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Buchmesse Spezial Abschotten geht nicht. Nationalstaaten haben für Mauern trotzdem auch heute noch Bedarf, schreibt Wendy Brown

Es gibt wenig, worüber man sich so einig ist, wie darüber, dass Mauern abzulehnen sind. Wenn man kein Rechtspopulist und Ewiggestriger ist zumindest. „Akteure quer über das politische Spektrum hinweg – von Neoliberalen, Kosmopoliten und Humanisten bis hin zu linken Aktivisten“, sie alle hegen „die Phantasie einer Welt ohne Grenzen“, schreibt Wendy Brown, Politikwissenschaftlerin aus Berkeley in ihrem Buch Mauern: Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Schon 2010 auf Englisch erschienen, ist der Band heute aktueller denn je. Mauern (und Zäune) sind weder das effektivste und billigste, schon gar nicht das humanste Mittel zum Zweck. Warum werden trotzdem weiter Mauern hochgezogen, von der Westbank bis in die Südstaaten der USA? Die Fragestellung führt Brown zu weitreichenden Überlegungen zum Nationalstaat im Neoliberalismus.

Rückkehr der Raubritter

Für Brown sind die neuen, sich ständig vermehrenden Mauern kein bloßes Symptom eines globalen Rechtsrucks. Mithilfe von Theoretikern wie Carl Schmitt oder Michael Hardt und Antonio Negri zeichnet sie die Geschichte der Souveränität nach, um schließlich deren Krise zu konstatieren: „Staaten reagieren auf die Bewegungen und Imperative des Kapitals“, schreibt Brown, die Autonomie des Politischen, die für das Konzept der politischen Souveränität konstitutiv sei, habe aufgehört, eine operativ wirksame oder überzeugende Fiktion zu sein.

Die Marktwirtschaft hat zwar die Politik aus dem Zentrum der Macht verdrängt, ist jedoch nicht alleine an ihre Stelle getreten. Wo der Staat seine Autonomie verliert, verliert er auch sein Gewaltmonopol. „Mit dem Schwinden der nationalstaatlichen Souveränität“ würden „ihre Inszenierungen (...) immer unverhohlener in religiöses Ornat gehüllt, schreibt Brown. Zahllose Aktivierungen politischer Macht „basieren heute auf einer eigentümlichen Mischung aus der Bereitschaft dazu, den Willen Allahs, Jahwes oder eines neutestamentlichen Gottes zu erfüllen und zugleich vage definierten liberalen demokratischen Prinzipien gerecht zu werden“.

Mauern haben beinahe etwas Nostalgisches, „ihre Körperlichkeit lässt sie wie die Rückkehr einer anderen Zeit erscheinen, einer von Festungen und Königen, von Raubrittern und Burggräben, von Guelfen und Ghibellinen“. Wenn zum Beispiel Donald Trump und seine Anhänger euphorisch „Build the wall!“ rufen, hat das mehr mit der Sehnsucht nach dem souveränen Staat zu tun als mit der realen Einwanderungspolitik. Die bereits existierenden Mauern an der Grenze zwischen den USA und Mexiko haben zwar dazu geführt, dass Migranten einen gefahrvolleren Weg durch die Wüste nehmen müssen, sie verhindern die Ströme von illegalen Einwanderern aber nicht, so wenig wie die von Drogenschmugglern. Brown zitiert einen Rancher und ehemaligen Elitesoldaten aus Arizona: Die Mauer „hält vielleicht einen fetten Gringo auf, der dauernd vorm Fernseher hockt. Aber einen, der aus Oaxaca kommt und Hunger hat und einen Job will, den hält sie nicht zurück. Sie ist ein Pflaster auf einer Schusswunde.“

Das heißt aber nicht, dass Mauern heute zwecklos sind. Ihre Funktion ist jedoch nur eine andere, als ihre Körperlichkeit suggeriert. Denn auf symbolischer Ebene produzieren Mauern „eine nationale Identität und nationale politische Wertmaßstäbe, wenn es nicht mehr gelingt, diese aus den Ideen nationaler politischer oder ökonomischer Autonomie, demografischer Homogenität oder einer gemeinsamen Geschichte, Kultur und Wertorientierung zu gewinnen“.

Die Mauer richtet sich also weniger an die Menschen, die sie ausschließen soll, sondern vielmehr an diejenigen, die mit ihrer Hilfe eingeschlossen werden. Dies ist keine neue Einsicht, und Brown behauptet es auch nicht als solche. Neu ist aber die Klarsicht, mit der sie verschiedene Thesen zur produktiven Funktion von Mauern zusammenbringt. Mauern werden gebaut, um dem Staat etwas zu geben, worüber er regieren darf.

Trotz beeindruckender Quellen von Hobbes bis Freud, mit denen die Autorin ihre Analyse stützt, finden sich die einzigen Schwächen dieses so hellsichtigen Buches gerade hier. Man fragt sich, ob Brown es sich dann nicht zu einfach macht. Gab es denn je ein Zeitalter, in dem die Souveränität des Politischen so unbestritten war? Oder wurden Mauern nicht immer vor allem auch errichtet, um das Gewaltmonopol des Staates zu repräsentieren? Vergisst die Autorin schließlich nicht auch die Rolle der Mauern für den Widerstand? Denn sie hemmen nicht nur Migration, sie symbolisieren nicht nur Souveränität, sondern bieten auch dem Widerstand eine Angriffsfläche.

So ist die Geschichte der DDR-Literatur eben auch die Geschichte „der“ Mauer: Es war eine Literatur, für die die Mauer, die den Arbeiter-und-Bauern-Staat einschloss und vom Westen trennte, immer zumindest implizit den Horizont bildete. Der in Princeton lehrende Germanist Nikolaus Wegmann schrieb deshalb einmal, dass die Mauer die Bedingung der Möglichkeit der DDR-Literatur war. Zumindest in jenem historischen Moment verkörperte diese Mauer zwar die Souveränität eines totalitären Nationalstaates, schaffte aber zur gleichen Zeit eine Kultur, die diese Souveränität immer auch in Frage stellte. Die Mauern, von denen hier die Rede ist, sind ohne Frage totalitäre Architektur, sie dienen der Unterdrückung und kosten Menschenleben. Doch stellt man ihre Sichtbarkeit der Unsichtbarkeit von Drohnen und anderen Überwachungstechniken gegenüber, so bieten Mauern immerhin die Möglichkeit des Widerstands.

Info

Mauern: Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität Wendy Brown Frank Lachmann (Übers.), Suhrkamp 2018, 260 S., 28 €

Die Bilder des Spezials

Noroc heißt Glück und Gesundheit und ist ein rumänischer Ausdruck, den man verwendet, wenn man jemandem zuprostet oder sich verabschiedet. „Noroc!“, viel mehr Kommunikation fand manchmal nicht statt zwischen dem 1984 in Brüssel geborenen Fotografen Cedric Van Turtelboom und seinen Protagonisten. Noroc ist der Titel seiner Fotoserie aus Rumänien. Das Motto: sich immer bei einem Einheimischen einzuquartieren. Van Turtelboom nähert sich mit absurdem Humor einem bizarren Land und lässt uns irgendwo zwischen Dokumentation und Wintermärchen zurück, besser gesagt: mitreisen.

Der Bildband ist in limitierter Auflage erschienen und kann über cedricvanturtelboom.com bezogen werden. Noroc, 86 Seiten, 170 x 224 mm, 30 €

Peter Kuras ist freier Autor und lebt Berlin

06:00 21.03.2018

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