Wir gehören alle zum Balkan

Imaginäre Geografie Auch im neuen Europa bleibt der Balkan, was er im 20. Jahrhundert war: der kollektive "underground" des Westens

Europa ist ein unreifes Kind der Geografie. Es ist eine Mischung aus Kleinasien und den weit entlegenen hyperboreischen Regionen im Norden. Aus diesem Grund ist Europa bis heute ein imaginäres geografisches Produkt, das stärker durch seine kulturelle Geschichte - von den Kreuzzügen bis zu den ideologischen Systemen Faschismus und Kommunismus - geprägt ist, als durch eine klare Abgrenzung zu den Kontinenten.

Wie passt der Balkan in diesen Kontext? Trotz seiner Lage in Europa ist der Balkan zu einem Synonym für Wahnsinn und Unbeugsamkeit des "Anderen" geworden, allerdings erst durch die Ergebnisse der jüngsten politischen Geschichte. Das was heute grob unter dem Begriff "Balkan" verstanden wird, ist eigentlich ein Synonym für die Länder Südosteuropas. Dazu gehören Griechenland, Albanien, Bulgarien, Rumänien, ein Teil der Türkei und die Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Aber alle Nachfolgestaaten wehren sich strikt dagegen, in die balkanische "Zone der Dämmerung" einbezogen zu werden. Die Flucht aus dem Balkan lässt sich erklären als eine Flucht aus dem Teufelskreis von ökonomischer Misere, politischem Traditionalismus und kulturellem Provinzialismus.

Ein Bewohner des Westens zu sein, bedeutet vielleicht nicht notwendigerweise ein Bewohner Europas oder Amerikas zu sein. Demgegenüber bedeutet ein Bewohner des Balkans zu sein tatsächlich die Verdammnis zu ewigem Unbehagen bezüglich der eigenen Herkunft. Der Rassismus hat sich vom einstigen Schwarz-Weiß-Konzept des Rassenhasses zu einem global anwendbaren kulturellen Paradigma entwickelt. Man hasst heutzutage niemanden mehr aufgrund seiner Hautfarbe - auch wenn die hirnlosen Skinheads in ihren nächtlichen Zügen durch europäische Städte sich vorzugsweise an nicht-weiße Opfer halten -, sondern eher wegen seiner sich unterscheidenden kulturellen Zugehörigkeit. Die Brutalität der Skinheads und ihre neofaschistische Rhetorik sind dem liberalen Rassismus, den Slavoj Zizek als reflexiv bezeichnet, nicht fremd. Dabei geht es um die Kritik am Multikulturalismus des Westens als neue Form der Ghettoisierung des Anderen (der Türken, der Balkanbewohner, der Araber, Vietnamesen oder Chinesen). All das, was das Bild vom "edlen Wilden" in der Literatur der Aufklärung ausmachte, prägt nun das Image des Balkanbewohners - allerdings ohne das scheinbar positive Vorzeichen.


In den Augen des Westens ist der Balkan ein kollektiver underground, so wie er in Kusturicas gleichnamigen Film gezeigt wird. Die Geschichte der literarischen Fiktion vom Balkan als Geschichte eines politisch-kulturellen Wahnsinns kann man am überzeugendsten in Krlezas Essays und seinem Roman Zastave begreifen. Wo sind die Wurzeln dieses mythischen Bildes der Balkanmentalität als etwas Primitivem, das zu Diebstahl und Verrat neigt, zu Doppelmoral, Barbarentum und Wildheit? Gewiss nicht im Bereich der Kultur, sondern wohl eher im politischen Diskurs. Alle Hirngespinste über den Balkan sind ein Produkt von Mythen und Politik, einer stark autoritären und/oder totalitären Herrschaftspraxis in Gesellschaften, in denen die Modernisierung noch nicht vollendet ist. Aus diesem Grund ist der kulturelle Rassismus des Westens, ob nun reflexiv oder liberal, lediglich der Überbau der Folgen einer politischen Instabilität.

Es gibt nicht gerade ein gesteigertes Interesse daran, Teil des Balkans zu werden, während es durchaus einen Ansturm auf den fahrenden mitteleuropäischen Zug des Fortschritts gibt. Für beide Fälle stellt Peter Handke einen glaubwürdigen Zeugen dar. Er war der erste, der die ironische Vorstellung über Mitteleuropa als meteorologischen Begriff nach der Wiederauferstehung der nostalgischen geopolitischen Idee eines neuen österreich-ungarischen Reiches unter den Bedingungen des Post-Kommunismus lancierte. Er war darüber hinaus der erste unter den westlichen Intellektuellen, der die ursprüngliche Kultur des Balkans in der Gerechtigkeit für Serbien gegenüber dem "falschen" dekadenten Europa aufspürte. Während er der intellektuellen Aufgabe der Behandlung des Themas Mitteleuropa gewachsen war - vor dem Fall des Kommunismus glaubte man mehr an Kunderas Utopie und nicht an Handkes Ironie -, bewegte er sich, als er nach Vukovar und Srebrenica die serbische Gerechtigkeit verteidigte, auf dem Niveau eines gewöhnlichen kulturpessimistischen Eiferers. Seine Wiedererweckung des Mythos vom edlen Wilden, eigentlich eine allgemein verbreitete Perzeption Serbiens auf dem Balkan, vor allem nach der NATO-Intervention wegen des Genozids im Kosovo, ist ein postmoderner Rassismus, verpackt in Ljubomir Micics Mythos vom barbarogenius. Die Barbaren werden immer irgendwo weit entfernt im Osten verortet.

Für Kroaten und Slowenen ist der Balkan ein Ort schlimmster Albträume, aus dem sie sich so schnell wie möglich zu befreien haben. Die Kroaten bestehen auf ihrer Geschichte als Vorhut des Christentums, als letztem Außenposten des Westens, der sich den Angriffen der Barbaren (der Orthodoxen, Moslems, Serben und Bosnier) erwehren muss; und die Slowenen bestehen auf ihrer Geschichte von allen anderen südslawischen Völkern als Balkanbewohnern. Dies bestätigt die Annahme, dass die Angst vor dem Balkan eigentlich die Angst vor der eigenen "Barbarisierung" ist. Das Bild im Spiegel ist entstellt aufgrund der Macht eines kollektiven, unbewussten Hirngespinsts über den Anderen. Das heißt, dass die Angst vor einem politischen westlichen Balkan, mit Hilfe derer die kroatische Rechte die derzeitige Regierung beschuldigt, die eigenen nationalen Interessen zu verraten, eine Angst vor der eigenen politischen Heuchelei ist.

Niemand in diesem "Film" ist unschuldig, nicht einmal die, die am Rande stehen. Jeder aus dem Westen, der meint, dass der Balkan ein Teufelskreis ist, geprägt von ethnischem Hass und Kriegen, ist ein liberaler Rassist reflexiver Prägung. Diese Überzeugung ist zunächst einmal das tragikkomische Ergebnis der Struktur des Balkans als imaginärer Geografie und als kollektiver underground des Westens. Jahrhunderte alter Hass, unterdrückter Zorn, kollektiver Wahnsinn - als wäre der Balkan der ideale Ort für eine experimentelle Psychopathologie der Postmoderne. Aber dies ist nur eine Täuschung, das Ergebnis einer schlimmen ideologischen Lüge, die immer noch das Verhalten der westlichen Länder gegenüber dem Balkan bestimmt. So lange der Balkan sich nicht "selbst befreit" von einer negativen Anthropologie, die den Anderen als geborenen Kriminellen, als Wilden und als Barbar par excellence identifiziert, wird es unmöglich sein, diesem imaginären Begriff eine wie auch immer geartete positive Bedeutung zu geben. Aus diesem Grund werden alle Versuche einer literarischen Rehabilitation dieses kompromittierten Begriffes zu einer frevlerischen Enthüllung über die "surreale" Schönheit der verlorenen Heimat. Der postmoderne, reflexive Rassismus ist durchzogen von melancholisch-nostalgischen Enthüllungsversuchen eines reinen, kulturell wahrhaftigen und ursprünglichen Balkans als Vorbild für die "Wiedergeburt" und "Bekehrung" des dekadenten Westens.

Wenn sich Handke in seinen kulturpessimistischen Enthüllungen über den neuen serbischen barbarogenius für die Verteidigung der Serben entscheidet, tut er das nicht, weil seine politische Identität plötzlich erleuchtet wurde. Er ist nur interessiert an einem fiktiven, imaginären Serbien, an einem fiktiven, imaginären Balkan, die in seine Kritik am Westen als Ort moralischer Dekadenz passen. Wir hören diese dumme und dennoch ständig wiederbelebte Geschichte seit den Zeiten Rousseaus, eine Geschichte, die allgemein anwendbar ist. Der globale Markt für Täuschungen bietet immer noch Platz für derartige quasi-philosophische Wege zum verlorenen Ursprung.


Eine weitere Richtung derselben "balkanologischen" Reiseliteratur wird von dem Buch Balkans-Transit von François Maspero beigesteuert. Die Motivation ist eine andere, allerdings zeichnet auch sie ein aufklärerischer Eifer beim Erleben des Balkans am Ende des 20. Jahrhunderts aus. Das Problem liegt nicht im humanistischen Eifer des Universalisten Maspero, sondern viel mehr in der Tatsache, dass für den Balkan der Reisebericht immer noch das bestimmende Genre ist, mit seiner ihm eigenen Mentalitätstheorie vom Ende des 19. Jahrhunderts. Als wäre seit dem 19. Jahrhundert nichts geschehen? Als könnte der Reisebericht einen ideologisch-karthatischen Wert haben wie Susan Sontags Reise nach Hanoi. Leider hat er es sogar. Und zwar deshalb, weil die negative Anthropologie des Anderen im Falle des Balkans von der Annahme ausgeht, dass es sich um einen dunklen Flecken im Bewusstsein und Selbstbewusstsein des Westens handelt. Der Balkan ist in diesem Sinne vergleichbar mit Bali, allerdings mit einer ganz anderen Botschaft. Bali ist pure Exotik, ein kultureller Garten Eden aus Sicht des Westens aus den Zeiten, in denen die Pastorale die Kunst des widersprüchlichen europäischen Modernismus bestimmte. Der Balkan ist politische Exotik, eine kulturelle Hölle aus Sicht des Westens, weil immer noch Bedarf besteht an der Dämonisierung des Anderen - so kann man leicht sein schlechtes Gewissen rein waschen. So wie die englische Literatur seit Byron den Balkan mit dem Gefangenen von Zenda und mit Drakula gleichsetzt, so setzen bis heute sogar die Bürger der neuen Nationalstaaten, die als Folge des Zusammenbruchs Jugoslawiens entstanden, den Balkan mit Turbo-Folk, cevapcici und dem Gestank verwesender Körper in irgendeiner namenlosen Provinz, in einem dunklen Kaff "irgendwo ganz weit entfernt" gleich.


Als ich vor einigen Jahren an einer internationalen Konferenz über die kulturelle Identität des Mittelmeerraumes in Dubrovnik teilnahm, waren alle Teilnehmer der Meinung, dass Fernand Braudels Mittelmeer die einzig übrig gebliebene Utopie darstellt, die keine Fanatiker und Propheten aus Oliven, Schiffen und Rotwein erschafft. Ein Soziologe aus Malta verglich den heutigen Mittelmeerraum mit dem Balkan, und er führte Kriege, religiöse und nationale Intoleranz, die Mafia, politische Diktaturen, Zuwanderung und Elend an. Natürlich bezog sich all dies auf die andere Seite des Mittelmeeres, die sich von Israel bis Marokko erstreckt. Stellt aber der Balkan nun irgendetwas anderes dar als eine imaginäre Geografie, die die virtuelle Realität des Westens prägt? Es ist keine Schande zuzugeben, dass wir alle zum Balkan gehören, aber es ist eine Schande nicht einzuräumen, dass das eigentlich nichts Besonderes bedeutet, genauso wenig wie nicht zum Mittelmeerraum zu gehören. Heute ist der Balkan nicht mehr und nicht weniger als er im 20. Jahrhundert war: ein schwer lösbares politisches Problem. Alles andere sind Mythen und Rassismen in neuem Gewand.

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

Zarko Paic, geboren 1958 in Kutina, arbeitet als Hochschullehrer für Kultursoziologie, Ästhetik, Semiotik und visuelle Kommunikation an der Universität Zagreb. Paic ist Mitglied der Gesellschaft Kroatischer Schriftsteller und des Kroatischen PEN- Zentrums.


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00:00 27.04.2007

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