Wir, die Russisten!

Hitlergruss im Metro-Abteil Skinhead- und Jungnazi-Formationen als Speerspitze gegen die "Überfremdung" Russlands

kommt es in Moskau zu Skinhead-Überfällen auf Afghanen, Kaukasier, Armenier, Turkmenen - auch Afrikaner können sich längst nicht mehr sicher fühlen. In einer Rede vor beiden Parlamentskammern hat denn auch Wladimir Putin eine grassierende Ausländerfeindlichkeit beklagt. Besondere Gefahr gehe von Gruppen aus, "die mit nationalistischen und faschistischen Losungen Pogrome veranstalten", räumte er ein. Über den Einfluss von acht Jahren Tschetschenienkrieg auf den Rassismus in Russland sprach Putin nicht.

Als der Afghane Abdul Hakresi, der als Übersetzer bei der russischen Einwanderungsbehörde arbeitete, nicht weit vom Kreml aus der Metro stieg, war sein Todesurteil bereits gefällt. Junge Skinheads fielen über ihn her. Einen Tag später starb Hakresi im Hospital an den Folgen des Überfalls - der bisher letzte Todesfall in einer Kette rassistischer Gewaltakte. Während der vergangenen zwei Jahre wurden in Moskau 20 Menschen bei rassistischen Überfällen getötet. Doch die Dunkelziffer ist groß, keine Behörde zählt die Attacken. Nach Angaben des protestantischen Kaplans von Moskau werden in der Hauptstadt pro Monat im Schnitt 40 Menschen mit dunkler Hautfarbe angegriffen. Die afghanische Botschaft ließ inzwischen wissen, Bürger ihres Landes seien täglich Anschlägen ausgesetzt. Auf Hilfe der Polizei hoffte man dabei vergeblich.
Dass Moskauer Sicherheitskräfte gegenüber rassistischer Willkür nicht adäquat reagieren, muss selbst Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow eingestehen. Im Interview mit der Iswestija bezweifelt er, ob "entsprechende Vorkommnisse" gründlich genug untersucht und schnell genug "Maßnahmen" ergriffen würden. Oft bleibe die Miliz untätig, weil sie die Verbrechensstatistik niedrig und das Image ihres Distrikts hoch halten wolle.
Jeden Abend steht Getatscho Wolde hinter der Theke der Kantri Bar am Moskauer Gartenring. Während sich gutbetuchte Ausländer im Strip-Salon drängen, denkt Getatscho darüber nach, wie er nach Hause kommt. Meist entscheidet er sich, im Lokal zu übernachten und erst gegen fünf Uhr morgens mit der ersten Metro nach Hause zu fahren. "Nachts ist es in der Stadt gefährlich", meint der hochgewachsene Äthiopier mit den feinen Gesichtszügen. Getatscho ist Mathematiker und wohnt im Studentenheim der Patrice-Lumumba-Universität im Südwesten. Dorthin ist man eine Stunde unterwegs.
Menschen mit dunkler Hautfarbe haben nicht nur Skinheads und Jung-Nazis zu fürchten, sondern auch die Moskauer Polizei. Den Uniformierten - die an Kreuzungen und Metro-Zugängen stehen - geht es weniger um das Herausfiltern illegaler Einwanderer. Die Kontrollen sichern Gehaltszulagen. Mit 50 Rubel (zwei Euro - die Red.) Strafe, die nicht selten in der Tasche des Milizionärs landen, dürfen sich Zugereiste freikaufen, denen ein Stempel oder ein Dokument fehlt.
Dass unterbezahlte Beamte Frustrationen auch anders abbauen können, erlebte die Witwe des ermordeten Abdul Hakresi. Um drei Uhr morgens hämmerten Polizisten an ihre Tür, angeblich, weil es noch Fragen zum Verbrechen an ihrem Mann gab. Als Irina Hakresi sich weigerte zu öffnen, begann im Flur eine laute Debatte darüber, ob man die Wohnung aufbrechen solle oder nicht. Die zuständige Miliz-Station entschuldigte sich später, lehnte es aber ab, den Vorfall zu dokumentieren.
Moskaus Stadtverwaltung rühmt sich, dass Skinhead-Formationen am 20. April, dem Geburtstag Hitlers, nicht zu den ankündigten Krawallen ausholten. Mit der Aktion Wirbelwind-Anti-Extremismus hatte Bürgermeister Lushkow 15.000 Polizisten auf Straßen und Plätzen postiert. Doch die Angst konnte eine solche Präsenz nicht vertreiben - viele Freiluft-Märkte blieben verriegelt, die Moskauer UN-Flüchtlingskommission und kaukasische Vereine berichteten, dass sich Menschen mit dunkler Hautfarbe für das Wochenende mit Lebensmitteln eingedeckt hatten, um ihre Wohnungen nicht verlassen zu müssen. In anderen Städten traf man noch weitreichendere Vorkehrungen. In Jekaterinenburgs größtem Arbeiterbezirk Uralmasch blieben am 20. April alle Schulen geschlossen, und im Zentrum der Stadt hatten sich 4.000 Jugendliche teils mit Baseballschlägern ausgerüstet, um aufmarschierende Jungnazis abzuwehren.
Sieben GUS-Staaten - Aserbaidschan, Armenien, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Usbekistan und Georgien - haben in einer Erklärung den russischen Außenminister Igor Iwanow aufgefordert, den Schutz ihrer Bürger zu garantieren, vor allem etwas zu tun, um die Bevölkerung stärker gegenüber rassistischer Gewalt zu sensibilisieren. Gleiche Wünsche signalisiert auch das Diplomatische Korps in Moskau gegenüber der gleichen Adresse.
Über alldem liegt die Frage, wie in einem Land, das durch den Überfall der Nazi-Wehrmacht Millionen Menschen verloren hat, kurzgeschorene Jugendliche mit zum Hitler-Gruß erhobenem Arm "Russland den Russen" brüllen können? Die ältere Generation reagiert hilflos. Das sei "unanständig" gegenüber den Kriegsveteranen, hört man. Dass der Tschetschenienkrieg, der offiziell zur "Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung" geführt wurde, den Rassismus anheizt, kann nicht verborgen bleiben. Doch solange aus dem Kreml in Sachen Kaukasus nur selten moderate Töne kommen, wird darüber kaum gesprochen. Auch das Fernsehen puscht die Stimmung mit neu-russischen Kriegsfilmen und der Botschaft auf, Tschetschenen könne man jedes Verbrechen zutrauen - vor allem, wenn es sich bei den Opfern um Russen handele. Moskaus Polizeiführung beteuert mit Vorliebe, es gäbe keine gefestigten Skinhead-Strukturen. Gewalttätige Übergriffe seien das Werk fanatisierter Fußballfans. Diese Version wird kolportiert, obwohl Hintermänner des Skinhead-Terrors allgemein bekannt sind.
Einer der Ideologen, der Vorsitzende der Volksnationalen Partei, Alexander Sucharewskij, vergleicht die Skinhead-Bewegung in einem Interview gegenüber dem Kanal NTW, mit der Reaktion eines kranken Organismus. Die Bewegung zeige, dass die Gesellschaft noch gesund sei. Damit sie es bleibe, brauche man eine "weiße Revolution", sprich: die Deportation "aller Zugezogenen" und eine Konföderation der "arischen" Staaten Russland, Deutschland und Dänemark. Der Krieg gegen die Sowjetunion ab 1941 sei "eigentlich ein Krieg gegen die Juden" gewesen. In seinem Kampfblatt Ich bin Russe bezeichnet sich der einstige Filmregisseur als "Russisten", der auf "eine russisch-deutsche Annäherung" unter rechtsradikalem Signum hoffe.
Auf der Volksnationalen Partei liegt ein schwerer Verdacht. Alles spricht dafür, dass sie Pogrome gegen von Kaukasiern geführte Moskauer Großmärkte, bei denen es mehrere Tote gab, organisierte. Eine Reporterin der auflagenstarken Zeitung Moskowskij Komsomolez wollte es genau wissen und beantragte die Mitgliedschaft in der Volksnationalen Partei. Ihr Report schlug wie eine Bombe ein, denn im Parteibüro wurde sie von einem jungen Aktivisten wie folgt "aufgeklärt": "Die Neger, die in Moskau herumlaufen, beleidigen mein ästhetisches Gefühl. Man muss sie schlagen, damit sie verstehen, wer Herr im Haus ist. Wenn du einen schlägst - machst du zehn anderen Angst. Wir brauchen einen Krieg. Er läuft schon, nur wird davon nicht gesprochen. Die Polizei schweigt. Man will die Nazmen (nationalen Minderheiten - die Red.) nicht verängstigen. Aber wir prügeln und werden weiter prügeln." Mit Fotos belegt Moskowskij Komsomolez, wie die Skinheads zweimal in der Woche vor den Toren der Hauptstadt auf einem Trainingsgelände der OMON-Korps (*) von Behörden-Mitarbeitern im Nahkampf geschult werden. Der Generalstaatsanwalt sah sich daraufhin genötigt, dies untersuchen zu lassen.
Rassistische Stimmungen wuchern augenblicklich in Russland besonders dort, wo Kaukasier und andere Minoritäten konzentriert leben - in großen Städten und im Süden der Föderation, wohin viele Flüchtlinge - vorzugsweise Tschetschenen und Armenier - ausgewichen sind. Alexander Tkatschow, der junge Gouverneur des Gebietes Krasnodar, präsentiert sich dabei als Speerspitze "gegen die Überfremdung", ruft öffentlich zur Vertreibung von Armeniern, Tschetschenen und Kurden auf und hat für seine Region ein entsprechendes Gesetz unterzeichnet. Beamten pflegt Tkatschow zu erklären, sie könnten mit gutem Gewissen all jene ausweisen, deren Nachnamen auf "jan", "schwili" oder "ogli" endeten (das beträfe etwa vier Fünftel der Bevölkerung Krasnodars).
Wie nicht anders zu erwarten, stehen ökonomische Motive im Hintergrund: Die Region erfreut sich äußerst fruchtbarer Böden - und Tkatschow möchte eine florierende Landwirtschaft nicht mit Zugezogenen teilen, selbst wenn sie als Bauern und Händler rechtschaffener Arbeit nachgehen. Die Medien in Krasnodar heizen die Seelenlage der Einheimischen zusätzlich mit Gräuelmärchen über angebliche Verbrechen von Flüchtlingen an. All das hinterlässt Spuren. Vor kurzem verwüsteten Jugendliche einen armenischen Friedhof. Der Anlass war banal. Sie wollten sich für das schlechte Spiel eines armenischen Fußballers in der heimischen Mannschaft rächen. Die armenische Diaspora in Krasnodar reagierte mit Entsetzen. Viele fühlten sich an die Ereignisse im aserbaidschanischen Sumgait und Baku erinnert, wo es 1988 zu Pogromen gegen Armenier kam. Die damaligen Ereignisse läuteten den Zerfall der Sowjetunion ein.

(*) Spezialeinheit des Innenministeriums


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00:00 10.05.2002

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