Wir aus Amstetten

Der "Fall Fritzl" und die Stadt an der "Moststrasse" Wahrscheinlich sind die Leute nirgends so sehr Österreicher wie hier

Er sei psychologisch unauffällig, geistige Deformationen ließen sich nicht feststellen, heißt es nach den Verhören des Inzest-Täters von Amstetten. Offenbar war es einfach die abgründige Lust auf Macht über seine Familie, von der sich Josef Fritzl über Jahrzehnte angetrieben fühlte. Das sagt viel über den Biotop Provinz, der ermöglicht, was sich nun für die große Skandalisierung empfiehlt.

In meinem Pass steht unter Punkt 6: "Geburtsort/Place of birth: Amstetten". Seither stellt man mir Fragen. Seit man die niederösterreichische Bezirksstadt bei CNN fehlerfrei auszusprechen weiß. Seit Amstetten eine Chiffre des Grauens ist.

Ich distanzierte mich zunächst von Amstetten. Ich kam dort nur zufällig zur Welt, gab ich zur Auskunft, im nächstgelegenen Krankenhaus, und ich wuchs in Dörfern der Umgebung auf. Außerdem würde ich seit 1992 anderswo - in anderen Städten und Staaten - leben.

Das war eine billige Ausflucht, denn mein Vater, mein Bruder und meine Schwester arbeiten in Amstetten. Ich selbst leistete dort meinen Zivildienst ab, in einem Altersheim, in einer Querstraße der traurig berühmten Ybbsstraße. Ich muss oft mit dem Fahrrad an dem verborgenen Verlies vorbeigefahren sein.

Ich kannte den Mann nicht, den sie in der Gegend nur noch "den Fritzl" nennen und über den plötzlich jeder eine persönliche Geschichte hat. Ein Rundruf bei meiner Familie hat aber genügt. Seither weiß ich, wie nahe wir ihm waren.

Ich habe nie zuvor über Amstetten nachgedacht. Amstetten, das war immer eine Funktion: ein Bahnhof zum Umsteigen, ein Ort rascher Erledigungen, eine horizontale Aneinanderreihung von Supermärkten und Arbeitsplätzen. Bei Amstetten denke ich an das Recycling-Unternehmen, für das mein Vater seit Jahrzehnten arbeitet, an Halden zerquetschter Autos. Ich denke an die Werkhalle, in der ich vor dem Studium jobbte. Morgens wehte der lockende Keksgeruch der benachbarten De-Beukelaer-Fabrik herein. Die gelben Schalungsplatten, an denen ich damals bei DOKA werkte, sind mittlerweile in aller Welt zu sehen. Mit ihnen wird gerade das höchste Gebäude der Welt - der Burj Dubai - gebaut. Die Amstettner Betriebe expandieren, sie bieten reichlich Arbeitsplätze. Amstetten funktioniert.

Bis Sonntag hätte niemand ein Foto von Amstetten gemacht, es gibt keine einzige touristische Attraktion. Dabei liegt die Stadt in einer schönen Landschaft, dem sanften Hügelland zwischen Donau und Voralpen, dem "Mostviertel". Zwar haben viele Bauern die alten Obstbaum-Alleen abgeholzt, früher wurden ihnen dafür Prämien bezahlt. Der Most - Apfelwein oder Birnwein - wird jedoch wiederentdeckt. Er lässt sich auf einer "Moststraße" erwandern und bei "Mostheurigem" verkosten.

Amstetten selbst hat wenig Identität. Ohnehin ist die Kleinstadt in jenem Bundesland gelegen, das unter den teils tausendjährigen österreichischen Bundesländern die geringsten landsmannschaftlichen Gefühle weckt, in Niederösterreich. Darüber hinaus liegt der Bezirk Amstetten in Niederösterreichs äußerstem Westen, die größte Tageszeitung liefert einfach ihre Oberösterreich-Ausgabe aus. Das stört niemanden. Wahrscheinlich sind die Leute nirgends so sehr Österreicher wie hier, Österreicher ohne vorgelagerte Identität.

Wenn ich daran denke, was Amstetten für uns war, dann fallen mir immer Sätze ein, in denen der Ort als Gefäß erscheint: "Kommen wir rein?" - "Kommen wir durch?" - "Müssen wir durch?"

Amstetten hat offiziell 23.000 Einwohner. Die Zahl trügt, denn beinahe die Hälfte lebt in eingemeindeten Dörfern, die fünf bis acht Kilometer entfernt sind. Das sind Dörfer wie etwa Mauer, nun bekannt durch die psychiatrische Klinik, in welcher die aus dem Verlies Befreiten abgeschirmt werden. Mauer ist eine weitläufige Parkanlage aus Jugendstil-Pavillons, 1902 vom Kaiser eingeweiht. Franz Joseph soll dabei gesagt haben: "Es muss schön sein, in Mauer ein Narr zu sein."

Bis vor kurzem hat uns an Amstetten nur eins bewegt, das komplexe neue Verkehrsleitsystem. Es gibt nur wenige Ecken, in denen Amstetten wie eine Stadt aussieht, der Hauptplatz ist bloß eine kleine Ausbauchung der Hauptstraße. Die paar Bürgerhäuser aus der vorletzten Jahrhundertwende sagen wenig über den Charakter der Gemeinde. Die Zahlen sagen mehr: Zu den 14.000 eigentlichen Amstettnern drängen 11.000 Einpendler und 2.000 Schüler herein. Meine Familie ist typisch. Insofern sind wir alle Amstettner.

Dieses undefinierte Gefäß einer Kleinstadt ist in vielerlei Hinsicht österreichischer Durchschnitt. Etwa zehn Prozent der Amstettner sind im Ausland geboren und geben eine andere Umgangssprache als Deutsch an. Wie sonst auch gibt es mittlerweile mehr Muslime als Protestanten.

Die Stadt ist zu 80 Prozent katholisch, wobei die meisten Arbeiter die Kirche nicht sonderlich mögen. Die Stadt ist seit langem sozialdemokratisch, wobei man von gewachsenem Klassenbewusstsein nicht sprechen kann. Die industrielle Tradition ist dafür zu jung. Der Amstettner Proletarier lebt ländlich, in einem Haus mit Garten.

Das alles ist nichts Besonderes. Nichts Besonderes ist, dass die verkehrsberuhigte Hauptstraße verödet. Wenn die Jungen aus den Schichtbetrieben strömen, kehren sie gern Beim Mackie ein, und die Jungmütter treffen einander in den Möbelhäusern "auf einen Plausch". Ort der Handlung ist eine mittlerweile vierspurig ausgebaute Schnellstraße, die auf Amstetten zuläuft, das "Betriebsgebiet Amstetten West". Diese von bunten Hallen gesäumte Straße ist der eigentliche Boulevard der Region. In den Kreiseln erinnern überlebensgroße Mostbirnen daran, dass man sich im Mostviertel befindet.

Nichts Besonderes ist auch, dass Amstetten kaum über ein gewachsenes Bürgertum verfügt, und kaum über Bürgersinn. Die vielen flüchtigen Benutzer der Stadt fühlen sich nicht verantwortlich. Trotz beträchtlichen Wohlstands regrediert das Kulturleben. Die einst vorzüglich sortierte Bahnhofsbuchhandlung wich einer Wurstsemmel-Station, in der Mehrzweckhalle werden Musicals aufgeführt.

Es spricht Bände, dass Amstetten in den Tagen weltweiter Aufmerksamkeit seinen Bürgermeister versteckt. Nachdem der seit Ewigkeiten regierende Sozialdemokrat einen schlaffen TV-Auftritt hingelegt hatte, vertrat vorwiegend der "Bezirkshauptmann" die Stadt, der oberste Beamte des Bezirks Amstetten, ein schneidiger Konservativer.

Die Bezirke sind in Österreich die einzige Gebietsebene, deren Amtsträger nicht gewählt, sondern ernannt werden. Möglicherweise wird das Amt des Bezirkshauptmanns gerade deswegen so sehr geachtet. Oft habe ich erlebt, wie eine Veranstaltung erst durch das Auftauchen eines Bezirkshauptmanns den finalen Glanz erhielt. Wie sein Vorgänger trägt der Amtsinhaber den himmlischsten aller österreichischen Titel - "Hofrat".

Das aber hat mit dem monströsen Inzest-Fall zu tun, denn dieser Fall handelt von Autorität. Aus meiner persönlichen Erfahrung hatte ich gemeint, die Zeit autoritärer Väter sei in Österreich vorbei. Nicht so in diesem Fall. Zum einen konnte Josef Fritzl sein Verbrechen 24 Jahre lang betreiben, weil niemand seine despotische Autorität durchbrach. Zum anderen stand ihm die restmonarchisch respektierte Autorität des Bezirkshauptmanns gegenüber, der am Tag vor der Verhaftung noch den besten Eindruck von Fritzl hatte.

Die Tausenden Fritzl-Geschichten, die nun bei Amstetten umgehen, ergeben im Nachhinein ein anderes Bild. Sie beschreiben nicht den "gepflegten", "dynamischen" und "perfekten" Verbrecher, von dem die ermittelnden Beamten sprechen.

Mein kleiner Familien-Rundruf hat anderes zutage gefördert: Die Frau des Täters, welche die drei heraufgeholten Inzestkinder erzog, nahm regelmäßig an den Treffen des "Pflegeforums" teil, einer Beratungsrunde von Pflegeeltern. Die anderen Teilnehmer hätten sich oft über Frau Fritzl lustig gemacht, weil sie gegen die Usancen ohne den Pflegevater erschien. Ihr Mann sei "im Geschäft", habe die Frau darauf erwidert.

Mein kleiner Bruder - stellt sich heraus - hat mehrmals in Fritzls Haus übernachtet, in der Wohnung eines Kumpels. Auch das ist nichts Besonderes, das Haus hatte zwölf Mietwohnungen, Hunderte Menschen erzählen dieselbe Geschichte. Es sei ein "ganz normales Haus" gewesen, sagt mein Bruder. Und dann höre ich noch, dass der Täter in meinem Heimatort das Gasthaus zur Post gepachtet hatte, für kurze Zeit. Die ihn dort sahen, beschreiben ihn keineswegs als gepflegten Herrn, sondern als groben, herrischen Menschen "im Ruderleibchen und mit fünf Goldketten behängt". Er habe die Kellnerinnen so wüst befummelt, dass ihn mein damaliger Bürgermeister zur Rede gestellt habe. Das sei sein gutes Recht, habe Fritzl zurückgeschrieen. Darauf habe ihm mein Bürgermeister eine gescheuert.

Wenn das nur nicht alles Geschichten im Nachhinein wären! In Österreich fragen jetzt viele nach der Verantwortung der Behörden, insbesondere der Bezirkshauptmannschaft. Durchaus zu Recht, aber wo waren die Bürger? Wenn tatsächlich so viele den Täter schon immer verdächtig fanden - wie wenig hätte gereicht, um das Verbrechen früher zu beenden? Das ist keine Frage an Amstetten, es ist eine Frage an Österreich, an uns und an mich. CNN ist bereits abgezogen, und wir werden weiter durch Amstetten durchfahren. Eine Zeitlang etwas bedächtiger, und dann wieder so schnell, wie es nur irgendwie geht.

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00:00 09.05.2008

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