Windräder für die Sahara

Globale Gerechtigkeit Ohne eine Energiewende im Norden gibt es keine Energiewende im Süden

Nicht erst mit den Wassermassen dieses Sommers in Mittel- und Nordosteuropa wurde der "Geist von Rio" überflutet - das begann schon kurze Zeit nach dem UN-Erdgipfel von 1992. Zehn Jahre danach wird der am 26. August beginnende World Summit on Sustainable Development in Johannesburg eine eher zwiespältige Bilanz ziehen. Entschlossene Maßnahmen für Klimaschutz und Energiewende sind unumgänglich. Vielfach wird der bevorstehende Erdgipfel als "letzte Chance" zum weltweiten Umsteuern gedeutet.

Heute sind die Menschen aus Ländern des Nordens - also ein kleiner Teil der Weltbevölkerung - für 80 Prozent des anthropogenen, in der Erdatmosphäre gespeicherten CO2 verantwortlich. Auch wenn wir gerade eine Unwetterserie bei uns erlebt haben: Die Menschen in Ländern des Südens, vor allem in den Regionen nahe des Äquators, leiden stärker als etwa die in Mittel- oder Nordeuropa unter den Folgen des Klimawandels - von Dürren bis zum Hurrican Mitch. Der steigende Meeresspiegel bedroht Millionen in Bangladesh, im Nildelta, auf flachen Pazifikatollen. Schon diese Ungerechtigkeit wäre ein ausreichender Grund, für eine Energiewende im Norden zu werben. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für globale Gerechtigkeit.
Problemverschärfend wirkt, dass die Wirtschafts- und Lebensweise des Nordens Leit- und Wunschbild der Menschen und Ökonomien im Süden ist, obwohl diese ressourcenfressende Wirtschafts- und Lebensweise gefährliche Fehlentwicklungen beinhaltet. Die Globalisierung führt zur Globalisierung von Konsumwünschen - von Fernsehgeräten bis zu Kühlschränken. Wir können den Klimawandel aber nicht dadurch begrenzen, dass wir anderen diese Freiheit oder die mit einem Stromanschluss einhergehenden Aktionsmöglichkeiten und den Komfort vorenthalten, den wir für uns ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen. Wir, die Gesellschaft des Nordens, müssen unsere Fehlentwicklung korrigieren, müssen selbst zum Leitbild einer zukunftsfähigen Entwicklung werden.
Die Nachfrage nach Energie wird weltweit steigen, im Norden und zunehmend auch im Süden. Denn die Weltbevölkerung wächst, und mehr Menschen im Süden wollen und sollen am Wohlstand teilhaben. Also werden global mehr Licht und Wärme gebraucht, mehr Computer, Fernsehgeräte und Kühlschränke. Ist deshalb der Zusammenbruch des Ökosystems unvermeidbar? Nein. Das Hauptproblem ist der verschwenderische Verbrauch im Norden: die Verschleuderung von Energie, mangelnde Effizienz bei der Umwandlung und Nutzung von Energie. Ein weiteres Problem ist der noch viel zu geringe Anteil erneuerbarer Energien.
Konkret auf Computer, Fernseher und Kühlschränke bezogen hieße das: Damit künftig drei oder vier mal so viele Menschen ein solches Gerät besitzen und betreiben können, ohne das Ökosystem zu zerstören, darf das einzelne Gerät künftig nur noch einen Bruchteil der heute benötigten Energie verbrauchen. Allein in Deutschland werden pro Jahr zwei Millionen kWh für nutzlose Stand-by-Schaltungen bei Fernsehgeräten und Stereoanlagen verschleudert. Obwohl bereits heute eine Technik bereit steht, mit der die Energienutzung der Stand-by-Schaltung um den Faktor 20 reduziert würde.
Ein anderes Beispiel sind Kraftwerke: Moderne Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke können eine Energieeffizienz von fast 60 Prozent haben. In vielen Ländern - auch in Industriestaaten - gibt es aber nach wie vor Kraftwerke mit einer Effizienz von nur 20, sogar nur 12 Prozent. Atomkraftwerke wandeln nur ein Drittel der Energie um, der sogenannte Rest - also das meiste - geht als Abwärme in die Flüsse und die Atmosphäre. Die rot-grüne Bundesregierung hat mit dem Ausstieg aus der Atomenergie, dem Einstieg in erneuerbare Energien und dem Gesetz zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung in Deutschland die Energiewende eingeleitet. Das ist wichtig für eine globale Energiewende: Denn das Problem sind nicht nur die Interessen von tradierten, fossil-nuklear und zentral orientierten Energieunternehmen, die Länder des Südens daran hindern, auf moderne Energieformen zurückzugreifen. Regierungen armer Länder fragen zu Recht: Wenn ihr im Norden an Kohle und Atom aus Großkraftwerken festhaltet, wieso wollt ihr uns dann Windräder, Solarkocher und Energiesparprodukte andrehen?

Die Entwicklungskrise des Südens ist wesentlich eine Energiekrise
So lange sich der Norden nicht selbst modernisiert, solange er sich nicht selbst von Windrädern und Sonnenkollektoren abhängig - und damit vom Öl unabhängig - macht, so lange werden die Gesellschaften im Süden dem Fehlentwicklungsmodell im Norden nacheifern. Dass die Entwicklungsländer noch auf fossile, teilweise auf atomare Brennstoffe und auf ressourcenverschwendende Technologien setzen, bringt sie in neue Abhängigkeiten und verschärft außerdem global den Klimawandel.
In der Kritik ist die global vorherrschende, zentrale, fossil-atomare Energieversorgung hauptsächlich wegen der von ihr verursachten verheerenden Energiemüllprobleme: über Tausende von Jahren strahlender Atommüll wie große Mengen CO2 in der Erdatmosphäre, die bereits heute spürbare Folgen haben.
Strukturell sind die Folgen fossiler Energiewirtschaft ähnlich wie bei der Atomwirtschaft: Zwar ist in einigen Golfstaaten der Lebensstandard der Staatsbürger gestiegen, aber nicht der Lebensstandard der Bevölkerung allgemein. In Nigeria profitiert nur eine kleine Oberschicht vom Ölreichtum, während das Volk der Ogoni massiv unter dem Abbau leidet und ins Elend getrieben wird. Vor allem die lokale Bevölkerung ist oft das Opfer ihres Naturreichtums, weil der Ölabbau sie von ihrem Boden vertreibt oder ihn zur Gifthalde macht.
Ein weiteres gravierendes Problem ist der fehlende Zugang entlegener Regionen zu zentraler fossil-atomarer Energieversorgung. Weltweit haben zwei Milliarden Menschen gar keinen Strom. Weil sie zu arm sind oder in ländlichen Regionen leben, die an kein Stromnetz angeschlossen sind. Zwei Milliarden - ein Drittel aller derzeit lebenden Menschen. Für sie ist es unmöglich, aktiv an der Globalisierung teilzunehmen. Der fehlende Stromanschluss schließt sie von Information, Bildung und Produktionsmöglichkeiten radikal aus. Die Entwicklungskrise des Südens ist wesentlich eine Energiekrise. Deshalb haben wir uns erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Energiepolitik auf die Tagesordnung des Weltgipfels auf dem Gipfel kommt. Ich werde mich in Johannesburg dafür engagieren, dass wir konkrete Ziele vereinbaren: Der Anteil der erneuerbaren Energie soll bis 2010 weltweit auf 15 Prozent erhöht werden, die OECD-Staaten sollen sich verpflichten, ihren Anteil um mindestens zwei Prozentpunkte bis 2010 anzuheben.

Die zentrale Energieversorgung des Nordens ist nicht auf den Süden übertragbar Unsere zentrale, auf Großkraftwerken basierende Energieversorgung funktioniert im sehr viel großräumigeren und zugleich finanzschwachen Süden nicht. Während wir in Deutschland langfristig eine dezentrale Energieversorgung mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien anstreben, weil das ökologisch und ökonomisch zukunftsfähiger ist, gibt es im Süden zu dezentraler Energieversorgung schon ökonomisch gar keine Alternative. Stromleitungen in alle kleinen Dörfer zu legen, wäre nicht finanzierbar.
Eine flächendeckende dezentrale Energieversorgung auf der Basis erneuerbarer Energien wird der Süden aber erst aufbauen können, nachdem wir im Norden die Technologien verbessert und durch Massenproduktion kostengünstig gemacht haben. Zugespitzt formuliert: Ohne Energiewende im Norden keine Energiewende im Süden. Die Energiewende im Norden ist der Schlüssel für eine zukunftsfähige Entwicklung im Süden.
Bisher kopieren die Länder des Südens unsere zentrale Stromversorgung oder sie erhalten sie über gemeinsame Projekte der Entwicklungszusammenarbeit oder joint ventures. Ausgefeilte und kostengünstige alternative Modelle sind zu wenig auf dem Markt. Die meisten Länder des Südens verfügen nicht über die finanziellen Mittel und das know how, um im nötigen Umfang zu forschen. Gelder für ein Förderprogramm für erneuerbare Energien, wie es sich der Norden leisten kann, sind auch nicht vorhanden. Ohnehin haben die Länder des Südens meist keine ausreichend große finanzkräftige Käuferschicht, die eine - heute noch - teure Technologie so stark nachfragen würde, dass die Produkte durch Massenfertigung kostengünstig würden.
Die global players der Energiewirtschaft, die im Süden investieren wollen, praktizieren zentralisierte Versorgung. Kraftwerke mit über 1.000 Megawatt dominieren den Markt. Die Weltbank fördert - trotz der Klimarahmenkonvention von 1992 - nach wie vor solche Projekte. Sie begünstigt nach wie vor ausländische Beteiligungen und Übernahmen. Damit leistet sie genau dem Konzentrationsprozess Vorschub, der armen Ländern keine Rolle als aktive Produzenten gewinnträchtiger und zukunftsfähiger Energien zugesteht, sondern sie zu bloßen Rohstofflieferanten und Abnehmern macht.
Die großen Stromversorger verdienen am hohen Verbrauch. Deshalb interessieren sie sich für Ballungsräume, nicht für dünner besiedelte oder entlegenere Regionen. In Tansania stehen 97 Prozent der Stromerzeugungskapazität nur den Städten zur Verfügung. Verteilernetze für das Land fehlen.
Eine Energieversorgung, die es nur in Zentren gibt, zerstört aber die Sozialstruktur. Zwischen den Ländern dieser Erde und auch innerhalb der Länder des Südens gilt: Bringen wir nicht Energie zu den Menschen, gehen die Menschen zur Energie. Migration und Landflucht sind die Folge.

Erneuerbare Energien sind die Chance für den Süden Für fast alle Länder im Süden wäre es sehr viel zukunftsfähiger und gewinnträchtiger, wenn sie dezentral die Gewinnung erneuerbarer Energien beginnen würden, statt von den global players an die globalen "Energieketten" (Hermann Scheer) gelegt zu werden. Viele Länder, die heute einen großen Teil ihrer Devisen für Energieimporte ausgeben, könnten Energieexporteure werden. Rein rechnerisch könnte allein aus den Wüstenregionen Nordafrikas der Energiebedarf der gesamten Erde gedeckt werden.
Die großen Flächen und die klimatischen Verhältnisse bieten nicht nur der Windenergie Bedingungen, von denen Windmüller hier in Deutschland nur träumen können. Sie bieten auch exzellente Bedingungen für die Solarthermie und die Fotovoltaik. Erstere ermöglicht etlichen sonnenreichen, aber niederschlagsarmen Ländern noch einen besonderen Vorteil: Man kann mit der Abwärme solarthermischer Kraftwerke Meerwasser entsalzen und so Trinkwasser gewinnen.
Mit der Parabolrinnen-Technologie, die seit über 15 Jahren in Kalifornien kommerziell und erfolgreich im Einsatz ist, könnte man innerhalb weniger Jahre Strom für zirka neun bis zwölf Cent/kWh produzieren. Das Bundesumweltministerium (BMU) finanziert mehrere Forschungsprojekte der Solarthermie, die später vor allem Ländern des Südens nutzen werden.
Die Strategie der rot-grünen Energiewende in Deutschland, erneuerbare Energien durch die Massenerzeugung billiger zu machen, ist so auch für Länder in Schwarzafrika letztendlich nutzbringender als jede mit Verbundfinanzierung staatlich geförderte Direktinvestition in ein afrikanisches Kohle- oder Gaskraftwerk. Es wäre niemals finanzierbar, über Entwicklungshilfe und Direktinvestitionen zwei Milliarden Menschen im Süden mit Energie zu versorgen. Direktinvestitionen fließen größtenteils in einige wenige wirtschaftlich erfolgreiche Länder, nicht aber in die besonders arme, aber sonnenreiche Sahel-Zone. Das heißt: Erst wenn Windräder, Fotovoltaik, Solarthermie und Biomasseanlagen durch hohe Nachfrage im Norden global so kostengünstig werden, dass Länder wie Eritrea und Mauretanien sie sich leisten können, erst dann haben die Menschen dort eine reale Chance, Strom zu bekommen.

Eine Energiewende ist nicht nur für das globale Klima von Vorteil Die rot-grüne Bundesregierung hat in den vergangenen vier Jahren in Deutschland die Energiewende eingeleitet, die auf drei Säulen basiert: Ausstieg aus der Atomkraft, Ausbau erneuerbarer Energien, Effizienz bei der Umwandlung und Nutzung von Energie. Wir haben es geschafft, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln und die CO2-Emissionen zu senken. Wir haben gezeigt, dass eine Energiewende auch in einem großen Industrieland möglich ist.
Die Bundesregierung hat zugesagt, bis 2008/12 die Emission der sechs wichtigsten Treibhausgase im Rahmen der europäischen Lastenteilung um 21 Prozent zu reduzieren (im Vergleich zu 1990). Das ist von allen Industrieländern die ehrgeizigste Quote. Wir haben bereits eine Minderung von 19,1 Prozent erreicht - das sind knapp eine Milliarde Tonnen CO2-Äquivalente.
Die Ökosteuer, die Energie teurer und Arbeit billiger macht, hat wesentlich dazu beigetragen, in Deutschland die CO2-Emissionen selbst dort - absolut! - zu senken, wo wir bisher immer Steigerungsraten hatten: bei den privaten Haushalten und im Verkehr.
Um Innovationen bei den Effizienztechniken anzustoßen, müssen wir sinnlose Überproduktion stoppen. Sie führt nur zur Verschwendung. Hauptverursacher der Überproduktion sind Atomkraftwerke, sie können nur Grundlast produzieren: Tag und Nacht, werktags und sonntags denselben Energiesockel - ob er nun gebraucht wird oder nicht.
Aber nicht nur wegen des Problems des über Jahrtausende strahlenden Mülls wird die Atomkraft keine Zukunft haben. Sie wird auch keine Zukunft haben dürfen, weil sie alle Anstrengungen im Klimaschutz konterkariert. Beispiel USA: Sie betreiben gut ein Viertel aller Kernkraftwerke weltweit. Sie emittieren trotzdem mehr als ein Viertel der Treibhausgase der industrialisierten Welt - pro Kopf mehr als doppelt so viel wie ein EU-Bürger.
Die Energiewende ist jedoch nicht nur von Vorteil für das globale Klima, sie trägt nicht nur bei zu mehr globaler Gerechtigkeit, sondern sie nutzt auch der Wirtschaft und der Beschäftigung im eigenen Land: Als Rot-Grün im Oktober 1998 die Regierung übernahm, wollte gerade die letzte Solarfirma aus Deutschland abwandern. Inzwischen wird in Hameln die vierte neue Solarfirma gebaut. Die Firma Enercon mit ihrem Chef Aloys Wobben, vor Jahren noch als Tüftler aus Aurich belächelt, ist inzwischen der größte gewerbliche Arbeitgeber in Magdeburg. Das vor zehn Jahren nicht einmal mittelständische Unternehmen aus Ostfriesland ist heute ein multinationales Unternehmen mit Niederlassungen in 19 Ländern und 4.500 Mitarbeitern.
Inzwischen arbeiten in Deutschland 130.000 Menschen in der Jobmaschine Erneuerbare Energien. Tendenz: steigend. Das Schweizer Forschungsinstitut PROGNOS kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass eine Minderung der CO2-Emissionen in Deutschland um 40 Prozent bis 2020 nicht nur machbar ist, sondern auch 200.000 neue Arbeitsplätze schafft.
Wir haben mit dem Atomausstieg die Grundlage für die Energiewende und die geeigneten Rahmenbedingungen geschaffen, um eine solche Dynamik in Gang setzen zu können: dazu gehören das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das 100.000-Dächer-Solarstrom-Programm, das Marktanreizprogramm für Erneuerbare Energien, die Biomasse-Verordnung, die Ökosteuer und die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung. Wir haben in den vergangenen vier Jahren 550 Millionen Euro für das Markanreizprogramm, das aus Einnahmen der ökologischen Steuerreform gespeist wird, bereit gestellt, 200 Millionen Euro allein in diesem Jahr.
Wir haben es seit Ende 1998 geschafft, die Produktion von Strom aus Windkraft auf die Rekordmarke von über 10.000 Megawatt zu erhöhen. Deutschland ist Windenergieweltmeister. Heute wird ein Drittel des Windstromes der Welt hier produziert. Die Bundesregierung hat begonnen, offshore-Windgebiete auszuweisen. Sie will bis 2025/30 allein offshore 20.000 bis 25.000 Megawatt erreichen.
Wir haben es geschafft, allein im vergangenen Jahr die nun installierte Fläche an Sonnenkollektoren auf eine Million Quadratmeter zu verdreifachen. 2001 wurden mehr als fünf mal so viel Fotovoltaikpanel installiert wie 1998. Der europäische Siliziummarkt ist leergefegt, so dass wir nun darangehen müssen, eine Siliziumproduktion nur für den Fotovoltaikbereich aufzubauen. Bisher werden nur die Abfallprodukte der hochwertigen Chip-Produktion verwandt, aber die großen Mengen, die heute gefragt sind, fallen dort nicht an. Außerdem wäre eine eigene Siliziumproduktion nur für den Solarbereich sehr viel kostengünstiger.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen werden, den Anteil der erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2010 auf 12,5 Prozent zu erhöhen. Mehrere Länder kopieren das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz. Spanien hat bereits ein Stromeinspeisegesetz und baut zur Zeit erfolgreich die Windenergienutzung aus. Demnächst soll Strom aus solarthermischen Kraftwerken besonders vergütet werden. Brasilien hat im April eine neue Einspeisevergütung für Windstrom in Kraft gesetzt. Indien und Italien bereiten gerade Ausschreibungen für solarthermische Kraftwerke vor. Marokko, Ägypten, Zypern, Mexiko, Südafrika, Saudi-Arabien und Jordanien haben mit Planungen begonnen. Diese Länder haben alle mehr als 2.000 Stunden Sonnenschein pro Jahr. Dadurch können sie solarthermische Anlagen optimal nutzen. Selbst ohne Speichersystem erreichen sie eine ähnliche Auslastung wie wir mit Windkraftanlagen.
Wir haben in vier Jahren rot-grüner Regierungszeit bewiesen, dass ein Land, das die Vorreiterrolle übernimmt, davon selbst großen Nutzen hat (Arbeitsplätze, Exportaufträge) und andere Länder mitziehen kann, ebenfalls eine Energiewende zu beginnen. Das zeigt: Die globale Energiewende wird möglich, wenn wir - insbesondere Deutschland, aber auch andere europäische Staaten - national die Politik der Energiewende fortsetzen.

Jürgen Trittin, Welt Um Welt - Gerechtigkeit und Globalisierung, Aufbau Verlag, 205 S., 14,90 EUR



Die Botschaft von Rio 1992


Kein Marshall-Plan Die Weltkonferenz der UNO für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro behandelt 1992 unter Beteiligung von 178 Staaten alle gravierenden Fragen der Umwelt- und Entwicklungspolitik. Doch einen "Marshall-Plan für die Erde" bringt sie nicht zustande. Dafür fehlen ihr Mandat und Macht. Die Grenzen für die Belastbarkeit des blauen Planeten sind zwar in aller Munde, doch ziehen kann sie der Erdgipfel von Rio nur auf dem Papier.

Altes und neues Denken
Umwelt und Entwicklung heißt das ambivalente Leitbild des Gipfels. Ambivalent, weil der Norden Klimastabilität, den Schutz der Artenvielfalt und tropischen Regenwälder zur Priorität erhebt, während der Süden das Junktim zwischen einem umweltfreundlichen Wachstum und einem massiven Technologietransfer aus den Industrieländern favorisiert. Konsens besteht, dass ökologische, ökonomische und soziale Entwicklung verknüpft werden müssen.

Credo Nachhaltigkeit
Die Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD) gilt als Motor des Rio-Prozesses. Sie erhält den Auftrag, die Umsetzung der in Rio verabschiedeten Konventionen und des Aktionsprogramms Agenda 21 zu verifizieren. Die CSD legt dazu immerhin einen Katalog von 130 Nachhaltigkeitsindikatoren vor und bietet Experten, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Politikern jährlich ein Forum der Diskussion.

Global denken - lokal handeln
Die Agenda 21 ist der globale Masterplan von Rio - die 40 Kapitel gelten bis heute als Kompendium eines auf Nachhaltigkeit orientierten Lebens und Wirtschaftens. Die Agenda definiert erstmals den Erhalt der biologischen Vielfalt und den Kampf gegen Wüstenbildung als globale Aufgaben, sie formuliert Aufträge für lokales Handeln im Interesse von Ressourcenschutz und Energieeffizienz. Die UN-Kostenprognose für die Agenda 21: 625 Milliarden Dollar/Jahr.

Basis des Kyoto-Protokolls
Die Agenda 21 gibt auch die Philosophie für die in Rio beschlossene Klimarahmenkonvention vor, die 1994 in Kraft tritt und Ende 2001 von 186 Staaten ratifiziert ist. Das Dokument gilt als erster internationaler Vertrag, der dazu verpflichtet, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Vor allem die Industrieländer mit einem Anteil von 75 Prozent der Emissionen von Treibhausgasen sind gefordert. Auf der Klimarahmenkonvention fußt das Kyoto-Protokoll von 1997.

Flora und Fauna
Ebenfalls in Rio beschlossen wird die Biodiversitäts-Konvention, um die biologische Vielfalt der Erde zu erhalten. Dabei wird unterschieden zwischen: genetischer Vielfalt, Artenvielfalt und Vielfalt der Ökosysteme. Die Konvention betrachtet Flora und Fauna ausdrücklich als Ressource der Nationalstaaten. Ambivalent sind die Aussagen zu genetisch veränderten Lebewesen und dem Zugang zu genetischen Ressourcen.

Die Wüste kommt
Diese Konvention tritt - vier Jahre nach Rio - 1996 in Kraft tritt und ist inzwischen von 159 Staaten ratifiziert. Sie enthält einen Katalog von Maßnahmen, mit denen einer Wüsten-Expansion vor allem in der afrikanischen Sahelzone begegnet werden kann. Entscheidend ist das erstmals gefundene gemeinsame Verständnis dieses Naturphänomens - der Grundstein für ein internationales und rechtsverbindliches Vertragswerk.

Heiliger Amazonas
Die Industrieländer können sich in Rio mit ihrem Ziel, eine völkerrechtlich verbindliche Waldkonvention zu beschließen, nicht durchsetzen. Vehement wehrt sich beispielsweise Brasilien gegen eine "Internationalisierung des Amazonas" und vermutet einen Angriff auf seine nationale Souveränität. So bleiben von der Waldkonvention die Erklärung zu den Prinzipien der Waldwirtschaft und das dem Thema gewidmete Kapitel 11 der Agenda 21.

Globale Umweltfazilität
Die Globale Umweltfazilität (GEF) wird bereits 1990 gegründet, in Rio 1992 bestätigt und ab 1994 als eigenständige Körperschaft reformiert. Das Finanzvolumen der GEF beträgt derzeit rund 700 Millionen US-Dollar pro Jahr. Gemäß der Klimakonvention und der Biodiversitätskonvention vergibt die GEF günstige Kredite für Projekte in Entwicklungsländern, die globale Umweltgüter schützen.

Dokumentation: Dirk Schneider



00:00 23.08.2002

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