Wir klopften auf Trabbis

Zonenrand Wir lebten an der Grenze, in Lübeck. Für uns lag kein Land ferner als die DDR. Dann kam der 9. November 1989
Klaus Ungerer | Ausgabe 45/2019 14

Ich bin aufgewachsen, wie man sagt, „im Schatten der Mauer“. Nur dass die Mauer über weite Strecken gar keine Mauer war. Sondern ein Zaun. Der zog sich, bestialisch gesichert, über Hunderte von Kilometern und begann in meiner Heimatstadt Lübeck. Er begann dort, wo wir im Sommer am Strand spielten, auf dem Priwall, einer Halbinsel, die schon auf der Ostseite der Trave lag, aber zur BRD gehörte. Der Priwall war für uns nur mit einer Fähre über die Trave erreichbar. Für die Menschen hinterm Zaun war er gar nicht erreichbar. Jeder Versuch, sich zu uns an den Strand zu legen, wäre mit Erschießen bestraft worden, dafür sorgten Grenzer, die sich ihr langweiliges Dasein damit vertrieben, von ihrem Türmchen aus mit dem Fernglas unsere Freizeitgestaltung zu bestaunen.

Die Zeit, in der wir aufwuchsen, erschien uns als ausgemacht friedvoll. Heiß tobte der Krieg der Systeme anderswo, in Stellvertreterkonflikten, hier in Europa hatte man vom Gemetzel fürs Erste genug, auch war unsere Weltregion zu sehr von wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung: Atomraketen beschirmten unsere Seelenruhe. Solange wir an die nicht dachten, war es eine schöne, nur ein bisschen seltsame, nur ein bisschen spießige, bleierne Zeit.

Dass man froh sein konnte, heilfroh, in Friedenszeiten zu leben, war einem in Lübeck so klar wie nur was: Es war die erste Stadt, die einem alliierten Flächenbombardement zum Opfer fiel, Palmsonntag 1942, hier übte Bomber Harris. Weite Teile der hutzligen, mittelalterlichen Backstein-Altstadt brannten zu Trümmern, ein Kumpel von mir hatte einen Onkel, der nach dem Krieg hoch oben auf den Türmen der Kirchen herumturnen musste, damit die wieder Dächer bekamen. Zweitens hatte Lübeck durch den Krieg einen massiven Bevölkerungsanstieg erlebt: Von 250.000 im Jahr 1946 waren ungefähr 90.000 Flüchtlinge aus dem Osten, 90.000 Geschichten voller Leid und Verlust, die selten erzählt wurden und die doch als eine subkutane Frustration in der Seele der Stadt lebendig blieben.

Drittens hatte Lübeck, was uns nicht klar war, durch den Ausgang des Krieges einen großen Teil seines historischen Umlands verloren: Die Verbindungen ins benachbarte Mecklenburg hinüber waren vielfältig und rege gewesen, auch der eine oder andere Vorfahr aus meinem Stammbaum war zugewandert von dort, jetzt stand an der Stadtgrenze dieser Zaun und dämmerten zwei Grenzübergänge auf lübischem Stadtgebiet, in Schlutup und Eichholz, beide kaum je benutzt. Der Zaun generierte, was Douglas Adams als PAL-Feld beschrieben hat: einen Ausschnitt der Welt, den man unbewusst als „Problem anderer Leute“ einordnet und so von der aktiven Wahrnehmung ausschließt.

Dank der DDR hatten wir einen zusätzlichen Fernsehsender, der uns als Guckfenster in die Puppenstube Ost diente, wo eine seltsame, plüschig-erstickende Beschaulichkeit aufgeführt wurde: Die Topmeldungen der Aktuellen Kamera waren immer wieder zum Kringeln, wenn etwa die streng topffrisierte Frau dort mit heiligem Ernst die neuesten Produktionszahlen verlas.

Auch vergnügte uns, wenn auch nie lange, Karl-Eduard von Schnitzler: Noch aus dem Fernseher nach Mottenkugeln riechend, mit der selbstgefälligen Süffisanz eines sadistischen Oberstudienrats, spielte er Ausschnitte aus dem Westfernsehen vor, aus denen nur eins klar wurde: Im Westen gab es so etwas wie eine Meinungsfreiheit, nebst natürlich gesellschaftlichen Problemen, über die dann dort berichtet wurde. Diese halb komische, halb gruselige Infantilisierungskampagne, mit der das DDR-Fernsehen die Menschen bearbeitete, schreckte uns fast mehr von ihrem Land ab als die Unfreiheit mit der Aussicht, beim versuchten Grenzübertritt erschossen zu werden.

Heinz-Florian Oertel (s/w)

Es gab wenige Dinge dort, die uns für die DDR einnahmen in ihrer schwarz-weißen Fernsehwelt, die tschechischen Serien kamen ja auch bei uns, in Farbe, eigentlich gab es nur zwei Gründe, dorthin zu schalten: die gern vorgezeigten, köstlichen sozialistischen Brüste des Fernsehballetts und die samstägliche Fußballberichterstattung mit dem Filou Heinz-Florian Oertel und grandiosen Vereinsnamen: Robotron Sömmerda! Aktivist Schwarze Pumpe! Kernkraftwerk Greifswald! Wie wohl die Anfeuerungen des Publikums klängen? Kern! Kraft! Werk! Kern! Kraft! Werk! So vielleicht?

Wir schauten herab auf das Kuriosum DDR. Kumpels hatten Cousins im Osten, die sich über alte Bravos freuten. Oder bisschen Schokolade. Ich war nur einmal im Ostblock, 1986, mit der 11. Klasse in Prag. Die Tage dort brachten unsere schlimmsten Seiten zum Vorschein. Wir waren jung, plötzlich reich, wussten selber, dass wir jetzt gerade scheiße waren. Aber wir waren durchgängig betrunken, verteilten großkotzigste Trinkgelder, weil Geld für uns nach dem Schwarzumtausch ein Witz war, einheimische Jugendliche fragten uns, ob sie unsere Plastiktüten haben könnten, oder Cola-Dosen. Wir warfen Süßigkeiten aus dem Fenster, aus Spaß, torkelten durchs KZ Theresienstadt. Wir schämten uns nur ganz tief drinnen und tranken weiter, Krimsekt aus Flaschen. Die Arroganz erwuchs aus den Verhältnissen. Sich den Leuten im Osten nicht überlegen zu fühlen, so auf den ersten Blick zumindest, war unmöglich. Sie waren so armselig, sie waren so provinziell. Wir waren wohlhabend, weltläufig und frei oder kamen uns doch so vor.

Dass das für immer so sein würde, war uns völlig klar. Die Mauer, die ein Zaun war, hatte ein festes Fundament in unserem Denken, sie war länger da als wir und würde folglich immer da sein, und jeder weltfremde CDU-Politiker, der dann und wann irre von einer Wiedervereinigung schwärmte, gab uns Jugendlichen Anlass zu überlegenem Spott. Als die Festgefügtheit der Welt zu bröckeln begann, nahmen wir es mit mäßigem Interesse und einer gewissen Freude zur Kenntnis: Die Freiheit (TM) würde eben nicht aufzuhalten sein! Wir waren kapitalistische Subjekte, weitestgehend unpolitisch, un-utopisch. Wir hatten kein originäres Eigeninteresse an einer umbrechenden Weltordnung, auch wenn wir Chinesen, Polen, Rumänen und so weiter mit Wohlwollen zusahen, wie sie für eine Freiheit zu kämpfen schienen.

Vokuhila-Menschlein

Politik beschränkte sich meist auf kleinliches Geschacher: Eigenheimzulage, Rente. Gewerkschaftler in Plastiktüten standen jedes Jahr auf den Straßen und wollten mehr Geld. Mehr Geld, noch mehr, als man eh schon hatte, das war die einzige Utopie, die uns Westdeutschen einfiel. Ich arbeitete als Zivi im Altenheim. Ich weiß noch, wie für einen raren Moment das Politische eindrang ins Pausenzimmer. „Ach, und Peking, schrecklich, oder?“, sagte eine Kollegin. „Ja, schrecklich“, sagte eine andere, „da darf man gar nicht drüber nachdenken.“ Dann wurde wieder über die Reinigung des Swimmingpools geredet oder dass man jetzt immer Kaffeepulver in den Staubsaugerbeutel tut, dann riecht die ganze Wohnung beim Saugen nach Kaffee. Die Welt war da draußen, weit weg. Die Armen würden arm sein, aber nicht hier. Die Unterdrückten würden unterdrückt sein, aber nicht hier.

Eines Abends rief ein Kumpel an, es war der 9. November 1989. Die Mauer sei offen. Die würden jetzt alle rüberkommen. Wir müssten nach Schlutup fahren und gucken. Eigentlich war man ja mit allem möglichen anderen Zeug beschäftigt gerade, so mit 20, aber das konnte man sich ja doch nicht entgehen lassen. Wir fuhren also nach Schlutup. Wo wir nie hingefahren waren. Weil es nie einen Grund gegeben hatte. Weil dort immer das Ende der Welt gewesen war.

In Schlutup fand die Wiedervereinigung statt. Die Wiedervereinigung sah so aus, dass kleine urige Autos zwischen Menschen hindurchfuhren, und die Menschen am Straßenrand klopften auf die kleinen Autos, jubelten, johlten und spendeten ihnen Beifall. Aber warum Beifall? Dass diese Autos überhaupt fuhren? Die DDR-Leute ganz alleine den Weg gefunden hatten? Man stand da und klatschte, wie die Eltern bei einer Kita-Theateraufführung. Ein paar Deutschlandfahnen waren am Start, die wieder vorgezeigt wurden, seit Boris Becker ein Daviscupmatch in den USA gewonnen hatte und mit der Flagge im Kreis um den Tennisplatz gelaufen war.

Die kleinen Autos ruckelten davon, und neue kleine Autos kamen nach, in denen kleine beschnauzte Vokuhila-Menschlein zusammengekauert saßen. Eigentlich war man froh, dass sie nicht ausstiegen, denn ihre plötzliche Freiheit war ja nicht unsere, ihre Leben waren nicht unsere gewesen. Das waren jetzt die Leute, die im Kessel Buntes gelebt hatten, die Leute, die man nicht wirklich für real halten konnte. Es war etwas Narzisstisches in dieser unserer Willkommensfeier, in der die willkommen Geheißenen hinter Glas und rumpelig in Fahrt blieben. Tröten, Grölen, auf Blech klopfen, niemand wurde umarmt, wieso auch. Die Ostdeutschen waren uns ja egal gewesen, da mochte Hans Rosenthal noch so oft im ZDF an die Brüder und Schwestern im Osten erinnern. Wir freuten uns ein wenig für sie, und wir bestaunten sie in ihren Klamotten aus der Altkleidersammlung, und sie hatten, wie ich später lernen sollte, oft so eine bescheidene, zutrauliche, familiäre Freundlichkeit, dass man Angst um sie bekam: Ihre Naivität würde sie in einige Messer rennen lassen in unserem ach so freien, abgezockten Westen. Einer von den Trabbileuten hatte das Fenster runtergekurbelt, wir wechselten ein paar Worte, und da mir schon merkwürdig zumute war, sagte ich zu ihm, mit Blick auf die Fahnen und das Jubeln: Die sind nicht immer so.

Bananen auf Kühlerhauben

Im Feiern erschienen meine Westdeutschen mir fremder als je. Ihre Grenzparty hatte so etwas Herablassendes, Gönnerhaftes, im Grunde waren sie froh, die kleinen Autos wieder davonbrausen zu sehen. Hätte denn jemand ein paar Ossis zu sich nach Hause eingeladen? Hatte irgendjemand auch nur umzusetzen versucht, was bald offiziöse Rhetorik wurde: Hier wachse nun zusammen, was zusammengehöre? Auf Trabbis klopfen, das ging noch an, den Ostdeutschen aber wirklich zu begegnen, sich ihre Geschichten anzuhören, das wäre des Guten zu viel gewesen. Dies hier war nun unsere Party, dies war unser Triumph, der Triumph des Westens, die Ossis sollten ruhig erst mal nach Lübeck reinfahren und zum Friseur gehen.

In den folgenden Wochen waren die Gehwege in der Lübecker Altstadt mit Trabbis und Wartburgs zugeparkt, und es war eine Zeit lang gute Sitte, den Autos kleinere Geldscheine unter die Scheibenwischer zu stecken und Bananenstauden auf die Kühlerhauben zu legen. Das ging ein paar Wochen gut. Dann war die Feierlaune endlich aus den Wessis gewichen, und sie wurden wieder normal. Im Altersheim ging das Gemaule los: Die parken überall die Fußwege voll. Die stinken, die Trabbis! Irgendwann muss ja auch mal gut sein. Begrüßungsgeld kriegen die auch noch! Lass es vier Wochen gewesen sein. Maximal. Dann waren sie wieder die Alten. Neidzerfressen, geldfixiert, unfroh. Es war ja schließlich ihr Geld, es war ja schließlich ihr Westen. Bürgersteige den Bürgern! Die deutsche Teilung war ihnen eine göttliche, gerechte Ordnung gewesen: sie hier, reich, die Ossis drüben, weggeschlossen bei Honni und Pittiplatsch. Jetzt geriet das alles ins Wanken, ohne dass sie irgendeine Schuld auf sich geladen hätten.

Es war bodenlos. Die Saturiertheit und die Selbstgerechtigkeit waren bodenlos. Die Verantwortungslosigkeit der Politik und der Medien auch. Die Teilung, daran war irgendwie der Russe schuld. Gut, dass er nun klein beigegeben hat! Dass die deutsche Teilung die wirklich extrem harmlose Konsequenz aus dem schrecklichsten Kollektivverbrechen aller Zeiten war und dass man das ganze verkackte Deutschland auch hätte einstampfen können, statt für ein paar Jahre einen Zaun draufzustellen – das war den Menschen aber so was von wumpe. Sie hatten ihr Eigenheim, sie hielten die Straßen schön sauber. Die Ossis sollten gefälligst drüben bleiben. Die im Westen hatten den Nachkrieg gewonnen. Welthistorie my ass.

Bodenlos auch die an Dummheit grenzende Naivität der Ossis, denen man jetzt Autos und D-Mark vor die Nase hängte. Eine überwiegende Mehrheit konnte sich offenbar nichts Tolleres vorstellen, als richtige Wessis zu werden. Die CDU setzte voll auf den Bauerntrick und plakatierte den Osten zu mit „Wohlstand für alle“. Die Ossis fielen darauf rein: Mit Riesenvorsprung wurde diese CDU zur stärksten Partei und die DDR endgültig zur Liquidation freigegeben. Die neuen demokratischen Kräfte, die der Wende den Weg bereitet hatten und auf die die Ostdeutschen hätten stolz sein können, mit denen sie ihr Land hätten entwickeln können, warfen sie in die Tonne. Ihre Biografien warfen sie in die Tonne. Heute jammern sie drüber, zu Recht.

Ganz ehrlich: Ich habe es damals nicht verstanden. Ich verstehe es bis heute nicht. Warum man den Menschen nichts erklärt hat, im Westen nicht und nicht im Osten: dass sie alle jetzt verdammt noch mal ein bisschen Demut üben könnten, dieses Volk des Holocaust und der Weltkriege, Demut und noch mal verfickte Demut, statt mit Gaströten an der Grenze rumzupupsen, statt „Deutschland, Deutschland“ zu rufen. Innerlich trat ich noch ein Stück weiter zurück aus dieser Nation, in jenen Wochen der Wiedervereinigung.

Meine eigene sah etwas anders aus. Bei einem Leserwettbewerb der Lübecker Nachrichten hatte ich Fußballtickets gewonnen. FDGB-Pokal, Halbfinale: Dynamo Schwerin gegen Lok Leipzig. Ich schnappte mir einen Kumpel, wir fuhren los. Und nun, hinter der Grenze herumkutschierend, verstand ich, worüber ich mir nie Gedanken gemacht hatte: Die Leute hier oben in Mecklenburg, sie hatten einen Schnack, der unserem ganz ähnlich war. Ein bisschen härter, ein bisschen ländlicher, aber doch unverkennbar norddeutsch. Die lübische Backsteingotik ging hier weiter. Und die Fans im Schweriner Stadion, sie riefen zu meiner Überraschung: Sachsen raus! Sachsen raus!

Da erst begriff ich: Die „Ostdeutschen“, die in meiner Vorstellung vermutlich alle mehr oder weniger sächsisch gewesen waren, die gab es ja gar nicht. Hier oben, das war der Norden, wie zu Hause, as to hus, wie in Lübeck, in Lüneburg, Bremen, Hamburg. Der von mir stets geliebte Landstrich, er ging hier noch weiter, die ganze Ostseeküste entlang, bis Polen! Das war für mich kein Nationalpathos, kein Fahneschwenken, kein Bemühen um Einheit, wo doch fremde Völker aufeinanderprallten. Das war eine Selbstverständlichkeit. Ich fuhr nach Schwerin, ich fuhr nach Wismar, Rostock, Stralsund. Überall fühlte ich mich zu Hause. Das war keine Wiedervereinigung, das war nur eine Wiedereröffnung von etwas, das schon immer zu einem gehört hatte, oder umgekehrt, ganz egal, ob da nun irgendein Idiot mal einen Zaun hingestellt hatte. Denn was ist schon ein Zaun gegen ein Meer?

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

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06:00 10.11.2019

Ausgabe 44/2020

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