende Generationen attraktiv zu machen. Vor seiner Ernennung hat er sorgfältige DVD-Editionen des Werkes von Truffaut und Maurice Pialat gestaltet; womöglich wird er dies für Kinematheken zusehends wichtige Publikationsfeld ausbauen. Es ist fraglich, ob er darüber hinaus genug Visionen und Durchsetzungskraft besitzt, um der Institution ihren alten Nimbus zurückzugeben. Langlois verstand es, die Großen des Kinos zu umwerben und den Anderen das Gefühl zu geben, eine Retrospektive in Paris käme einem Ritterschlag gleich. Toubiana fehlt es, soviel haben die ersten Wochen nach dem Umzug gezeigt, entschieden an Gespür für Glamour. Als unlängst die Hommage an Michael Caine eröffnet wurde, fand sich Sir Michael von lauter französisch parlierenden Regisseuren umgeben, nach Schauspielerkollegen hielt er indes vergeblich Ausschau.

Ein verlässlicher Prüfstein für die konzeptionelle Sicherheit oder aber Unschlüssigkeit ist in jedem Filmmuseum die Dauerausstellung. In Frankfurt wird sie derzeit überarbeitet. In Berlin macht man sich nach fünf Jahren endlich daran, dem vielfachen Besucherwunsch nachzugeben und die Nachkriegsfilmgeschichte stärker zu repräsentieren, zumal sich mit dem Saal, der Spezialeffekten gewidmet ist, die Spekulation, ein ganz junges Publikum heranzuziehen, nicht recht erfüllt hat. In Bercy umfasst die neue Dauerausstellung Passion Cinéma nur noch einen Bruchteil der Exponate aus Langlois´ 19-teiligem Parcours durch die Filmgeschichte, der sich von ihren Vorläufern bis zum Neorealismus erstreckte. Die Schau, die Toubiana bei der Eröffnung als "Gravitationszentrum" pries, ist ein verblüffend kleines Kuriositätenkabinett. Ihr Blick zielt auf das Exotische. Sie versucht, das naive Staunen der ersten Zuschauer einzuholen, empfindet den frühen Status des Kinos als Jahrmarktsattraktion respektvoll nach. Eine Anbindung an spätere Epochen unternimmt sie nicht. Im Gegensatz zu anderen Filmmuseen ist in der Licht- und Spiegeldramaturgie freilich der Versuch zu spüren, das Wesenhafte des Kinos nicht nur auszustellen, sondern nachzuahmen. Eine zusätzliche Ausstellungsfläche im Obergeschoss soll dazu dienen, Neuerwerbungen zu präsentieren. Die Zuschauer gemahnt dieses Provisorium aber wohl eher daran, welche Schätze ihnen fortan vorenthalten bleiben werden.

Die aktuelle Wechselausstellung flankiert bis in den Januar hinein eine integrale Jean-Renoir-Werkschau. Die Korrespondenzen, die mit kuratorischer Unterstützung des Musée d´Orsay zum Werk des malenden Vaters Pierre-Auguste hergestellt werden sollen, sind allzu naheliegend; neben dem Erkenntnisgewinn gebricht es ihnen an sinnlicher Prägnanz, da die Filmausschnitte von erstaunlich dürftiger Bildqualität sind. Es bleibt zu hoffen, dass die nächste mehr Einfallsreichtum verrät. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Sie ist Pedro Almodóvar gewidmet.


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00:00 04.11.2005

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