Wir Bio-Heiligen

Richtig leben Inzwischen erzeugen auch die Versprechen der Öko-Industrie Unbehagen. In der Tat gibt es viel zu kritisieren, wenn auch nicht alles. Eine Ideengeschichte der Öko-Skepsis

Sie fordern Kritik geradezu heraus, die Hybrid-Autofahrer und Bio-Brause-Trinker, die Öko-Discounter-Kunden und Kompost-Windel-Käufer. Da ist zum Beispiel dieser Spruch aus der aktuellen Bionade-Kampagne: „Wer rettet die Welt, wenn Obama krank ist?“ Klar, da ist ein Augenzwinkern dabei. So ganz ernst nehmen Werber und Konsumenten des „offiziellen Getränks einer besseren Welt“ die messianische Selbstüberhebung des Slogans nicht. Dennoch lässt sie selbst wohlmeinende Beobachter fragen, ob jemand im Ernst glaubt, ökokorrektes Einkaufen allein würde die Umweltprobleme lösen, die sich aus Lebensstil und Produktionsweise von Industriegesellschaften ergeben. Beinhaltete ökologisches Denken früher nicht auch immer Kritik an den Verhältnissen?

Heute jedenfalls proklamieren Politiker jeglicher Couleur Umweltbewusstsein. Die Sorge um die Natur gilt längst nicht mehr als weltfremd. Und die Zeiten, da ökologisch bewusst lebende Menschen als quasi-religiöse Fundamentalisten verspottet wurden, sind vorbei. Vor wenigen Jahrzehnten noch konnte man Technikkritikern mit einem „ohne Technik würden wir noch in Höhlen hausen“ begegnen. Heute klingt dieser Satz angesichts der verheerenden Umweltrisiken mancher Technologien naiv.

Zurück zur Natur

Wer einen Überblick über die Entwicklung der Kritik am ökologischen Denken gewinnen will, kann im 18. Jahrhundert beginnen. Damals schon wurde Rousseau mit seinem Ruf „Zurück zur Natur“ von den Aufklärern aus Paris belächelt. Mit der Verstädterungswelle an der Schwelle zum 20. Jahrhundert tauchten dennoch die ersten Naturschützer auf, die Vertreter der Lebensreformbewegung etwa. Deren Fortschritts-, Industrie- und Technikfeindlichkeit kritisierten Gewerkschaften und Sozialisten ebenso wie Unternehmer und Industrielle. Zeitgleich versuchten Rechte wie Linke den Umweltgedanken zu vereinnahmen. Grob lässt sich sagen: Während Konservative die Natur und mit ihr verbundene Lebensformen verklärten („die bäuerliche Scholle“), sahen Linke auf dem Land die Möglichkeit, neu anzufangen und alternative Lebensformen auszuprobieren.

Bis heute scheint der Ruf „Zurück zur Natur“ oft getragen von der Trauer über die vermeintlich verlorene Einheit des Menschen mit seinen Lebensgrundlagen. Dabei, so wenden Kritiker ein, zeichnen sich moderne Gesellschaften eben durch zunehmende Arbeitsteilung und damit durch größere Vielfalt aus. Die wiederum ermöglicht größere Freiheiten. Man vergleiche nur die Enge der Dorfgemeinschaft mit den Freiheiten des anonymen Städters. Die daraus resultierenden Spannungen muss der Einzelne freilich aushalten.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstarkte dann eine politische Ökologiebewegung, die zunächst die Produktions- und Konsumweise der Industrieländer grundsätzlich in Frage stellte. Doch spätestens bei der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 kam das Konzept der nachhaltigen Entwicklung auf die Agenda. Hatte ökologisches Bewusstsein zuvor fast immer Wachstumskritik, Entschleunigung und Partizipation eingeschlossen, waren im Konzept der Nachhaltigkeit technische Innovationen und ökonomisches Wachstum alles andere als negativ besetzt. „Schützen, um weiter auszunützen“, lautete die Kritik aus der Ecke der Alt-Ökos.

Erst das Tier, dann der Mensch

Heute wenden sich Vertreter der gleichen Kritiklinie gegen die Verwässerung des Ökologiegedankens in einem genusssüchtigen Bio-Lifestyle. Das Ziel eines neuen Verhältnisses der Gesellschaft zur Natur lasse sich nicht durch Bionade und Öko-Discounter verwirklichen. Ein Mensch, der mit Konsum die Welt retten wolle, habe das Denken, dass er kein Teil von ihr, sondern sie sein Untertan sei, nicht abgelegt. Die Befürworter der Nachhaltigkeitsidee entgegnen: Will grünes Denken überzeugen, kann es auch widersprüchliche Bedürfnisse der Menschen nicht ausblenden.

Anders als früher kann sich die Kritik von Öko-Skeptikern nun, da Umweltbewusstsein zum guten Ton gehört, nicht mehr pauschal gegen „die Ökos“ richten. Doch einige davon bieten schon von sich aus Angriffsfläche genug. So haben etwa Händler und Produzenten von Bio-Lebensmitteln in den vergangenen Jahren neben dem Naturschutz vor allem mit Gesundheitsvorteilen für ihre Produkte geworben. Dagegen behaupten Kritiker jetzt, Lebensmittel aus ökologischem Landbau seien weder umweltverträglicher noch gesünder als konventionelle.

Ein dritter Strang der Kritik verweist auf den Zynismus, der darin liegt, zunächst Pflanzen und Tiere zu schützen und dann erst den Menschen. So lange Umweltschutz vor allem als Einsparung von Ressourcen verstanden werde, würden die reichen Länder dafür sorgen, dass nur die Armen weiter sparen müssten. Umweltschutz, der sich keinem politischen und sozialen Wandel verpflichte, greife schlicht zu kurz.

Was also ist dran an der Kritik am ökologischen Lebensstil? Die Diskussion ist von ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen geprägt. Sicher ist: Es ist nicht einfach, einen unvoreingenommen Blick dafür zu gewinnen, was es für Einzelne wie für Gesellschaften heißt, umweltbewusst zu leben. Ebenso sicher ist aber auch: den Versuch ist es wert.

Birgit Peuker arbeitet als Technik- und Umweltsoziologin an der TU Dresden

09:00 15.04.2010

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