Wir hielten uns für eine glückliche Generation

Die Millionäre luden ein Klassentreffen nach 25 Jahren

Neugierig steige ich die verzierte Wendeltreppe des kleinen exklusiven Moskauer Restaurants hinauf, während mir ein Portier, mit einigen Stufen Abstand, meinen Mantel hinterher trägt. "Die Garderobe schließt bald, der Raum im zweiten Stock ist jedoch ohne Zeitbegrenzung gebucht", hat er mir beim Ablegen erklärt. "Aha", dachte ich, "die Jungs haben wohl richtig was vor..."

Zwei Tage zuvor, kurzfristig wie in Russland üblich, hatte ich einen Anruf erhalten: Eine ehemalige Schulkameradin teilte mir mit, es gäbe ein Klassentreffen. Als ich den Namen des Restaurants hörte, in dem es stattfinden sollte, war ich ziemlich erschrocken - als Professorin einer staatlichen Hochschule konnte ich mir ein Essen in einem so teuren Etablissement kaum leisten. "Keine Angst, die Jungs laden uns ein", hatte Lena mich beruhigt. Ein ganzes Vierteljahrhundert hatte ich weder von Lena noch den "Jungs" etwas gehört oder gesehen; ein Vierteljahrhundert, in das Breschnews Stagnationsperiode, Gorbatschows Perestrojka und Jelzins Demokratie hineingehören, und für jeden Einzelnen Studium und Beruf, Hochzeiten und Scheidungen, Reisen und Umzüge ...

Unsere Schule stand (und steht immer noch) auf der Sretenka, einer Straße im alten Moskauer Zentrum. Im Zuge von Chruschtschows Atheismus-Kampagne war die Kirche daneben in ein Lagerhaus umgewandelt worden. Den dazugehörigen Friedhof hat man vor unseren Augen vernichtet. Ich weiß noch, wie die Jungs uns mit Knochenteilen erschreckten, die sie in der Erde der ausgehobenen Gräbern gefunden hatten. Heute befindet sich dort, wo einst eine rote Aufschrift auf den "Agitpunkt" hinwies, ein weißer Zaun und dahinter wieder ein Kloster.

In die russische Schule kommt man als kleines Kind; es verlassen sie bärtige Männer und voll entwickelte Frauen. Grundschule und Mittelschule sind in unserem Bildungssystem in eins zusammengefasst. Aus unserer damaligen Klasse schied nur einer vorzeitig aus: Aljoscha. Seine unglückliche Mutter war von Lehrer zu Lehrer gegangen, hatte gefragt und gebeten, aber das Urteil stand fest: der Junge lernte zu schlecht, vor allem französisch.

Denn damals lernten Kinder aus "guten" Familien eben französisch - ganz nach der alten Adelstradition, wie sie in der klassischen russischen Literatur beschrieben wird. Unsere Schule war eine Eliteschule - nicht im Sinne von Partei- oder Finanzelite (letztere gab es damals nicht), sondern sozusagen im geistigen: Unsere Eltern gehörten zur Intelligentsia. Sie waren Ingenieure, Ärzte, Lehrer, soll heißen bescheidene sowjetische Werktätige. Wir wohnten in Kommunalwohnungen, also mit mehreren Familien zusammen unter einem Dach, und hielten uns für eine glückliche Generation: Seit dem Zweiten Weltkrieg war genug Zeit vergangen, so dass es keinen Hunger mehr gab, Moskau wieder aufgebaut war und unsere Eltern aufgehört hatten, die gefallenen Väter und Brüder zu beweinen.

Von der letzten Treppenstufe aus sehe ich schon den gedeckten Tisch. Wer sitzt da? Ist das tatsächlich Ira, bei der ich jahrelang Mathe abgeschrieben habe? Und Grischa, mit dem ich zusammen in einer feierlichen Zeremonie auf dem Roten Platz bei den Pionieren aufgenommen wurde? Ich erinnere mich noch, wie ich mir kein größeres Glück hatte vorstellen können, als mit dem neuen Pionierhalstuch herumzuspazieren; aber als wir uns unserem Haus näherten, nahm Grischa seines hastig ab: "Verstehst du, ich selbst freu´ mich ja, aber meine Oma kann die roten Teile nicht ausstehen..." Wer sitzt da noch? Ist das vielleicht Kostja, mit dem man mich später mal beim Rauchen erwischt hat und fast von der Schule gejagt hätte? Und ob sie mich wohl erkennen nach einem Vierteljahrhundert?

Sie erkannten mich! Schließlich hatte ich extra einen Minirock angezogen. Denn zu unserer Schulzeit galt der Minirock - ähnlich wie farbige Strumpfhosen, Jeans und Pferdeschwanz - als Verrat am Proletariat. Jungen Männern mit langen Haaren konnte es passieren, dass sie von der Straße weg zum Friseur gebracht wurden. Es galt deshalb als besonders mutig, sich dementsprechend anzuziehen und zu frisieren.

Da sitzen sie nun - die Mädels sämtlich im kleinen Schwarzen mit zierlichem Goldkettchen am Hals, die Jungs im fein geschneiderten Anzug. "Und was bist du von Beruf, Maria?" ist die erste Frage. "Ich bin Professorin", sage ich, und alle lachen laut auf. Offenbar hat keiner vergessen, wie der Physiklehrer in Tränen ausbrach, sobald ich an die Tafel ging, oder der Geschichtslehrer dem Direktor verkündete: "Entweder sie oder ich!" Oder die Literaturlehrerin mir böse immer wieder vorhielt: "Du begreifst ja wohl gar nichts ..." Heute bin ich selbst Philologin.

Meine Klassenkameraden haben mich jedoch mehr überrascht als ich sie. Hier die Statistik: Von den 36 auf unserem Abschlussfoto sind 12 gekommen; von weiteren 12 konnte die Adresse nicht ermittelt werden; die restlichen 12 sind nach Israel oder Amerika ausgewandert, vier davon machen übrigens Karriere bei IBM.

Beim Griff zur Speisekarte erklärte Leva laut: "Kinder, ich habe gerade eine Prämie erhalten, bestellt also, was ihr wollt, habt keine Hemmungen!" Erst einiges später, nach unzähligen Trinksprüchen, haben wir alle dann verstanden, dass das mit der Prämie ein Scherz war. Leva nämlich hat es zum Besitzer einer großen Ölfirma gebracht. Und Lena, die mich angerufen hatte, arbeitete bei ihm im Büro. Was den Geschäftserfolg anbelangt, konnte sich mit Leva eigentlich nur noch Kolja messen, der im Postperestrojkarussland als erstes auf die Idee gekommen war, an irgendeiner Straßenecke ein paar Spielautomaten aufzustellen. Seitdem ist sein Business verständlicherweise aufgeblüht. Er war es, der die Desserts übernahm - und davon, obwohl jedes einzelne ungefähr die Hälfte meines Gehalts kostete, bestellte sich jeder von uns nicht nur eins, sondern zwei, drei, denn der Abend zog sich hin ...

Kirill, so stellte sich heraus, war inzwischen ein Chemiker mit Weltruhm. Der kleine Alik wiederum arbeitete als gar nicht so kleiner Beamter im Außenministerium und kam gerade erst aus einem afrikanischen Land zurück, wo er zwei Jahre gelebt hatte. Der große Alik hatte weniger Glück gehabt. Das Institut für Radioelektronik, in dem er gearbeitet hatte, war wegen Überflüssigkeit aufgelöst worden - nachdem sich Russland für den Import geöffnet hatte, ergab es keinen Sinn mehr, Geräte zu entwickeln, die es in Japan und Deutschland schon lange gab. Mit einem Freund zusammen hatte er dann eine Reparaturwerkstatt eröffnet, aber auch das war nicht gut gelaufen, denn wer lässt heute noch sein Tonbandgerät reparieren? Man wirft es weg und kauft sich ein neues ...

Und die Mädels? Eine musste schnell wieder nach Hause zum Ehegatten, der sich beim Gewehrladen verletzt hatte! Ob er Berufskiller sei, scherzte Kolja, der Herr des Spielautomatenimperiums. Oder gar Söldner?, rief Leva, der Ölkönig. Aber nein, ihr Mann war einfacher Jurist, der in seiner Freizeit gerne jagte.

Wir alle hatten Fotos mitgebracht. Interessanterweise gab es in jedem dieser kleinen Alben - auch in meinem! - ein Bild, das vor dem Eiffelturm oder vor Notre Dame aufgenommen war. Als wir damals französisch lernten, hatten wir uns im Leben nicht vorstellen können, einmal wirklich dort zu sein. Offensichtlich hat jeder von uns, sobald sich der eiserne Vorhang geöffnet hatte, genau so das Maß der neuen Freiheit erprobt: nach Paris, nach Paris!

Ich denke, dass die Geschichte meiner Klasse - eine glückliche Geschichte ist. Sogar der von der Schule gejagte Aljoscha, so hieß es, erklärt heute im Regionalfernsehen die Feinheiten der russischen Verkehrsregeln. In diverse Formulare schreiben wir immer wieder: Geburtsland - UdSSR; wohnhaft - Russische Föderation. Aber war dieser Umbruch für uns tragisch? Mir scheint, meine Klassenkameraden und ich haben ihn wie selbstverständlich überwunden. Wer es nicht abwarten konnte, war rechtzeitig ausgereist. Oder sind wir, die wir dageblieben sind, nicht die Regel, sondern die Ausnahme?

In drei Mercedes-Wagen mit Chauffeur wurden wir schließlich nach Hause gefahren. Sie hatten verschiedene Farben, waren aber alle S-Klasse. Einer gehörte Leva, der zweite Kolja. Und der dritte, in dem man mich nach Hause fuhr? Seit einem Monat denke ich darüber nach und weiß immer noch nicht, wen ich fragen könnte, ohne taktlos zu erscheinen ...

Übersetzung aus dem Russischen von Barbara Schweizerhof

Maria Zorkaya leitet am Moskauer Gorki-Institut die Abteilung für literarische Übersetzungen aus dem Deutschen.


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00:00 07.11.2003

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