Wir denken uns unsere Feinde nicht aus

Projektion und Abwehr Ein Rückblick auf die "Freitag"-Debatte über Feindbilder

Brauchen wir Feinde?
Der Irakkrieg wirft mehr Fragen auf als die, wie das Öl künftig beherrscht wird. Was kennzeichnet die Zeit, in der wir leben? Man muss versuchen, sie mit den Augen des später lebenden Historikers zu beurteilen, statt auf ihre Drohungen nur mit Protest und Polemik zu reagieren, so wichtig diese sind. Wir brauchen weniger negative Faszination, dafür mehr Analyse.

Die Frage, welche Rolle "Feindbilder" im Irakkrieg gespielt haben, kann keineswegs nebensächlich gewesen sein. Gewiss ging es um Öl und imperiale Herrschaft. Aber schon eine allgemeine Überlegung führt zu dem Schluss, dass dies Ziele sind, die in demokratischen Gesellschaften erst durchgesetzt werden müssen. Rationale Argumente standen den Herrschenden nicht zu Gebot. Sie konnten nicht vortragen, der Demos möge endlich begreifen, dass zwischen seinem flotten Leben einerseits und dem täglichen Hungertod von 26.000 Menschen andererseits ein innerer Zusammenhang bestehe, der sich nicht im Selbstlauf herstelle, sondern durch Raub und Mord immer neu zu errichten sei. Diese Wahrheit mussten sie verhüllen, wahrscheinlich weitgehend auch vor sich selbst. Also konnten sie nur auf Figuren irrationalen Denkens zurückgreifen, darunter zentral auf die Feindbild-Figur.

Die Freitag-Debatte setzte spezifischer an. Sie unterstellte, dass Zustände der demokratischen Gesellschaft selber zur irrationalen Feind-Suche führen können. So schrieb Michael Schneider (Freitag 9/03), die USA seien infolge des Neoliberalismus, der schon seinerseits "eine Ideologie und Praxis des Krieges" sei, noch nie so gespalten gewesen wie heute; die soziale Angst steige und werde geschürt und führe eine "Neigung zur projektiven Abwehr" herbei. Deshalb habe es die "›vereinigte Unternehmerpartei‹" leicht, "die patriotischen Massen in immer neue Kriege gegen wechselnde Phantomfeinde" zu schicken.

Als ein "Zupasskommen der Vielen und der Machteliten" wurde die Kriegsbereitschaft auch von Stavros Mentzos beschrieben (14/03). Dafür griff Mentzos auf einen sozialpsychologischen, näher psychoanalytischen Ansatz zurück. Das "Zupasskommen" funktioniert unbewusst; die Frage ist, welche sozialen Triebe und Ängste in ihr zusammenschießen. Gegen ältere freudianische Entwürfe betont Mentzos, dass der Aggressionstrieb, der zum Krieg entfesselt werden kann, nicht biologisch-"triebhaft sinnlos fließt", sondern "im Dienst der Ich-Erhaltung aktualisiert wird". Kriegsbereitschaft korrespondiert dann mit dem konkreten sozialen Zustand der Iche. Das Feindbild als "Projektion eigener aggressiver Impulse" kann immer die "Selbstdefinition per Kontrast" erleichtern. Ein solcher Mechanismus wird aber dringlich, wenn "der Abbau alter überholter Institutionen in der Postmoderne zu immer mehr Verunsicherung und Desorientiertheit führt". Mit dieser Erklärung griff Mentzos den Ansatz Willi Brüggens auf, der die Debatte eingeleitet hatte (10/03). Brüggen spricht allerdings nicht von Projektion. Er geht von einem anderen psychoanalytischen Begriff aus, dem der Abwehr. In der Verunsicherung durch den Abbau alter Institutionen sieht er das Resultat der Verführung durch neu anbrandende Reize, die vom traditionellen Über-Ich nur schwer eingedämmt werden können. Das Feindbild hat dann die Funktion, die brechenden Dämme noch einmal zu stabilisieren. Wie folgenreich die Differenz zwischen Mentzos und Brüggen ist, hat der weitere Debattenverlauf gezeigt.

Man muss es sich zunächst "intern" an der Logik des psychoanalytischen Modells klarmachen. Bei der Projektion handelt es sich, mit den Worten des einschlägigen Lexikons von Laplanche/Pontalis, "um eine Abwehr sehr archaischen Ursprungs, die man besonders bei der Paranoia am Werk findet". Hier werden Qualitäten, die das Subjekt ablehnt und verkennt, obwohl es seine eigenen sind, im Anderen lokalisiert. Entwicklungsgeschichtlich ist das eine Reaktionsweise, die voraussetzt, dass das Subjekt noch gar nicht deutlich zwischen sich und dem Anderen - der Mutter - unterscheidet. Es ermangelt noch der Imprägnanz durch die symbolische Ordnung, der Sprache mit ihren Differenz-Angeboten. In dieses "archaische" Stadium fällt die Paranoia zurück. Entwickelte Abwehr hingegen setzt voraus, dass "das Ich", also eben die deutliche Unterscheidung des Eigenen vom Anderen, "sich als Instanz konstituiert" hat; sie ist schon die Operation, durch die es sich "aufrechtzuerhalten versucht". Abgewehrt wird hier nicht das Eigene, das aufs Andere nur "projiziert" ist, sondern wirklich das Andere selber, wenn auch vielleicht ein Anderes, das ich anders sehe, als es ist.

Wenn man von diesem Modell her soziale Feindbilder denkt, stellt sich die Frage, wann sie als "neurotische" Verfälschung eines vorhandenen äußeren Gegners entstehen, wann als "psychotische" Artikulation der Spaltung einer Gesellschaft in sich selbst und wann als Zusammentreffen von Beidem. In den Beiträgen von Wieland Elfferding (18/03), Volker Panknin (20/03) und Gerburg Treusch-Dieter (16/03) lag der Akzent klar auf der "psychotischen" Dimension. Panknin trug die Anzeichen zusammen, die dafür sprechen, dass Osama bin Laden als "Phantom" erlebt wird und eben deshalb mit Saddam ein wirklicher, wenn auch nur projizierter Feind gejagt werden musste. Diese Jagd dient der Wiederverrichtung zusammengebrochener Differenzen der symbolischen Ordnung: Wenn "das Kino zeigt, was wirklich werden könnte", und "die Realität cineastische Züge bekommt", dann ist es eine Lösung, den Irak zu zerbomben, "soll Hollywood wieder ins Kino gebannt sein".

Elfferding sieht in dieser Differenz-Auslöschung nur den Gipfel eines symbolischen oder vielmehr antisymbolischen Gleichschaltungsprozesses, der seit Jahren unsere politische Kultur heimsucht. Er versucht zu verallgemeinern: Es ist ein politischer Umgangston herrschend geworden, keineswegs nur in den USA, sondern auch hierzulande, der sich nicht mehr als bloße Pervertierung von "Erzählen, Erklären oder Argumentieren" auffassen lässt. Stattdessen wird mit differenzlosen "Sinn-Clustern" wie Milosevic = Hitler operiert. Nur scheinbar paradox fordert die Differenz-Löschung radikalste Trennungen zwischen den Sinn-Clustern von gestern, heute und morgen heraus, denn jetzt kann "nur noch unvermittelt von einer in eine andere Welt ›umgeschaltet‹ werden". Treusch-Dieter, die vor allem die Unterwerfung der Frauen unter das "Militärgesetz" beschreiben will, geht auf dieser Spur noch weiter: Im Kampf gegen den Terror habe sich, schreibt sie, die westliche Welt "in ein paranoides Universum verkehrt, weil die verleugnete Realität in ihrem Innern sich auf kein Außen mehr projizieren lässt".

Das aber, so Clemens Knobloch (22/03), ist auch gar nicht nötig, wenn vor allem die Differenz von Normalität und Ausnahmezustand verschwindet. Über eine Gleichung wie Milosevic = Hitler, die noch vor wenigen Jahren zur Feindbildkonstruktion taugte, ist der Prozess inzwischen hinaus. Der Kosovo-Krieg konnte nur als Ausnahmekrieg begründet werden, jetzt aber wird die Ausnahme zur Regel gemacht: "Jeder neue Krieg erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ›unnormale‹ Verhältnisse" der verelendeten Welt "in die Zentren zurückschlagen" - und so wird die Kette der Kriege zu einem einzigen Krieg, der keiner Sonderbegründung durch dieses oder jenes Feindbild mehr bedarf. Knobloch zufolge hört die Projektion von Feindbildern nicht deshalb auf, weil sie nicht mehr gelingt, sondern weil sie zu sehr an die Wahrheit erinnern würde: Was uns "schmackhaft gemacht werden soll", ist der "gemeine neoimperiale Machtkrieg". Denn wir müssen ja Feinde haben, wenn es stimmt, dass zwischen der Verfasstheit unserer Gesellschaften und dem Hungertod von 26.000 Menschen pro Tag ein Zusammenhang besteht. So gesehen stehen wir eben doch in einem Abwehrprozess. Wir denken uns unsere Feinde nicht aus. Wir züchten sie wirklich heran.

00:00 06.06.2003

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