Wir haben keine Lösungen

DDR In der Chemnitzer Ausstellung „Wendezeit“ wird die Dialektik eines unglücklich vereinten Landes greifbar
Wolfram Ette | Ausgabe 40/2019 1

Seit bald 20 Jahren lebe ich nun in Chemnitz. Hierhergezogen aus Freiburg im Breisgau, wo die Zeit stillsteht und die Sonne nur auf Gerechte scheint – in eine Stadt, in der die Geschichte unter der Haut sitzt und keine Biografie ohne die Erfahrung des Systemzerfalls vorstellbar ist. Man nennt diesen Systemzerfall „Wende“. Eigentlich ein komisches Wort, das Hans-Joachim Maaz schon 1991 halb ironisch durch die Wende beim Schwimmen unterlegt hat. Wenn man daran denkt, bekommt der Vorgang etwas frustrierend Vergebliches. Es geht ja nur hin und her, oder, wenn man unter Wasser einen Looping dreht, aus der Rückenlage in die Rückenlage.

Aber der Ausdruck „Revolution“ – „friedliche Revolution“ ist ja der wichtigste Konkurenzterminus zu „Wende“ – ist auch nicht viel besser. Ursprünglich meinte er den Umlauf der Gestirne, also eine immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrende Bewegung. Wir verbinden das Wort mit der Vorstellung eines sprunghaften gesellschaftlichen Fortschritts. Wenn man sich aber die deprimierende Zwangsläufigkeit vergegenwärtigt, mit der Revolutionen und Konterrevolutionen, Öffnung und bürokratische Versteinerung, Neubeginn und Rückschlag historisch aufeinander folgten, erscheint der alte zyklische Sinn des Revolutionsbegriffs doch irgendwie aktuell. Aber lässt sich Geschichte überhaupt in dieser Form begreifen? Die Ausstellung Wendezeit im Chemnitzer Schloßbergmuseum entlastet in gewisser Weise von solchen Komplikationen. Denn sie befasst sich vornehmlich mit der Vorgeschichte von 1989, das heißt mit der ab den frühen 1980er Jahren sich ausdehnenden und immer schwerer zu kontrollierenden DDR-Opposition. Die Ausstellung endet in den ersten Monaten des Jahres 1990, nachdem sich die „Wende der Wende“ vollzogen hatte, der Konsumrausch ausgebrochen und der Enthusiasmus der Emanzipation unter dem Anpassungsdruck des neuen Systems zusammengebrochen war.

Naja, Revolution

Es ist dennoch bedauerlich, dass diese Zeit in der Ausstellung nur gestreift wird. Die „Wendezeit“ lässt sich nicht isolieren. Alle, die sie erlebt haben, blicken auf sie im Licht dessen zurück, was aus ihr wurde. In den Lebensläufen ist der Epochensprung mit seiner Vor- und Nachgeschichte verschlungen. Wenn auch nur halbbewusst, denn gerade die Nachwendezeit unterliegt noch immer massiven Erinnerungsblockaden. Sie zu brechen, wäre eine würdige Aufgabe solcher Ausstellungen: das halbbewusst herumliegende Material an die Oberfläche zu bringen, zu sortieren und analytisch auseinanderzulegen. Allein, die Vorgeschichte ist schon interessant genug.

Der „Arbeitskreis Jonathan“ etwa, der sich, wie es damals hieß, für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe einsetzte – unter Berufung auf die christliche Grundüberzeugung, dass jeder Mensch, so wie er geschaffen ist, von Gott geliebt sei. Oder die zahlreichen ökologischen Basisgruppen, die gegen die vollkommene Bedenkenlosigkeit der DDR im Umgang mit der Umwelt eine allmählich lauter werdende Stimme erhoben. Da finden sich beispielsweise apokalyptische Aufnahmen kahler Baumhänge im Erzgebirge. Oder eine Altöl-Deponie in Chemnitz-Klaffenbach, in der lecke Fässer auf einem schwarzen Ölsee treiben; ein verhexter See inmitten der Landschaft, irgendwas zwischen Tarkowski und Fantasy. Zu den Ausstellungsobjekten gehören „Samisdats“ (wie lang habe ich dieses Wort nicht mehr gehört oder gelesen!), also kopierte Broschüren von offiziell verbotenen Büchern. Ein Beispiel: Lebenszeichen aus Karl-Marx-Stadt, das den Veränderungswillen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen dokumentiert und (sehr existenzialistisch) die drei großen gesellschaftlichen Ängste – die Angst vor dem Fremden, vor Veränderung und vor kritischem Denken – in der Angst vor dem Tod fundiert. Warum? Man erfährt es nicht, weil nur die ersten beiden Seiten des Samisdats zu sehen sind. Ein faksimiliertes Handexemplar wurde nicht zur Verfügung gestellt; dabei hätte ich mich nur allzu gerne in den Geist dieser Äußerungen eingelesen. Das führt auf ein methodisches Problem der Ausstellung: Man bekommt etwas zu sehen, kann aber nicht damit arbeiten. Das „Vitrinenprinzip“ verkörpert den staatlichen Griff nach der Vergangenheit. Wohl gut gemeint, aber letztlich doch von Misstrauen gegenüber einer nicht vorformatierten Erinnerungsarbeit von unten geprägt. Sarajevo hat den Saal seines Stadtmuseums, der die Zeit der Belagerung dokumentiert, von den Bürgern und ihren mitgebrachten Erinnerungsstücken gestalten lassen: ein in steter Bewegung befindliches, kollektives Archiv, in das die Kuratoren nicht auswählend, sondern nur arrangierend eingegriffen haben. Etwas in dieser Art wäre schön. In Chemnitz und an vielen anderen Orten Ostdeutschlands. Aber dafür ist die Ausstellung zu klein – und sie ist ja ohnehin nur temporär. Vielleicht doch eher eine Pflichtübung zum 30. Jahrestag der, na ja, Revolution.

So bestürzend aktuell ist das

Und dennoch: Es ist bestürzend, durch dieses Material zu gehen. Weil das alles so aktuell ist, all diese Papiere und Transparente, diese Dokumente eines Aufbegehrens unter widrigen und meist klandestinen Bedingungen. Was diese Verlautbarungen eint, ist die Einsicht, dass die Widersprüche des Systems unlösbar geworden sind. Sie muss sich im Laufe des Jahres 1989 explosionsartig verbreitet haben. Mit immer höherer Frequenz und Öffentlichkeitswirksamkeit traf man sich, diskutierte und konspirierte, lud zu Vorträgen ein – die Kirchen beziehungsweise die evangelische Studentengemeinde spielten dabei eine wichtige Rolle –, bis sich alles im legendären Schweigemarsch vom 7. Oktober entlud. Mit ihm reagierte das Karl-Marx-Städter Theater auf die Auflösung einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Meinung und Pressefreiheit – eine Demonstration, die von bewaffneter Polizei und (erstmalig in der DDR) Wasserwerfern auseinandergetrieben wurde. Danach ging alles sehr schnell.

Was daran ist aktuell? Eben jene Einsicht, oder besser: das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Widersprüche unlösbar geworden sind. Dieses Gefühl ist die Mitgift der Ostdeutschen in unserem unglücklich wiedervereinigten Land. Das tragen sie unter der Haut. Es treibt sie immer wieder auf die Straße und nun zum Teil in die Nähe der erstarkenden Rechten. Dieses Gefühl ist aber kein anamnetisches Phantasma, nicht bloß das, was in der Psychoanalyse Übertragung genannt wird, die die Gegenwart mit unverarbeiteter Vergangenheit verschüttet. Das ist es auch, aber nicht nur und nicht an dieser Stelle. Denn es hat auch mit einer historisch erlernten Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Zerfallsprozessen zu tun. Das hat der Osten dem Westen voraus.

Denn seien wir ehrlich: Auch wir haben keine Lösungen mehr, keine einzige. Ob es um Umweltzerstörung, die globalen Migrationsbewegungen oder die fortbestehende und vielleicht sogar sich steigernde Ausbeutung geht. Überall werden Nebelkerzen geworfen (E-Mobilität!), die die Menschen im Osten schon kennen und die sie an die Zeiten erinnern, in denen sich selbst auf den sozialistischen Plakatparolen Druckfehler eingeschlichen hatten, die klarmachten, dass nicht einmal „die da oben“ noch an die Worte glaubten, durch die sie die Wirklichkeit ersetzt hatten. Angesichts dessen ist der Protektionismus, der sich überall durchsetzt – übrigens nicht nur in der Forderung, die Mauer wieder aufzubauen und die Grenzen zu verrammeln, sondern auch in Form der schwarz lackierten Panzer, die vermehrt durch die Städte gleiten, und in Form dessen, was man Gentrifizierung nennt, was aber in Wahrheit klassengebundene Ghettoisierung ist –, eine inhumane, aber plausible Lösung. Die Frage ist, welche anderen es gibt. Die – schon wieder so ein hässliches DDR-Wort – propagandistische Illusion, wir hätten die Lage im Griff, ist jedenfalls keine.

Info

Wendezeit Kunstsammlungen Chemnitz – Schloßbergmuseum, bis 24. November 2019

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