Wir kommen nicht raus!

Die vergessene Geschichte der Sinti und Roma Hugo Höllenreiner, einer der wenigen Überlebenden, berichtet über den Aufstand in Auschwitz-Birkenau im Mai 1944

Wenig ist bekannt über die Verfolgung der Sinti und Roma in der NS-Zeit. Auch aufgrund der fortgesetzten Diskriminierung nach dem Krieg gibt es kaum persönliche Berichte. Erst 1998 hat der Aufstand im "Zigeunerlager" Auschwitz Eingang gefunden in die Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

"Der Papa wusste ja, dass wir alle mit dabei waren, aber es ist nie drüber gesprochen worden. Nie. Und ich hab auch Angst gehabt, ich hab einen Kloß im Hals gehabt. Wenn er drüber gesprochen hätte, vielleicht hätte ich dann auch gesprochen, ich weiß es nicht." Erst vor wenigen Jahren hat der heute 70-jährige Sinto Hugo Höllenreiner begonnen, bei Gedenkfeiern und in Schulklassen über das zu sprechen, was er und seine Familie in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft zu erleiden hatten.

Als er neun Jahre alt war, wurden er, die Eltern und fünf Geschwister, die Großeltern, mehrere Onkel und Tanten sowie deren Kinder, von München nach Auschwitz deportiert. Von einem Tag auf den anderen war die Kindheit vorbei. An die Jahre davor erinnert er sich nur noch vage. Er weiß noch, dass in der Pogromnacht 1938, da war er fünf, der Pferdestall und die Leiterwagen seines Vaters angezündet wurden. Die Pferde konnten sich losreißen. Sie waren die Existenzgrundlage der Familie, der Vater handelte mit Pferden und arbeitete als Fuhrunternehmer in München-Giesing. Ein Jahr später wurde er enteignet und zur Wehrmacht eingezogen, die Mutter blieb mit den Kindern mittellos zurück. Im Februar 1941 ordnete das Reichssicherheitshauptamt an, "daß Zigeunermischlinge mit auffälligem Einschlag von Zigeunerblut für die Ableistung des aktiven Wehrdienstes nicht geeignet sind." Der Vater wurde im November 1941 aus der Wehrmacht entlassen und musste zur Zwangsarbeit in den Straßenbau. Im Juli 1942 wurden auf Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht dann alle Sinti und Roma aus der Wehrmacht ausgeschlossen.

Eines Nachts im März 1943 umstellten Polizisten das Haus und holten die Familie aus dem Schlaf. Sie wurde ins Polizeipräsidium gebracht, von dort in Viehwaggons gepfercht und ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Als Hugo die Inschrift "Arbeit macht frei" las, dachte er: "Mein Papa kann arbeiten. Der holt uns hier raus." Aber als er miterlebte, wie brutal die SS-Männer zuschlugen und das Hungern begann, starb die Hoffnung.

Im "Zigeunerlager" gab es kaum zu essen und kein Trinkwasser. Tausende von Menschen starben an Unterernährung, Krankheiten, den Misshandlungen der SS. Der kleine Hugo hatte jedes Zeitgefühl verloren. "Man denkt nur jede Minute, jetzt habe ich überlebt."

Doch an einen Tag vor 60 Jahren erinnert er sich noch genau. Von der Baracke aus konnten sie durch die Ritzen des Oberlichtes die Rampe beobachten, wo Züge mit unzähligen Menschen ankamen, die oft direkt in die Gaskammern geschickt wurden. Die Sinti und Roma wussten, dass die SS dort jeden Tag Menschen ermordete. Hugos Vater musste die zurückgelassenen Sachen einsammeln, ein anderer Sinto die Toten aus den Gaskammern räumen. Und täglich sahen sie, wie die Flammen aus den Schornsteinen der Krematorien schossen - über dem ganzen Lager hing der Geruch von verbranntem Menschenfleisch.

Am 15. Mai 1944 beschloss die Lagerleitung, das "Zigeunerlager" aufzulösen und alle Insassen umzubringen, um Platz für ungarische Juden zu schaffen. Laut Auschwitz-Kalendarium von Danuta Czech sei der Führer des "Zigeunerlagers", SS-Mann Bonigut, gegen die Entscheidung gewesen und habe einige Blockälteste gewarnt, damit sie sich nicht lebend auslieferten. Am Abend des 16. Mai wurde "Blocksperre" angeordnet, niemand durfte die Baracken verlassen. Hugo Höllenreiner erinnert sich: "Es hat geheißen, das ganze Lager wird vergast. Wir waren hinten, von uns aus gab es noch drei Baracken. Das waren Zugangsblöcke für die Neuankömmlinge, wo ihnen die Nummern auf den Arm tätowiert wurden, bevor sie in andere Blöcke kamen. Die drei Blöcke waren voll mit ungarischen Roma. In der Nacht kamen die Lastwagen rein, haben umgedreht, die Menschen aufgeladen. Die wussten ja nicht... die haben sich ohne weiteres aufladen lassen. Dann sind die Lastwagen einer nach dem anderen rausgefahren, zum Krematorium, da sind die Leute vergast worden. Ein Block war leer, der nächste, der nächste, jetzt ist der Lastwagen bei uns vorgefahren, gebremst, stehengeblieben. Am Eingang ganz oben war unser Schlaflager. Mama hat uns alle festgehalten: ›Bleibt alle hier, bleibt alle hier.‹ Ich habe oben gebibbert, wir haben ja gewusst. Ich habe von der Buchse runtergeschaut und Papa stand unten, gerade, mit dem Pickel in den Händen, und einer seiner Brüder mit einem Schaufelstiel, einer links, einer rechts. Dann kam noch ein kleinerer Mann dazu. Draußen gingen sie auf das Tor zu, bestimmt sieben, acht Mann. Der Papa hat einen Schrei losgelassen. Die ganze Baracke hat gezittert, so hat er geschrieen: ›Wir kommen nicht raus! Kommt ihr rein! Wir warten hier! Wenn ihr was wollt, müsst ihr reinkommen!‹ Die blieben stehen, es war still. Nach einer Weile kam ein Motorrad angefahren, die unterhielten sich draußen. Dann sind sie weggefahren, der Lastwagen ist weitergefahren. Wir haben alle aufgeatmet. Die anderen sechs Brüder von Papa waren in anderen Blöcken. Jeder in seinem Block hat sich mit einem Werkzeug in der Hand vorn hingestellt und gewartet, bis einer kommt. Sie haben es sich später erzählt. Onkel Konrad muss auch so geschrieen haben: ›So leicht machen wir es euch nicht! Kommt nur rein!‹ Wir haben Freudensprünge gemacht. Da bin ich heute noch stolz drauf, das hat es selten gegeben, dass sich die Leute gewehrt haben."

Auch andere Überlebende berichteten von diesem Vorfall. Manche hatten ihre Baracke verbarrikadiert, manche hielten Knüppel, Messer oder hatten sich aus Blechstücken Messer geschliffen. "Die Sinti wollten sich noch einmal wehren. Wenn die SS aufgemacht hätte, hätte sie höchstens reinschießen können. Aber von ihnen wären auch ein paar umgebracht worden. Wir haben gewusst, vielleicht machen sie was Neues, aber so leicht nicht. Weil sie merken, die Sinti kämpfen und von ihnen gehen auch ein paar drauf."

In der Folgezeit holte die SS die Arbeitsfähigen heraus und schickte sie in andere Lager. Alle, die in der Wehrmacht waren, konnten sich zum Krieg melden, ihnen wurde versprochen, dass ihre Familien dann freigelassen würden. Hugo Höllenreiner und sein Bruder bekamen davon nichts mit, sie waren inzwischen zu Dr. Mengele gebracht worden, der brutale medizinische Versuche durchführte. Beide dachten, sie würden nicht überleben. Da ihr Vater sich zur Wehrmacht gemeldet hatte, entkamen sie einmal mehr dem Tod. Freigelassen wurde die Familie jedoch nicht, sondern mehrfach "auf Transport" geschickt. Hugo Höllenreiner überlebte Ravensbrück, Mauthausen und schließlich das Hungerlager Bergen-Belsen.

Erst nach der Befreiung erfuhr er, dass die in Birkenau verbliebenen überwiegend Schwachen, Alten, Frauen und Kinder am 2. August 1944 in den Gaskammern ermordet wurden. Augenzeugen berichteten, dass die Menschen sich bis zum Schluss verzweifelt wehrten und sogar einzeln und mit bloßen Händen SS-Männer angriffen. Allein die Familie Höllenreiner hat 36 Mitglieder verloren. Aber der elfjährige Hugo, seine fünf Geschwister und die Eltern überlebten.

Als die Familie nach München zurückkehrte, waren alle krank, manche von ihnen noch jahrelang. Sie litten unter seelischen und physischen Verletzungen, den Folgen von Misshandlungen, Zwangssterilisation, Kälte und Hunger. Die Angst wurden sie nie mehr los. Seitdem Hugo Höllenreiner über das Geschehen spricht, hat er nicht mehr ständig den Kloß im Hals. "Meine Geschwister freuen sich, dass ich drüber spreche, aber sie wollen nicht, dass ich mit ihnen drüber spreche. Sag das, wie du es denkst, dass es nicht in Vergessenheit gerät, aber wir können nicht. So hat es die Mama zu mir gesagt. Ich ärgere mich heute, dass ich nicht schon 20 Jahre vorher drüber gesprochen habe. Aber es ging nicht - es ging nicht."

Zu groß war die Angst davor, dass die Verfolgung sich wiederholen könnte. Auch heute noch geht es ihm jedes Mal schlecht, bevor er anfängt zu erzählen, und immer noch hat er Alpträume. Doch er will weitermachen, junge Menschen sollen erfahren, was den Sinti und Roma angetan wurde und daraus Konsequenzen für heute ziehen: "Wir müssen vorsichtig sein bei dem, was wir heute in unserer Gesellschaft erleben. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht wieder Menschen ausstoßen oder ausgrenzen, weil wir vielleicht ihre Lebensart oder Religion nicht verstehen. Weil sie für uns fremd sind. Indem ich meine Erfahrungen schildere, will ich daran erinnern, was passieren kann, wenn Menschen erst ausgegrenzt und dann verfolgt werden, ohne dass irgend jemand wachsam ist, ohne dass sich irgend jemand den Verfolgern in den Weg stellt."

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Chronik der Entrechtung

14. Juli 1933 Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ebnet den Weg zu Zwangssterilisationen von Sinti und Roma.

15. September 1935 Die Nürnberger Rassengesetze stellen Sinti und Roma als "außereuropäische Fremdrasse" in der gesetzlichen Behandlung den Juden gleich.

3. Januar 1936 Innenminister Frick in einer vertraulichen Mitteilung: "Zu den artfremden Rassen gehören in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner".

1936 Die erste Deportation von 400 Sinti ins KZ Dachau. Sinti und Roma sowie Juden wird das Wahlrecht entzogen. Reichsweite Erfassung sämtlicher Sinti und Roma.

November 1936 Gründung der "Rassenhygienischen Forschungsstelle", die unter der Leitung von Dr. Robert Ritter durch "Rassengutachten" aller deutschen und österreichischen Sinti und Roma die Grundlage für den Völkermord bildet.

Ab 1937 Berufsverbote, Ausschluss aus dem öffentlichen Leben.

1938 Erste große Verhaftungsaktionen, auch Sinti und Roma werden Opfer der Pogromnacht am 9. November.

1939 Sinti und Roma werden ihres Besitzes beraubt und enteignet, sie müssen wie Juden 15 Prozent "Rassensondersteuer" zahlen. Viele Sinti werden zur Wehrmacht eingezogen; unter Eichmann wird damit begonnen, Sinti und Roma in Ghettos, SS-Arbeitslager und zum Aufbau der Konzentrations- und Vernichtungslager in den Osten zu verschleppen.

Mit dem "Festschreibungserlaß" dürfen Sinti und Roma den Ort, an dem sie sich gerade befinden, nicht mehr verlassen; bei Erschießungen in den besetzten Ländern wird zwischen Juden und Roma kein Unterschied gemacht.

16. Dezember 1942 Himmlers "Auschwitz-Erlass": "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft (....) (sind) in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen".

Frühjahr 1943 22.600 vor allem deutsche und österreichische Sinti und Roma werden in das "Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau deportiert, unzählige weitere in andere Konzentrationslager.

16. Mai 1944 Die geplante Auflösung des "Zigeunerlagers" und Ermordung der 6.000 Überlebenden scheitert an deren Widerstand. In der Folge wird etwa die Hälfte der Menschen in andere Lager deportiert oder zur Wehrmacht eingezogen.

2. August 1944 Die verbleibenden 2.897 Sinti und Roma werden in den Gaskammern ermordet. Allein in Auschwitz-Birkenau starben 19.300 Sinti und Roma, mehr als 5.600 durch Gas, über 13.600 an den Folgen der Zwangsarbeit, an Seuchen, Unterernährung, Misshandlungen und Menschenversuchen. Nach Schätzungen von Historikern fielen ca. 300.000 - 500.000 Sinti und Roma den Nazis zum Opfer. Ein großer Teil der wenigen Überlebenden war von Mengele und anderen KZ-Ärzten zwangssterilisiert worden.

Nach 1945 beginnt eine erneute Entrechtung: Die meisten Sinti und Roma werden von Behörden und Amtsärzten um eine "Wiedergutmachung" betrogen. Dr. Ritter und seine Mitarbeiter (Eva Justin, Adolf Würth u.a.) werden nie gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Im kollektiven historischen Gedächtnis kommen Sinti und Roma jahrzehntelang als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nicht vor. Im Gegenteil - sie werden im Nachkriegsdeutschland weiter diskriminiert und ausgegrenzt. Erst in den siebziger Jahren rückt das an den Sinti und Roma geschehene Unrecht allmählich ins öffentliche Bewusstsein.

1991 kommt es zur ersten und einzigen Verurteilung im Zusammenhang mit dem Völkermord an Sinti und Roma. Ernst-August König, SS-Mann und Blockführer im "Zigeunerlager", wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Seit 1994 erinnert der Bundesrat alljährlich mit einer Ansprache des jeweiligen Präsidenten der Länderkammer an den 16. Dezember 1942.

00:00 07.05.2004

Kommentare