Wir können auch anders

Anthropologie Erdbeben, Hurrikans und Fluten sind schrecklich, bringen aber das Gute im Menschen hervor, meint die Autorin Rebbeca Solnit

Eine Naturkatastrophe kann die Hintertür zum Paradies sein. Davon ist die preisgekrönte amerikanische Autorin Rebecca Solnit überzeugt, nachdem sie Augenzeugenberichte von Erdbeben, Hurrikans und anderen Naturkatastrophen ausgewertet hat. Bei diesen Schicksalsschlägen komme die altruistische Natur der Menschen zum Vorschein, sagt Solnit. Und gerade die Selbstlosigkeit und der Zusammenhalt sind laut der Schriftstellerin das Paradiesische inmitten Leid und Verzweiflung: „Wir gehen für andere bereitwillig Risiken ein und kümmern uns um sie. Diese Gesten der Opferwilligkeit bereiten uns aufrichtige Genugtuung, selbst wenn wir von Tod, Chaos und Verlust umgeben sind“, glaubt Solnit.

Mit ihren Beobachtungen will sie an der Theorie von Thomas Hobbes rütteln. Der englische Philosoph zählt zu den bekanntesten Denkern, die ein negatives Menschenbild vertreten. Seit Jahrhunderten wird sein Hauptwerk Leviathan von interessierten Laien und forschen. Experten diskutiert. Solnit widerspricht Hobbes, der Mitte des 17. Jahrhunderts bemerkte: „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

Die Schriftstellerin führt dafür beispielsweise die Zeugenberichte des Erdbebens in San Francisco ins Feld. Im April 1906 bebte dort die Erde mit einer Stärke von 7.8 auf der Richterskala. Mehr als 3.000 Menschen starben. Von den rund 410.000 damaligen Einwohnern der Stadt verloren unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 230.000 und 300.000 ihr Obdach. Aber bereits am nächsten Tag richteten die Überlebenden Suppenküchen ein. „Ladenbesitzer stellten uns ihre Waren zur Verfügung – wir hatten alles, was wir brauchten, sogar Tee, Kaffee, Zucker und Butter“, hielt der Polizist H.C. Schmitt in seinem Report fest.

Fremde werden zu Freunden

Die bekannteste der damaligen Selbstversorgungsinitiativen war das Mizpah Café. Es entstand fünf Tage nach dem Erdbeben. Der Name Mizpah wurde nicht willkürlich gewählt: Das hebräische Wort bezeichnet eine emotionale Bindung zwischen Menschen, die entweder durch Entfernung oder Tod voneinander getrennt sind. Laut des Alten Testaments war Mizpah außerdem ein Wachturm, auf dem Menschen in Notfällen zusammen kamen. „In San Francisco war das Mizpah Café der Ort, an dem Fremde zu Freunden wurden – sie teilten nicht nur, was sie hatten, sondern auch die Aufgaben des Wiederaufbaus“, berichtet Solnit.

Die Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin gerät über die altruistischen Bemühungen der Erdbebenopfer von 1906 ins Schwärmen: „Man stelle sich eine Situation vor, in der Geld kaum etwas wert ist, in der Menschen andere retten und auf sie aufpassen, in der Nahrung und Verpflegung allen Bedürftigen zuteil wird.“

Mit ihrer Theorie zieht Solnit außerdem auch gegen Hollywood-Regisseure ins Feld: „Denn die stereotype Porträtierung der Menschen in Katastrophen-Blockbustern hat mit der Realität nicht viel zu tun“, betont die erfolgreiche Autorin. Sie bezichtigt Filme wie Deep Impact sowie The Day after Tomorrow der Heroisierung einer Person auf Kosten aller anderen. Menschen stampfen einander nicht blind in die Erde, um Flammen oder Fluten zu entkommen. Die panischen und egoistischen Einzeltiere auf der Leinwand seien eine Mär. Eine Mär, die sich gut verkauft und nötig ist, wenn man den Filmhelden als Retter präsentieren möchte.

Laut Solnit sind es nicht die großen Massen, die angesichts einer Katastrophe in blinder Panik rücksichtslos reagieren. Vielmehr erliegen Regierungen und lokale Autoritäten der Angst – sie fürchten im vermeintlichen Chaos die Oberhand zu verlieren.

Panik der Eliten

„Caron Chess und Lee Clarke haben das Phänomen die Panik der Eliten getauft“, schildert Solnit. Als Beispiel nennt sie das Verhalten der Staatsautoritäten in New Orleans im Jahr 2005. Die Soldaten und Polizisten seien im Anschluss an Hurrikan Katrina mit unnötiger Härte vorgegangen: „Auf der Suche nach Lebensmitteln und alltäglichen Gegenständen wie Windeln wurden unschuldige Menschen für Plünderer gehalten und von Truppen oder Wachleuten erschossen“, berichtet Solnit, die vor Ort in New Orleans die Vergehen der Ordnungshüter recherchiert hat.

Aber auch die hinderlich handelnden Staatsautoritäten könnten das gute Naturell des Menschen nicht hemmen, zu dem die Überlebenden von Katastrophen laut Solnit kurzweilig zurückfinden. Das belegt die Autorin auch mithilfe einzelner Untersuchungen aus der Katastrophenforschung. Wissenschaftlich haltbar wird Solnits Arbeit dadurch nicht, denn sie verwendet fast ausschließlich Beispiele, die ihrer Überzeugung dienen. Aber die Verdeutlichungen machen ihre These glaubwürdiger. Als Fazit gibt die Autorin auf den Weg: „Wir sind von Grund auf hilfsbereit und suchen den Zusammenhalt – nun müssen wir versuchen diese beiden Eigenschaft nicht nur unter katastrophalen, sondern auch normalen Umständen zum Vorschein kommen zu lassen.“


Rebecca Solnit: A Paradise Built in Hell. The extraordinary Communities that Arise in Disaster, Viking 2009.

Rebecca Solnits Beitrag zu den Vorgängen nach Hurrikan Katrina

Lee Clarke, Caron Chess: Elites and Panic: More to Fear Than Fear Itself. In: Social Forces, 2008, 87(2): 993-1014.

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19:00 12.12.2009

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