Wir fürchten und lieben das Böse

Krieg oder Frieden Die Kandidatin Elisa Carrió (ARI) über den Sinn der argentinischen Präsidentschaftswahlen

Sie wird »Lilita« oder auch »die Dicke« genannt und hat als Präsidentschaftskandidatin der neuen, unabhängigen Partei ARI (Bund für eine Republik der Gleichen, eine sozialdemokratische Abspaltung der Radikalen Partei) nur die Chancen einer Außenseiterin. Elisa Carrió, die ehemalige Philosophiedozentin, kommt aus der armen Provinz Chaco im Norden und lebt heute in Buenos Aires. Bekannt geworden ist sie vor allem durch ihren öffentlichen Kreuzzug gegen die Korruption.

FREITAG: Wenn man sich Argentinien anschaut - das Land ist pleite und hat riesige Auslandsschulden, ein Großteil der Menschen lebt unter der Armutsgrenze - dann ist es verwunderlich, dass sich überhaupt jemand als Präsidentschaftskandidat bewirbt. Warum tun Sie das?
ELISA CARRIO: Das ist keine Frage des Ehrgeizes, sondern eine Art Dienstleistung. Irgend jemand muss die Dinge in die Hand nehmen, auch unter den schlimmsten Bedingungen. Niemand will, dass sein Kind krank wird, aber wenn es krank ist, muss man sich darum kümmern. Vielleicht will man auch nicht schwanger werden, aber wenn das Kind einmal da ist, muss man sich darum sorgen. Frauen haben oft nicht viel Ehrgeiz, sind aber eher bereit, in desolaten Situationen Verantwortung zu übernehmen.

Sollten Sie Präsidentin werden, wie wollen Sie mit dem argentinischen Schuldenberg umgehen?
Vermutlich würde ich lange Verhandlungen führen. Es ist unstrittig, dass wir unter den gegebenen Umständen die Schulden nicht bezahlen können. Wir wollen keinen »verrückten default«, das bedeutet - wir werden nicht einfach sagen: »Ich zahle nicht«. Doch wenn wir unsere Schulden respektieren, heißt das nicht, auch die großen Geschäfte zuzulassen, die damit gemacht wurden - die Riesensummen, die geborgt und dann aus dem Land abgezogen wurden.

Ist es nicht angesichts der Lage Argentiniens eigentlich egal, wer die Wahlen gewinnt?
Keineswegs, denn es müssen in Argentinien mafiöse Strukturen überwunden werden. Es gibt kein Wachstum mit mafiösen Institutionen. Der nächste Präsident entscheidet, ob sich unser Land von der Armut erholt. Er entscheidet auch, ob und wie sich das Land in die regionalen Strukturen Südamerikas einbindet: Ob es mit Brasilien geht oder ob die USA Argentinien dazu benutzen können, Südamerika zu spalten. Wir stehen zur Integration des Subkontinents, vorrangig mit Brasilien. Und wir werden dem Imperialismus Widerstand leisten. Ein Kandidat wie der ehemalige Präsident Carlos Menem steht genau auf der anderen Seite. Die restlichen Bewerber haben eine zynische Position - sie schlagen sich letztlich auf die Seite der USA.

Dann geht es bei diesen Wahlen wirklich um sehr viel.
Ja, um Krieg oder Frieden. Es geht um die Verteilung des Einkommens. Es geht um den Wiedergewinn des Landes oder den definitiven Verkauf Argentiniens.

Auch um den Fortbestand der Demokratie?
Nein. Die Argentinier haben genug Diktaturen erlebt. Es existiert keine autoritäre Alternative. Aber es wird am 27. April durchaus darüber abgestimmt, welche Art Demokratie wir haben werden.

Ihr Partei ARI ist eine neue Gruppierung, ohne ausgeprägte Strukturen, ohne großen Apparat. Wie wollen Sie regieren?
Man muss respektieren, wie weit wir schon gekommen sind, und nicht, wie viel noch fehlt. Wenn ein Land zusammenbricht mit einem Big Bang, wenn Parteien mit einer hundertjährigen Geschichte auf einmal verschwinden, und wenn man in dieser Lage eine Partei neu gründet, die schon bei den Präsidentschaftswahlen antritt, dann ist das allerhand. Hier kommt eine neue Kraft - vielleicht bei diesen Wahlen, vielleicht erst im nächsten Jahr. Aber auf jeden Fall entsteht hier gerade eine neue politische Kraft.

Und wenn Sie die Wahl verlieren?
Man verliert nicht, nur weil man die Wahl nicht gewonnen hat. Man hat vielleicht nur zehn Stimmen bekommen und ist trotzdem eine Autorität. Meine Gegner haben ein Problem mit mir: Ich habe von niemandem Geld genommen, ich kann also jedem offen ins Gesicht sehen. Ich habe keine Angst davor, die Wahlen zu verlieren. Ich weiß, dass wir damit begonnen haben, eine neue Legitimität aufzubauen und nach einer Allianz zu suchen, die mehr leistet, als für die traditionelle Verteilung von Pfründen zu sorgen.

Sie haben den Ex-Präsidenten Menem oft gleichgesetzt mit der Mafia - wie erklären Sie, dass jetzt so viele wieder Menem wählen wollen?
Weil ein Teil dieses Landes Menem liebt. Weil er das Archaische repräsentiert, das sich alles unterwirft, ohne Gesetz. Wie sonst hätte es hier Diktaturen, Tausende von Verschwundenen und Krieg geben können, wobei alle gleichgültig zusahen? Weil das Archaische Teil unseres Herzens ist - wir fürchten und lieben das Böse. Aber ich glaube an das Gute.

Warum sind Sie gegen die Abtreibung?
Ich habe ein Gesetz zur Reproduktion und Gesundheit entworfen: Ich bin der Ansicht, dass man Abtreibungen vermeiden soll, aber das geht nur, wenn die Frauen entscheiden können, ob sie schwanger werden wollen oder nicht. Ich war schon immer eine Feministin, und ich war immer gegen Abtreibung. Das ist keine religiöse Frage, sondern eine moralische Überzeugung, obwohl viele Feministinnen nicht mit mir einverstanden sind.

Das Gespräch führte Sheila Mysorekar

00:00 25.04.2003

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