Willkommen zurück!

Arbeitswelt Ab Juni müssen alle Beschäftigten von Yahoo wieder im Büro antreten. Ist die Idee des Home Office damit gescheitert?
Christoph Bartmann | Ausgabe 22/2013 1
Willkommen zurück!

Bild: Martin Parr/Magnum/Agentur Focus

"Bei Yahoo war Faulheit chic", wusste kürzlich die Bild zu berichten, aber das unterschied sich nur im Ton von der sonstigen Berichterstattung. Bei einem der führenden Internetunternehmen der Welt mit 11.500 Mitarbeitern und fast fünf Milliarden Dollar Umsatz war offenbar der Schlendrian eingekehrt. "Faul" ist trotzdem nicht ganz das richtige Wort, denn Marissa Mayers Heimarbeiter waren zu Hause nicht untätig. Viele arbeiteten lieber auf eigene Rechnung, bezogen aber dennoch gern weiter einen Scheck aus Sunnyvale.

Damit müsse nun Schluss sein, entschied die Yahoo-Chefin und ordnete die Rückkehr an die Arbeitsplätze an. Ab Juni haben die gut bezahlten Spezialisten wieder morgens früh im Büro anzutreten, ganz so als arbeiteten sie nicht in der Wissensgesellschaft, sondern bei einer Ortskrankenkasse.

Das Echo auf die neue Order war gewaltig. Sollte die schöne neue Welt des Home Office schon wieder am Ende sein, kaum dass sie richtig angefangen hatte? Fast gleichzeitig erschien von Sheryl Sandberg, der mächtigsten Frau bei Facebook, ein viel beachtetes Buch mit dem Titel Women, Work and the Will to Lead. Man kann sich den weiblichen Anspruch auf Führung ohne mehr Flexibilität in der Arbeitsgestaltung eigentlich nicht vorstellen. Was also hatte sich Marissa Mayer bei ihrem konservativ anmutenden Vorstoß gedacht? Die Arbeitsmoral bei Yahoo ist schlecht, so viel steht fest. Aber wird sie durch die erzwungene Rückkehr der Telearbeiter in ihre Großraumbüros besser?

Für einige Jahre schien die Telearbeit das Ei des Kolumbus. Nicht nur, dass sie Frauen und Männern eine bessere "Work-Life-Balance" zu ermöglichen schien. Auch die Ergebnisse der Telearbeit waren besser oder jedenfalls nicht schlechter, als die im klassischen Büroraum. Fast war es schon so, dass, wer regelmäßig noch im Büro anzutreffen war, eine Rechtfertigung dafür zu liefern hatte.

Sich wie selbstständig fühlen

Büro, das hieß Sitzungen, Routinen, Plausch mit Kollegen, Dienst nach Vorschrift und Warten auf einen Dienstschluss, den die Heimarbeiter so gar nicht kannten. Denn entweder waren sie nie wirklich im Dienst angekommen – die Entscheidung von Yahoo deutet darauf hin –, oder aber ihr Dienst nahm kein Ende. Man konnte ihn beliebig in die Abendstunden und Wochenenden ausdehnen, ganz ohne Stechkarte und Zugangscode. Eher, konnten sich die Arbeitgeber denken, bleibt bei der Heimarbeit "Life" auf der Strecke als "Work". Denn der moderne, nicht mehr geführte, sondern nur noch gesteuerte Arbeitnehmer setzt sich ja seine Ziele selbst, und diese sind ehrgeizig.

Der Computerarbeitsplatz daheim ist der Ort, an dem sich Angestellte von heute wie Selbstständige fühlen dürfen, ohne doch das Risiko wahrer Selbstständigkeit einzugehen. Die Heimarbeiter von Yahoo fühlten sich offenbar eine Spur zu selbstständig, aber vielleicht hat das weniger mit der Heimarbeit selbst, sondern eher damit zu tun, dass man sich in dieser Branche eine goldene Nase verdienen kann. Programmierer und Entwickler mögen leichter verführbar sein als wir anderen Büroarbeiter, die wir unserem Arbeitgeber die neue Freiheit doch mit erhöhtem Eifer danken.

Yahoos Problem wäre demnach nicht das Problem des Home Office an sich. Trotzdem werden sich manche Arbeitgeber nun einen zweiten Gedanken darüber leisten, was eigentlich geschieht, wenn wir zu Hause der direkten Beobachtung durch unsere Chefs und Kollegen ein Stück entzogen sind. Manches spricht dafür, dass wir im Heimbüro effizienter sind: Niemand stört uns, außer vielleicht die eigene Familie. Es gibt weder Meetings noch Klatsch in der Kantine. Wir arbeiten konzentrierter, woran auch immer. Das heißt: Wir sitzen am Computer, lesen und beantworten Mails, bereiten Power-Point-Präsentationen und Excel-Tabellen vor, sofern wir nicht Architekten oder Komponisten sind, die am PC auch Häuser entwerfen oder Filmmusiken komponieren können. Wir nennen es Arbeit, eine Arbeit, die tatsächlich überall erledigt werden kann, immer öfter auch gleich mit dem Smartphone von unterwegs. Wenn Arbeit in der Hauptsache das stumme Zwiegespräch mit dem Computer bedeutet, braucht sie ganz sicher kein Büro mehr, für das Miete, Mobiliar und Heizung zu bezahlen sind.

Der Computer ist für die meisten zu dem "stahlharten Gehäuse der Hörigkeit" geworden, als das der Soziologe Max Weber vor bald 100 Jahren die klassische Bürokratie bezeichnet hat. Wer einen Job am Computer hat, ohne Kundengespräche und andere Formen der Begegnung, der kann tatsächlich seine Arbeit gleich wo machen. Die Entscheidung, ob dafür nun das reale Büro oder das Home Office der bessere Platz ist, kann der Arbeitgeber gelegentlichen „Evaluationen“ überlassen.

Wie im Wiener Kaffeehaus

Gleichwohl zeichnen sich größere Veränderungen in unserer Bürolandschaft ab. Der Mensch, das gesellige Wesen, will nicht länger ein reiner Sklave des Computers sein – sofern ihm die Flucht noch gelingt. Deswegen ist ein Arbeitshabitat auf dem Vormarsch, das nicht klassisches Büro und auch nicht Telearbeitsplatz ist, sondern eine Kreuzung aus beidem. Man nennt das, weil noch kein deutsches Wort dafür gefunden wurde, Coworking Space. So wie man früher im Wiener Kaffeehaus nicht zu Hause und doch nicht auf der Straße war, ist man in diesem neuen Space nicht im Büro und trotzdem nicht zu Hause.

Wir sprechen hier wohlgemerkt von Computerarbeitsplätzen, nicht etwa im öffentlichen Dienst, sondern von solchen für junge Unternehmer, sagen wir: Spieleentwickler, Marketingleute oder Webdesigner, für Menschen also, die fast auch bei Yahoo arbeiten könnten, denen Yahoo aber vielleicht zu groß und zu unbeweglich wäre. Die Arbeit im klassischen Büro, also im Finanzamt oder in der KfZ-Zulassungsstelle, haben sie nie kennengelernt und noch weniger angestrebt. Sie wollten selbstständig sein – und spielen diese Selbstständigkeit nicht nur. Sie wählen womöglich eher die Piratenpartei als die SPD. Jedenfalls haben sie keine Lust, immer nur zu Hause oder im nächsten Coffee Shop herumzusitzen. Sie wollen kommunizieren, und zwar mit ihresgleichen. Der Coworking Space ist für diese wachsende Zahl von Berufstätigen derzeit sicher das attraktivste Angebot.

Was aber ist mit dem immer noch existierenden Heer der Festangestellten in Verwaltungen und Konzernen, die in Teams, Gruppen oder Abteilungen kooperieren sollen? Büroarbeit hat keinen guten Ruf. Sie gilt, durchaus zu recht, als „unsexy“. Zu viele öde Sitzungen und immer die gleichen Bürosprüche, neuerdings meist von der Beteuerung begleitet, man werde demnächst Heldentaten begehen, zumindest aber alle seine Ziele erreichen. Und seitdem man sich im Büro die Entbürokratisierung als Ziel verordnet hat, geht es noch bürokratischer zu: Kein Tag vergeht, an dem nicht ein "Change Manager" den Aufbruch in die Zukunft verheißt.

Büroarbeit würde, sogar im Büro, wieder mehr Spaß machen, wenn die eigentlichen Aufgaben in Ehren gehalten würden. Ein Ministerium, eine Partei oder ein Gericht etwa sind per Definition Bürokratien, mal besser, mal schlechter verwaltet – man tut ihnen aber keinen Gefallen, wenn man sie in "Unternehmen" verwandeln will. Und das Büro ist im Glücksfall ein sozialer und geselliger Ort, den wir um keinen Preis gegen den Daueraufenthalt in den eigenen vier Wänden eintauschen möchten.

Das heißt nicht, dass wir uns das alte Büroregime zurückwünschen: Wer hätte ernsthaft etwas gegen flexiblere Arbeitsgestaltung einzuwenden? Bei Yahoo hatte man allem Anschein nach ein wenig zu weit an der Schraube gedreht. Was als Flexibilisierung gemeint war, lief auf eine innere Kündigung der Belegschaft hinaus.

Die Arbeitswelt von morgen wird dennoch die Wünsche und Launen der Individuen mehr denn je zu bedienen haben. Nicht die Arbeit wird knapp, sondern die Arbeitskraft. Die Arbeitgeber werden sich an den Arbeitnehmern zu orientieren haben. Nichts deutet aber darauf hin, dass deshalb der Büroarbeitsplatz, wie wir ihn kennen, gänzlich verschwinden wird. Auch wenn überall das "E" wie in E-Commerce oder E-Government auf dem Vormarsch ist: Das Büro wird bleiben. Und nicht nur das, vielleicht erlebt es ja nun sogar einen zweiten Frühling.

Christoph Bartmann ist Leiter des Goethe-Instituts in New York und Buchautor. Zuletzt erschien von ihm Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten (Hanser).

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09:00 01.06.2013

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