Wir, die Unberatenen

Brief an meinen Vater und seinesgleichen im Osten Hebt die Köpfe und schaut uns in die Augen

Alles, was ich hier aufschreibe, könnte ich meinen Eltern auch einfach sagen. Ich weiß, dass sie mir zuhören und jede Frage beantworten, jede Bitte erfüllen würden. Aber erstens kann man viele Dinge nicht so sagen wie schreiben, und zweitens bin ich nicht allein mit diesen Gedanken. Viele in meinem Umfeld, irgendwann zwischen ´75 und ´85 in der DDR geboren, fühlen die gleiche Unruhe. So ist das, was ich zu sagen habe, vielleicht auch interessant für viele andere der Elterngeneration.

Um mein Anliegen verständlich zu machen, ist vermutlich zunächst eine Zustandsbeschreibung notwendig: In einem Alter, in dem ihr, unsere Eltern, meist schon verheiratet wart, Kinder und Arbeit hattet, treiben wir durch ein ungeordnetes Leben. Wir studieren, gehen Beziehungen ein und verschiedensten Nebentätigkeiten nach, haben eigentlich keinen Grund, unser Dasein zu beklagen. Doch das Studium fordert nicht das, was in uns schlummert, und die Beziehungen zerbrechen, weil es leichter ist, den Partner zu verlassen als zuzugeben, dass einem etwas fehlt, was keine Beziehung geben kann, nämlich eine Berufung. Wir werden Lehrer, Ärzte, Künstler und Sozialwissenschaftler, weil wir weitergeben, helfen, schaffen und ändern wollen. Wir genießen unsere Zerstreuungen, seien sie sportlicher, künstlerischer oder sozialer Natur, doch am Jahresende fragen wir uns ein ums andere Mal, was wir geleistet haben, ob wir wirklich zufrieden sein können.

In uns dämmert so ein dumpfes Gefühl, eine Kraft, die kein Ziel findet, eine Ahnung, dass etwas darauf wartet, getan zu werden, von uns getan zu werden. So taumeln wir auf die Dreißiger zu, sind teils schon darüber hinaus, träumen, sehnen und suchen nach dem Halt, den nur ein Ziel gibt, dass mehr beinhaltet als einen tollen Job und eine funktionierende Beziehung. Was ist mit uns? Was brauchen wir?

Man nennt uns die "Generation der Unberatenen", weil wir in der Lebensphase, in der man sich mit Hilfe der Eltern von eben diesen lösen sollte, in eine Welt hineingestoßen wurden, in der sich die Alten genauso wenig auskannten und zurechtfanden wie wir Jungen. Wir sahen unsere Eltern und ihre Freunde, sahen euch an dem neuen Glanz zweifeln, gegen die Ignoranz und den überstürzten Abriss alles Alten kämpfen. Doch eure Mahnungen wurden vom Geschrei des Marktes übertönt. Schließlich sahen wir euch brechen und zynisch werden. Ihr habt euch auf verschiedenste Weise zurückgezogen; überlebt, indem ihr euch in Ersatzaufgaben stürzt, wissend, dass sie nicht die Erfüllung bringen, die jeder ersehnt. Und ihr mischt euch nicht mehr ein, weil ihr glaubt, mit dem Scheitern eurer Welt euer Mitspracherecht verwirkt zu haben.

Ihr irrt, denn - obwohl inzwischen als erwachsen geltend - brauchen wir euch noch immer. Uns fehlen ohne euch nicht nur Vorbilder, sondern auch klare Vorstellungen von Wegen und Zielen, und vor allem mangelt es uns an Erfahrung. Ihr könnt uns über diese Welt nichts sagen, sie ist euch noch fremder als uns. Aber ihr kennt zwei andere Welten, die eine, die ihr erlebt habt, und jene andere, die sie hätte sein sollen.

Doch ihr braucht auch uns. Denn wir haben etwas, was ihr verloren zu haben glaubt. Den Glauben an eine andere, bessere Gesellschaft. Jetzt stehen wir mit der Kraft und dem Idealismus der Jugend in dieser Welt und fühlen, das hier darf nicht alles gewesen sein. So können wir euch etwas zurückgeben, wofür allein es sich weiterzuleben lohnt. Wir können die Hoffnung verkörpern, dass euer Ideal von einem erfüllteren, gerechteren Miteinander nicht mit euch stirbt. Aber uns fehlt etwas, und das könnt nur ihr uns geben.

Deshalb meine Bitte: Hebt die Köpfe und schaut uns in die Augen. Alles Gute, was ihr dann seht, ist durch euch. Das Wissen, die guten Grund- und Vorsätze und das Gespür für Recht und Unrecht, Lüge und Wahrheit. Darauf seid stolz. Nur den festen Glauben an die Möglichkeit einer Veränderung suchen wir in euren Augen zu oft vergeblich. Ihr habt viel getan für eure Träume, und sie wurden euch zertrampelt. Wir erwarten von euch keinen jugendlichen Kampfeseifer. Aber helft uns. Erzählt von euren Illusionen, davon, was ihr dafür getan habt, und bitte auch davon, was ihr bereut, nicht getan zu haben. Erzählt uns von den wenigen Siegen und den vielen Enttäuschungen.

Habt keine Angst davor, das Verdrängte hervorzuholen. Es wird weh tun, aber wir sehen euch lieber weinen als euer Schweigen zu ertragen oder gar jenen Zynismus, der uns nur verunsichert und den wir ungewollt übernehmen. Habt auch keine Angst davor, uns auf einen Weg zu schicken, der unbequem und in der scheinbaren Unerreichbarkeit seines Ziels vielleicht sogar zerstörerisch ist. Versucht nicht, uns vor Enttäuschungen zu bewahren, indem ihr uns lehrt, das Bestehende zu ertragen. Ihr versagt uns damit ein Teil des Menschseins, denn dazu gehört tatsächlich, einmal im Leben, zur rechten Zeit, an das Unmögliche zu glauben.

Helft euch selbst. Es gibt doch nichts Größeres und Schöneres, als gemeinsam mit den eigenen Kindern für eine Sache zu streiten. Und wenn diese Sache tausendmal zum Scheitern verurteilt ist, dann lasst uns doch wenigstens ein weiteres dieser tausend Male gemeinsam versuchen. Wir haben ein Recht darauf, später unseren Kindern in die Augen zu schauen und sagen zu können, wir hätten alles Menschenmögliche getan. Das können wir vielleicht auch ohne euch schaffen, aber mit euch sind die Chancen größer.

Weckt die Schlafenden in euren und unseren Reihen. Zeigt uns Wege und beschreitet sie mit uns. Nicht als Führer, vielmehr als Lotsen, nicht als Bremser, aber als Mahner, nicht mehr als Speerspitze, sondern als Rückendeckung.


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00:00 21.01.2005

Ausgabe 39/2020

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