Wir hassen die Ostdeutschen nicht

Jubiläum IX Aber wir sehen gern ein wenig auf sie herab

Krach der Deutschen

Im Frühjahr 1991 verfestigt sich der Eindruck, dass die steinerne Grenze zwischen Deutschland Ost und Deutschland West zusehends von einer gedachten abgelöst wird. Den Westlern geht der ewig klagende Ost-Typ auf die Nerven, den Ostlern der ewig alles besser wissende West-Typ. Da entschließt sich die Freitag-Redaktion, als Ost-West-Wochenzeitung dem "Krach der Deutschen" in einer Artikel-Serie Zeit und Raum zu geben. Wir erinnern daran, durch zwei Ausschnitte. Sie stammen aus den damaligen Texten zweier Protagonisten dieser Debatte: Mathias Wedel (Ost) und Norbert Mappes-Niediek (West) konnten von sich sagen, recht eindeutig plädiert zu haben.


Am 18. März 1990 wurde im Osten nach unwidersprochener Auffassung "die Einheit" gewählt, die nach Artikel 23. Was kein Votum für den ökonomischen Crash-Kurs, wohl aber eines für die Übernahme des politischen Systems der Bundesrepublik war. Und am 2. Dezember 1990 haben sich die Ostdeutschen "ihre" Politiker auch persönlich angeeignet, und zwar mit einer im Westen seltenen Inbrunst. Spätestens hier hätte Mathias Wedel doch merken müssen, dass der Ärger über das andere Volk zu einem guten Teil der über das eigene ist!

Es passt ins Bild, dass der Autor sich an keiner Stelle den Kopf der vermeintlichen Kolonisatoren zerbricht: Sollen sie doch zusehen, wie sie klarkommen mit uns. Wenn sie kommen, die Wessis, sind sie Eroberer oder Voyeure. Wenn sie dableiben, sind sie unsolidarisch und desinteressiert.

Die Westler, jedenfalls die jüngeren, wollten die Einheit nicht, da hat Wedel Recht. Niemand darf große Opferbereitschaft erwarten, ohne wenigstens mal mit ihnen geredet zu haben. Immerhin haben sie die Einheit akzeptiert, weil es keine Alternative gab. Es war und ist aber eine folgenschwere Dummheit, beim nötigen Umbau der Volkswirtschaft im Osten nicht auf den vorhandenen Kenntnissen und Qualifikationen aufzubauen und so jeden über 30 mit dem Bankrott seiner Lebensleistung zu konfrontieren. Ein schlimmer Fehler war es auch, die Ostdeutschen jeder originären politischen Vertretung zu berauben, indem einfach die Blockparteien adoptiert wurden. Sie werden nicht als Sachwalter der Interessen des Ostens akzeptiert - zu Recht nicht.

Es ist zudem ein Fehler der SPD, mit Hilfe einiger Unterstützer im Osten einfach eine Repräsentanz zu gründen, statt mit den Bürgerbewegungen ein Bündnis einzugehen. Das muss alles zugegeben werden. Man wird von den Bonner Parteien kein Bußgebet erwarten dürfen, aber wenigstens "Nachdenklichkeit" und betretenes Schweigen, wenn die Medien von ihren Fehlern sprechen und schreiben.

Und wir, die ganz normalen Wessis? Nein, wir hassen die Ostdeutschen nicht. Wir sehen gern ein wenig auf sie herab, aber wir verachten sie nicht. Wenn wir sie persönlich kennen lernen, machen wir uns vielleicht ein bisschen über ihr Sächsisch lustig, aber das vergeht, wenn man es öfter hört. Wer in den Monaten vor der Wende in den Westen gekommen ist, ist oft schon integriert. Aber dass wir uns ändern könnten, dass drüben etwas besser gewesen sein soll, dass "unser" System verbesserungsfähig sein sollte, das können wir uns nun wirklich nicht vorstellen. Unsere Kinder werden uns diese Sätze um die Ohren hauen. Unsere gemeinsamen Kinder.


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00:00 11.11.2005

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