Wir kleiden uns ja erst seit 70.000 Jahren!

Literatur Professor Schütz ist modisch unterwegs, versucht sich in Leichenfledderei und entdeckt das Berlin der 1950er

Die Nähmaschine schnurrte, „meine Großmutter wippte, und ich war glücklich. Das ist eine meiner frühsten Kindheitserinnerungen.“ So beginnt Katia Eichinger ihren Reigen zu Modefragen. „Mode war für mich damals etwas, was man selbst herstellt und selbst bestimmt. Erst sehr viel später verstand ich, dass eine globale Industrie dahintersteht.“ Immerhin waren damals die obligaten Schnittmusterbögen ein glänzendes Geschäft (für mich waren sie noch geheimnisvoller als Landkarten, noch weniger verständlich als Aufmarsch- und Schlachtenpläne).

Katia Eichinger beschränkt sich in ihren Essays elegant. Ihre Reflexionen gehen von persönlichen Erlebnissen aus, um unaufdringlich Informationen einzustrudeln und zu reflektierten Deutungen und Wertungen zu kommen, nicht nur in Bezug auf die Kleider- und Damenmode. Sie beginnt zwar mit profaner Streetwear und Designerhandtaschen, kommt dann aber klug und nachhaltig zu Phänomenen wie dem ubiquitären Selfie, dem allfälligen Bart oder dem Selbsttapezieren durch Tattoos. Dazu das heikle Kapitel über Mode und Politik. Nicht zuletzt führt der Weg vom Selbstgemachten zum Schnellgekauften. Beschleunigung natürlich auch hier: Dauerte es früher etwa ein Vierteljahr, bis ein neues Produkt in den Handel kam, sind es nur mehr zwei Wochen. Tendenz verkürzend. Modeketten wie Zara, Primark, H&M, Mango liefern „eine Endlosschleife an neuen Kollektionen zu Billigpreisen (…), turbo-befeuert von täglich neuen Trends der digitalen Netzwerke“.

Neigt man in der leider noch anhaltenden Ära von Primark oder H&M eher dazu, Stoffe nur als bedruckte Wegwerfprodukte zu betrachten, brachte die ein- und angebrochene Periode des Mundschutzes wieder eine gewisse Aufmerksamkeitshöhe für sie hervor. Baumwolle oder Viskose, Flies oder Mull zum Beispiel.

Ihre Welt der Farben wurde ein Bestseller, Autorin Kassia St Clair gibt uns nun Gelegenheit, die Stoffe bei der Wurzel, also der Faser zu packen. Sie führt uns durch die Zeit und um die Welt. Aus den Höhlen zu den Pyramiden, von Flachs zu Leinen, Hanf, dann Seide aus China, Wolle aus England. Sorten wie Canvas, Denim, Gabardine. Die künstlichen nicht zu vergessen: Viskose, Rayon, Nylon, Acryl, Polyester, Lycra und so fort, bis hin zu den Experimenten mit IT-Stoffen. Zugleich führt die britische Autorin durch Gender, Class and Race. Denn Stoffe herzustellen, durch Spinnen, Weben oder Klöppeln, war traditionell den Frauen auferlegte Aufgabe, während die Männer – abgesehen vielleicht von der Sklavenarbeit auf Baumwollfeldern – die Produkte handelten, auf der Seidenstraße etwa.

Stoffe dienten neben dem Schutz schon immer der Schau. Also auch zur Abgrenzung qua Privilegien oder eben Verboten. Was Priester tragen durften, Dienstboten keinesfalls. Viele Geschichten weben hier in der einen. Und das nach Art des guten Sachbuchs: plastisch, anekdotisch, aber zugleich auch mit langem Atem höchst kundig entwickelt. Nur das märchenhafte Nesselhemd fehlt – aber das ist auch eine andere Geschichte.

Mithilfe von antiquarischen Läusen, die sich darin offenbar wohlgefühlt haben, hat man herausgefunden, dass die Ahnen sich erst seit etwa 70.000 Jahren regelmäßig bekleideten. Für Fliegenlarven wiederum kann Stoff zu einer bösen Falle werden. Wie, will ich hier nicht ausbreiten. Es ist nicht sehr delikat. Jedenfalls, wenn es sich um Leichen handelt, an denen die Larven werkeln. Nun, wir sollen ja den Insekten, die gerade sehr in Mode, weil sie stark gemindert sind, etwas bessere Lebensbedingungen liefern, damit sie die unseren erhalten.

Eine sehr spezielle Weise, dies zu tun, beschäftigt den forensischen Entomologen Marcus Schwarz, von dessen Profession es zumindest nach Meinung des Leipzigers noch zu wenige gibt.

Leichen ziehen geradezu magisch Viecherlein jedweder Art an. Vor allem aber Fliegen, deren Larven sich dann schnell gütlich tun. Dort wo Tod und Leichenbeseitigung eher ungeregelt vonstattengehen, ist Schwarz „Exot am Tatort“. Er wirbt für seine Profession, indem er in coolem Kurzsatzstil, gespickt mit Allerweltlichkeiten wie: „Leben bedeutet permanenter Wandel, der Tod ebenso“, von allerlei Tödlichkeiten ex post berichtet, bei deren Aufklärung er der Kriminalpolizei behilflich sein konnte. Dabei erfährt man nach und nach so ziemlich alles über Lebenszyklus, -räume und -formen von Fliegen, aber auch Käfern, Hornissen und Ameisen.

Auch Architektur hat ihre Moden. Schweigen wir von der Mövenpick-Ästhetik oder den allfälligen Schießscharten. Nähern wir uns mit Andacht jenen mythischer und mythischer werdenden Fuffzigern. Detlef Bluhm hat das für uns in Berlin getan, die Mode der Zeitlosigkeit von damals mit der Kamera von heute besichtigt. Außen und innen. Kunstfassaden und Kunscht am Bau. Sein Fotoband enthält Faszinierendes, Nostalgisierendes, Gruselndes und ist voller Überraschungen.

Info

Mode und andere Neurosen: Essays Katja Eichinger Mit Fotografien von Christian Werner, Blumenbar 2020, 206 S., 20 €

Die Welt der Stoffe Kassia St. Clair Marion Hertle (Übers.), Hoffmann & Campe 2020, 415 S., 26 €

Wenn Insekten über Leichen gehen. Als Entomologe auf der Spur des Verbrechens Marcus Schwarz Droemer Knaur 2020, 286 S., 16,99 €

Die Architektur der Fünfzigerjahre. Ein fotografischer Streifzug durch Berlin Detlef Bluhm bebra 2020, 192 S., 173 farbige Abb., 32 €

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06:00 28.06.2020

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