Wind statt Schweröl

Umwelt Frachter bringen Waren so billig wie dreckig über das Meer. An der Weser bauen Freiwillige nun eine saubere Alternative
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 25/2016 9

„Wann er es leid war, „sich von der Gesellschaft einlullen zu lassen“, wie er sagt, weiß Cornelius Bockermann nicht mehr genau. In seinem früheren Leben fuhr er Porsche und besuchte edle Dinnerpartys. Das dafür nötige Geld hatte er im Offshore-Business verdient. Mit seiner eigenen Firma barg er Schiffswracks vor der afrikanischen Küste oder transportierte komplette Öl-Plattformen. Eine sprudelnde Geldquelle. Doch „sich einlullen lassen“ ging irgendwann nicht mehr. Bockermann sah den Plastikmüll an den Stränden, die Ölteppiche havarierter Frachter. „Die konventionelle Schifffahrt ist eine Umweltschweinerei“, sagt Bockermann heute. Er meint Schiffe groß wie schwimmende Städte, bei denen eines bis zu 19.000 Container laden kann. Container voll mit T-Shirts „made in Bangladesh“, Smartphones oder was die Menschen sonst brauchen. Bockermann meint Frachter, die billiges Schweröl fressen, das klebrig und teerartig wie Sumpf ist und nach Schwefel stinkt. Die größten 20 Frachter emittieren so viel Schadstoffe wie die insgesamt eine Milliarde Autos, die es auf der Welt gibt.

Cornelius Bockermann wollte nicht mehr Teil dieser Schweinerei sein. Deshalb sitzt er jetzt im roten Bauarbeiteroverall und mit Helm am Schreibtisch in seinem Bauwagen auf dem Gelände der Werft in Elsfleth.

In dem Ort an der Weser und nahe Bremen wurde er geboren. Weil aber Elsfleth für ihn immer zu klein, zu dörflich war, zog es Bockermann in jungen Jahren fort. Als Kapitän war er viele Jahre auf den Weltmeeren unterwegs, lebte lange in Afrika, zuletzt in Australien. Um in seinem neuen Leben die Schifffahrt besser zu machen, ist er samt Frau und zwei kleinen Kindern nach Elsfleth zurückgekehrt. Bockermann hat die Firma Timbercoast gegründet und die Avontuur gekauft. Das alte Segelschiff baut er nun zum modernen Frachtsegler um, der im Pazifik fahren soll. Wenn er wieder Güter schifft, dann nur emissionsfrei.

Im zum Büro umfunktionierten Bauwagen, fern ab von Glamour, ist Kapitän Bockermann in seinem Element. Vor ihm ausgebreitet liegen Seekarten, Schiffspläne, Aktenordner. Direkt gegenüber sitzt Ben aus Kanada. Der 32-Jährige mit den roten Korkenzieherlocken ist Bockermanns Profi für Öffentlichkeitsarbeit. In der Hand hält er eine schicke Broschüre über Timbercoast, die Investoren überzeugen soll. Mit im Bauwagen sitzt auch Dexter, 19 Jahre alt, aus Australien. Als Verantwortlicher für Social Media postet er ein Bild von Malerarbeiten auf der Avontuur bei Facebook.

Ben, Dexter und viele weitere unterstützen „Captain Conny“, wie sie ihn nennen, freiwillig bei seiner Mission. Etwa 150 Volontäre aus Deutschland, Kolumbien, Hongkong und 23 weiteren Ländern haben bei Timbercoast schon mitgeholfen. „Noch nie habe ich Leute so motiviert arbeiten sehen“, sagt Bockermann über seine Freiwilligen.

Gestrandet vor Schweden

Vom Büro-Bauwagen sind es nur wenige Meter bis zum Wasser. Da liegt die Avontuur, Niederländisch für „Abenteuer“, in der Werft. Ein Zweimaster, mehr als 40 Meter lang und knapp sechs Meter breit. In ihrer rund 100-jährigen Geschichte fuhr sie als Schoner in niederländischen Binnengewässern, strandete vor der schwedischer Küste und war später ein motorbetriebenes Partyboot. Bockermann fand sie, nach langer Suche, im holländischen Groningen und kaufte sie für knapp 200.000 Euro. An ihrem Rückbau zum Segelfrachter arbeiten Bockermann und seine Mannschaft aus Freiwilligen nun seit mehr als einem Jahr. Sie haben den Rumpf erneuert, den Schiffsbauch renoviert und die Masten aufgestellt. In ein paar Wochen wollen sie mit der Avontuur die Testfahrt gen Kanaren begehen. Doch es gibt immer noch jede Menge zu tun.

An Deck riecht es nach frischer Farbe und Seeluft. Lena aus Deutschland und Alex aus Australien pinseln den Eingang zur Kajüte mit Lack ein, um ihn vor Korrosion zu schützen. Lenas Jeans ist vollgekleckst und Alex ist in seinem Overall mittlerweile ziemlich warm. So wie die meisten der Freiwilligen hatten beide keine Ahnung von Schiffsbau, als sie vor einem halben Jahr zu Bockermanns Projekt kamen. „Mittlerweile kann ich schweißen, Winkel schneiden, Knoten legen“, sagt Lena. Die 20-Jährige hat sogar ein Schiffbaustudium begonnen. Australier Alex erfuhr über die Online-Plattform Helpx von Timbercoast. „Was die Schifffahrt anrichtet, geht uns alle an. Denn unser Konsum befeuert das ja erst. Das Projekt bietet eine Alternative. Da wollte ich dabei sein“, erklärt Alex auf Englisch. Aus dem Maschinenraum kommt Peter geklettert. Als gelernter Seemann ist der 52-Jährige einer der wenigen im Projekt, die sich seit jeher mit Schiffen auskennen. Die langen Haare hat Peter zum Zopf gebunden, seinen Helm ziert ein Totenkopf. Es ist das Symbol der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd, zu deren Repertoire einst das Versenken von Walfangschiffen gehörte. Peter, der an Land in einem Bauwagen wohnt, muss man nichts erzählen von Konsumverhalten, das es zu ändern gilt.

„Aber endlich mal im Pazifik unterwegs zu sein, das hat mich gereizt“, sagt er. Deshalb wollte er unbedingt mitmachen, als er über Freunde von Bockermanns Projekt erfuhr. Jetzt bringt Peter mit liebevoller Geduld den Freiwilligen das bei, was es auf einem Segelschiff zu lernen gibt. „Alex, I need you down here“, ruft Peter und steigt wieder hinab.

Im Bauch der Avontuur liegt Dämmwolle auf einem Haufen und Kabel ragen aus den Wänden. Da die Mannschaft so viel wie möglichst selbst erledigt, kommen die Arbeiten nur langsam voran. In den nächsten Tagen sollen professionelle Handwerker ran. Sie werden Strom anschließen und in den Kabinen Toiletten montieren.

Punkt 12 Uhr heult die Sirene auf dem Werftgelände. Zeit für die Mittagspause. Crew und Kapitän treffen sich im Aufenthaltsraum über der Werkhalle. Hier hängen Flaggen aus allen möglichen Ländern. Die Wände sind beklebt mit Plänen der Avontuur, Abbildungen wichtiger Knoten und Fotos der Helfer. Auf einem langen Tapeziertisch stehen Brote, Käse und Marmelade, womit sich die Freiwilligen Stullen beschmieren. Abends bekommen sie eine warme Mahlzeit, die eine Bekannte aus Elsfleth kocht. Jedes Mal ist es ein logistischer Aufwand, das Essen für manchmal zehn, manchmal 30 Leute ins „Volunteer-Haus“ zu bringen. Mühe scheuen sie hier nicht. Das „Volunteer-Haus“, in dem die Freiwilligen wohnen, steht ein paar Minuten von der Werft entwerft. Bockermann hat es über Freunde gefunden. So ein Projekt, man merkt es, lässt sich leichter verwirklichen, wenn viele mit anpacken. Es fängt bei gespendeten Töpfen an.

„Klar rasselt man mal aneinander. Aber in der Regel kommen wir alle gut miteinander klar“, sagt Ben, der PR-Mann von Timbercoast. Er ist vor einem Jahr nach Elsfleth gekommen, von Berlin aus mit nichts als einem Rucksack. Bockermann und Bootsmann Peter hätten ihn am Bahnhof abgeholt und bei einem Bier den Plan erklärt. „Als wir so redeten, blutete Peters Daumen wie verrückt. Den hatte er sich bei einer Arbeit beinahe abgetrennt. Aber darauf hat er gar nicht geachtet, wollte auch nicht ins Krankenhaus, sondern gleich wieder zurück aufs Schiff. Da dachte ich: Wow, die meinen es echt ernst“, erinnert sich Ben. Seit dem Tag ist der Kanadier in Elsfleth.

Die freiwilligen Helfer haben einen Deal mit Bockermann: Für jeden Tag Hilfe an Land gibt es einen Tag auf dem Schiff. Auf der Seekarte an der Wand zeichnet der Kapitän mit den Fingern die Route der Testfahrt nach. Elsfleth, Brest, Bordeaux, Porto. In Brest kommt nachhaltiger Wein an Bord. In Porto warten Bio-Öl und Rum. Die Crew der Avontuur will nur ökologisch erzeugte Produkte befördern. Die Kapitäne der schwimmenden Städte wissen oft nicht, was sich in den Containern auf den Frachtern befindet. Es mögen Berge billiger Klamotten oder vielleicht Elektrogeräte sein. Genauso gut könnten es Waffen, Munition oder Chemie für Drogen sein.

Konkurrenz für Mærsk

70 Tonnen Ladung fasst die Avontuur. Die größten Frachter der Welt sind mehr als vier Fußballfelder lang und fassen bis zu 150.000 Tonnen. Glaubt Kapitän Bockermann wirklich, Reederei-Giganten wie dem Mærsk-Konzern das Wasser abgraben zu können? Bei der Frage kommt er in Fahrt: „All unsere Waren fahren zu Billigstpreisen über die Meere, und alle wollen immer noch mehr Waren haben. Das ökologische Desaster dahinter ignorieren wir einfach“, sagt Bockermann.

Die Container-Schifffahrt ist das Schmieröl des globalen Handels. Etwa 90 Prozent von dem, was wir konsumieren, kommen per Schiff zu uns. Denn der Transport ist billig: Studien der Nichtregierungsorganisation Carbon War Room zufolge kostet der Seeweg einer Hose von China nach Europa in etwa so viel wie ein U-Bahn-Ticket hier. Es ist günstiger, vor Alaska gefangenen Lachs zum Entgräten und Verpacken nach Korea zu schiffen, als das vor Ort zu tun. Es ist günstiger, in den USA geerntete Baumwolle zur Verarbeitung nach Bangladesch zu schiffen, anstatt die Klamotten lokal zu produzieren. Ein Grund dafür sind die niedrigen Löhne in vielen Ländern Asiens.

Dass derzeit insgesamt 60.000 Riesenschiffe verschiedenste Waren zu Dumping-Preisen über die Meere bringen, liegt auch daran, dass Schweröl so billig ist – dreckiges Öl, das nur die Reedereien haben wollen. Und da große Reedereien unter „Billigflaggen“ der Bahamas, der Marshallinseln, Panamas oder Liberias fahren, sind Umweltauflagen so gut wie nicht existent. Oft fehlen gute Schadstofffilter. Billigflaggen sind zudem ein Garant für niedrige Lohnkosten und entrechtete Matrosen an Bord, die in der Mehrheit von den Philippinen kommen. Die Schifffahrt ist auch eine soziale Katastrophe. Bockermann weiß durchaus um das dubiose Geschäft mit den Billigflaggen. Dennoch soll die Avontuur die Flagge des Eilands Vanuatu bekommen. „Die Anforderungen für eine europäische Flagge können wir uns nicht leisten“, sagt der Kapitän.

Später sitzen Bockermann und der Kanadier Ben im Bauwagen. Sie gehen eine Excel-Liste mit Namen durch, die das Projekt finanziell unterstützen und Anteile am Schiff erwerben wollen. Bisher sind es 57 Namen. Die Finanzierung ist ein großes Fragezeichen. Bockermann, der Überzeugungstäter, hat privat mittlerweile knapp eine Million Euro in das Segelschiff gesteckt. Eine weitere halbe fehlt.

Bockermann glaubt an das Geschäftsmodell „nachhaltige Schifffahrt“. Daran, dass Firmen dafür zahlen, dass ihre umweltfreundlichen Güter umweltfreundlich verschifft werden. Ganz neu ist das Konzept nicht: Seit 2010 transportiert die Tres Hombres der Firma Fairtransport ökologische Fracht emissionsfrei über den Atlantik. Auch der Autokonzern Volkswagen ist in den Markt eingestiegen. Der Ecoliner, ein großes Cargo-Segelschiff, soll künftig ausgerechnet im VW-Auftrag fahren. Nach dem Abgas-Skandal wäre das wohl ein PR-Coup in Sachen Umweltschutz – wenn man außer Acht lässt, was da so umweltfreundlich verschifft wird: Ein Auto, ist es einmal in der Welt, wird viele tausend Kilogramm CO2 pro Jahr auspusten. Immerhin, die Schifffahrt ist noch schlimmer. Sie emittiert doppelt so viel klimaschädliches CO2 wie der gesamt globale Luftverkehr.

Wie viel mehr der Transport mit der Avontuur kosten wird, darauf will Bockermann sich nicht festlegen. „Wir verlangen den ehrlichen Preis: Bei den großen Frachtschiffen müsste man die Umweltschäden mit hineinrechnen. Unser Ansatz ist langsamer, kleiner – aber emissionsfrei“, sagt er.

In der Broschüre für die Investoren steht es schwarz auf weiß: Auf der dreitägigen Fahrt von Papua-Neuguinea nach New South Wales stößt der effizienteste Frachter von Mærsk ganze 700 Kilogramm CO2 aus. Dreimal so lange würde die Avantuur brauchen, dafür aber weniger als 30 Kilogramm CO2 ausstoßen. Mit solchen Zahlen will Bockermann die Welt überzeugen. „Sich einlullen lassen“, das soll nicht nur für ihn vorbei sein.

06:00 06.07.2016

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