Wir fliegen nicht nach Mallorca

Erwerbslose in Berlin greifen zur Selbsthilfe Die Abgehängten als Avantgarde?

"Also, mit dem Sozialtarif der Telekom funktioniert das folgendermaßen...". Der Mann spricht leise und ein wenig schüchtern, aber die anderen Anwesenden hören aufmerksam zu und machen sich Notizen. Das wöchentliche Treffen der Selbsthilfegruppe Geringverdienende und Erwerbslose Pankow ist diesmal gut besucht, so gut wie noch nie. Etwa 30 Erwerbslose haben sich in dem engen Raum eines Kulturzentrums versammelt. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 40 Jahren, und hätte eine Frau nicht ihren kleinen Sohn mitgebracht, wäre es deutlich höher. Bei ihren Sachbearbeitern auf den Arbeits- und Sozialämtern gelten sie oft als nicht mehr vermittelbar und suchen hier gegenseitig Rat und Hilfe.

Praktische Fragen stehen im Vordergrund, weniger politische Meinungen. "Wer hier raus geht, muss was von dem Treffen gehabt haben", meint Wolfgang Ratzel, der die Gruppe im Herbst 2004 ins Leben rief. Damals kamen nur wenige, jetzt aber, nach manchem zermürbenden Streit mit den Ämtern, fühle sich manche doch gedrängt, aktiv zu sein. Ratzel selbst ist seit 1994 arbeitslos und schon seit Jahren in der Erwerbslosenbewegung aktiv.

Verhaltene Wut

Heute ist eine Bezirksstadträtin aus Pankow dabei. Sie sympathisiert mit der Initiative und gibt sich volkstümlich. Es besteht der Wunsch nach einem größeren Raum, ob die Stadträtin da nichts machen könne? Die will nichts versprechen, aber sich auf jeden Fall bemühen.

Wirklich kontrovers wird es nie zwischen den Arbeitslosen und der Lokalpolitikerin. Nur einmal bricht die Wut auf, als eine Frau im Regenmantel die Doppelmoral der Politiker geißelt: "Da sagt der Clement, alle sollen sich einschränken. Aber die einzigen, die es trifft, sind wir!" Ansonsten behelfen sich alle mit einem sarkastischen Unterton. Ein weiteres Treffen schlägt die Stadträtin vor, vielleicht in zwei Monaten. Das sei kein Problem, antwortet da einer, "Wir haben Zeit. Wir fliegen nicht nach Mallorca."

Eine Spendendose wird herumgereicht, in die fast alle, wenn auch mit kleiner Münze, einzahlen. Zum Abschied überreicht Gunther Boldt der Stadträtin eine Liste mit "Änderungswünschen zu Hartz IV". Boldt ist 77 Jahre alt und längst Rentner, dennoch gehört er zum festen Kern der Initiative: "Ich will in Kontakt mit den Menschen bleiben, ich will helfen", sagt er. Einen Forderungskatalog hat er verfasst, die Regelsätze sollten angehoben und die Zuverdienstregelungen geändert werden, steht da. Über letztere beschweren sie sich besonders. Wer zusätzlich zu ALG II bis zu 300 Euro verdient, bekommt 85 Prozent abgezogen - "eine Regelung, die dafür sorgt, dass wir arm bleiben".

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat in diesem Frühjahr einen Höchststand erreicht, wie es ihn noch nicht gab. Dennoch organisieren sich nur wenige. 10.000 Flugblätter hat die Initiative im letzten Herbst verteilt, die Resonanz war gering. "Nur neun Interessierte kamen zu unserem Treffen!", erzählt Boldt. Woran das liegt? "Viele wollen sich nicht öffentlich als Arbeitslose zu erkennen geben." Tatsächlich berichten auch andere von dieser Hemmschwelle: Aktiv zu werden, bedeute auch, sich von Illusionen zu verabschieden. "Am Anfang habe ich sehr unter den abfälligen Reaktionen von Freunden gelitten", sagt Evelyn Rensch. Aber mittlerweile sei sie geradezu stolz, arbeitslos zu sein. "Immerhin trifft es auch Professoren, gut ausgebildete Leute, die arbeiten wollen. Da muss sich niemand schämen."

Dass die Mehrheit der Erwerbslosen apathisch bleibt, erklärt Wolfgang Ratzel auch damit, dass die Effekte von Hartz IV bei vielen noch gar nicht eingetreten seien. "Im Moment federn Rücklagen noch das Schlimmste ab. Und diejenigen, die verschuldet sind, lassen sich ohnehin kaum motivieren, höchstens zu Verzweiflungstaten." Nachdem die Montagsdemonstrationen nahezu wirkungslos blieben, seien viele wieder in Lethargie versunken. "Die Politiker sitzen das einfach aus. Sie empfangen nicht einmal mehr symbolisch eine Delegation, sondern ignorieren uns einfach." Konsequenz müsse ein Konzept sein, dass Selbsthilfe mit Protest verbindet.

Die Initiative gibt nicht nur Ratschläge bei Konflikten mit den Ämtern, sondern will ganz allgemein ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Unter dem Motto "Kampf dem Verderb!" sammelt man überschüssiges Gemüse auf einem nahe gelegenen Gelände einer Kleingartenanlage, Äpfel und Tomaten. Es gibt Pläne, ein Brachgrundstück in einen Garten zur Selbstversorgung umzuwandeln, wie das andere Initiativen in Berlin schon praktizieren. "Wir haben keine andere Wahl", meint Ratzel lakonisch.

Disziplinierung durch Ein-Euro-Jobs

Umstritten ist die Haltung der Initiative zu den so genannten "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung" (MAE), den Ein-Euro-Jobs. Während ein Teil der Erwerbslosen diese mit Demonstrationen bekämpft, versuchen Ratzel und seine Mitstreiter, sie offensiv für ihre Belange zu nutzen. Gunther Boldt beschwert sich sogar, dass die JobCenter solche Arbeitsgelegenheiten nur an junge Arbeitslose bis 25 vergeben. Andere Erwerbslosen-Gruppen in Berlin wie die "Ein-Euro-Betroffenenversammlung" halten die Forderung nach mehr Ein-Euro-Jobs für falsch. Petra Leischen aus dem Organisatorenkreis der Berliner "Monatlichen Montagsdemo" sagt: "Wir lehnen solche Beschäftigungsverhältnisse grundsätzlich ab. Sie sind vor allem eine Disziplinierungsmaßnahme, keine Hilfe." Auch die "Ein-Euro-Betroffenenversammlung" ist dagegen. "Trotzdem unterstützen wir Menschen, die aus Not solche Arbeiten annehmen", erklärt Angelika Wernick, selbst Betroffene und Mitorganisatorin der Versammlung.

Wolfgang Ratzel glaubt an die Möglichkeit, dass die Erwerbslosen, deren Arbeitskraft schon außerhalb der Marktwirtschaft stehe, eine andere Art des Wirtschaftens schaffen können. "Arbeit für das Gemeinwohl statt Lohnarbeit" sei das Fernziel. Die Abgehängten als Avantgarde?

Die Mehrheit der Teilnehmer wünscht sich eine Rückkehr ins Erwerbsleben, wenn auch nicht zu jedem Preis. Als sich die Versammlung ihrem Ende nähert, kommt ein Nachbar vorbei. Am Wochenende könne er Jobs vermitteln, sagt er, "leichte Promotionstätigkeit", auf einer Verkaufsmesse müssen Werbezettel verteilt werden. Viele sind sofort interessiert und drängen sich um den Mann. Viele wollen dabei sein. Keiner fragt nach den Arbeitsbedingungen oder der Bezahlung.


7.500 Ein-Euro-Jobs in Berlin

328.476 Erwerbslose waren im März in Berlin gemeldet - gegenüber dem gleichen Zeitraum des Jahres eine Steigerung von 6,9 Prozent. Jugendliche unter 25 Jahren (18,2 Prozent) und Ausländer (46 Prozent) sind besonders betroffen. Seit Jahresbeginn wurden in Berlin 7.500 "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung" eingerichtet, in ganz Deutschland waren es bis Mitte Februar etwa 105.000. Die ALG-II-Empfänger erhalten für diese Tätigkeiten einen Euro pro Stunde zusätzlich.

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00:00 22.04.2005

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