„Wir brauchen Vorbilder“

Interview Rassismus und Racial Profiling – Selbstreflexion täte der Polizei gut. Nur so kann sie Vertrauen schaffen, sagt Burak Yilmaz
„Wir brauchen Vorbilder“
Wenn’s hilft ...

Foto: Günter Schiffmann/Afp/Getty Images

In den USA gibt es immer neue Fälle von Polizeigewalt gegenüber Schwarzen, auch hierzulande wurde dagegen protestiert. Aber wie steht es um die deutsche Polizei? Das könne man nicht vergleichen, sagen viele. Burak Yilmaz findet: gleichsetzen nicht, vergleichen schon. Er hat zwei Jahre an der Polizeihochschule in Duisburg unterrichtet, heute arbeitet er als Pädagoge mit migrantischen Jugendlichen.

der Freitag: Herr Yilmaz, nach den Protesten gegen Polizeibrutalität in den USA ist auch die deutsche Polizei in jüngster Zeit in die Schlagzeilen geraten, etwa durch umstrittene gewalttätige Einsätze in mehreren Großstädten. Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der deutschen und der US-Polizei?

Burak Yilmaz: Polizisten in Deutschland werden länger und intensiver ausgebildet. Die Voraussetzungen für diesen Beruf sind deutlich anspruchsvoller als in den Vereinigten Staaten. Dort dauert die polizeiliche Ausbildung im Durchschnitt nur 16 Wochen, bei uns sind es mindestens drei Jahre. Des Weiteren ist der Schusswaffengebrauch hierzulande nur der allerletzte Lösungsweg. In den USA liegt die Ermessensentscheidung darüber bei den Polizeibeamten. Sobald sie sich bedroht fühlen, dürfen sie schießen. Das lässt leider einen sehr großen Spielraum zu.

Könnte denn so etwas wie die Misshandlung von Georg Floyd auch in Deutschland passieren?

Prinzipiell ja. Wir hatten in der Vergangenheit ja auch hier Fälle im Umgang mit schwarzen Menschen, die immer noch Fragen aufwerfen. Oder denken Sie nur an den skandalösen Umgang der Ermittlungsbehörden mit der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU. Allerdings ist die Häufigkeit solcher Vorfälle in den Vereinigten Staaten deutlich höher. Die exzessive Polizeigewalt, die im Falle von George Floyd auch noch öffentlich für alle sichtbar war, ist eher typisch für die USA als für Deutschland. Damit solche Fälle hier nicht stattfinden, sollten wir aber stärker anfangen, präventiv zu denken.

Sie haben selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht, etwa bei polizeilichen „Stichprobenkontrollen“ auf dem Kirchentag in Dortmund.

Ja, ich habe dann nachgefragt, warum gerade ich kontrolliert werde. Als der Beamte meinen Ausweis in der Hand hielt und wissen wollte, ob ich schon mal etwas mit der Polizei zu tun hatte, war das für mich ein Indiz, dass man mich aufgrund von Äußerlichkeiten überprüft hat. Ich habe ihm damals geantwortet, dass ich jede Woche mit der Polizei zu tun hätte, weil ich Dozent an der Polizeihochschule in Duisburg sei.

Wie war die Reaktion?

Die Kontrolle war danach schlagartig vorbei. Diese Erfahrung habe ich nicht das erste Mal gemacht. Als Jugendlicher war ich bei solchen Kontrollen immer sehr nervös und aufgeregt. Vor allem, wenn ich im Auto angehalten wurde. Man möchte ja auch nicht verdächtig wirken. Inzwischen habe ich Überprüfungen dieser Art aber so oft erlebt, dass ich schon ziemlich ruhig und souverän reagiere. Es bringt mich nicht mehr aus der Fassung.

Zur Person

Burak Yilmaz hat Germanistik und Anglistik studiert. Er lebt im Ruhrgebiet, ist in der Jugendarbeit und in der Lehrerfortbildung tätig. Seit 2018 leitet Yilmaz die Theatergruppe „Die Blickwandler“

Sie haben an einer Hochschule für öffentliche Verwaltung Seminare für Polizeibeamte gegeben. Wird der Umgang mit rassistischen Vorurteilen in deren Ausbildung ausreichend berücksichtigt?

Es ist gut, dass das Fach „Interkulturelle Kompetenzen“ jetzt schon im ersten Semester unterrichtet wird. Das ist eine positive Veränderung auf struktureller Ebene. Nach meiner Erfahrung ist es ein Lernmodul, in dem kontrovers, aber respektvoll über Rassismus geredet wird. Man könnte das ausbauen und weitere Kurse oder Programme etablieren. Denn die Herausforderungen im polizeilichen Alltag werden die nächsten Jahre bestimmt nicht geringer. Jetzt schon vorausschauend darauf zu reagieren, ist am Ende ein großer Gewinn für uns alle.

Was sagen Sie zu Versuchen, Racial Profiling zu rechtfertigen?

Ich bin mit Freunden (solchen mit Migrationsgeschichte) schon sehr oft nach Drogen oder Schusswaffen durchsucht worden. Jedes Mal wurde nichts gefunden. Ich habe mich immer gefragt, was die Polizei von solchen Kontrollen hat. Außer, dass wir uns irgendwann nicht mehr mit den Sicherheitskräften identifizieren wollten. Man darf nicht unterschätzen, wie sich das anfühlt: nämlich so, als seien wir aufgrund unserer Herkunft per se kriminell. Oft kam mir in solchen Momenten der Wunsch in den Sinn, einfach nur „weiß“ zu sein, denn meine Freunde ohne Migrationsgeschichte kennen diese Erfahrungen nicht. Wenn die Polizei zum Beispiel Leute bei der Einreise von den Niederlanden nach Deutschland überwachen will, dann sollte sie doch bitte alle kontrollieren und nicht nur die, die ins Klischee passen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer weigert sich, in seinem Ministerium Studien zu Racial Profiling zu veranlassen. Wie beurteilen Sie das?

Eine Studie ist wichtig, um auf Defizite und strukturelle Probleme hinzuweisen. Es geht in solchen Untersuchungen ja auch immer darum, Handlungskompetenzen und neue Strategien im Kampf gegen Rassismus zu entwickeln. Das würde langfristig die Polizei stärken, weil die Ergebnisse zur Professionalisierung der Arbeit beitragen würden. Die Studie müsste sich sowohl auf die Einstellungen der Beamten beziehen als auch Strukturen erkennen, die eine Gefahr für die Polizeiarbeit und somit auch für unsere Demokratie darstellen können. Dabei geht es nicht um einen Generalverdacht oder um Diffamierung, sondern um Opferschutz und den Auftrag unseres Staates, das Leben von Menschen zu beschützen, die einer stigmatisierten Gruppe angehören. Wenn diese Gruppen sich nicht beschützt fühlen, dann fühlen sie sich auch nicht als Teil unserer Gesellschaft.

Was schlagen Sie vor, um die Sensibilität für das Thema Rassismus innerhalb der Polizei zu schärfen?

Oft gibt es intern die Befürchtung, eine Auseinandersetzung mit Rassismus könnte imageschädigend sein. Ich finde dies falsch, denn sich damit zu konfrontieren bedeutet, dass man sich einer gesellschaftlichen Herausforderung stellt und Verantwortung übernimmt. Rassismus und Antisemitismus sollten daher im Lehrplan der Polizeihochschulen als Kernthemen verankert werden. Nicht nur während der Ausbildung, sondern auch später als ständiges Angebot parallel zum Dienst. Es muss verhindert werden, dass Polizisten und Polizistinnen mit Minderheiten nur dann in Kontakt kommen, wenn es um Kriminalität geht. Das führt schnell zu Pauschalurteilen. Eine kritische Polizeiarbeit muss diesen Prozess immer wieder durchbrechen, sie muss ständig Selbstreflexion betreiben. Vor allem aber brauchen wir mehr Vorbilder innerhalb der Polizei selbst. Nicht nur Vorbilder mit Migrationsgeschichte, sondern auch Vorbilder aus der Mehrheitsgesellschaft, die mit einer starken inneren Haltung gegen Rassismus einstehen. Das schafft Vertrauen und Identifikation.

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06:00 09.09.2020

Ausgabe 49/2020

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