Wir bleiben im Irrenhaus

Erfundenes statt Vorhandenes Dürrenmatts "Physiker" antworten auf Brechts "Galilei", doch damit weiß das Deutsche Theater in Berlin wenig anzufangen

Im Jahr 1955 provozierte der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt in seiner praktischen Dramaturgie Theaterprobleme mit paradoxen Thesen. "Der heutige Staat", so fand er, "ist unüberschaubar, anonym, bürokratisch geworden (...) Gestalt wird die heutige Macht nur etwa da, wo sie explodiert, in der Atombombe. (...) Die Atombombe kann man nicht mehr darstellen, seit man sie herstellen kann." "In der Form des geschichtlichen Dramas Schillers" die heutige Welt bewältigen zu wollen, sei nicht mehr möglich. Alle großen historischen Stoffe seien außerdem schon wissenschaftlich gestaltet. Eine Dichtung über Figuren wie Caesar "wäre eine Tautologie, eine Illustration zu wissenschaftlichen Erkenntnissen." Die Dramaturgie der vorhandenen Stoffe werde durch die Dramaturgie der erfundenen Stoffe abgelöst. Da Tragödie "in der Wurstelei unseres Jahrhunderts" nicht mehr möglich sei, weil es "keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr" gebe, "kommt uns nur noch die Komödie" bei.

Dürrenmatts Abwertung historisch personalisierter Dramatik richtete sich 1955 bewusst oder nicht gegen Bertolt Brechts Schauspiel Leben des Galilei, das im April 1955 in Überarbeitung im Schauspielhaus Köln zur deutschen Erstaufführung kam. Nach Dürrenmatts Dramaturgie war es nichts weiter als eine dramatische Illustration der Geschichtswissenschaft über Galilei, nutzangewendet mit Sentenzen über die Jubelschreie über Entdeckungen (wie die Atomkernspaltung), die sich in Entsetzensschreie (nach Abwurf der Atombomben) verwandeln, und die Notwendigkeit eines hippokratischen Eides für die Naturwissenschaftler. Brecht sprach zwar selbst von seinem Galilei als "historischem Schinken", verglichen mit einer echt "epischen Struktur", hatte aber trotzdem kein dringlicheres Anliegen, als mit einer Inszenierung des Stücks im eigenen Berliner Ensemble gleichsam eine Modellaufführung zu schaffen. Er wollte damit die tatsächlich in Gang kommenden weltweiten Bestrebungen, iniitert noch durch den im April l955 verstorbenen Albert Einstein und den britischen Philosophen Bertrand Russell, mit den Mitteln des Theaters unterstützen. Zwar sollte er die Premiere nicht mehr erleben, aber die Aufführung lief mit Ernst Busch als Galilei über 400 Mal im Berliner Ensemble.

Dürrenmatt sollte erst 1962 mit dem Schauspiel Die Physiker mittels eines ins Paradoxale und Groteske vorangetriebenen "erfundenen Stoffs" ein Gegenmodell schaffen. Der Physiker Möbius spielt den Verrückten, um seine Entdeckung der Weltformel für "das System aller möglichen Erfindungen" einer menschheitsbedrohenden Nutzanwendung zu entziehen, sieht sich aber in der Irrenanstalt mit zwei Kollegen von den Geheimdiensten der beiden Supermächte konfrontiert, die ebenfalls verrückt spielen (der eine als Einstein, der andere als Newton), um ihn schließlich für ihre jeweilige Seite zu gewinnen. Als es nach der Ermordung ihrer Krankenschwestern, die hinter die Wahrheit gekommen sind, zu einer Stunde der Offenbarung kommt und Möbius seine Kollegen überzeugt: "Entweder bleiben wir im Irrenhaus oder die Welt wird eines", offenbart die Irrenärztin von Zahnd, dass sie die Erkenntnisse des Möbius längst kopiert hat, bevor er sie verbrannte: "Mein Trust wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren. Die Rechnung ist aufgegangen. Nicht zu Gunsten der Welt, aber zu Gunsten einer alten, bucklingen Jungfrau."

Dürrenmatt hatte mit den Physikern die gesellschaftliche Abhängigkeit wissenschaftlichen Denkens tatsächlich ins versinnbildlichte Paradox getrieben, aber auch um die potentiale Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit gebracht. So umwerfend visionär-verrückt Therese Giehse bei der Uraufführung des Stücks im Zürcher Schauspielhaus die Irrenärztin gab - weggespielt werden konnte damit doch nicht die große Kapitulation des Autors vor einer Veränderungsmöglichkeit der Gesellschaft auch durch Wissenschaft und Wissenschaftler.

Im Programmheft zur jetzigen Neuinszenierung im Deutschen Theater wird zwar über den Anlass, den 50. Todestag von Albert Einstein, hinaus auf "das Spannungsfeld zwischen Wissen und Macht", das nach neuen Antworten im hier und heute verlangt, hingewiesen; es finden sich auch Ausführungen über die "Weltformel", nach der Einstein vergeblich suchte. Aber das Stück selbst kann eben nur den fatalen Eindruck vermitteln, dass die Wissenschaftler sich in einem Narrenhaus befinden, aus dem es kein Entrinnen gibt. Vertieft wird der Eindruck durch die Oberflächlichkeit, mit der es durch den Regisseur András Fricsay inszeniert wird. Die Szene (Johannes Leiacker): erst die Sonnenterrasse eines Sanatoriums mit Alpen- oder (unmotiviert) Blick auf ein TV-Testbild, mit Aufzügen, die aus der Wiese schießen, dann Bunker mit Überwachungsklimbim. Beste Schauspieler des DT in Rollen, die nur Kunststückchen, aber keine Charaktergestaltung zulassen, ganz nach eigenem Belieben vorgeführt. Jörg Gudzuhn kennzeichnet seinen Kilton/ Newton durch Fußtritte gegen Gartenmöbel, um die Schwerkraft zu demonstrieren, Peter Pagel seinen Eisler/ Einstein als verkappten Proleten, der Schnitzel mit der Hand in den Mund stopft, Dieter Mann seinen Möbius mit Bierernst, dem schwer abzunehmen ist, dass ihm die Krankenschwester Monika (Aylin Esener) nur so aufspringt. Am deplaziertesten wirkt jedoch Jutta Wachowiak als Irrenärztin: Statt ihren eigenen Wahn von Weltherrschaft als Vision des Salomo erscheinen zu lassen, schnarrt sie das Ganze wie ein imperiales Manifest herunter. Was zu sehen ist, ist insgesamt das Abrasseln einer überzogenen Spiel-Uhr, zu der dem Dramatiker selbst die Welt geworden war, weil er sich ideologisch "draußen" halten wollte. Kunst plus Wissenschaft im Minus heutiger Spaßgesellschaft.


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00:00 06.05.2005

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