Wir haben uns quergestellt

Wende 89: Stralsund Ursula Kaden schrieb 1994 ihre Erinnerungen an den Herbst 1989 in Stralsund auf. Kaden gehörte zu den Initiatorinnen der ersten Friedensgebete in der Nikolaikirche:

Der Herbst ´89 war kurz. Wir alle wissen das und es ist ein stilles Einvernehmen: Wenn wir Herbst `89 sagen, meinen wir die Zeit vom 7.Oktober bis zum 9.November und unser Leben in dieser Zeit. Und unser Leben war besonders, und die Zeit war eigentlich außer der Zeit.

Wir haben keine Wende gemacht, wir haben uns quergestellt.

Wir haben nicht Geschichte gemacht, sondern die Geschichte angehalten. Einen Moment lang haben wir alle Strukturen durchquert. Das war keine zielgerichtete Revolution, kein organisierter Aufstand, eher ein Aufstehen, ein tausendfaches individuelles Aufstehen. Es waren viele Einzelentscheidungen: Jetzt gehe ich los, egal, was geschieht, wer mir droht, ich will dabeisein.
Gewiß – angefangen haben nur einige, lange vorher, wenig beachtet, manchmal belächelt, missverstanden oder geschmäht. Was waren das für Leute im Herbst `89, wo kamen sie her?
Ich erinnere mich an die, mit denen ich im Friedenskreis in Stralsund zusammengearbeitet habe:

Harald Apel, Sabine Düben, Eva-Maria Gilde, Klaus Goßlau, Petra Hennig, Andrea Lilie, Gesine Neubauer, Almuth Richter, Dagmar Steinert, Angelika Urban, Günther Völsch und Renate Völsch.
Erinnert sei auch an den Arbeitskreis „Ökumenisches Konzil“ um Bernd-Dietrich Krummacher. Ich denke an unseren damaligen Superintendenten Manfred Torkler, der unsere Aktivitäten, die lange auf Skepsis stießen, von Anfang an nicht nur duldend, sondern auch aufmerksam begleitete. Den Unwillen, den unser Tun bei staatlichen Stellen auslöste, musste er meist auffangen. Und er hat es getan.

Ich denke an die Tausende der großen Demonstration von der Marienkirche aus am 30.Oktober. Ich denke an Paul-Ferdi Lange der neben mir an der Spitze des Demonstrationszuges ging, und wir trugen eine Resolution des Friedensgebetes und damit den Herbst `89 ins Rathaus. Und ich denke an den Oberbürgermeister und seine Mitarbeiter, denen wir dann gegenüberstanden, für die es nun deutlich nicht mehr weiterging, die den Querstand der Bürger zur Kenntnis nehmen mussten. Die Erkenntnis war schwer, und die Gesichter, in denen das zu lesen war, werde ich nicht vergessen.
Winrich Jax hat schon bald darauf geachtet, dass die Proteste, die im Friedensgebet öffentlich wurden, in mitteilbare und verhandelbare Formen kamen. Später hat er dann in Stralsund den Runden Tisch moderiert. Da waren Leute, die sich trotz mancher Bedenken zu öffentlichem Sprechen ermutigten. Der Mut solcher Leute war Inspiration für viele. An dieser Stelle sei Ulrich Rau genannt.
Ich denke an Leute aus meiner Nachbarschaft, die irgendwann erklärten: „So, heute gehe ich da auch hin, egal, wer mich sieht“. Mir fällt die Begegnung mit drei Werftarbeitern ein, die zum Friedensgebet nicht nur ihre Entschlossenheit, sondern auch einige Flaschen Bier mitgebracht hatten. Als ich sie fragte, warum sie überhaupt gekommen seien, sagte einer: „Na, damit wir hier sind, damit wir alle da sind.“ Ja – so war das wohl.

In Stralsund war der Ort des Geschehens das Friedensgebet. Dort haben sich Tausende versammelt. Aber auch das Friedensgebet hatte klein begonnen. Hier seien noch einmal die beiden kirchlichen Arbeitskreise zum Thema Frieden genannt. Beide hatten sich schon 1987 gebildet. Der eine entstand auf Initiative einiger Katechetinnen. Sie luden interessierte Eltern ein, die sich mit dem Thema Friedenserziehung alleingelassen fühlten. Der andere Arbeitskreis beschäftigte sich mit dem Ökumenischen Konzil zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Texte und Arbeitsergebnisse der Vorbereitungsversammlungen für das Konzil wurden von diesem Arbeitskreis studiert, diskutiert und verbreitet.
Zeitweise haben beide Kreise zusammen gearbeitet. Auch vom Jugendkreis um Torsten Hennig kamen in dieser Zeit immer wieder Impulse, z.B. durch den Druck und die Verbreitung des „Turmblattes“.

Die Arbeitskreise waren wichtig. Sie waren zwar klein und eher bescheiden zu nennen, aber sie waren lebendig, arbeiteten phantasievoll, partnerschaftlich und hatten eine unkomplizierte Organisationsform. So konnte man bei gegebenem Anlass schnell reagieren und in kürzester Zeit eine Zusammenkunft organisieren, wie etwa das Fürbittgebet für die Inhaftierten der Berliner Rosa-Luxemburg-Demonstration 1988.

Und so entstand fast zwischen Tür und Angel am 12. September in einem Gespräch zwischen Sabine Düben, Torsten Hennig und mir der Gedanke, wöchentliche Andachten zu beginnen, als Zeichen der Solidarität mit dem Leipziger Montagsgebet, als Zeichen der Ermutigung für die, die dem Sog der Fluchtwelle des Sommers 1989 nicht nachgeben wollten.

Dass es in Stralsund engagierte und interessierte Leute gab, hatte am 1.September die kirchliche Veranstaltung zum Gedenken des Beginns des 2.Weltkrieges – 50 Jahre danach – gezeigt.
Dennoch – beim ersten Friedensgebet am 18.September versammelten sich im Chor der Nikolaikirche kaum zwanzig Leute. Eine Liturgie mit Taizegesängen gab den Rahmen für Informationen, Andacht und Fürbitte. Die Andacht nach Jer. 29, 4-7 („Suchet der Stadt Bestes“( benannte die Notwendigkeit von persönlichem Engagement und Veränderung des Einzelnen, damit sich am Ganzen, Gesellschaftlichen etwas ändern konnte. Am Ausgang wurde der „Brief an die Gemeinden“ des Magdeburger Bischofs Dr. Demke verteilt, zum Mitnehmen und Weitergeben.

Dann kam der 9. Oktober – 400 Leute im Nikolaichor. Die Angst wich, das Sprechen wurde mutiger, einzelne standen auf und legten Zeugnis ab gegen die Lügen der Medien, welche die Proteste und Protestierenden des 7.Oktober verleumdeten. Der Bann war gebrochen.

Das Friedensgebet wuchs. Der Friedenskreis wurde zur Vorbereitungsgruppe des Friedensgebetes und vergrößerte sich. Von mehreren Seiten kam aktive Beteiligung: von den Pastoren und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kirchenkreises, vom Kreiskirchenrat, von engagierten Leuten in den Gemeinden und auch von außerhalb der Kirche. Das Arbeitspensum, das bewältigt werden musste, war groß. Die Organisation verlangte umsichtiges und spontanes Handeln.

Die Nikolaikirche konnte die vielen Teilnehmer bald nicht mehr fassen, und sogar die Marienkirche erwies sich einige Male als „zu klein“.

An den Montagen schien es jeweils, als gäbe es in der Stadt eine einzige Bewegung: hin zur Marienkirche. Und dann drängten sich die Leute bis dicht an die Chorstufen, füllten Seitengänge und Turmhalle und standen noch auf dem Vorplatz. Sie wollten miteinander die Wahrheit hören, die Wahrheit sagen, Informationen aufnehmen und mitteilen und Ermutigung und Hoffnung erfahren.
In Stralsund fand der Herbst 1989 in den Kirchen statt. Von dort ging er auf die Straßen, mit Kerzen und „Keine Gewalt“, und erst später ließ er sich in städtischen Räumen nieder.
Alles wurde breiter und vielfältiger seit dem November, aber die Intensität des Oktobers hat es nicht mehr erreicht.

Wir hatten uns gelöst aus einer erstarrten Struktur, in die wir nicht mehr eingebunden sein wollten. Wir hatten uns quergestellt und erfahren, dass das geht. Aber dann nach dem 9.November, nach der Grenzöffnung, überraschte die Begegnung mit der anderen Struktur, der wir nichts entgegenstellten. Das allmähliche „Einfädeln“ begann, denn wir hatten es noch nicht geschafft, unserem Querstehen eine eigene Ordnung zu geben.

Und so bleibt die Frage: „Was ist aus dem Herbst `89 geworden?“ die Antwort: das andere. Es ist das, was wir erlernen, üben, seltener mitgestalten. In diesem anderen Neuen stecken wir jetzt drin, wir, die Leute vom Herbst `89.

Aber in jedem, in jeder, die dabeiwaren, steckt dieses Stück Erfahrung der eigenen Entscheidung, diese Ahnung der Würde. Und weil wir so viele waren, können wir uns erinnern und uns bestätigen, dass wir nicht geträumt haben.

Das Friedensgebet haben wir weitergeführt bis zu den ersten freien Wahlen im März 1990 und haben verabredet, dass wir, wann immer es notwendig sei, es wiederbeleben wollen.
Wir haben das noch einige Male getan. Aber das Friedensgebet hat sich verändert, weil auch wir uns verändert haben: Wir stehen nicht mehr quer."

Stralsund im April 1994
Ursula Kaden

Aus: Hansestadt Stralsund 1990 -1994. Vier Jahre einer Stadt. Herausgeber: Hansestadt Stralsund

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15:40 29.04.2009

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