Winde aus wechselnden Richtungen

Medientagebuch Erhebungen in Frankreichs Medienlandschaft: Erst wurde Sarkozy gefeiert, nun wird er geschmäht. Die Logik bleibt gleich

Der Glanz des internationalen Parketts erhellt nicht immer die heimische Stube: Während sich die britischen Medien beim Staatsbesuch Sarkozys auf die Frau des Präsidenten konzentrierten und sie zur neuen Jackie Kennedy kürten, reagierte die französische Presse frostig: "Carla Bruni-Sarkozy gefällt den Engländern besser als ihr Ehemann." Damit setzt sich die derzeitige Mode der Schmähung Sarkozys fort, in der sich Medien, Politiker und Publizisten bis weit ins bürgerliche Lager hinein mit schadenfroher Inbrunst ergehen.

Die Frage ist, wie es zu solch einem Stimmungsumschwung in der veröffentlichten Meinung kommen konnte. Immerhin wurde Sarkozy durch seine persönlichen Kontakte zu den großen Industriemagnaten, zu deren Portfolio fast alle Leitmedien gehören, eine hohe Medienaffinität prophezeit, von der er im Wahlkampf nicht zu knapp profitierte.

All dies scheint jetzt wie weggeblasen. Der Wind im Blätterwald hat sich gedreht. Dieser Umschwung ist nur verständlich, widmet man sich der systemischen Beschaffenheit von Medien und Öffentlichkeit. Dabei sticht ins Auge, dass der relevante Niedergang der Popularität des Präsidenten tatsächlich durch die Querelen um seine neue Gattin eingeleitet wurde; verloren hat Sarkozy vor allem bei den auf klare eheliche Verhältnisse bedachten Rentnern. Zu beobachten ist eine strukturelle Vermischung von Politik und Boulevard, die Sarkozy bis dato immer zu nutzen wusste.

Die Apperzeption dieses bunten Allerleis bewegt sich dabei auf der Ebene plattester Oberflächlichkeit. Wahrgenommen werden von der breiten Masse der Medienkonsumenten nur pointierte Signale, zu denen sich scheinbar völlig willkürliche Bewertungen durch Zuschauer und Kommentatoren gesellen. Die von der Öffentlichkeit dankbar aufgenommenen Erregungen markieren Orientierungsbojen auf einem Ozean allgemeiner Passivität. Dasselbe Verhalten, das Sarkozy früher als rigorosen und kompromisslosen Macher qualifizierte - man erinnere sich an seine Ankündigung, er wolle das Gesindel aus der Vorstadt "kärchern" - wird ihm jetzt verübelt. Als er auf einer Landwirtschaftsmesse einen abweisenden Besucher anpöbelte, durfte sogar die rechte Populistin Marine Le Pen im Fernsehen höhnen, man solle dem impulsiven Präsidenten wohl besser den Auslöser für die Atombombe wegnehmen. Der Politiker als Hülle von erhaschten Effekten wird so zum Star, der zauberlehrlingshaft solange mit den Medien jongliert, bis er sich selbst als Spielball wieder findet.

Dass sich solche Politik als Inszenierung nicht nur auf bestimmte Personen beschränkt, sondern zu den grundlegenden Spielregeln der französischen Medien gehört, lässt sich auch am linken Rand des Parteienspektrums betrachten. So wie Sarkozy Le Pen die Rolle des konservativen Krawallmachers abgejagt hat, wird im kleineren Maßstab ein linksradikaler Clown in Szene gesetzt. Dafür eignen sich in Frankreich vor allem die Trotzkisten, was wohl die außergewöhnliche Medienpräsenz von Olivier Besancenot, dem Chef der Ligue Communiste Révolutionnaire, erklärt, der den Stab von seiner Konkurrentin und bisherigen Hofquerulantin Arlette Laguiller (Lutte Ouvrière) übernommen hat.

Dass das politische Geschehen durch das ewige Kaspertheater in einen Raum der allgemeinen Apathie und Indifferenz rückt, zeigen kontinuierlich niedrigere Wahlbeteiligungen. Diese flüchtig-fahrige Einstellung findet im massenweise Konsum der Zeitungen, die in der Metro gratis verteilt werden, ihren besten Ausdruck: Die bunten Blättchen und die darin enthaltene Information werden im Vorbeigehen gelesen.

Die Eigenbezüglichkeit der Medienmaschinerie ist an den durch Werbung finanzierten Zeitungen gut abzulesen. In enger Verzahnung mit kooperierenden Privatsendern bilden sie ein integriertes Werbekombinat, in dem auf die passende Sendung, das passende Produkt oder die von der Zeitung unterstützte Sängerin hingewiesen wird, die Trennung von Inhalt und Reklame ist kaum auszumachen. Auffallend ist außerdem die Omnipräsenz der abgedruckten Umfrageergebnisse zu allem und jedem, die wohl eher Meinung erzeugen als abbilden.

Auch wenn sich die Gratis-Zeitungen parteipolitisch farbenblind auf jeden Skandal stürzen, gegen einen Imperativ darf nicht verstoßen werden: The show must go on! Als die Eisen- und U-Bahnfahrer im Herbst letzten Jahres ihre Rentenansprüche zu erstreiken suchten und so den Metrozeitungen ihren Markt zu entziehen drohten, war es mit dem Unterhaltungsbrei vorbei und die Zeitungen präsentierten jeden Tag neue Berichte über den Unmut, den der Ausstand in der Bevölkerung hervorgerufen haben sollte. Tatsächlich wurde der Streik wenig später mangels Solidarisierung abgewürgt.

Selbst wenn sich Linke jetzt über die ständigen Fettnäpfchen Sarkozys freuen mögen: Die Logik, die auch seinen Sieg möglich machte wird damit keinesfalls konterkariert.

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00:00 18.04.2008

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