Wir können Wolken werden

Verwandlungen In seinen ungewöhnlichen Essays lehrt uns Eliot Weinberger das freie, wilde Denken
Sabine Peters | Ausgabe 37/2017 1
Wir können  Wolken werden
„Vogelgeister“ sammelt Bruchstücke aus der Kulturgeschichte und ordnet sie spielerisch neu

Foto: Tim Sloan/AFP/Getty Images

Weltwissen über Steine: „Im Fluss Mäander ist ein Stein namens Sophron. Wem du ihn in den Schoß wirfst, wird wahnsinnig und ermordet seine Verwandten.“ In Japan: „Felsblock auf geharktem Sand. Der Schatten, den er wirft.“ Sankt Fillan, der in Irland im 8. Jahrhundert mit einem Stein im Mund geboren wurde, konnte die Bibel im Dunkeln lesen, denn sein linker Arm verströmte Licht. Der amerikanische Essayist Eliot Weinberger ist ein Freigeist, der auf berückende Weise das Denken und das Fantasieren zusammenbastelt und dabei Verbündete aus aller Welt und aus allen Zeiten findet. Auch in seinem neuen Buch Vogelgeister sammelt er Bruchstücke aus der Kulturgeschichte und ordnet sie spielerisch neu.

Überall und immer erzählen Menschen sich Geschichten, ergänzen und deuten andere Geschichten; sie entwickeln Rituale. In Teilen des alten Indiens gehörte es sich, dass junge Mädchen einen Frosch heirateten. Die Trauung folgte einer festgelegten Zeremonie; danach wurde der Frosch in einen Teich entlassen. Das Mädchen durfte anschließend einen Mann heiraten. Warum war das so? Antwort: So war es schon immer. Das Eingeständnis, keinen Grund für tradiertes Verhalten zu wissen, kann entwaffnen. Es kann natürlich auch als herrische Form der Abwehr funktionieren: Traditionen dürfen nicht in Frage gestellt werden. Sätze deuten die Welt, sagen etwas über den Sprecher, sie machen Stimmung, sie stimmen auf künftige Vorhaben ein.

Weinbergers Prosagedicht Was ich hörte vom Irak von 2005 zitierte die Aussagen verschiedener US-Politiker zum Irak; eine bestürzende Abfolge von Behauptungen und Lügen. Sie dienten schließlich als Rechtfertigung des Kriegs. Weinbergers dokumentarische Poesie wurde in 30 Sprachen übersetzt, sie war am Puls der Zeit. Hat diese Arbeit etwas mit den jetzt erschienenen Vogelgeistern gemeinsam? Durchaus: Die Gemeinsamkeit liegt in seinem Verfahren, Aussagen über die Welt neben- und gegeneinander zu stellen. Der Autor nimmt sich dabei selbst zurück, er kommentiert fast nie, sondern lässt vorgefundene Mitteilungen miteinander sprechen und streiten. So einfach und unbefangen die Texte einherkommen, die Lektüre macht Arbeit. Eine Arbeit allerdings, die sich mit dem Kinderspiel vergleichen lässt. Spielen erfordert Aufmerksamkeit, Offenheit, Neugier.

Schöpfungsmythen wandern durch die Welt, durch die Zeit, durch entstehende Ordnungen. Und sie erzählen eben nicht nur, sie werden interpretiert. So stellt Weinberger beiläufig fest, dass die Organisation der Kirche nicht den ersten Mord in der Menschheitsgeschichte – Kain erschlägt Abel –, sondern den Ungehorsam gegen Gott für die Ursünde hält. Da kann man über den autoritären Charakter von Institutionen nachdenken.

Vögel, die uns imitieren

Der titelgebende Essay Vogelgeister, der von den Bildern des Maori-Künstlers Shane Cotton inspiriert wurde, horcht Vögeln nach, die ihren eigenen Namen rufen, die Menschengerede imitieren und die umgekehrt von ihnen nachgeahmt werden. Die Welt ist aus Beziehungen gemacht und Menschen stricken mit an diesem komplizierten Netz.

Weinbergers Sammelsurium ist aber nicht geeignet, um in einer Ratesendung mit Skurrilitäten zu punkten. Die Essays entziehen sich der Verwertungslogik. Sie ergänzen das dichotomische Entweder-oder-Denken durch ein an den Ethnologen Lévi-Strauss erinnerndes „wildes“ Denken. Fügen hinzu, statt abzugrenzen. Sie verwandeln, statt festzuklopfen. Menschen können Wolken werden. Dabei gelingt etwas, das utopische Züge, also keinen Ort hat: Gegenstände, Phänomene und Lebewesen werden auf sehr demokratische Weise in all ihren Äußerungen für wert gehalten. So gewinnen sie die Würde von Subjekten.

Info

Vogelgeister Eliot Weinberger Beatrice Faßbender (Übers.), Berenberg 2017, 160 S., 22 €

06:00 10.10.2017

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 1