Wir dienen dem Rock´n´Roll

Alltag Die vierte deutsche Luftgitarrenmeisterschaft beweist, dass, wer Luftgitarre spielt, keine Zeit hat, Bomben zu werfen

"Wir dienen dem Rock. Und heute wird hier Rock´n´Roll sein, in dieser Bude. Unsere Botschaft ist: Weltfrieden! Ich erkläre das: Wenn wir lustig Gitarre spielen, wir haben keine Zeit, Krieg zu machen. Wenn wir Luftgitarre spielen und üben und vorbereiten, wir haben keine Zeit für irgendwelche Hass, irgendwelche Schießereien, irgendwelche Bomben, irgendwelche Handgranaten. Was wollen wir? Wir wollen Weltfrieden. Und wann wollen wir es? Wir wollen es jetzt!!!"

Referend Boogaloo, mit rockevent-gerechtem amerikanischen Akzent, ist Moderator der vierten deutschen Luftgitarrenmeisterschaft. 14 Teilnehmer sollen im Berliner Admiralspalast beweisen, wer von ihnen die nötige "Airness" besitzt, den deutschen Meistertitel zu holen. Helmchen ist einer von ihnen. In seiner Lederkombi lehnt er an einer der Eingangstüren zum großen Theatersaal. "Ich bin Rocker. Durch und durch", sagt er und streicht sich durch die langen, blonden Haare. "Mein Aussehen, meine Weste und: Gitarrenklänge! Das ist das Schönste."

Vom wirklichen Gitarrespielen hat Helmchen "keinen blassen Schimmer", gibt er zu. Aber Luftgitarre rockt er mit Leidenschaft. Virtuos imitiert er ein paar Gitarrengriffe. Heute wird er Ram Jam, ´Black Betty´ spielen, 79er Baujahr, n´ geiles Rockteil. Helmchen hat seinen Auftritt kein einziges mal geprobt. "Ich komm einfach nur her, um Gitarre zu spielen", sagt er und zuckt die Achseln. Dass die anderen ihre Stücke scheinbar von vorn bis hinten einstudiert haben, mit Performance und so, versteht er nicht. "Früher war das anders", weiß er. Da ging´s um "Gitarre und Rock". Da ging es um Luftgitarre spielen. Aber jetzt, ahnt Helmchen, "geht es eher um Kommerz".

Dann muss Helmchen los, denn die Teilnehmer sollen sich nun "einspielen". Dazu ruft Referend Boogaloo jeweils zwei Luftgitarristen auf die Bühne. Sie nennen sich "Drei Meter Aubergine", "Mc Geiler oder Spidermonk, tragen Batik-Leggins, haben Perücken auf den Köpfen oder stecken in roten Ganzkörperanzügen. Von ihrer Bühnenshow, die sich bei der Mehrzahl der Kandidaten darauf beschränkt, ihr Outfit zur Schau zu stellen, ist Referend Boogaloo begeistert:

"Ihr werdet in die Geschichte der Luftgitarre eingehen. Ich bin so glücklich, hier zu sein. Wir lieben Rock ´n´ Roll." Die Zuschauer klatschen und johlen. Dann stellt Referend Boogaloo die Jury vor: "Diese drei Leute haben ihr Leben geopfert für Rock ´n´ Roll. Steh auf Milena von Radio eins! You look so good! Sie gibt alles für Musik. Sie hat ihr Leben geopfert für Rock ´n´ Roll. Wolfgang Sinhardt, vom White Trash: Stand up Wolfgang! Er hat sein Leben gegeben für Rock ´n´ Roll! Ronson Rineck, vom Monster Ronson: Stand up, Ron! Er hat sein Leben geopfert. Er hat sein Leben für den Rock ´n´ Roll gegeben. Was habe ich vergessen?"

Steffen lehnt mit einem Bier in der Hand an der Bar. Seine langen, braunen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden, über seinen Schultern hängt eine Lederjacke. "Luftgitarre ist, gerade wenn man total unmusikalisch ist, eine gute Form Musik auszuleben", findet er. Die Kandidaten haben ihm bis jetzt "sehr gut" gefallen.

Referend Boogaloo kündigt jetzt die erste Runde des Wettbewerbs an: Die Teilnehmer werden nun zu ihren Lieblingshits Luftgitarre spielen. Nacheinander betreten sie die Bühne und geben ihre Stücke zum Besten: Die drei Meter lange Aubergine verbiegt sich wie ein Schlangenmensch und hält ihre Luftgitarre in alle Richtungen. Spidermonk springt wie ein Besessener auf der Bühne herum. Seine Gitarre kommt eher spärlich zum Einsatz. Der Teilnehmer mit dem Namen "Steiffer" steht unentschlossen auf der Bühne herum. Dann fängt er an zu schrammeln und wendet dem Publikum dabei sein vor Anstrengung verzerrtes Gesicht zu.

Die Darbietungen scheinen Max und Thomas zum Nachdenken anzuregen. Beide stehen ganz vorne an der Bühne und nippen an ihrem Bier. "Thomas ist ist ein leidenschaftlicher Luftgitarrenspieler", sagt Max und nimmt einen Schluck. "Wenn wir nachts in ´ne Kneipe gehen, und da gibt´s gute Musik, dann fängt er an." Thomas greift Riffe ins Nichts. "Ich spiel auf alles", sagt er. "Aber ich würd hier eher was Ruhigeres spielen." Er blickt in die verrauchte Luft. "Ich würde auf die Stille spielen wollen. So Zen-mäßig. Einen Ton ziemlich lange halten. So eher mit Tiefe." Max widerspricht entschieden, er bezweifelt, dass Stille hier so angesagt wäre und würde eher einen Hendrix Song nehmen. Obwohl er den früher nicht mochte, weil er immer seine Gitarren auf dem Boden zerstörte.

Plötzlich applaudieren beide. Der langhaarige Tormentor mit dem Heavy Metal T-Shirt hat soeben völlig ungeschminkt zu Panama von Van Halen gerockt. Als wäre Luftgitarrespielen einfach Alltag für ihn. "Ich rocke seit ich klein bin, weil meine Eltern schon Rockfans waren", erklärt er, als er als er von der Bühne heruntergeklettert ist. "Als Final Countdown raus kam, stand ich schon vorm Spiegel und war am Posen". Seine Freunde bescheinigten ihm, er hätte ein "totales Talent, sich auf der Bühne zu verbiegen", und er baute dieses Talent dann aus. Tormentors Geheimnis ist seine Sportlichkeit. Nur "Shreddern" und "Headbangen" reicht für einen Luftgitarristen nicht, meint er. Man muss schon "hin und her und hüppen und sich verbiegen."

Jetzt ist Helmchen dran, mit Ram Jam, Black Betty. Obwohl Helmchen überhaupt nicht hüppt und sich schon gar nicht verbiegt, kann er das Publikum durch gekonnte Gitarrengriffe - "Gitarre und Rock" - und das schwungvolle Umherwedeln seiner Haarpracht bezaubern. Zumindest Stefan fährt auf diese, eher klassische Nummer ab: "Ne lange Matte gehört dazu", sagt er und findet Helmchen, im Gegensatz zu den anderen Darstellern, auch "handwerklich überzeugend". Die Bewertung der Jury, die eher mäßig ausfällt, findet Stefan blöd und typisch für diese Jury. "Das ist ihnen wohl zu luftgitarrenmäßig gewesenen", vermutet er.

Auf der Bühne kündigt derweilen Reverend Boogaloo die einzige weibliche Teilnehmerin des Wettbewerbs an: die "Wicked Witch". Mit Hut, Mantel und Plüsch-Hausschuhen läuft die Witch bucklig über die Bühne und schrammelt auf einer scheinbar winzigen Luftgitarre. Als das Gitarrensolo beginnt, reißt sie sich plötzlich Mantel und Hut vom Leib. Für einen Moment scheint die Luftgitarre völlig vergessen. Dann erinnert sich die Wicked Witch wieder an ihre Mission: Im transparenten Kleid mit tiefem Ausschnitt schmeißt sie sich auf den Boden und spielt emsig auf ihrer Gitarre.

Andreas, ein Bekannter der Wicked Witch, der im Publikum steht, ist von der Darbietung tief beeindruckt. "Sie hat Erbstücke von einer Tante getragen. Und das zeigt eigentlich auch so, dass sie zu Hause, wenn sie putzt, auch solche Rockmusik hört. Und dass es sie inspiriert, aufzuräumen", interpretiert er aufgeregt. "Sozusagen beim Putzen Rockmusik zu hören, wo sie diese Sachen dann auch trägt". Andreas findet vor allem das ´Verwandlungsmoment´ in ihrer Show "stark". Dann gerät er wieder ins Schwämen: "Zu Hause in den Putzsachen. Und wenn sie ausgeht, stylt sie sich anders. Das ist cool."

Für Sam ist "cool" etwas anderes. Sam steht mit Cowboyhut und Bierflasche im hinteren Teil des Saals. Weder die Verwandlungskünste der Wicked Witch noch die anderen Darbietungen konnten ihn beeindrucken. "Ich bin enttäuscht", sagt er. "Der Moderator ist ein billiger, amerikanischer Animateur, der keinen Spice in den Raum reinbringt", findet er. "Und der Wettbewerb hat nicht das geringste mit Luftgitarre zu tun."Er macht eine wegwerfende Handbewegung. "Ich bin hier, wegen Ästhetik, wegen Körper und Luftgitarre", sagt er bestimmt. "Aber das hier ist Presslufthammer."

Mittlerweile hat sich auch die Wicked Witch ein Bier genehmigt. Mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck nippt sie an der Flasche. Obwohl sie mit ihrer Verkleidung den "Unterschied zwischen einer Oma und einer sexy Rockschlampe" zeigen wollte, hat die Jury sie so schlecht eingestuft, dass die Punktzahl sie nicht für die Endrunde qualifiziert und der Wettbewerb für sie jetzt beendet ist. Für die Witch, alias Nancy Danell, eine völlig unverständliche Entscheidung. Sie fragt sich, worum es bei diesem Wettbewerb eigentlich geht: "Hat es mit Luftgitarre zu tun? Oder ist es Akrobatik? Oder ist das nur eine Männerwelt?"

Doch bevor Nancy Darnell ins Grübeln geraten kann, ist schon Revernd Boogaloo´s Stimme über das Mikrofon zu hören. Mit ausgebreiteten Armen steht er auf der Bühne und predigt den wirklichen Sinn der vierten Luftgitarrenmeisterschaft:

"Wir sind alle hier, und wir haben kein Problem damit, Rock ´n´ Roll zu machen!", brüllt er ins Publikum. "Ist das nicht toll?!! Wir können wirklich Weltfrieden schaffen! Wir können Rock ´n´ Roll spielen. Wir haben keine Bomben vor unserem Haus! Keine Schießerei! Wir sind alle in Frieden! Ich finde das wunderbar! Sie auch?"


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00:00 10.08.2007

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